ruprecht Nr. 52 vom 5.2.97 in einer Datei


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Mit besten Empfehlungen

Studierende jetzt "Humanressourcen" für die Wirtschaft

So sieht die Zukunft also aus: Zum Jahresende hat die baden-württembergische "Hochschulstrukturkommission" die Universitäten mit 17 Empfehlungen zu deren künftigen Aufbau überrascht. Das Papier ist ernstzunehmen, hat doch Wissenschaftsminister Klaus von Trotha selbst das Gremium zusammengestellt; Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sitzen darin, allerdings keine Studierenden und nur wenige einheimische Professoren.

So kennen auch bisher nur wenige die Empfehlungen; selbst im hiesigen Rektorat weiß noch nicht jeder Bescheid. Und mancher, der etwas sagen könnte, möchte nicht: Das Heidelberger Kommissionsmitglied Wieland Huttner mag sich ebensowenig dazu äußern wie der Pressesprecher des Ministeriums.

Dabei kommt einem vieles in dem Papier bekannt vor: Mit höherer "Selbstverantwortung" und "Kosteneffizienz" möchte man die Leistungsfähigkeit der Hochschulen für die Zukunft erhöhen. Ein verstärkter Wettbewerb zwischen den Hochschulen soll weiterhin "Exzellenz in Forschung, Lehre und Weiterbildung" gewährleisten und Anreiz zu Einsparungen bieten. Schlüssel hierfür sei die Einführung von Globalhaushalten, die zu einer "Flexibilisierung der Haushaltsführung" innerhalb der Universitäten führen soll: Den Hochschulen stellt das Land nicht zweckgebundene Gelder bereit. So will man Verwaltungsabläufe vereinfachen und die Erfahrung der Leute vor Ort ausnutzen. "An die Stelle direkter staatlicher Eingriffe in Einzelentscheidungen tritt die ordnungspolitische Gestaltung von Rahmenbedingungen zur Steuerung autonomer Entscheidungen der Hochschulen". Erwirtschaftete Einnahmen verbleiben an den Institutionen, zugewiesene Mittel werden zeitlich übertragbar, und die einzelne Hochschule - nicht mehr das Land - entscheidet über ihre Baumaßnahmen. Mehr noch: Die Universitäten sollen aus dem Tarifrecht gelöst werden und frei entscheiden können, welche Wissenschaftler und Angestellte sie wie lange und wie hoch bezahlen.

Gleichwohl will man die Unis nicht ganz von der Leine lassen: Das Land wirkt bei der Erstellung von Wirtschaftsplänen mit und verknüpft die Vergabe der Gelder an Bedingungen. Der Umfang der Mittelzuweisung muß "die politischen Zielsetzungen in bezug auf die Hochschulaufgaben und auf die gewünschten Leistungen abbilden". Im Klartext: Die Politik bestimmt, was die Aufgaben der Hochschulen sind, und vergibt entsprechend Mittel an die Unis, die die "gewünschten Leistungen" erfüllen.

Für die Lehre nennt das Gremium hier nur "kurze Studienzeiten" und "hohe Absolventenzahlen". Zielgruppe des universitären Strebens sind aber keineswegs die Studierenden, sondern die "Abnehmer von Humanressourcen (Arbeitsmarkt)" - die Wirtschaft also.

Wer soll die Uni künftig steuern? Die Kommission empfiehlt die "Trennung von politischen, strategischen und operativen Verantwortlichkeiten". Die politische Führung - Parlamente und Ministerien - ist für die "qualitativen und quantitativen Zielvorgaben (Lehr- und Forschungsangebot, Lehr- und Forschungskapazität, Budget) und die staatlichen Rahmenbedingungen (staatliches Regelwerk)" zuständig. Innerhalb der Hochschulen soll die tägliche operative Führung den direkt Betroffenen in den Seminaren obliegen, während die "strategische" Führung von der Hochschulleitung und einem neuzuschaffenden sogenannten Hochschulrat, übernommen werden soll. Dieser Hochschulrat würde sich aus "hochschulexternen Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik" zusammensetzen. Die jeweiligen Entscheidungsträger sollen sich gegenseitig wählen und legitimieren. Die Hochschulleitung kommt nicht ohne den externen Hochschulrat ins Amt und umgekehrt. Insgesamt wünscht sich die Kommission einen starken Rektor: An den einzelnen Fachbereichen kann beispielsweise kein Dekan gegen den Willen der Hochschulleitung gewählt werden.

Auch für die Hochschullehrer soll sich einiges ändern: Die Habilitation wird de facto abgeschafft und nur die berufende, nicht mehr die "abgebende" Institution entscheidet, wer professorabel ist. Nachwuchswissenschaftler sollen einen uniinternen "Karriereweg" beschreiten können, der sie vom schon eigenständigen C2-Forscher über die befristete C3-Professur zum festen C4-Lehrstuhl führt. Diese Ordinarien bekommen ein einheitliches Grundgehalt, aber keine festen Zulagen und automatischen Gehaltserhöhungen mehr. Das müssen sie sich mit Gutachtertätigkeiten, der "Bewältigung hoher Studentenzahlen", oder Organisationsaufgaben verdienen.

Zum Schluß schlägt die Kommission eine flexiblere Verteilung von Lehr- und Forschungstätigkeit unter den Professoren einer Fakultät vor: Ein Wissenschaftler soll sich mal hauptsächlich der Forschung, mal vornehmlich der Lehre widmen dürfen, auch wenn es keine festen Lehr- oder Forschungsprofessoren geben soll.

Doch nirgends steht, wer wen zur den ungeliebten Erstsemestevolesung zwingen kann. (jba / hn)

Das Dokument im Internet : http://www.bawue.gew.de/fundusho/hostrukkobw.html


Kommentar: Alle Macht dem Rektor?

Jetzt haben wir also von ihr gehört, von der geheimnisvollen "Hochschulstrukturkommission" des Landes. Das Gremium - es besteht aus vielen Ministerialbeamten, Wirtschaftsvertretern, und auswärtigen Wissenschaftlern, wenigen baden-württembergischen Professoren und gar keinen Studierenden oder Leuten aus dem Mittelbau - wurde vor einem Jahr von Wissenschaftsminister Klaus von Trotha ins Leben gerufen, um Vorschläge zur Umstrukturierung der Hochschulen im Ländle zu machen. Bisher ziemlich im Verborgenen agierend, beschreiben uns die Kommissare jetzt die Zukunft der Hochschule im Südwesten:

- Studierende werden zu "Humanressourcen" für den Arbeitsmarkt; gelernt wird nicht fürs Leben, sondern für die Wirtschaft - den "Abnehmer" dieser "Humanressourcen" eben.

- die Hochschulen werden autonomer - aber die Entscheidungen an den Unis treffen mehr denn je Rektoren und Dekane, nicht kollegiale Gremien, ganz zu schweigen von ordentlicher studentischer Beteiligung.

- staatliche Mittelzuweisung richtet sich nach Effizienz - doch die Kriterien sind fragwürdig: schon bei der Grundlagenforschung schweigt die Kommission zur praktischen Umsetzung. Wie aber will sie gute Lehre messen?

- die tariflichen Sicherheit für Hochschulangestellte wird aufgeweicht - verbeamtete Professoren werden sich dagegen zu wehren wissen, nicht aber die ohnehin gegängelten Quasi-Tagelöhner aus dem Mittelbau.

- Ein "Hochschulrat", mit externen "Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik" besetzt, wird gewählt, damit Wirtschaft und Politik auch genügend Einfluß auf die Universitäten behalten.

- "Hochschulrat" und Hochschulleitung wählen sich gegenseitig; ein Rektor darf den Fakultäten in die Wahl ihrer Dekane hineinreden

Das alles ist nicht eben beruhigend, auch wenn man es nicht in der Zuspitzung dieser Zeilen, sondern der nebulösen Sprache des Originaltextes liest (was ohnehin nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, muß offenbar auch nicht ordentlich formuliert werden). Auch wenn die vorgeschlagene Abschaffung der Habilitation, die Schaffung inneruniversitärer Karrierewege, die (Finanz)-autonomie der Hochschulen und der propagierte Wettbewerb gute Ansätze sein mögen: Eine Hochschule, die ihre Ziele nur noch an Vorgaben aus der Wirtschaft ausrichtet, kann niemand an den Universitäten wollen. Und nur wenige können sich eine Hochschule wünschen, an der der Rektor und vielleicht noch die Dekane wie kleine Könige herrschen dürfen. Schon der alte Heidelberger Rektor überraschte zuständige Gremien gerne mit "Eilentscheiden" und selbstgeschaffenen Kommissionen, die die Mitbestimmung aushebeln.

Ist das künftig auch noch Gesetz, wird das selbst jenen Professoren nicht gefallen, die bisher ganz froh darüber waren, nicht allzu viele lästige Studierende in ihren erlauchten Gremien ertragen zu müssen. Was für ein Glück für den Minister, für seine Rektoren und seine Kommission: Kaum jemand wird sich wehren unter Baden-Württembergs Universitätsgelehrten. Sie haben schon ganz andere Sachen geschluckt.

Aber wen schert es schon, was eine undurchsichtige Runde in der fernen Landeshauptstadt zu Papier bringt? All jene, die ahnen, daß der Minister kein Gremium umsonst installiert - erst recht keine handverlesene Geheimkommission. (jba / hn)


Alles geregelt?

Zentrale Anmeldefristen für Magisterprüfungen

Endlich scheinfrei! Endlich ein gutes Magisterthema gefunden! Hier rückte bisher in jedem Magisterstudiengang die Ernte der bisherigen Anstrengungen plötzlich in greifbare Nähe: Waren alle in der jeweiligen Prüfungsordnung verlangten Leistungsnachweise angesammelt und die Bewältigung der Magisterarbeit abzusehen, meldete sich der Studi beglückt zur Prüfung an. Seit Jahresanfang besteht allerdings die Möglichkeit, daß viele Studierenden bei der Anmeldung eine böse Überraschung erleben: Zum 1. Januar wurden zentrale Anmeldefristen für die Fakultäten der Neuphilologie (Neuphil) , Philosophie/Geschichte (Phil/Hist) und Altertumswissenschaften/Orientalistik (A/O) verkündet. Damit wurde die Anmeldungsmöglichkeit befristet, und zwar jeweils auf die erste Hälfte von Februar und Juli. Wer sich zu anderen Terminen anmelden möchte, stößt auf verschlossene Türen.

Das bedeutet einen einschneidenden Einschnitt in die individuelle Studienplanung. Die jedoch ist nötig, um den Anforderungen der einzelnen Studiengänge gerecht zu werden: Gute Gründe für eine Abwesenheit zum Ende der Vorlesung könnten zum Beispiel Auslandsaufenthalte zur Verbesserung der Sprachkenntnisse oder - so bei A/O - unaufschiebbare Grabungszeiten sein, ganz zu schweigen von der immer häufigeren Notwendigkeit, die Wochen vor der heißen Lernphase der Magisterprüfung nur zum Geldverdienen zu verwenden. Doch selbst wenn man solche Dinge nicht gelten lassen will, stimmt es nachdenklich, daß die Anmeldung zur Magisterprüfung über sechs Wochen vor Ende des jeweiligen Semesters erfolgt sein soll: denn immerhin bedeutet das auch, daß sämtliche Leistungen für die erforderlichen Scheine ebenfalls zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt erbracht werden müssen - die sowieso schon knappe Regelstudienzeit wird damit wiederum um mindestens zwei Monate verkürzt. Die ist jedoch der Maßstab dafür, ab wann die Studiengebühren für sogenannte Bummelstudenten in Höhe von DM 1000.- pro Semester zu zahlen sind. Die Fristenregelung für Magisterstudiengänge kann also schmerzhafte Folgen für den Geldbeutel haben.

Wozu überhaupt die Fristenregelung? Die Neuphilologie, die schon seit einigen Semestern mit diesem System arbeitet, begründete dies mit einer "Vereinfachung der Verwaltungsvorgänge". So erklärt sich auch, daß die Einführung der Fristen zunächst weder den Studienkommissionen, noch den Fakultätsräten oder den Fachstudienberatern mitgeteilt wurden. Auch gab es keine Aushänge, die die betroffenen Studierenden hätten informieren können. Die zuständige Abteilung des Dezernenten für Studium und Lehre, Behrens, scheint die Fristeneinführung als rein verwaltungstechnischen Vorgang anzusehen. Fernziel ist die Zuständigkeit des Prüfungsamtes für alle Magisterprüfungen.

Fraglich bleibt allerdings, ob z.B. bei einer verhältnismäßig kleinen Fakultät wie A/O der Gewinn durch die Vereinfachung in einem vertretbaren Verhältnis zu den Erschwernissen für den einzelnen Studenten und die institutsinternen Abläufe steht. Denn da durch die Zentralisierung der Anmeldungen auf zwei Wochen auch die Prüfungen ein halbes Jahr später auf einen noch kürzeren Zeitraum gebündelt werden, wird es zur Überschneidung der Prüfungstermine kommen - auch derer verschiedener Fakultäten. War die Prüfungsbelastung bisher durch die freien Anmeldezeiten auf das Semester gestreut, wird sie nun auf drei Wochen konzentriert. Dementsprechend heftig war auch der Protest innerhalb der Fakultät A/O - nachdem die neue "Regelung" im zweiten Januardrittel bekanntgeworden war, engagierten sich sowohl Studenten als auch Professoren gegen ihre Anwendung. Der Aufschrei zeigte Wirkung: in der Fakultät A/O gibt es vorläufig wieder freie Anmeldezeiten. (gan)


Ey

Glosse

Joints sind out, und das Wort out ist zwar noch in, aber dafür ist in schon lange out. Anstelle von in ist jetzt hip in, pardon: hip. Out sind überhaupt nicht nur Joints, sondern all die guten, alten Partyrequisiten, die da heißen: Bier, Hasch und Sex. Die hippen Menschen von heute gehen mit Freund oder Freundin auf die Party, schlucken bunte Pillen und trinken Cocktails mit Monsternamen wie "Blue Lagoon Sunset Eternal Experience" oder so. Wer mit der Tüte im Mund frech krähend ein Bier verlangt, ist stante pede als Spaßbremse verschrien. Daß Spaßbremse sein überhaupt noch out ist, muß jedoch nachdenklich machen, denn fleißige Etikettierer haben schließlich die 80er zum Fun-Jahrzehnt erkoren, die 90er dagegen sollen das Gütesiegel von Karriere, Lebensplanung, Zielstrebigkeit tragen. Wer sich in diesem Hip-Jahrzehnt den Kick geben möchte, kauft Aktien. Der Kurs wird dann per Privatkampagne hochgetrieben, indem etwa der stolze Coca Cola-Anleger in der Clique verlautbart: "Was, Du trinkst kein Coke?! Nur Verlierer trinken Pepsi!" Zu den übrigen Möglichkeiten, auch in den an sich spaßbremsigen 90ern eine Art Frohsinn zu empfinden, gehört unter anderem die aktive Teilnahme am Phänomen des "Kults". Es ist absolut hip, etwas kultig zu finden, was eigentlich vollkommen bescheuert und noch nicht einmal in Ansätzen lustig ist. TV Today kommentierte neulich den Film "Angriff der Killertomaten" mit den Worten: "Öde Handlung, doofe Effekte, absoluter Schwachsinn. Dieser Film ist einfach Kult!" Wer sich angesichts solch logischer Salti echauffiert, hat sich als Spaßbremse geoutet und wird nie Einlaß etwa in den kultigen Zirkel derer finden, die sich jeden Samstag abend alte "Lindenstraßen"-Folgen auf Video ansehen und dabei kichern, wie herrlich naiv man doch damals gewesen sei, diesen Unsinn wirklich einzuschalten. Es ist ein bißchen traurig, von derlei Vergnügungen ausgeschlossen zu sein. Doch die Armen, denen solches Los beschieden ist, haben bestimmt früher auch mit Geha-Füllern anstatt mit Pelikan-Schreibgerät gemalt und wissen von daher schon was es heißt, ein Leben als Outcast zu führen. In bleibt halt in, auch wenn es heute hip heißt. (kw)


Zahlen des Monats

Zustimmung

Umfrageergebnis zur Akzeptanz der studentischen Proteste in der Bevölkerung

Voll berechtigt 31,0 %
Eher 41,2 %
Eher nicht 16,1%
Überhaupt nicht 5,9 %
Keine Angabe 5,8 %

Quelle: Forschungsgruppe Wahlen Mannheim


Das gibt es noch

in diesem ruprecht

Gedreht

hat Sönke Wortmann in Hamburg. Im Interview plaudert Wortmann über Fußball, seinen neuen Film und Monica Lewinsky.

Gedacht

wurde der Opfer des NS-Regimes bei einer Veranstaltung des Philo-sophischen Seminars mit Vorträgen und einer Podiumsdiskussion.

Gepiekt

hat sich der eine oder andere Besucher im Botanischen Garten. Physisch völlig ungefährlich hingegen unser Bericht auf

Gesucht

wird ein Knochenmarkspender. Das TonArt-Orchester wird aktiv.

Geschwister

sehnen sich nach Liebe und Kultur. In der Provinz leider vergebens. Zu Tschechovs "Drei Schwestern".

Gefischt

hat unser Mann im Netz. Aus den Tiefen des WWW zieht er Amüsantes und Erfrischendes. links zum Schmunzeln in unserer neuen Kolumne auf

Gepierct

ist heute jeder, aber wer hat schon ein Rubbel-Tattoo? Neues aus den seelischen Untiefen sexbessener Redakteure auf der letzten Seite.


Meinung


Der bewegende Mann

Sönke Wortmann über "Campus" und Lewinsky

Mit "Kleine Haie" und "Der bewegte Mann" machte sich Sönke Wortmann einen Namen als einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure. Seine Walter-Moers-Verfilmung lockte über sechs Millionen Zuschauer in die Kinosäle.
Jetzt ist in den Kinos der neue Wortmann angelaufen: die Verfilmung von Dietrich Schwanitz' gesellschaftssatirischen Erfolgsroman "Der Campus". Darin wird der Untergang des ambitionierten Hamburger Profs Hackmann erzählt, der nach einer Affäre mit einer Studentin in die Strudel der Gremienintrigen und des Politfilzes gerät.

Wortmann, enfant terrible des deutschen Autorenkinos und dessen Kritikergemeinde, unterhielt sich mit ruprecht über die Dreharbeiten in Hamburg, Fußballfilme und warum Monica Lewinsky für die Werbekampagne so wichtig war.

ruprecht: Zu welchem Genre gehört Der Campus eigentlich? Ist das Satire oder Melodram oder einfach eine nette Komödie für den Abend? Zum Beispiel setzt das Plädoyer Hackmanns am Ende des Films auffällig hohe Wertmaßstäbe.

Wortmann: Es sollte alles sein: mal satirisch überhöht, mal sehr ernst. Um bei dem Plädoyer zu bleiben: Es geht tatsächlich um eine höhere Moral in Politik und Gesellschaft. Ich habe auch gemerkt, daß es in intellektuellen Kreisen - so wie bei euch jetzt - damit Probleme gab. Wir haben auch Testvorführungen vor Publikum gemacht - und es gab verheulte Augen. Wenn du mich jetzt als Macher fragst: Wir haben das doch richtig gemacht. Wir haben lange überlegt, wie diese Szene sein könnte. Das ist die schwierigste Szene des Films. Entscheidend ist der Grad des Pathos, den man dabei anstrebt. Ich bin ja ein bekennender Fan des amerikanischen Kinos; wenn ich dort eine Rede von Kevin Costner in JFK oder von Al Pacino in Scent of a Woman sehe, dann ist das ungefähr achtmal so pathetisch wie das, was ich gemacht habe. Deswegen habe ich da kein schlechtes Gewissen.

ruprecht: Du arbeitest viel mit satirischen Überhöhungen und Klischees. Wenn es nicht mehr Satire ist, sondern ins Ernste übergeht, bleiben die Klischees trotzdem erhalten. Beispielsweise die Figur der Frauenbeauftragten Wagner: Ist sie nun ein Abziehbild oder nicht?

Wortmann: Ich habe verschiedene Leute gefragt: Wie stellt ihr euch eine Frauenbeauftragte vor, und dann kam ungefähr diese Mischung heraus: kurze schwarze Haare, Nickelbrille, sehr weites Kleid, Tuch um den Hals, nicht größer als 1 Meter 65. So ungefähr ist das Klischee einer Frauenbeauftragten; auch ich selber teile das in etwa. Nun habe ich aber jemanden genommen, der über 1 Meter 70 groß ist, blond und attraktiv - alles andere als dem Klischee entsprechend...

ruprecht: ...wie die Figur ja auch im Roman beschrieben wird.

Wortmann: Genau; und nun höre ich immer wieder, daß eben das als Klischee empfunden wird, was es eigentlich gar nicht sein sollte.

ruprecht: Nochmal kurz zurück zum Thema Satire: In dem Buch gibt es viele Anspielungen auf die Hamburger Uni, die vor allem für Leute von dort zu verstehen sind. War es schwer, darauf zu verzichten?

Wortmann: Man muß natürlich für Hamburg Typisches kürzen - Schwanitz schreibt zum Beispiel über die Graffittis, die dort an den Wänden stehen, wo das Szeneklo ist und über Flure, die dort jeder kennt. Heidelberger Studenten können damit natürlich nichts anfangen. Solche Sachen sind nicht im Film drin geblieben. Aber die Strukturen an einer Massenuniversität sind überall die gleichen. Eigentlich hätten wir den Film auch in München drehen können.

ruprecht: Inwieweit hast du für den Film eigentlich Hintergrundrecherchen betrieben?

Wortmann: Ich war nochmal an der Uni Hamburg - ziemlich lange nicht, aber ich bin immer wieder in Vorlesungen gegangen, habe mich da 'rumgetrieben: um zu sehen, was die Leute anhaben, wie stehen die da 'rum, was sind das für Leute... In den Massenvorlesungen war ich auch, um meine Erinnerungen wieder wachzurufen. Schließlich habe ich mal in Münster ein Semester studiert - obwohl, das ist schon lange her, das zählt nicht.

ruprecht: Du wolltest wirklich Soziologe werden?

Wortmann: Ja, damals wußte ich's noch nicht besser.

ruprecht: Was hat dich schon nach einem Semester abgeschreckt?

Wortmann: Die Massenuni. Dieses Unkonkrete hat mich erdrückt.

ruprecht: Du hast ja in einigen deiner Filme auch autobiographische Sachen verarbeitet: bei Kleine Haie die Odyssee durch die Schauspielhäuser, und dein altes Studienfach Soziologie ist auch in Campus ein Thema. Du hast ja auch eine kurze Fußballkarriere hinter dir. Gibt's bald den Wortmann-Fußball-Film?

Wortmann (windet sich): Njaaa, eher nicht. Finde erst mal elf Schauspieler, die Bundesligastandard verkörpern können. Daran würde es scheitern. Vom Thema her würde es mich reizen, obwohl es auch ein großes Risiko ist, einen Fußballfilm zu machen: Sehr viele Leute kennen sich in dem Sport sehr gut aus. Die Deutschen sind ein Volk von Fußballtrainern - schlimmer als Filmkritiker. Da hat man keinen leichten Stand.

ruprecht: Und mal einen richtig ernsten Wortmann? Ohne Satire und ohne Komödie?

Wortmann (lacht): Das fällt mir schwer...

ruprecht: Der Campus war ja auf dem besten Weg dahin. Bei den Kernthemen - Sexismus, political correctness, Verleumdungskampagnen - kann einem ja das Lachen vergehen.

Wortmann: Ich glaube, daß man selbst bei den ernstesten Themen zwischendurch Humor gebrauchen kann. Im Englischen nennt man das "comic relief" - im Deutschen gibt's keinen entsprechenden Ausdruck dafür. Es ist einfach sehr angenehm, wenn man zwischendurch mal etwas Luft ablassen kann, und sich danach wieder dem Druck des Themas stellt.

Ich versuche bei der Stoffauswahl, mich möglichst nicht schon am Anfang zu limitieren. Daß ich zum Beispiel unbedingt einen ernsten Stoff suche und einen Stoff wie Vier Hochzeiten und ein Todesfall - geniales Drehbuch übrigens - dann nicht nehmen würde, ist für mich undenkbar.

ruprecht: Letztes Jahr haben die Franzosen mit Das fünfte Element einen Kinoerfolg in Amerika gehabt. Könntest Du Dir vorstellen, auch mal für ein Publikum außerhalb Deutschlands einen Film zu drehen?

Wortmann: Im Prinzip ja, aber nicht um jeden Preis. Eigentlich ist Das fünfte Element ja doch ein amerikanischer Film geworden: dort gedreht, mit dem amerikanischen Hauptdarsteller überhaupt. Damit wäre ich nicht glücklich.

ruprecht: Zur Zusammenarbeit mit Professor Schwanitz: War es seine Idee, die Rolle des Mathematikprofs zu übernehmen?

Wortmann: Nee, das war meine. Ich finde, er sieht tatsächlich aus wie ein Mathematikprofessor, und außerdem hat die Rolle die richtige Größe: Eine größere hätte ich ihm nicht zugetraut, weil er kein Schauspieler ist, und ihn nur einmal durchs Bild laufen zu lassen, wäre auch nicht angemessen. Weil der Satz der Figur für mich der entscheidendste ist, fand ich es sinnig, daß derjenige ihn spricht, der die Geschichte erfunden hat.

ruprecht: Ihr habt ja gemeinsam am Drehbuch gearbeitet. Einige der Figuren wirken im Film doch etwas anders - zum Beispiel die Babsi...

Wortmann (kichert): ...differenzierter...

ruprecht: ...aber auch der Kurtz oder der Professor Hackmann. Kam es da zu Reibereien mit Schwanitz?

Wortmann: Nee, gar nicht. Das war ein einziger Spaziergang. Der hat gleich gesagt: Ich kenne mich mit Filmen nicht aus, ich bin mit allem einverstanden, das müßt ihr wissen. Das ist eine gute Einstellung, denn ich finde, daß man nicht für teuer Geld Filmrecht verkaufen kann und dann auch noch den Machern erzählen, wie sie's zu machen haben. Er war sehr solidarisch und sehr angenehm.

ruprecht: Dietrich Schwanitz war ja nach der Veröffentlichung des Romans doch verschiedenen Anfeindungen ausgesetzt. Erwartest Du auch irgendwelche Angriffe, etwa aus feministischen Kreisen?

Wortmann: Eigentlich rechne ich damit ja nicht, aber (lacht) für den Film wär's ja ganz gut...

ruprecht: Du hast jetzt zwei Bestseller verfilmt: Das Superweib und Der Campus. Gibt es im Moment einen weiteren Roman, der dich als Drehbuch reizen würde?

Wortmann: Im Moment nicht - und überhaupt habe ich strenggenommen nur einen Bestseller verfilmt. "Der Campus" ist erst zum Bestseller geworden, als wir die Rechte schon gekauft hatten und längst daran arbeiteten.

ruprecht: Könnte Hera Lind nochma einmal in Frage kommen?

Wortmann: Das kann ich ausschließen.

ruprecht: Wessen Idee war eigentlich die Tafelzeichnung auf dem Filmplakat? Die ist ja viel direkter als alles, was in dem Film zu sehen ist. Kam das Plakat von eurer Werbeagentur oder von dir?

Wortmann: Beim Plakat halte ich mich immer 'raus, weil ich die Filme, die ich mache, nicht verkaufen kann und will. Sonst war ich mit den Filmplakaten unzufrieden, außer bei Ralf König, denn da lag's ja auf der Hand, daß man das Männchen nimmt. Diesmal bin ich sehr glücklich mit dem Plakat: ich finde es schön, das Thema des Films mit so 'ner Kinderzeichnung auf den Punkt zu bringen. Der Spruch darüber trifft auch ins Schwarze.

ruprecht: "Deutschland ist schön. Es gibt keine Krise." Das stammt aber nicht aus dem Roman?

Wortmann: Nein, das ist Original Kohl, das stand nicht im Buch. Aber im Film kommt das vor: Norbert der Penner sagt das in der Kloszene.

ruprecht: Hast Du eigentlich in dem Film Rollen mit Studenten besetzt?

Wortmann: Alle Statisten, die in der Uni vorkommen, sind Studenten.

ruprecht: Es wurde auch an Originalschauplätzen gedreht?

Wortmann: Ja - Flure, Mensa, Aula, die Höfe, das Audimax, wo wir das Studententheater gedreht haben - das ist original Uni Hamburg. Wir haben die Büros ein bißchen aufgepäppelt. Die sahen ziemlich schrecklich aus. Das hätte einem keiner geglaubt, daß der Präsident einer großen deutschen Uni in so einem kleinen Büro residiert.

ruprecht: Woher kommt eigentlich Dein Sinn für präzises Timing? Du hast mit den Dreharbeiten begonnen, als die Studiproteste noch gar nicht im Gang waren, und jetzt, pünktlich zur Veröffentlichung Deines Filmes, sind die Zeitungen voll mit Clinton's Sex-Skandal.

Wortmann: Ich selber habe die Studentenproteste nicht vorausgesehen, aber Dietrich Schwanitz, der den Roman geschrieben hat, hat schon damals gesagt, daß es in zwei Jahren eine Bildungsdebatte geben würde. Das lag für ihn offenbar auf der Hand. Das mit Clinton war einfach eine tolle Pressearbeit unserer Firma. Als wir wußten, daß wir den Film machen - so vor zwei Jahren - haben wir Monica Lewinsky im Weißen Haus eingeschleust. Das war zwar nicht billig, aber es hat sich gelohnt: der Film gewinnt so an Aktualität. Im Vertrauen kann ich's ja sagen: Sie haben nichts miteinander gehabt.

ruprecht: Dann soll Campus sicher auch in den USA gezeigt werden.

Wortmann: Wenn der Film in den Staaten anläuft, bekommt Monika nochmal 'nen Extrabonus, klar. Erfolgsbeteiligung. (gan/st)


Hochschule


Kein Wunder

Die Lust und der Frust nach dem Streik

Kaum retten konnte man sich vor ihnen: Die Hauptstraße als Aktionszone war fest in ihrer Hand, der Hauptbahnhof immer öfter okkupiert und sogar den Neckar beanspruchten einige Mutige , um ihre Ziele durchzusetzen. Die phantasievoll protestierenden Studierenden hatten es den Medien und der Öffentlichkeit angetan, doch mit den Weihnachtsferien schien der Elan völlig eingefroren zu sein. Kaum war das neue Jahr angebrochen, machte sich der alte Trott und auch Frust unter den Studierenden breit, denn trotz unbändigen Spektakels waren keine Erfolge in Sicht.

Was haben wir mit den Protesten nun erreicht?" war denn auch eine der zentralen Fragen auf der Vollversammlung am 21. Januar, der ersten Vollversammlung seit den Weihnachtsferien. Diese Frage wurde sodann mutig beantwortet; gerne hätte man auch der Masse frischen Mut zugesprochen - wenn sie denn da gewesen wäre. Doch diese zog es vor, die im Dezember verlorene Zeit aufzuholen und eiligst noch ein paar Scheine zu machen. Und so blieb dem kläglichen Rest von ungefähr zweihundert Interessierten in der Neuen Aula nichts anderes übrig, als sich selbst Mut zu machen; den brauchten sie jetzt umso dringender .

Auf den ersten Blick eine ziemlich schwierige Angelegeheit, denn große Erfolge waren tatsächlich nicht zu verzeichnen. Weder auf Bundes- noch auf Landesebene tat sich in der Politik etwas; gerade mal das gesteigerte Interesse in der Öffentlichkeit und in den Parteien läßt sich als Ergebnis verbuchen. Nicht einmal die vom Bund angekündigte, wenn auch lächerliche Finanzspritze von 40 Millionen Mark für die Bibliotheken wurde in die Tat umgesetzt: Geschickt beeilten sich die Bonner zu sagen, das Geld nur unter der Voraussetzung zu zahlen, daß die Länder noch einmal soviel drauflegen - mit dem Ergebnis, daß letzlich kein Pfennig den Hochschulen zufloß. In diese Riege der Peinlichkeiten reiht sich ebenso mühelos die BAföG-Erhöhung um lächerliche zwei Prozent ein, die von den künftig sechs Prozent höheren Kinderfreibeträgen komplett aufgefressen werden. Ist man jedoch ein wenig anspruchsloser und schaut statt nach Bonn einmal an die eigene Uni, so lassen sich schon einige, wenn auch zarte Erfolge dem Streik zuschreiben.

Wofür Studierende in vielen Fachbereichen schon lange erfolglos gekämpft hatten, war plötzlich doch machbar; so mancher Professor, z. B. der Psychologe Joachim Funke, fühlte sich jetzt ermutigt, für seine unterdrückte Mehrheit einzutreten - auch wenn dies einen Rüffel vom Rektor einbrachte. In der Geologie wurde die Bioliothek umgestellt, so daß dort endlich ein effektives Arbeiten möglich ist. Ebenso hat sich dort, wie im SAI, erst eine Fachschaft gebildet, die auch gleich einen Raum zur Verfügung gestellt bekam. Die Germanisten erhielten einen Aufenthaltsraum, die Physiker sind dabei, das Grundstudium zu reformieren, und die Mathematiker haben einen Arbeitskreis zur Verbesserung des Lehramtsstudiums gebildet.

Zugegeben, all das sind klitzekleine Schritte, die mancher als Witz abtun mag, aber sie zeigen, daß sich etwas bewegt an der Uni. So ist denn der eigentliche Erfolg des Streiks wohl auch weniger in konkreten Aktionen, sondern eher im Politisierungseffekt unter den Studierenden zu sehen. Wer vor dem Streik noch wenig mit Hochschulpolitik am Hut hatte, ist jetzt sensibilisiert für diese Belange. Daß sich im Moment jedoch - nach anfänglicher Euphorie - die breite Masse mit anderem beschäftigt, liegt einerseits wohl am Semester-Abschluß-Streß, andererseits an einer gewissen Frustration, die sich nach den nicht realisierten Forderungen einstellte. Enttäuscht nimmt man wahr, daß sich die Politik von all dem medienwirksamen Spektakel, das man veranstaltete, zwar beeindruckt zeigte, aber diesem keine Handlungen folgen ließ. So zieht sich die Mehrheit der Studierenden enttäuscht in ihren Winterschlaf zurück. Vielleicht ist dieser Frust auch der Grund für die fast überall gesunkene Wahlbeteiligung bei Hochschulwahlen.

Die wenigen, die aus Erfahrung keine Wunder erwarten - schon gar nicht im Ministerium -, sind jedoch weiterhin aktiv und suchen nach anderen Wegen und Mitteln, um der Politik auf die Sprünge zu helfen. Auf dem Kongreß "Bildung und Gesellschaft" in Berlin wurde vor allem eins klar: Die aus materieller und existenzieller Not begonnenen Proteste haben sich zu gesamtgesellschaftlichen Diskussionen ausgeweitet. Während im Dezember noch Solidaritätsbekundungen von Tschechischen Sozialisten und dem ÖTV bei den Studierenden eintrafen, erklären sich diese jetzt mit den Arbeitslosen in Frankreich und der Belegschaft von ABB solidarisch. Aus dem reinen Studi-Protest ist eine übergreifende, die jetzige Gesellschaftsstruktur in Frage stellende Bewegung geworden. Daß der Protest nun nicht vorbei ist, sondern im Grunde erst richtig beginnt, soll mit verschiedensten Aktionen auch den passiven Beobachtern klar gemacht werden.

Mittwochsaktionen sind ein Weg zu dem Ziel, die lethargische Masse wieder aufzurütteln und zu zeigen: Wir sind noch da! Demos, Vollversammlungen, Lichterketten und Schweigeminuten sind einige Beispiele für die fortgesetzten Mobilisierungsversuche. Die "Aktionsgruppe Neue Uni" z. B. plant eine Verbrennung des Hochschulrahmengesetzes, eine Abstimmung zum HRG vor den Mensen und eine Semesterabschlußfete. Die Ausweitung der Bewegung hatte unter anderem auch die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften zur Folge: Sowohl der DGB und die GEW als auch die Studierenden haben zwar noch etwas Gewöhnungsbedarf, aber unter dem Motto "Gemeinsam sind wir stark" tut man sich lieber zusammen, als alleine Schiffbruch zu erleiden.

Andere Ideen zielen direkt in die politische Mitbestimmung. Wenn man mit spektakulären Straßenaktionen und Streik nichts in den Politikerköpfen erreichen kann, muß man eben selbst zum Politiker werden - dachten einige Studierende und setzten dies sofort in die Realität um. In Marburg wird derzeit eine Partei gegründet, die schon dieses Jahr zur Bundestagswahl antreten will. Einen anderen, vielleicht weniger aufreibenden und realisierbareren Weg schlägt eine andere Gruppe ein: die Kaperung der FDP. Die Idee der feindlichen Übernahme kam vom Göttinger Parteienforscher Tobias Dürr, der in der "taz" jegliche Reformversuche der Studierenden zum Scheitern verurteilte, wenn sich diese nicht der Parteien bedienen. Und so nahmen die derart Gescholtenen den Schreiber ernst und starteten eine einmalige bundesweite Aktion, die selbst Herrn Westerwelle inzwischen Kopfschmerzen bereitet. "Wir wollen die FDP aber nicht kaputtmachen, sondern sie nur mit anderen Zielen ausstatten", erläutert Michael Maurer vom Ludwigsburger Asta. Ganz so einfach macht diese es den Möchtegern-Liberalen allerdings nicht: Die zwanzig Anträge Ludwigsburger Studierender, die damit die Mehrheit im Ortsverband besäßen, wurden aus fadenscheinigen Gründen bisher abgelehnt. In Berlin will man erst eintreten, wenn mindestens 3000 Anträge gesammelt sind, um dann die aus derzeit ca. 2700 Mitgliedern bestehende Partei dort übernehmen zu können. Und sollte die FDP nach der Bundestagswahl überhaupt nicht mehr in der Regierung sein, sind die Partei-Piraten überzeugt, genug Einfluß zu haben, die Liberalen eben wieder in die Regierung zu bringen; schließlich sei das Ziel, aktiv an politischen Entscheidungen mitzuwirken.

Genau das verlangen die Politiker von der verdrossenen Jugend ja immer. (gz)


Schwieriges Erinnern

Philosophen gedenken

Anläßlich des nationalen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus organisierte das Philosophische Seminar der Uni Heidelberg am 27. Januar eine Veranstaltung mit Vorträgen, die sich mit dem schwierigen Thema des Umgangs mit der Nazidiktatur damals und heute beschäftigten.

Prof. Volker Sellin, Dekan der Historisch-Philosophischen Fakultät, eröffnetet die Veranstaltung am Nachmittag, die sodann mit einem Vortrag des emeritierten Heidelberger Philosophieprofessors Hans Friedrich Fulda fortgesetzt wurde. Er sprach über die Anpassung des Heidelberger Philosophen Heinrich Rickert an das Regime. Anschließend referierte der Konstanzer Professor Gereon Wolters über das generelle Verhältnis der damaligen Philosophie zum "Führer" und seiner Ideologie. Abschluß der Veranstaltung war der Vortag "Die Diskontinuität der Erinnerung" von Reinhart Koselleck. Dieser studierte und lehrte Geschichte in Heidelberg, war aber auch u.a. in Bielefeld und an der Harvard University tätig und ist Autor zahlreicher Bücher zum Thema Nationalsozialismus. In seinem Vortrag im vollbesetzten Hörsaal 13 der Neuen Uni setzte Koselleck sich mit den Schwierigkeiten auseinander, die der Umgang mit der Erinnerung an die furchtbaren deutschen Verbrechen des Dritten Reiches mit sich bringt. Zeitgenossen hätten gegenüber späteren Generationen das Privileg, noch über eigene Erfahrungen zu verfügen, die jedoch zerstreut und nicht mitteilbar seien. Eine Objektivierung könne erst die Geschichtswissenschaft leisten, allerdings zu Lasten der Unmittelbarkeit. Hierin sei der Generationskonflikt begründet, der sich in den 60er Jahren entlud, als die erste Nachkriegsgeneration mit massiven Vorwürfen an ihre Eltern herantrat. "Besserwissen ist immer leichter als bloßes Wissen", erklärte Koselleck seinen Standpunkt. Trotzdem sei die Frage nach der Täterschaft aufgrund der neuen Erkenntnisse über das Dritte Reich vollkommen berechtigt. Diese Frage sei für die Kriegsgeneration besonders bitter, da im Laufe der Zeit eine kollektive Rationalisierung stattgefunden habe: Nach und nach hätten sich die Deutschen selbst die Rolle des Opfers zugesprochen ("Hitler hat uns betrogen"), die Frage der Täterschaft sei immer mehr verdrängt worden.

Im Umgang mit diesem Problem seien vor allem Geschichtswissenschaft, Philosophie und auch Religion gefordert, man müsse sich aber klarmachen, daß alle Bemühungen letztlich mangelhaft bleiben werden. Zum Abschluß seines Vortrages setzte sich Koselleck, dem anzumerken war, wie nahe ihm dieses Thema auch nach Jahrzehnten der Beschäftigung damit noch immer geht, mit dem Problem der geplanten Holocaustgedenkstätte in Berlin auseinander. Er kritisierte, daß man sich für eine separate Gedenkstätte für die jüdischen Opfer entschieden und somit die vielen anderen von den Nazis verfolgten Gruppen ausgeschlossen habe. Wenn man den Opfern der eigenen Verbrechen durch ein Mahnmal gedenken wolle - übrigens ein bisher beispieloser Vorgang -, so könne dies nur unter Einbeziehung aller Betroffenen geschehen.

Hier setzte auch die anschließende Podiumsdiskussion der Referenten und Professoren des Philosophischen und Historischen Seminars an. Während sich alle Anwesenden in diesem Punkt einig waren, kam es bei der Frage der Aufarbeitung der Rolle der Philosophie im Dritten Reich zum Dissens. Auf eine Bemerkung aus dem Auditorium, hier bestehe noch großer Aufklärungsbedarf, erwiderte Prof. Bubner unwirsch, man brauche nur in eine Bibliothek gehen und die zahllosen Veröffentlichungen hierzu zu lesen. Trotz aller Aufklärungsarbeit sei jeder letztlich auf sich gestellt, wenn es darauf ankomme, auf eine solche Situation zu reagieren. Seine Generation, die den Krieg noch als Kind miterlebt habe, hätte sich sehr wohl mit dem Dritten Reich auseinandergesetzt. Hinter diesen Bemerkungen stand vor allem der Disput um die Rolle Martin Heideggers, der 1933 in seiner berühmt-berüchtigten Freiburger Rektoratsrede nationalsozialistisches Gedankengut aufnahm und sich nach 1945 nie zu einer öffentlichen Entschuldigung durchringen konnte. Sicherlich wäre es naiv zu behaupten, man selbst wäre gegen die allgemeine Begeisterung über Hitler immun gewesen, doch andererseits: An wen soll man hohe moralische Maßstäbe ansetzen, wenn nicht an einen Philosophen vom Format Heideggers. Wenn dies nicht zulässig ist, muß sich die Philosophie fragen lassen, warum sie sich überhaupt seit Jahrhunderten mit dem Aufstellen moralischer Handlungsgrundsätze beschäftigt.

Am Disput zeigte sich unmittelbar die Wahrheit, die Koselleck in seinem Vortrag ausgesprochen hatte: Die ältere Generation fühlt sich schnell von den Jüngeren mißverstanden. Der Hinweis auf bereits geschehene Aufarbeitung, der ja etwa auch in der Diskussion um die Wehrmachtsausstellung letztes Jahr angeführt wurde, greift insofern zu kurz, als er suggeriert, die Auseinandersetzung könne hiermit beendet werden. Doch dies darf ja gerade nicht geschehen. Aufarbeitung muß ein ständiger Dialog zwischen den Generationen sein. Forschungsergebnisse von vor dreißig Jahren nützen der heutigen Jugend wenig, wenn sie nicht ständig mitgeteilt und diskutiert werden. Wer daran kein Interesse zeigt, macht sich verdächtig, das Thema "zu den Akten" legen zu wollen. Genau daraus entsteht in der Folge Mißtrauen und Unverständnis. Unter diesen Gesichtspunkten müssen sich auch die Seminare der Universität Heidelberg immer wieder fragen, ob sie sich mit der Aufarbeitung der Vergangenheit genügend auseinandersetzen. Denn daß das Thema Holocaust und Zweiter Weltkrieg nicht nur die heutigen, sondern auch zukünftige Generationen beschäftigen wird, ist eine Tatsache, die sich nicht leugnen läßt. Nicht zuletzt, weil uns unsere Nachbarn immer auch danach beurteilen werden, wie wir uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen, müssen wir uns dieser Aufgabe stellen. (jba)


PCs und Tee

Tag der offenen Tür im Feld

Ob es wohl mehr an den niedrigen Temperaturen oder mehr an der Unüberschaubarkeit der labyrinthartig angelegten Gebäude im Neuenheimer Feld lag? Die Besucher - eindeutig erkennbar an dem obligatorischen roten Programmheft - kamen jedenfalls nicht in Strömen. Hauptsächlich waren es wohl zukünftige Studenten (inclusive familiärem Anhang), aber auch einige interessierte Bürger hatten den Weg ins Feld gefunden.

In Empfang genommen wurde das Publikum an einem zentralen Info-Stand im Gebäude 306. Von hilfsbereiten Dozenten mit Lageplan und anderen Auskünften versorgt, konnte man nun ausschwärmen oder aber noch dort verweilen, um sich in den Hörsälen Fernsehberichte über die Ruperto Carola anzusehen.

Auffallend groß war der Andrang bei den Ausstellungen der Fakultät für Physik und Astronomie, während der Computerraum im Mathematischen Institut weitgehend unausgelastet war. Doch wer den Weg in den Keller des Gebäudes gefunden hatte, konnte eine interessante Demonstration zur Computeralgebra verfolgen. Solche Programme könnten in Zukunft für die gymnasiale Oberstufe eingeführt werden, wie es schon vor Jahren mit dem Taschenrechner geschah.

Eine ganz andere Atmosphäre herrschte dagegen im Südasieninstitut. Schon am Eingang wurde man von Räucherstäbchenduft empfangen, und bei indischer Musik gab es landestypische Süßigkeiten und Tees zu kosten. In der Schreibstube konnte man sich seinen Namen in Urdu, Hindi und Bengali schreiben lassen.

Bei einem medizinischen Vortrag über Anatomie kam dann der "Körperwelten"-Fan auf seine Kosten. Ganz umsonst waren dort nämlich Körperscheiben wie bei der Mannheimer Ausstellung zu begutachten. Professor Dr. Tiedemann, der einige Bücher dazu veröffentlicht hat, vermittelte einen humorvollen Einblick in sein Arbeitsgebiet.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob nicht der Einblick in die Lehre neben der Präsentation der Forschung ein wenig zu kurz kam. (mi)


Blauer Brief an Klaus

Neuphilologische Uni-Kritik

Der publikumswirksame Straßenstreik hat sich inzwischen verlaufen. Das Resultat war bisher enttäuschend, und viele Studierenden und Professoren gliedern sich resigniert wieder in den Unialltag ein. Aber nicht alle geben auf.

Auf einer Sitzung am 17. Dezember 1997 beschloß der Fakultätsrat der Neuphilologischen Fakultät Heidelberg, dem Wissenschaftsminister Klaus von Trotha einen offenen Brief vorzulegen. Damit sollte der Minister auf die aktuellen Probleme der Fakultät aufmerksam gemacht werden, die er bisher anscheinend übersehen hat.

So zum Beispiel die Auswirkungen der Kürzung der Seminargelder. Die Mittel, die für die Bibliotheken ausgegeben werden können, schrumpfen immer mehr, und somit wird ihr Bücherbestand immer geringer. Dasselbe geschieht auch mit den Geldern der Graduiertenförderung, wodurch indirekt die Bildung der Studierenden immer dürftiger wird. Und was kann man überhaupt noch von Studierenden erwarten, die mehr Zeit mit Arbeiten als mit Studieren verbringen müssen, wenn sie nicht als Opfer der Sparpolitik ihre Studizeit unter der Alten Brücke verbringen wollen.

Ein weiterer Kritikpunkt, den der Brief zur Sprache bringt, ist die neue Magisterprüfungsordnung. Man will zwar keinem Mitglied des Ministeriums unterstellen, daß es nicht rechnen kann, aber wie sonst läßt sich ihre Begrenzung der Regelstudienzeit auf neun Semester erklären? Schließlich müßte man es sich nur an den Fingern abzählen, daß, wenn eben diese Prüfungsordnung ein Studium von acht Semestern, plus ein Semester für die Abfassung der Magisterarbeit, plus eines für alle anderen Prüfungsteile verlangt, neun Semester zu kurz sind.

Außerdem wird in dem offenen Brief nachgefragt, wie es angehen kann, daß gerade die kulturwissenschaftlichen Fächer - also die "unwichtigen" Fächer, die gestrichen werden sollten - in sämtlichen Kommissionen, die Bildungfragen betreffen, gar nicht oder nur schwach vertreten sind. Aber warum sollte zum Beispiel die Expertenkommission, die die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zwischen der Universität Heidelberg und der Universität Mannheim ermittelt, auch den Dekan der neuphilologischen Fakultät nach seiner Meinung fragen? Schließlich handelt es sich bei dieser Fakultät auch nur um die größte in Baden-Württemberg.

Natürlich kann auch das Problem "Verwaltungsgebühren" nicht unbetrachtet gelassen werden. Hierbei handelt es sich nämlich um eines der großen ungelösten Rätsel des Uniwesens. Wo ist dieses Geld? Um zu erkennen, daß es nicht für die Unis verwendet wird, braucht man nur einmal die Außenfassaden einiger Seminargebäude zu begutachten. Zusammenfassend läßt sich sagen: Dieser Brief bringt die Sache auf den Punkt.

Es bleibt zu hoffen, daß sich in naher Zukunft noch mehr Fakultäten zu einer solchen "Demonstration des Unwillens" bereit finden. (st)


Badewannen-Orchidee

Der Botanische Garten im Neuenheimer Feld

Während draußen über Heidemoor, Küstendüne und ostasiatische Stauden der Winter hereingebrochen ist, scheint drinnen eine andere Zeit zu herrschen. Beim Betreten der Gewächshäuser empfängt mich eine wohlige Wärme, und spätestens im "großen Tropenhaus" bin ich endgültig von dieser Welt entführt. Sorgfältig angelegte Wege führen durch das üppige Grün, Schautafeln verraten Geheimnisvolles über die Saugschuppen von Tillandsia usneoides und das rasante Wachstum von Dendrocalamus giganteus. In den Nebenhäusern, wo der Nachwuchs in endlosen Reihen geordnet steht, herrscht entspannte Geschäftigkeit. Dazu räkelt sich ein Gartenschlauch gelassen im Kies.

Inmitten der trostlosen Nummernblöcke des Neuenheimer Felds ist der Botanische Garten eine wahre Oase: Zwischen Kinderklinik und Mensa ruht das majestätische Gewächshaus, umgeben von einer Schar kleinerer Glashäuser und Verwaltungsgebäude. Der Garten wurde 1592 als "hortus medicus", Kräutergarten der medizinischen Fakultät der Heidelberger Universität, gegründet. Mit den Gärten in Leipzig und Jena gehörte er zu den ersten Einrichtungen dieser Art in Deutschland. Von dem ursprünglichen Gelände in der Altstadt aus bewegte er sich in zahlreichen Umzügen durch die gesamte Stadt, am heutigen Standort wurde die Anlage 1915 eröffnet.

"Inhaltlich liegt die Stärke unseres Gartens im Gewächshausbereich", sagt Professor Peter Leins, Direktor der Instituts für Systematische Botanik und Pflanzengeographie, mit dem der Botanische Garten eng verbunden ist. "Unsere Madagaskarsammlung ist wohl weltweit die größte, so systematisch wurde nirgendwo anders gesammelt", erzählt er und kommt ins Schwärmen: "Oder die Orchideen..., es ist faszinierend, was für skurrile Formen entstehen. Blüten wie moderne Kunstwerke." Und bei der Orchidee Coryanthes, die er mir zeigt, kann ich seine Ehrfurcht voll teilen: Eine Blüte in Form einer Badewanne, in die aus zwei "Hähnen" eine Flüssigkeit tropft. Das Ganze dient zum Fangen von Prachtfliegen, um die Bestäubung zu sichern. Ein Wunder der Natur, Ergebnis von Jahrmillionen der Evolution.

Den Grundstock der umfangreichen Sammlung verdankt der Garten dem langjährigen Direktor Professor Werner Rauh, der in unzählige Reisen Pflanzen aus der ganzen Welt zusammengetragen hat. Schwerpunkte bilden die Sukkulenten der Alten und Neuen Welt, Bromelien und neotropische Orchideen. Infolge verschiedener Zusammenkünfte wie der Artenschutzkonferenz in Washington werden Pflanzen heute nicht mehr in der Natur gesammelt, höchstens das Saatgut. Zur Erweiterung der Sammlung steht der Heidelberger Garten in Austausch mit anderen Gärten in ganz Europa, alljährlich wird ein "Samenkatalog" verschickt.

Hinter der überwältigenden Vielfalt an Farben und Formen, die hier gesammelt ist, steht ein großer organisatorischer Aufwand. Der gesamte Bestand ist computertechnisch erfaßt, um für Forschung und Lehre zugänglich zu sein. Der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit liegt in der Systematik (Verwandtschaftsforschung) der Pflanzen, insbesondere der Blütenpflanzen. Diese Disziplin der Botanik versucht, die Vielfalt der pflanzlichen Organismen nach den mutmaßlichen Verwandtschaftsgraden zu ordnen und den Stammbaum zu rekonstruieren. Zu diesem Zweck ist im Freilandbereich das "System der Blütenpflanzen" angelegt, in dem Blütenpflanzenfamilien zu größeren Gruppen, zu Unterklassen und zu Klassen zusammengefaßtsind. Da die historischen Verknüpfungen der Gewächse noch sehr lückenhaft erforscht sind, stellt das angelegte System eine Arbeitshypothese dar, die im ständigen Wandel begriffen ist. Eine Vielzahl an Merkmalen wird vergleichend betrachtet, sei es gestaltlicher, anatomischer, chemischer oder molekulargenetischer Art. Bei der Ermittlung dieser Daten macht sich die Pflanzensystematik eine Vielzahl von Methoden zunutze, die mit dem Fortschreiten der biologischen Wissenschaften laufend durch neue ergänzt werden. Für diesen Ansatz ist eine reichhaltige Sammlung lebender Pflanzen unentbehrlich, um eine breite Basis für die vergleichenden Untersuchungen zu haben.

"Der Botanische Garten ist die ökologische Nische der Universität", meint Professor Leins und weist auf die Berührungspunkte der botanischen Systematik mit der Ökologie hin. Beispielsweise bei der Erforschung der "Sippendifferenzierung auf Artebene und darunter" würden Fragen zur Einnischung, Pflanzenwanderung und zur Vergesellschaftung mit anderen Organismen behandelt, die eine Grundlage für die Befassung mit Natur- und Artenschutzproblemen sein könnten.

Darüber hinaus ist die Erhaltung der Artenvielfalt eine Aufgabe des botanischen Gartens. In "Erhaltungskulturen" werden Pflanzen besonders seltener und gefährdeter Biotope kultiviert, um das genetische Material zu bewahren. Die Möglichkeiten der Auswilderung von Pflanzen zu erforschen, wird laut Leins in Zukunft zu den wichtigsten Aufgaben der Botanik gehören. Das Problem dabei ist, daß Pflanzen, die durch künstliche Bestäubung entstehen, genetisch verarmte Klone haben, mit denen die Auswilderung häufig nicht gelingt. Für die Evolution innerhalb einer Population ist genetische Variabilität notwendig, da die Gewächse nur so anpassungsfähig genug sind, um zu überleben.

Neben der akademischen Ausrichtung liegt Professor Leins die edukative Aufgabe des Gartens am Herzen. "Den Besuchern steht zu, auch das Material zu sehen, mit dem geforscht wird. Im Sinne der Umweltschutzbewegung ist es wichtig, daß gerade 'Stadtmenschen' die Natur erleben, die Faszination der Schönheit und Vielfalt der Pflanzen erfahren." Die Führungen, die in unregelmäßigen Abständen angeboten werden, sind immer gut besucht.

Mit den zunehmenden Bedürfnissen pflanzensystematischer und ökologischer Forschungsrichtungen wächst auch die Bedeutung der Botanischen Gärten. Die Möglichkeiten des Heidelberger Gartens sind beschränkt und entsprechen immer weniger den modernen Anforderungen. Große Teile des Freilandbereichs mußten dem Bau von neuen Instituten weichen, schlechte technische Bedingungen erschweren die Bearbeitung des Botanischen Gartens.

1993 beschloß die Heidelberger Universität den Bau eines neuen, größeren Botanischen Gartens im Neuenheimer Feld. Auf einem ungefähr zehn Hektar großen Gelände soll der Garten so möglichst naturnah gestaltet werden, ein besonderes Augenmerk soll auf eine möglichst hohe biologische Diversität gerichtet werden. Dem entsprechenden Antrag, zu dem eine detaillierte wissenschaftliche und gestalterische Vorplanung eingereicht wurde, stimmte die Landesregierung prinzipiell zu. Die Umsetzung ist aus finanziellen Gründen jedoch nicht gesichert. Vielleicht geht Professor Leins Traum von einem "Gewächshaus, in dem die Pflanzen bis in den Himmel wachsen können," ja in Erfüllung? Zu wünschen wäre es. (kh)

Besuchen kann man den Botanischen Garten und seine Gewächshäuser Montag bis Donnerstag sowie an Sonn- und Feiertagen von 9 bis 12 und 13 bis 16 Uhr. Freitag und Samstag ist das Gelände geschlossen.


Gute alte Zeit ...

Als Studis noch Untertanen waren

Der "rector magnificentissimus" scheint sich bei seinen Landeskindern großer Beliebtheit erfreut zu haben. Dafür sprechen zahlreiche Huldigungsbekundungen an Friedrich I., die noch bis zum 19. März in der Universitätsbibliothek Heidelberg zu sehen sind. Thema der Ausstellung ist die enge Beziehung des Badener Großherzogs (1826-1907) zu den Universitäten Heidelberg und Freiburg, sowie der Technischen Hochschule in Karlsruhe.

In der guten alten Zeit, als man den revolutionären Studenten noch nicht von weitem an "Lucky Streik" und grüner Solidaritätsschleife erkannte, fügte dieser sich ergeben - und ganz freiwillig - dem höfischen Zeremoniell. Als Studis noch treue Untertanen des Staatsapparates waren, wagten sie sich vorsichtig in die höfische Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Mit gebührendem Abstand überreichten sie dem Herzogspaar Friedrich und Luise Urkunden und Briefe mit Glückwünschen und Ehrerbietungen zu besonderen Anlässen. Feierlich konnte es schließlich auch zugehen, verdankten sie dem scheinbar aufgeklärten Landesherren doch einige Goldmark, die geschickt vom Staatshaushalt für die Universitäten abgezwackt wurden. Von allen Bundesstaaten gab Baden im Verhältnis zu seinem Gesamtetat am meisten Geld für die Wissenschaft aus. Die beliebtesten "Renner" der Saison, bei denen Studentenschaften nebst Prorektoren und Professoren am fürstlichem Hofe Schlange standen, waren die feierlichen Regierungs- und Hochzeitsjubiläen.

Friedrich maß dem kulturellen Auftrag der Universitäten und ihrer Funktion als Erziehungsanstalten einen hohen Stellenwert bei. Nicht zuletzt deshalb bemühte er sich stets um berühmte und fähige Professoren aus allen Teilen Deutschlands, mit denen er sich lebhafte Streitgespräche lieferte.

Als "Rektor" der Universität Heidelberg sorgte er auch dafür, daß seine Söhne nicht dem üblichen Dilettantismus bisheriger Prinzenerziehung verfielen. Im industriellen Zeitalter hielt er den obligatorischen Fechtunterricht weniger von Nutzen als fundierte Kenntnisse in sämtlichen Wissenschaftsbereichen. Nach väterlichem Vorbild schlugen sie eine akademische Laufbahn ein. Standesgemäß wurden die Immatrikulationsurkunden der beiden Söhne aufwendiger gestaltet, als sonst üblich war. Sogar das weibliche Haupt der Familie, Hezogin Luise, machte "Karriere ". Zwar nicht auf den unbequemen Holzbänken der alma mater - so fortschrittlich gab sich die Fürstenfamilie dann doch nicht -, aber als Patronin des von ihr gegründeten "Frauenvereins". Die gesamte Sozialarbeit des Landes wurde hier koordiniert. Ihr Ruf als "Helferin der Schwachen und Armen" brachte ihr die Ehrendoktorwürde der medizinischen Fakultät der Universität Freiburg ein. Das Ende der Monarchie läutete gleichzeitig das Ende der Glückwunsch- und Huldigungsadressen ein. Nur noch vereinzelt und auf privater Ebene traten Exemplare dieser Gattung auf.

Ein Großteil der Exponate wurde anläßlich des fünfzigjährigen Regierungsjubiläums im Jahr 1896 und der Goldenen Hochzeit des Paares erstellt. Die aufwendig gearbeiteten Stücke wurden von badischen Künstlern gestaltet, darunter Ludwig Dittweiler und Hermann Götz. Eine Glückwunschschrift der Heidelberger Studentenschaft zum "Doppelfest" des Fürstenhauses - das 25jährige Regierungsjubiläum und die Silberhochzeit des Herzogspaares - gehört zu den kunstvollsten Stücken. Ins Auge fällt ein Aquarell von Dittweiler, das einen träumerischen Blick auf das Heidelberger Schloß freigibt, umrahmt von einer schwarzen Ebenholzfassung.

Traditionelles Hofzeremoniell und ehrfürchtig-bürgerliche Demutshaltung scheinen auf den ersten Blick die tragenden Pfeiler der Herrschaft Friedrichs I. gewesen zu sein. Schaut man genauer hin, verbirgt sich hinter der Etikette ehrliche Anerkennung seiner Untertanen für das, was man heute Bildungs- und Sozialpolitik nennt. (cl)


Goebbels als Germanist

Heidelberger Dissertation eines Volksverhetzers

Daß Goethe im Palais Boisserée, dem heutige Seminargebäude der Germanisten, für einige Monate verweilte, ist wohl noch vielen bekannt. Doch auch dunkle Gestalten der deutschen Geschichte betraten die altehrwürdigen Flure und Gänge des Palais: So war im Jahr 1920 ein gewisser Joseph Goebbels an der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg eingeschrieben.

Nach Studienversuchen in Bonn, Freiburg, Würzburg und München - nie länger als zwei Semester an einem Ort - gelangt der damals 23jährige nach Heidelberg. Germanistik lehrt dort zu dieser Zeit ein berühmtes Mitglied des Stefan-George-Kreises: Friedrich Gundolf, ein Mann mit Privilegien. Er muß keine Prüfungen abhalten, sondern lediglich lesen (Bedingungen, die Professoren in unseren Tagen wohl auch gefallen würden!). Goebbels nimmt an Gundolf-Seminaren teil, gelangt jedoch nicht in dessen engeren Schülerkreis.

Der Professor ist durch das Auftreten des jungen Ehrgeizlings Goebbels abgestoßen. Goebbels wiederum fühlt sich durch den aus einer jüdischen Familie stammenden Gundolf ungerechterweise zurückgestellt. Eine Etappe von vielen auf dem Weg zu seinem persönlichen Antisemitismus.

Doch noch sind seine Einstellungen nicht verfestigt. So ist sein Doktorvater Jude: Max Freiherr von Waldberg. Bei ihm schreibt er seine Dissertation mit dem Titel: "Wilhelm von Schütz als Dramatiker. Ein Beitrag zu Geschichte des deutschen Dramas der Romantischen Schule".

Wahrlich kein Thema, das nach NS-Philosophie klingt. Und wirklich: Wer in den 215 Seiten die Vorboten kommender Nazipropaganda sucht, wird enttäuscht. Goebbels Dissertation unterscheidet sich nicht wesentlich von Tausenden anderer germanistischer Doktorarbeiten. Lediglich einzelne Thesen deuten auf die Vorboten braunen Gedankenguts hin. So propagiert er, daß Völker nicht von Vernunft geleitet werden, sondern von einer unbekannten, ihnen innewohnenden Kraft.

Ende des Jahres 1921 verläßt der nunmehr 24jährige Goebbels die Universität Heidelberg, er darf sich jetzt "Doktor" nennen. Seine schriftstellerischen Versuche, denen er sich auch in Heidelberg gewidmet hat, bleiben weiterhin ohne Erfolg.

So nimmt er 1923 schließlich eine Stellung bei einer Bank in Köln an. Nach Biographenberichten ist er auf seinen akademischen Titel mächtig stolz: Selbst flüchtig hingeworfene Zettel soll er stets mit Dr. G. unterzeichnet haben.

Was sich nun hieraus lernen läßt? Schwer zu sagen, doch zeigt es, daß ein "Doktor" vor dem Namen wohl nicht zwangsläufig zu vernünftigem und menschlichem Verhalten führen muß. (mg)


Nur ein paar Tropfen Blut

TonArt-Orchester ruft zu Spenden auf

Ein ungewöhnlicher Aufruf begleitete das Debüt des jungen Orchesters TonArt diesen Januar. Der Anlaß war die Diagnose der Leukämie bei einem der Musiker, kurz nach der Gründung des Orchesters im Oktober des letzten Jahres. Im Frühjahr hatte dieser, Albert Schulthei▀, sein Examen am hiesigen theologischen Institut abgelegt und arbeitet seither mit dem Ziel zu promovieren als wissenschaftlicher Assistent.

Der Aufruf galt der Hilfsbereitschaft des Publikums, denn während man oft zur Untätigkeit gezwungen ist, kann man in Alberts Fall helfen. Durch eine kleine Spende gesunden Knochenmarks wird einem Leukämieerkrankten mit hoher Wahrscheinlichkeit eine normale Lebenserwartung geschenkt. Doch muß der Spender geeignete Stammzellen aufweisen, -und der für Albert geeignete Spender ist bislang noch nicht gefunden. Seine Freunde wollen das ändern und werden zusammen mit der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei gGmbH - "g" steht für gemeinnützig - im Mai einen Aktionstag organisieren: jeder erhält dann die einmalige Gelegenheit, Leben zu retten. Zu diesem Zweck wird jedem Teilnehmer 10 ml Blut abgenommen, das zur Typisierung in Labors verschickt wird. Wenn der Teilnehmer danach noch bei Bewußtsein ist, unterschreibt er eine Einverständniserklärung, in die Kartei aufgenommen zu werden. Lediglich fünf Prozent dieser potentiellen Spender werden später für eine Spende in Frage kommen. Falls sie einverstanden sind, kann dann eine genauere Typisierung stattfinden, und eventuell die eigentliche Spende aus dem Knochenmark des Beckenknochens. Doch leider liegt die Chance für Albert, einen geeigneten Spender zu finden, bei eins zu einer Million. Es können sich also gar nicht genug Spender melden.

Auch die sehr hohen Kosten der Typisierung (jeweils DM 100.- pro Aufnahme in die Spenderkartei) sind eine hohe Hürde. Daher rufen die TonArt Musiker auch zu Geldspenden auf. (DKMS Kreissparkasse Tübingen, Kto 255 556, BLZ 641 500 20, Kennwort "Aktion Albert Schulthei▀") (oas)

ruprecht wird im Mai an den Aktionstag erinnern. Weitere Informationen erteilt bis dahin: Cornelius Honold, Kaiserstraße 44, 69115 Heidelberg. Tel. DKMS: 0221-9405820


Uni-SchwulLesBis

Die neue Hochschulgruppe

Gegeben hat es eine schwule Hochschulgruppe in Heidelberg schon vor einigen Jahren. Außer dem "Schwulen Kaffeetrinken" stand jedoch nichts Besonderes auf ihrem Programm. In den letzten Wochen wurde sie in Form des "schwul-lesbischen Arbeitskreises" zu neuem Leben erweckt.

Eine wichtige Einrichtung ist dabei die Informations- und Beratungsstelle für Lesben und Schwule, die jeden Mittwoch von 12.00 Uhr bis 14.00 Uhr in den Räumen der FSK (Lauerstraße 1) im dritten Stock ihre Türen öffnet. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, in gemütlicher Atmosphäre neue Leute zu treffen: Das "Schwule Kaffeetrinken" an jedem zweiten und vierten Sonntag im Monat um 16.00 Uhr in den Räumen der FSK findet weiterhin statt.

Daneben gibt es den "LesBiSchwulen Keller" jeden ersten und dritten Donnerstag im Monat ab 20.00 Uhr im Keller des Psychologischen Instituts am Bunsenplatz (im Hof rechts). Außerdem will die Hochschulgruppe will ihr bisheriges Angebot erweitern. Geplantist, die Kontakte mit Gruppen anderer Universitätenauzubauen; Videovorführungen, Parties, Ausflüge in die unterschiedlicher Städte (vor allem Karlsruhe und Frankfurt) sowie Informationsveranstaltungen in Zusammenarbeit mit der Heidelberger Aidshilfe sollen das Programm vervollständigen. (vb)


Heidelberg


Alltagsgeschäft

Castor-Blockaden werden zur Routine

Wenn Ende März der Frühling seine zarten Arme über das Land spannt, wird sich eine kleine Stadt in Ostwestfalen in in eine schwer bewachte, großflächig belagerte und hart umkämpfte Festung verwandeln: Dann, vom 20.-25.3., rollt der nächste große Atommüll-Transport vom baden-württembergischen Neckarwestheim nach Ahaus .

Tausende Polizisten werden versuchen, einem weiteren "Castor" den Weg durch zehntausende Demonstranten zu bahnen. Und auch eine Gruppe Heidelberger - etwa zur Hälfte Studierende - wird wieder antreten, den Transporteuren das Leben so schwer wie möglich zu machen. Wie immer, könnte man sagen.

Trotzdem ist einiges anders, als letztes und vorletztes und vorvorletztes Jahr in Gorleben. Denn sowohl Plutonium-Transporteure als auch Atomkraftgegner haben ihre Strategien geändert: Abseits der großen Schlachten an den bekannten Orten wie Gorleben rollen regelmäßig kleinere Castor-Züge durch die Republik - mitunter gefährlicher als die großen Behälter, aber in den letzten Jahren relativ ungestört.

Die Atomkraftgegner widmen sich jetzt verstärkt auch diesen Waggons. "Ich sitze mittlerweile jeden Monat irgendwo auf einer Schiene", schätzt Petra* von der örtlichen Initiative - die Castor-Blockade wird zum Alltagsgeschäft. So wollen die Aktivisten den politischen und finanziellen Preis für die Verbringung von Atommüll - und damit den Betrieb von Kraftwerken - überall in die Höhe treiben, nicht nur dort, wo der Protest schon längst zum Mythos geworden ist. "Das bringt zwar nicht die großen Schlagzeilen", gibt Petra zu, "aber viele kleine Berichte. Die Leute merken, daß die Gefahr auch an Ihrer Haustür vorbeirollt."

Und ebenso wie die Befürworter der Atomenergie alles tun, um von Mythos Gorleben wegzukommen, ist für die Gegner mittlerweile auch der Weg das Ziel: Sie versuchen, ihren Protest auf allen Streckenabschnitten zu entfalten.

Das ist auch deshalb praktisch, weil man dann eben nicht so weit fahren muß, wenn man sich um das heimische AKW kümmert: Die im Karlstorbahnhof heimischen Heidelberger - zur Zeit etwa 50 potentielle Störenfriede, von denen in der Regel etwa 25 ausschwärmen - kümmern sich beispielsweise mit anderen lokalen Gruppen um das Kernkraftwerk Neckarwestheim, von dem viele Transporte ausgehen. "Wir sind für die Betreuung von Ortsfremden am AKW zuständig", grinst Petra angesichts des hier vorgeführten modernen Protest-Managements, "nach Ahaus fahren wir erst, wenn wir einen Transport hier lange genug aufgehalten haben."

Auf der anderen Seite, bei den Stromkonzernen, hofft man nicht nur, daß die Blockaden irgendwann eimal langweilig werden, die Sympathie der Öffentlichkeit abflaut und die Aktivisten ermüden. Man versucht auch, die Blockierer zu foppen, indem man beispielsweise Züge früher, später oder anderswo fahren läßt. Und die beteiligten Ordnungshüter langen jetzt härter zu: Die Personalien werden richtig gründlich geprüft, die "Ingewahrsamnahme" wird vorbeugender und ausgiebiger. Der Verfassungsschutz IST ohnehin ein ständiger Gast bei den Aktionen zu sein.

Wer hat den längeren Atem, am Ende die bessere Öffentlichkeit?

"Unsere Leute werden zum Teil erst durch ihre Mitarbeit in unseren Gruppen politisiert", weiß Petra, "und gerade dadurch wird der Schwung erhalten bleiben. Wir sind jetzt schon die erfolgreichste Protestbewegung der letzten Jahre".

"Wir können gelassen abwarten, bis sich unsere besseren Argumente durchsetzen", glaubt ein Sprecher des "Informationskreis Kernenergie", einer Öffentlichkeitsstelle der Energiewirtschaft.

Die Scharmützel werden also weitergehen. (hn)

Castor im Internet:
http://www.kernenergie.de (dafür)

http://www.i-st.net/~buendnis/ (dagegen)

* Name der Prozeßerfahrenen geändert


Feuilleton


Von Kunst und Computern

Das neue Medienzentrum in Karlsruhe

Seit dem 18. Oktober 1997 stehen dem aufgeschlossenen Kulturinteressierten völlig neue Welten offen: Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) bietet eine Mischung aus Erlebnispark und modernem Museum für die ganze Familie.

1992 beschloß die Stadt Karlsruhe, die ehemalige Munitionsfabrik in der Lorenzstraße als Denkmal zu erhalten. Damit war der Grundstein für ein Forum neuer Künste gelegt. Das ZKM ist mit seinen 41 800 qm Nutzfläche das größte derartige Museum Deutschlands. Zur Eröffnung im Oktober kam sogar die Band "Kraftwerk", die schon seit Jahren Kunst mit modernen Medien (besonders dem Computer) vereint. Karlsruhe hat sich einen neuen Besuchermagneten geschaffen, was man bereits am Bahnhof spüren kann. Für Ortsunkundige hält der KVV ein Infoblatt bereit, mit dem man den Weg zum ZKM nicht verfehlen kann.

Das Gebäude wirkt auf den Betrachter zunächst gigantisch, bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, daß die zur Verfügung stehende Fläche noch nicht ausgenutzt ist. Die Bauarbeiten sind anscheinend noch im Gange.

Von der Fülle des Angebotes anfangs überfordert, kann man sich in der Eingangshalle an einem elektronischen Wegweiser über die Möglichkeiten des ZKM informieren: Medienmuseum, Museum für Neue Kunst und Mediathek stehen zur Auswahl. Daneben beherbergt das Gebäude Produktions- und Forschungsstätten, um zu gewährleisten, daß das Museum auf dem neuesten Stand bleibt.

Wir entschieden uns, zuerst das Museum für Neue Kunst zu erkunden. Eine bunte Mischung aus Malerei, Skulptur, Photographie und Videoinstallation ist da ausgestellt.

Die Direktion scheint Wert auf den Ausgleich zwischen Medienkunstwerken und eher konventionellen Exponaten zu legen, was den Zwiespalt zeitgenössischer Künstler widerspiegelt: Muß der Kunstbegriff in Anbetracht der Möglichkeiten der Neuen Medien neu definiert werden?

Es entsteht der Eindruck, daß die Aussagekraft traditioneller Gattungen erschöpft ist, und eine angemessene Reflexion des Zeitgeistes die modernen Techniken nicht mehr aussparen kann.

Am beeindruckendsten fanden wir Bill Violas "The City of Men", eine altarähnliche Videoinstallation im Nußholzrahmen. Sie konfrontiert den Betrachter mit einer irdischen Version der biblischen Vorstellung vom Jüngsten Gericht - eingerahmt vom himmlischen Paradies und höllischem Fegefeuer auf den Seitenflügeln. Das Paradies wird als friedlich im Sonnenschein daliegende Stadt abgebildet , ein lichterloh brennendes Haus symbolisiert die Hölle. Die zahlreichen Black Boxes - abgeschlossene und verdunkelte Räume -, in denen die Installationen montiert sind, ermöglichen dem Betrachter die ungestörte Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk.

Erwähnenswert sind noch die Arbeiten von Marie-Jo Lafontaine, deren Verbindung von Kurzfilm mit Musik große Aussagekraft erzielt und Aufmerksamkeit auf sich zieht. Doch jeder Besucher wird seine eigenen Schwerpunkte setzen. Die Bandbreite der Exponate scheint unerschöpflich.

In der ersten Etage herrscht eine merklich andere Atmosphäre - Interaktion ist gefragt. In einer simulierten Straßenbahnfahrt kann man Karlsruhe erkunden, dem Radfahrer stehen sogar Amsterdam oder New York offen ("The Legible City" von Jeffrey Shaw). Von einer Sensation zur nächsten geschoben, fühlt man sich allerdings bald von der virtuellen Wirklichkeit überfordert.

Zu einer kleinen Ruhepause verlockt die "Camera Virtuosa", aus derem Inneren interessante Bilder übertragen werden. Wer sich hineinwagt, wird in virtueller Umgebung zur Aktion aufgefordert, und so mancher graziler Ballettanz erheitert die Voyeure draußen vor dem Bildschirm.

Erholt wurden wir nun schöpferisch tätig. Beim "Interactive PlantGrowing" kann man durch taktile Reize an echten Pflanzen einen Urwald auf der Leinwand entstehen lassen. Bei "Beyond Pages" (von M. Fujihata) eröffnet das altgediente Medium Buch ungewohnte Welten. Ein auf dem Tisch liegendes virtuelles Exemplar kann durch einen mouse-ähnlich funktionierenden Stift zum Umblättern bewegt werden. Jede Seite hält eine neue Überraschung bereit, und die Verschmelzung von realer und virtueller Umgebung ist gewöhnungsbedürftig. So wundert man sich nicht wenig, wenn man plötzlich die Tischlampe zum Leuchten bringt.

Ein Stockwerk höher wird die Kunst schließlich nebensächlich. Hauptsächlich Kinder belagern die zahlreichen Spielecomputer. Die verschiedenen Varianten von Video- und Computerspielen laden zum Ausprobieren ein. Etwas abgelegen von dieser Hektik findet sich die "KlangWeltKarte" von Thomas Gerwin, der Geräusche aus allen Teilen der Erde gesammelt hat, die man per Knopfdruck auf sich einwirken lassen kann. Dieses klangliche Erlebnis eröffnet eine ungewohnte Perspektive und bietet einen gelungenen Ausklang für den Besuch im ZKM.

Jedem, der nun neugierig geworden ist, können wir einen Kulturtrip nach Karlsruhe nur empfehlen (Immerhin gibt es 50% Ermäßigung für Studierende!) Die Öffnungszeiten:


Premiere!

Schäferstündchen mit Arabella

"Ich bin in acht Tagen mit der Partitur der 'Helena' fertig... aber jetzt hab ich nichts mehr zu arbeiten: total abgebrannt! Also bitte: Dichten Sie!" Dieser Hilferuf seines Freundes Richard Strauß erreicht Hugo von Hofmannsthal 1927. Er war der Anstoß zur Entstehung der lyrischen Komödie Arabella.

Die Handlung entspricht dem, was man sich unter einer locker-flockigen Wiener Ballgeschichte vorstellt: Wien 1860, die verarmte Familie Waldner bemüht sich krampfhaft, die schöne Tochter Arabella möglichst reich zu verheiraten. Arabella wird von drei Grafen umschwärmt und verspricht, am Abend auf dem Fiakerball ihre Wahl zu treffen. Doch kurz vorher verliebt sie sich in einen geheimnisvollen Fremden namens Mandryka. Mandryka, so stellt sich heraus, liebt Arabella ebenfalls, und da er auch noch reich ist, scheint einem Happy-End nichts mehr im Wege zu stehen.

Aber Arabella hat noch eine jüngere Schwester, Zdenka. Da die Familie zu arm ist, um auch Zdenka prachtvoll auszustaffieren, wird sie als Junge verkleidet. Zdenka verliebt sich in einen von Arabellas Verehrern, den Jägeroffizier Matteo. Als dieser von Arabellas Verlobung erfährt, will er sich erschießen. Zdenka kann ihn davon abhalten, indem sie ihm ein Stelldichein mit Arabella verspricht. Mandryka aber belauscht die beiden und glaubt sich von seiner Zukünftigen betrogen. Er weiß nicht, daß Matteo bei seinem Rendez-vous Zdenka trifft. Matteo weiß es übrigens auch nicht, und als er nach seinem Schäferstündchen Arabella begegnet, beginnt das übliche Komödiendurcheinander: Matteo behauptet, mit Arabella geschlafen zu haben, sie leugnet es, Mandryka glaubt ihr nicht. Schließlich klärt Zdenka alles auf, Arabella versöhnt sich mit Mandryka und Zdenka bekommt ihren Matteo. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Wer jetzt allerdings musikalisch den zur Handlung passenden Walzerrausch erwartet, hat übersehen, daß es sich um ein Stück von Richard und nicht Johann Strauß handelt. Diese seltsame musikalische Mischung zwischen Klassik und Moderne holt die Oper wieder etwas aus der Schublade "Wiener Schmalz" heraus. Das Gegenteil gilt jedoch für Kostüme, Bühnenbild und Inszenierung. Könnte man die wenig originellen Reifröcke und den leise vom Schnürboden rieselnden Schnee noch ertragen, so resigniert man völlig angesichts der Einfallslosigkeit der szenischen Umsetzung. Statt lebendiger Gestaltung erwarten einen Standbilder von so unerträglicher Kitschigkeit wie die vor ihrem Zukünftigen mit elegantem Rockschwung auf die Knie gesunkene Arabella.

Der einzige schauspielerische Lichtblick ist Heinz Feldhoff als Graf Waldner, dem es als Einzigem wirklich gelingt, seine Rolle glaubwürdig darzustellen. Gesanglich überzeugt die Darbietung immerhin etwas mehr. Passagen unerwartet strahlender Klangintensität ließen vor allem Barara Osterloh als Adelaide und Theodor Carlson als Mandryka hören.

Erwähnenswert bleibt noch die Leistung von Brigitte Geller als Zdenka, deren stimmliche Interpretation der Rolle voll und ganz gerecht wird. Zum Schluß ein Ratschlag an das Orchester: Etwas mehr Piano könnte nicht schaden - schließlich möchte man auch noch die Sänger hören. Fazit: Ein bißchen mehr Mut bei der Inszenierung hätte dieser biederen Geschichte mit der wenig überragenden Musik gut getan. (st)

Weitere Aufführungen im Februar: Sa, 21.02., 19.30 Uhr; Sa., 28.02., 20.00 Uhr

Mittwoch bis Samstag 12.00 Uhr bis 20.00 Uhr, Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr. (ko,mi)


Drei Schwestern

Tschechow im Stadttheater Heidelberg

Vier junge Menschen, hängengeblieben und verloren in der Provinz: Drei Schwestern und ihr Bruder Andrej wurden vor elf Jahren von ihrem Vater aus dem rauschenden Moskau nach Perm gebracht, einer Garnisionsstadt weit im Osten Rußlands. Der Vater stirbt - und seine Kinder versuchen, hin- und hergerissen zwischen Sehnsucht und Verzweiflung, dem hinterwäldlerischen Leben zu entfliehen. Der Versuch bleibt vergeblich.

Die Zeit fliegt vorüber, ohne daß sich irgendetwas an der Rückständigkeit der Umgebung ändert. Und immer drängender wird ihr Wunsch, zurück nach Moskau zu ziehen - bis im letzten Akt die Resignation siegt. Die Banalität der Provinz hat die Sehnsucht nach der fortschrittlichen, kultivierten Welt, von der die Schwestern träumten, aufgezehrt. Soweit Tschechow vor hundert Jahren.

Die Inszenierung ist mit handwerklicher Routine umgesetzt worden: Die Besetzung der drei Schwestern (Ulrike Knospe als Mascha, Harriet Kracht als Olga, Dascha Poisel als Irina) ist mit hohem Feingefühl für ihr Zusammenspiel besetzt worden - besonders wichtig in Szenen, in denen die drei Figuren trotz ihrer geschwisterlichen Nähe unendlich einsam zu sein scheinen. Bemerkenswert ist Versinin (Hannsjörg Schuster), der das richtige Gleichgewicht zwischen zynischer und romantischer Charakterdarstellung erreicht. Kulygin, der Mann von Mascha (Roland S. Blezinger), ist zum Hanswurst uminterpretiert worden, wohl um dem Publikum Momente zum Atemholen zu geben.

Außerdem hat Regisseur Stefan Kimmig das Stück in eine Rahmenhandlung gesetzt: Eine russische Theatertruppe kommt in eine Provinzstadt und findet eine alte, zuvor als Lagerhalle benützte Kirche als Bühne vor. Unsicher begutachten sie die Räumlichkeit. Nach kurzem Zögern überwinden sie die Enttäuschung über den schlechten Aufführungsort und beginnen die Vorstellung.

Fraglich, ob das Publikum diese Einleitung versteht - wer nicht im Programmheft die "Notiz zur Inszenierung" gelesen hat, kann mit der Einleitung kaum etwas anfangen. Das ist schade: Denn die Idee, die Hoffnungslosigkeit der drei Schwestern in der Stadt Perm auf die Unsicherheit im postkommunistischen Rußland zu übertragen, ist bestechend. Die Sehnsucht "nach Moskau" als schöner neuer Welt des Kultivierten wirkt wie ein Spiegel der Hoffnung der Menschen auf die Demokratie und die Verheißungen des freien Marktes - die Resignation in Perm als Gegenstück der heutigen Depression in Rußland.

Doch warum eigentlich Rußland, wie im Programmheft nahegelegt? "Eine Stadt wie Perm" ist überall - das Rückständige, Provinzielle erstarkte auch auf unserer Seite des eisernen Vorhangs, seitdem er schmolz: Die Unsicherheit wächst. Nach dem letzten Akt bleibt keine Hoffnung auf Veränderung der Zustände, stattdessen ist das Vergessen übermächtig. Der Zuschauer verläßt den Saal nachdenklich. Auch Heidelberg ist Perm. Die Provinz ist überall. (gan)

Drei Schwestern: Stadttheater Heidelberg. 17. Februar, 20 Uhr; 7. März, 19.30 Uhr


Abenteuer Oper

Puccinis Tosca in Mannheim

Um das Wochenende nach langen Nächten noch kulturell abzurunden, geht man also einmal in die Oper nach Mannheim. Zunächst einmal klingt "Oper" natürlich abschreckend. So ähnlich wie "Seniorennachmittag" oder "Bingoabend". Doch man kann auch andere Erfahrungen machen.

Man wählt Tosca von Puccini als Objekt der kulturellen Begierde. Mit der dritten Reihe hat man dann auch noch einen ganz guten Platz erwischt. Dann - oha - geht's los: Akkorde schmettern, und es bleibt festzustellen, daß Oper in der dritten Reihe durchaus auch die Lautstärke einer mittleren Technosession erreichen kann. Apropos dritte Reihe: Die Zusammensetzung des Personenkreises ist doch sehr polarisiert. So gibt es die Älteren, im Schnitt jenseits der sechzig, die sich eine solche Karte leisten können. Aber auch wir Studis sind recht zahlreich vertreten - Restkarten gibt's kurz vor der Vorstellung verbilligt. Man verfolgt nun gespannt die Handlung: natürlich viel Liebe, Eifersucht, Intrigen, und am Ende sind die Guten tot. Zugegeben, die Darstellung der Handlung ist hiermit ein wenig vereinfacht, doch man will ja den Rahmen nicht sprengen. Was ja beinahe unter den Tisch gefallen wäre: Es war gut, sogar sehr gut. Schade nur, daß die Getränke in der Pause so teuer waren. Man hätte doch Durst gehabt. Also: Merken für's nächste Mal: Etwas zu trinken mitbringen und auch vielleicht einen Spiegel - man fällt doch auf, wenn man sich zur Betrachtung der Damen in den hinteren Reihen immer umdrehen muß. (mg)


Großformatgräser

Moderne Kunst in Frankfurt

Zeitgenössische Kunst ist ständigem Wandel unterworfen. Deshalb findet im Museum für Moderne Kunst (MMK) in der Mainmetropole Frankfurt halbjährlich ein Szenenwechsel statt. Die achte Kunst-Rotation dieser Art wurde am 30. Januar 1998 eröffnet. Wie der Name "Szenenwechsel" bereits in seiner Grundbedeutung verdeutlicht, werden der künstlerische Festbestand und die hinzugewonnenen Neuerwerbungen halbjährlich in eine neue Konzeption gebracht. Dabei spielt das Denken von Gegenwart in der Kunst eine große Rolle.

Die Initiatoren des Museums und vor allem sein Direktor Jean-Christophe Amman legen auf zweierlei besonderen Wert: mit der Auswahl der ausgestellten Werke Einblicke und Ausblicke zu geben, aber auch Diskussionen und Kontroversen zwischen Sehenden und Gesehenem zu entfachen. Ob es den Machern gelungen ist, kann man bis zum 10.5.98 selbst entscheiden.

Der "Szenenwechsel" wird zunächst mit einer umfangreichen Sammlung des 1994 im Alter von 53 Jahren verstorbenen italienischen Künstlers Alighiero Boetti eingeleitet. Diese Sonderausstellung mit dem beziehungsreichen Namen "Mettere al mondo il mondo" ("Die Welt zur Welt bringen") basiert nicht auf einem chronologischen Konzept, sondern greift lediglich acht Werkgruppen aus dem Gesamtwerk Boettis heraus. In bezug auf die bestehenden Sprachsysteme und ihre Ordnungsprinzipien nähert sich der Künstler dem Konzept der Ordnung und Unordnung von Buchstaben, indem er sie in einer kunstvollen Art und Weise mit Hilfe von Stempeln und Siegeln auf quadratischen Leinwänden zusammensetzt. In den zwanzig ausgestellten Arbeiten "Tavole Pitagoriche" ("Pythagorische Tafeln", 1990) greift er beispielsweise auf die Systematizität des griechisch-antiken Mathematikgenius' Pythagoras zurück.Wer beim Betrachten aus einem entfernten Blickwinkel glaubt, die Tafeln wären gemalt, der irrt. Alle Arbeiten, einschließlich der Weltkarte "Mappa" (1983), entstanden in Boettis Wahlheimat Afghanistan, wurden dort von Drittpersonen auf Leinwand gestickt (!).

Auch Franz Gertsch (geboren 1930), Preisträger des Kaiserrings der Stadt Gosslar 1997, läßt seine Bilder in langjährigen Arbeitsprozessen entstehen. Mit akribischer Genauigkeit arbeitet Gertsch, der sich selbst als Konzeptkünstler bezeichnet, bis zu zwei Jahre an der fotorealistischen Umsetzung seiner Bilder. Das Monumentalgemälde Johanna I (330x340 cm, 1993/94) überträgt in seiner überragenden Größe eine solche energetische Kraft auf den Besucher, daß das MMK diesem Bild allein einen ganzen Raum zur Verfügung stellte. Besonders zeit- und arbeitsintensiv sind Gertschs "Grasbilder" (1996/97), in denen er einen Moment, eine Sekunde aus der Bewegung der Gräser in der Natur herausgreift und ausschnitthaft in der hier gezeigten dreiteiligen Werkgruppe festhält.

Neben den Aktaquarellen der gebürtigen Südafrikanerin Marlene Dumas (Jahrgang 1953) wurden 1996 zwanzig Schwarzweißfotos des New Yorker Fotographen Ralph Gibson (geboren 1939) erworben. In ihrer Auswahl durch Jean-Christophe Amman weisen sie in atemberaubender ästhetischer Aufbereitung herauslösende Momente von "bereits Gesehenem" auf, die durch den Blickwinkel des Fotografen immer wieder neu verändert werden.

Ein weiterer Künstler des "Szenenwechsels" ist Gerhard Richter (geboren 1932), der mit dem Zyklus "18. Oktober 1977" (Öl auf Leinwand) im MMK vetreten ist. Richter benutzte für seine Bilder zwar Photovorlagen von RAF-Mitgliedern, verfremdete sie jedoch durch unscharfe Wiedergabe und Ausschnitthaftigkeit in seiner eigenständigen künstlerischen Umsetzung. Der Kreis der Neuerwerbungen schließt sich mit dem zum jungen Künstlernachwuchs gehörendem Martin Spehr ( geboren 1965), welcher mit seiner gefertigten Living-Room Installation die eigenen vier Wände nachbildet: die Möbel aus Pappe, die Bilder in Form von Aquarellen. Damit könnte er als künstlerisches Pendant zu dem ebenfalls im MMK ausgestellten "Bedroom" des Pop-Art Altmeisters Claes Oldenburg stehen.

Mit dem achten Szenenwechsel ist es dem Museum für Moderne Kunst erneut gelungen, aus dem heutigen Sturmgeflecht von künstlerischen Techniken und Materialien des Betrachters Blick zu schärfen, um das Sichtbarmachen von Verläufen und Prozessen in zeitgenössischer Kunst wahrzunehmen und für sich zu entdecken. (krs)


ruprecht goes to the movies

Filmtips - und vor allem Meinungen

(in Klammern die Anzahl der ruprechte)

ruprechts Notenskala:

kein ruprecht - nicht empfehlenswert
ein ruprecht - mäßig
zwei ruprechts - ordentlich
drei ruprechts - empfehlenswert
vier ruprechts - begeisternd

In and Out (2)

Endlich - auch in Hollywood sind Homosexuelle mittlerweile voll leinwandkompatibel, und das nicht mehr nur in leidensvollen Rührstücken wie "Philadelphia", sondern nun in einer rasanten Komödie des einstigen Muppet Show-Regisseurs Frank Oz. Furios schon der Anfang: Kurz vor der Heirat mit seiner Dauerverlobten Emily (Joan Crusack) wird High School-Lehrer Howard Brackett (Kevin Kline) von einem ehemaligen Schüler ausgerechnet bei dessen Oscar-Preisverleihung geoutet. Um die rüschenbesetzten Hochzeitsträume nicht in die Binsen gehen zu lassen, startet Howard einen Umerziehungskurs zum Macho, aber Medienhatz und Kleinstadttratsch laufen bereits auf Hochtouren. Als er schließlich doch bekennt, droht ihm der Rausschmiß aus der Schule; die - nun auf einmal ganz toleranten - Kleinstadtbewohner sorgen allerdings dafür, daß sich am Ende alles wieder in stereotype Kino-Romantik auflöst. Gerade der versöhnliche Schluß zeigt einmal mehr, wie schwer der Umgang mit dem Thema für die amerikanischen Traumfabriken noch ist: "In and Out" kann sich offensichtlich nicht zwischen Komödie - dazu fehlt die nötige Respektlosigkeit - und Rührstück entscheiden, und so bleibt der Film - trotz einiger gut gemachter Persiflagen von Männlichkeitswahn und Heteroklischees - doch nur seichte Unterhaltung. (kebi)

Starship Troopers (3)

Robert Heinlein und Paul Verhoeven: zwei Namen, die viel versprechen, dem Anspruch aber auch gerecht werden. Auch in unserer Zukunft ist der Erde keine Ruhepause vergönnt. Die Ruhestörer kommen mal wieder aus den Tiefen des Weltalls: Bösartig häßliche "bugs", die Arachnoiden, greifen die Erde mit Meteoriten an. Natürlich nehmen die Menschen den Kampf sofort auf. Sie schicken eine Armee quer durch die Galaxie, um die bugs zu Hause zu vernichten. Und in dieser Invasionsstreitkraft sind die vier "Helden" des Filmes. Diese vier, direkt aus Beverly Hills importiert, haben sich aus den unterschiedlichsten Motiven (die Liebe spielt aber immer eine Rolle) freiwillig für die Streitkräfte gemeldet. Sogleich verschlägt es sie in ein völlig sinnloses Massaker. In der ersten Nacht des Angriffes sterben 300.000 Menschen, und die bugs sind nicht sonderlich beeindruckt. Die Militärs haben die Arachnoiden unterschätzt, so daß die wahnsinnige Folge ein Gemetzel ist.

"Starship Troopers", der dritte Science-Fiction Film von Verhoeven nach "RoboCop" und "Total Recall", trägt ganz seine Handschrift. Verhoeven befolgt keine der Richtlinien Hollywoods und macht Filme, wie er sie selber sehen möchte. Nicht belehrend, nicht nachdenklich stimmend, sondern spannend und unterhaltsam. "Starship Troopers" ist kein Antikriegsfilm, aber man kann ihm genauso wenig vorwerfen, den Krieg zu verherrlichen, wenn man sieht, wie hunderte von Menschen auf bestialischste Weise getötet werden. Und ein Gestapo-Mantel macht den Film auch nicht zu einer faschistischen Lobeshymne. Ganz im Gegenteil, wer Verhoevens Filme kennt, wird seine beliebte Fernsehsendung nicht vermissen. So berichtet die Nachrichtensendung im Film, mit der neutral angenehmen Stimme vom 7.-Sinn-Sprecher, daß wieder einmal 100.000 Troopers im Kampf für die Heimat glücklich gestorben sind.

Fazit: ein sehenswerter Film, nicht nur für Science-Fiction-Fans, sondern für alle, die sich die Kinonächte nicht mit "Titanic" verderben lassen möchten, sondern unterhalten werden wollen. Einzige Wehmut am Film: Die "ab 18"-Begrenzung hat "Starship Troopers" nicht wegen seiner einzigen unvollendeten Liebesszene... (jr)

Lebe lieber ungewöhnlich (2)

Nach der harten Junkie-Realität in "Trainspotting" hat das schottische Quartett (A.McDonald, J.Hodge, D. Boyle und E.McGregor) nun Ort und Genre gewechselt und drehte eine märchenhafte Liebeskomödie im Amerika der 90er. Da Liebe aber in der egozentrischen Moderne kaum mehr zu finden ist, muß der Himmel einschreiten. Himmelschef Gabriel ergreift die Initiative und entläßt die Engel O'Reilly (H.Hunter) und Jackson (D. Lindo) mit einem schwierigen Fall auf die Erde: Die schöne, aber zickige Millionärstochter Celine (C.Diaz) und die verträumte Putzkraft Robert (E.McGregor) sollen ihre Herzen aneinander verlieren. Eine paradoxe Situation reiht sich an die nächste; doch der Film ist einfach strukturiert. Robert entführt aus Rache an seinem Chef dessen Tochter Celine. Dabei verlieben sich die beiden ineinander. Die Mission der Engel ist damit erfolgreich abgeschlossen, und sie bleiben von der lebenslangen Verbannung auf die Erde verschont. Doch nur Gott - von Gabriel zu Hilfe gerufen - verhilft dem ungleichen Paar zu einer glücklichen Ehe. Fazit: Eine ungewöhnliche Liebeskomödie, die ihre Spritzigkeit aus unerwarteten Wendungen, den eigenartigen Charakteren und nicht zuletzt der schon aus "Trainspotting" bekannten Musik - "Beck", "Prodigy", "Cardigans" und "Oasis" - gewinnt. (ko)

Cop Land

Mit "Cop Land" wurde Sylvester Stallones Debut als ernstzunehmender Schauspieler angekündigt. Übertrieben ist die Behauptung, Stallone sei über Nacht vom wilden Rambo zum Charakterdarsteller geworden. Im Unterschied zu früher spielt er aber diesmal einen Menschen aus (viel) Fleisch und Blut, den man sogar sympathisch finden kann. Freddie Heflin (Stallone) ist Sheriff im Ort Garrison. Hier haben sich korrupte New Yorker Polizisten von der Mafia einen Platz finanzieren lassen, in dem sie ungestört ihren illegalen Geschäften nachgehen können. Den tumb-naiven Heflin nimmt hier niemand ernst. Erst als Oberfiesling Ray Howlin (Harvey Keitel) eine gigantische Vertuschungsaktion startet und Sonderermittler Tilden (Robert De Niro) Heflin um Unterstützung bittet, erwacht in diesem der Gerechtigkeitssinn. Gegen alle Widerstände nimmt er den Fall in die Hand. "Cop Land" ist ein solider, leidlich spannender Krimi um Zivilcourage und Gerechtigkeit. Mit seinem Batallion an Hollywood-Stars sorgt er für das ein oder andere Deja-Vu-Erlebnis, gleichwohl kommt der Film über das gehobene Mittelmaß nicht hinaus, da das Ende vorhersehbar ist und Stallones schauspielerische Fähigkeiten doch nicht ausreichen, um Heflins Wandel vom harmlosen Teddybär zum großen Helden wirklich glaubhaft zu machen. (jba)


ruprecht on the record

Musiktips

Various Artists: Dead & Gone -
#1: Trauermärsche/Funeral Marches;
#2: Totenlieder/Songs Of Death (Trikont/Indigo)

Winter: Kälte, Tristesse, Nebel und kurze Tage... - Nicht verwunderlich, daß manch eine(r) in dieser Zeit über die Vergänglichkeit des Lebens nachdenkt. Der DJ und "Trauermarschfetischist" Fritz Ostermayer hat mit den vorliegenden Samplern die passende Musik für morbide Seelen zusammengestellt. Teil eins dieses "Todes-Duos"versammelt allerlei Trauermärsche aus der ganzen Welt. Da trötet eine Begräbniskapelle aus Saigon, ein sogenanntes "Linksradikales Blasorchester" zelebriert den Trauermarsch, und der gute alte Tom Waits röchelt sich wieder einmal die Seele aus dem Leib. Afrikanische, Blues- und Country-Märsche sind weitere Ohrenschmäuse dieser seltsamen CD. Totenlieder sind das Thema der zweiten Kompilation: gleich ob Serbische Totenklagen, Gesänge von Heldinnen der Traurigkeit wie Lydia Lynch und Nico (Ostermayer: "Ein Eiskristall"), Edith und Karl Dworak mit ihrem Wiener Beerdigungs"hit" "Stellt's meine Ross in Stall", Hip-Hop oder alte Schellack-Aufnahmen: Trauer über alles. Trotz aller Todesklage lädt so mancher Titel sogar zum Schmunzeln ein. Naja, vielleicht doch nicht: Es ist alles schon irgendwie todtraurig... Das wunderbar mit Zeichnungen des mexikanischen Künstlers José Guadalupe Posada (sie heißen "Calaveras", "kleine Tote") illustrierte Begleitheft kommentiert die Auswahl pointiert, oftmals sogar komisch, und rundet damit diese skurrilen Streifzüge durch die Welt der Todeslieder ab. (Christina Gehrlein)

Supergrass
In it for the money

Was einem ordentlichen Studi in Heidelberg bei dem Wort Oxford einfällt: grüner Rasen, der nur von "Senior Students" betreten werden kann (wie chique!), eine Sprache, die englischer als die der BBC ist, dolle Rudermannschaften und eine Uni, die noch älter als die eigene ist. Jetzt gibt's noch eine andere Spezialität aus dem Städtchen auf der Insel: Supergrass, eigentlich ein Trio, nämlich Bassist Gaz Coombes, Danny Goffey an den Drums und Gitarrist Mickey Quinn. Und weil Blut doch dicker als Wasser ist und immer nur "unplugged" auch langweilt, spielt Coombes Bruder Ron auf seinem Keyboard in fast allen Songs mit.

Was dabei herauskommt, macht Spaß: Immer, wenn sich das Gehirn zwischen den Kopfhörern entschieden hat, an welche Pop- oder Rockgröße die Tracks von "In it for the money" erinnern, stimulieren die Klänge die Rhythmusabteilung zwischen Bauch und Herzgegend auf neue Art. Auf diese Weise bekommt ein Opfer beim Anhören eine längere Liste zusammen: die beginnt bei den "Monkees", läßt "The Who" nicht aus, erfaßt mindestens drei Stilrichtungen von Bowie, und weist außerdem noch die "Stones", Marc Bolan und "Pulp" auf. Am Ende bleibt nur die Erkenntnis, daß es sich bei diesem Album eben nicht um das Machwerk eines weiteren Vertreters des Britpop handelt, der vom Vergleich mit überlebten Stilen lebt - sondern um etwas Neues. Und das Schönste: Wahrscheinlich wollte das Trio plus Keyboard noch nicht einmal besonders originell sein, als es die Platte machte. Beim Anhören hat man mehr das Gefühl, daß ein paar Jungs, die irgendwie in ein Studio kamen, einfach viel Spaß mit ihrer Musik hatten. (gan)

Tab Two
Sonic Tools

Aus Hip-Jazz wird Trip-Jazz. Aha. Da ich noch immer auf das Wörterbuch warte, das all jene nichtssagenden Stilbegriffe erläutert, versuche ich es mit Beschreibungen. Helmut Hattler und Jo Kraus waren unter dem Firmennamen Tab Two zu Beginn der 90er Jahre eine der ersten Bands, die Jazz mit eingängigen Rhythmen unterlegten und Sprechgesang integrierten. Im Gegensatz zur Jazzkantine fristete bei Tab Two der Sprechgesang immer ein Mauerblümchendasein, gerade reichhaltig waren die Texte selten, oft auch nur einige Zeilen lang. "Sonic Tools" ist das erste Album, das sich ganz auf die Instrumente konzentriert. Zwölf bereits bekannte Stücke vorhergehender Alben wurden neu aufgenommen und reichhaltig verfeinert. Hattlers quirlige Soli auf dem Bass und Kraus' einfühlsame gedämpfte Trompete sind hervorragend aufeinander abgestimmt, die zusätzlich arrangierten Instrumente und die Percussion fügen sich nahtlos ein. Hörenswert, dieser Trip-Jazz. (papa)


Freunde tun Gutes

ruprecht erhält einen Förderpreis

Der "Verein der Freunde der Universität Heidelberg" vergibt jährlich einen Preis an studentische Initiativen, die keine Mittel aus der Kasse der Universität beziehen. Insbesondere sollen Gruppen gewürdigt werden, die durch ehrenamtliches Engagement für Studierende die Unilandschaft mitgestalten. Der Preis enthält eine einmalige Unterstützung in Höhe von 5000,- DM.

Der "Verein der Freunde der Universität Heidelberg" wurde im Oktober 1947 gegründet, um einen Kreis von Studierenden und Hochschulabsolventen zu schaffen, in dem Beziehungen ehemaliger Studierenden zueinander und zu ihrer Universität gepflegt werden könnten. Außerdem stellte sich der Verein die Aufgabe, Kontakte zwischen der Universität und den Menschen in und um Heidelberg zu knüpfen.

Im Lauf der Jahre verlor der Verein allerdings immer mehr an dynamischen Antriebskräften und führte eher ein Schattendasein im universitären Leben Heidelbergs.

1990 wurde er unter der Initiative des damaligen Rektors Volker Sellin neu belebt. Dieser ebnete den Weg zu einer umfassenderen Strukturreform innerhalb des Vereins, die sieben Jahre später durchgeführt werden sollte. Ende 1997 wurde sodann der erweiterte Vorstand für eine etwas breitere Vertretung der Studierenden geöffnet. Seitdem diskutieren acht Studis bei der Besprechung der Projekte mit.

Seit drei Jahren wird der Preis der "Freunde der Universität" jährlich verliehen. Bisherige Preisträger waren der "Romanische Keller" sowie das "Sozialhandbuch" der FSK und die "Nightline", die sich im vorletzten Jahr das Preisgeld teilten. 1997 ging der Preis an den ruprecht. Er wurde am 3. Februar in Anwesenheit des Rektors Jürgen Siebke sowie einiger Vorstandsmitglieder an Mitarbeiter der Student(inn)enzeitung in der Alten Universität feierlich übergeben. (vb)


Frisch gefischt

Diesmal: Mißbrauch der Datennetze

Das Internet als Informationsquelle zu nutzen, kursierte kürzlich in der Feldmensa, sei wie mit einem Wasserschlauch trinken zu wollen: man wird pitschnaß, ist aber immer noch durstig. Mit dieser Kolumnemöchte ruprecht Internetsurfern, denen das zu feucht wird, ein Handtuch reichen. Wer sich übrigens beim Ausprobieren der "links" das Tippen sparen möchte, kann sich auch direkt vom Internet-ruprecht durchklicken: http://ruprecht.fsk.uni-heidelberg.de/ausgaben/52/ru05.htm#frisch .

In einem Interview sagte Laurie Anderson, Elektronik sei das Lagerfeuer, um das herum wir heute unsere Geschichten erzählen:

http://www.wired.com/wired/2.03/features/anderson.html

Zu dieser Zeit war das Internet noch sehr wenigen Benutzern zugänglich. Das war auch die Zeit, in der viele naiv glaubten, Computerpornographie gäbe es im Internet gar nicht. Kein Wunder, denn die meisten benutzen das Internet für gezielte Recherchen. Doch dann fand ich sie doch: http://www.ts.umu.se/~balp/ComputerPorno.html - Nicht, daß ich zielgerichtet danach gesucht hätte... Gefunden hatte ich sie lediglich als externen Link auf einer ganz anderen Seite des WWW, in der ich eine Sammlung logischer Schaltbilder vermutet hatte: http://www.snafu.de/~dbrueg/Computer.html bietet neben den hilfreichen Schaltbildern einige Geschichten, wie es zum Beispiel wäre, wenn Microsoft Filme drehte. Realsatirisch wird es jedoch, wenn man einige Seiten sieht, die ernst gemeint sind, wie diese:

http://members.aol.com/wolkow/private/index.htm#a2 (Der Autor möge mir verzeihen, aber vielleicht ist diese Seite doch nicht so ernst gemeint?)

Sehr viel Mut gehört dazu, diesen Server zu besuchen: http://129.187.82.235/cgi-bin/STASI

Jedoch lohnt sich der Aufwand, und nach einigen Minuten des Aufenthalts erfährt der geneigte Betrachter, was wirklich auf unserem Planeten geschieht. Vorsicht ist allerdings geboten. Wer zu viele Hinweise auf seine Identität auf diesem Rechner hinterläßt, wird womöglich mit der "Götz von Berlichingen Medaille" der freien Republik Laputa beehrt.

Wem all das zu skurril ist, besucht am besten http://members.aol.com/yailla/index3.htm . Petri Heil! (oas)


Auch für Deutsche:

Battle Angel Alita

Zugegeben, über Mangas kann man viel sagen: sie seien zu einfach gezeichnet, völlig sinnlos, nicht für Europäer geeignet oder einfach nur schlecht.

Tatsächlich gelangen im Moment "Animes" oder "Mangas" nach Deutschland, die hier als Kultobjekt gehandelt werden, die allerdings kein Japaner mehr lesen würde; und immerhin sind ein Drittel der gedruckten Medien in Japan Comics. "Battle Angel Alita" vom Japaner Yukito Kishiro dagegen ist ein Manga, dem man damit nicht gerecht wird. Nicht umsonst erntet Kishiro für seine Serie weltweit Achtung, und so war es Anfang 1996 nicht verwunderlich, daß Carlsen Comics nach Katsuhiro Otomos "Akira" und den Serien von Masamune Shiro (beim Konkurrenten Fest) "Gunnm", wie die Serie im Original heißt, auf den deutschen Markt brachte.

"Battle Angel Alita" erzählt in 35 Kapiteln die Geschichte eines weiblichen Cyborgs ohne Erinnerung, woher sie kommt oder wer sie ist. Die Menschen leben mehr schlecht als recht in Sichtweite von Zalem, einer fliegenden Stadt, die als Paradies herhält. Keiner kann sie erreichen, aber jeder träumt davon. statt dessen vegetieren sie unterhalb Zalems, meist als entstellte Cyborgs ohne Moral und Gefühl. Und gerade in einem Müllhaufen, der aus Zalem herabregnet, findet Ido, ein Arzt und Vertriebener aus Zalem, Alitas Kopf und gibt ihr einen Körper. Jedoch kann Alita sich nicht erinnern, wer sie ist und so schildert die Serie ihr Streben nach ihrer Identität. Dabei hat Alita dieselben Probleme und Zweifel wie die Menschen unserer Zeit: Was zeichnet uns au, und wer sind wir eigentlich? Definieren wir uns durch unsere Taten oder doch schlicht durch unsere Existenz? So irrt Alita durch die Welt unterhalb Zalems und vollbringt mannigfaltige Abenteuer. Denn eine Sache kann Alita immer noch: Sie ist eine Kriegerin und beherrscht eine längst vergessene Kampfkunst, mit der sie sich als Kopfgeldjägerin einen Namen macht. "Battle Angel Alita" ist - ähnlich wie "Akira" - oberflächlich gesehen eine nette Science-Fiction Geschichte, die den Leser durch ihre Spannung fesseln kann; aber es steckt viel mehr in ihr. Oft wirft man den Mangas fehlende Tiefe vor; bei der Mädchenvolleyballmanschaft auf dem Weg zur Meisterschaft oder in schicke Uniformen verpackte Schülerin, die Außerirdische bekämpfen (Sailor Moon), ist diese Kritik berechtigt Kishiro tut man damit jedoch keinen Gefallen. Nur weil Kishiro in seiner kulturüblichen Art und Weise Themen aufgreift, die in Europa in der klassischen Literatur behandelt werden, darf man ihn nicht übersehen. Auch wenn es in Deutschland nicht üblich ist: Anspruch und Unterhaltung muß sich nicht ausschließen und das beweist Kishiro eindrucksvoll. (jr)


Real?

Frickel im Gloria

Regisseur Thomas Frickel hat zusammen mit dem Kabarettisten Matthias Beltz den Stoff für seinen Film "Deckname Dennis" direkt aus dem Leben geholt. Am 27. Februar wird Frickel bei einer Vorführung im "Gloria" selbst anwesend sein.

Was der Film zeigt, sieht aus wie beißende Satire - doch ist tatsächlich Wirklichkeit: die bierseligen Karnevalisten im Nikolauskostüm und fundamentalistischen Autobürger sind echt. Reingehen. (gan)

"Deckname Dennis", 27.2. im Gloria, genaue Uhrzeit unter HD 25319


Verschiedenes


Termine

Seid dabei

Vortragsreihe "Toleranz" im Institut Français, Seminarstraße 3, Bibliothek:

Mittwoch, 11.02., 20.00 Uhr:
Michel Deneken spricht über "Katholizismus und Toleranz"

Donnerstag, 12.02., 20.00 Uhr:
Jean-François Collange hält einen Vortrag über "Protestantismus und Toleranz"

Dienstag, 17.03., 20.00 Uhr:
Freddy Raphaël referiert über "Intoleranz, eine immer neue Versuchung. Eine jüdische Sichtweise."

Mittwoch, 25.03.'98, 20.00 Uhr:
Michel Bardot über "Die Weltsicht des Koran"

Filmvorführungen im DAI und im SAI

Montag, 09.02., 16.00 Uhr, im SAI (Südasieninstitut, Raum 306):
"Raja Hindustani", Kultfilm des Hindu-Kinos von 1997

Dienstag, 17.02., 20.00 Uhr im DAI (Sofienstr. 12):
"Metropolis" (Fritz Lang, 1927); Martin Münch begleitet die Filmvorführung live am Klavier

Freitag, 13.03., 20.00 Uhr im DAI:
"Moderne Zeiten" mit Charlie Chaplin, USA, 1935
Live am Klavier: Peter Martin

Vortag im Deutsch Amerikanischen Institut (DAI):

Mittwoch, 18.02., 20.00 Uhr:
Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo und Abgeordneter im Europäischen Parlament, spricht über "Organisierte Kriminalität: Erfahrungen im Kampf gegen die Mafia". Orlando gilt international als stärkster Bekämpfer der Mafia und ist somit einer der gefährdetsten Männer der Welt.

Hochschulpolitische Veranstaltungen:

Dienstag, 10.02., 18.30 Uhr, Neue Uni, HS 1:
Vortrags- und anschließende Diskussionsveranstaltung zum M.A.I. (Multilateral Agreement on Investment)

Studium Generale:

"Sucht"
Montag, 09.02.'98, 19.30 Uhr, Aula der Neuen Universität:
Prof. R. Verres, Universität Heidelberg, spricht über "Sehnsucht und Erfüllung"; unterlegt mit musikalischen Improvisationen.


Impressum

Wer wir sind

cht, die Heidelberger Student(inn)en Zeitung, erscheint drei Mal im Semester, jeweils Anfang Mai, Juni, und Juli, bzw. November, Dezember und Februar. Die Redaktion versteht ruprecht als unabhängiges Organ, das keiner Gruppierung oder Weltanschauung verpflichtet ist. MitarbeiterInnen und RedakteurInnen sind willkommen; die Redaktion trifft sich während des Semesters jeden Montag um 20 Uhr im Haus der Fachschaften in der Lauerstr. 1, 3. Stock. Für namentlich gekennzeichnete Artikel übernimmt der/die AutorIn die Verantwortung.

V.i.S.d.P.: Gundula Zilm, Schiffgasse 9, 69117 Heidelberg

Redaktionsadresse: ruprecht, Lauerstr.1, 69117 Heidelberg, Tel./Fax 06221/542458

E-Mail: ruprecht@urz.uni-heidelberg.de

Druck: Caro-Druck, Kasseler Str. 1a, 60486 Frankfurt

Auflage: 12.000

Graphiken: papa

Die Redaktion: Verena Bopp (vb), Katharina Hausmann (kh), Kerstin Hilt (kebi), Carola Leube (cl), Gabriel A. Neumann (gan), Harald Nikolaus (hn), Patrick Palmer (papa), Jannis Radeleff (jr), Klaus Werle (kw), Bernd Wilhelm (bw), Gundula Zilm (gz)

Freie Mitarbeiter(innen): John Philipp Baesler (jba), Christian Collet (col), Marc Goergen (mg), Alexandra Hepp (ahe), Christiane Hoyer (hoy), Martina Imkeller (mi), Marcus Müller (mm), Katrin Osterkamp (ko), Oliver Saß (oas), Kristin Schneider (krs), Sandra Thoms (st), Stephanie Vetter (sv), Stefanie Wegener (stw)

Red.-Schluß für Nr. 53: 27.4.1998

ISSN: 0947-9570

ruprecht im Internet:

http://ruprecht.fsk.uni-heidelberg.de


Uuups!

Berichtigung

Kaum paßt man mal nicht ganz genau auf, ist es schon passiert: In der Dezember-Ausgabe (Nr. 51) ist uns doch glatt ein Fehler unterlaufen. Im Artikel "Die mit den Mücken tanzen" auf Seite 11 machten wir aus einem Elephanten eine Mücke. Unsere untertänigste Entschuldigung an die Geschädigten:

Karate ist ein beliebter Sport in Heidelberg: Noch während des Verteilens wurden die ruprecht-Redakteure gleich von mehreren Karatekas auf einen Irrtum hingewiesen. Der Artikel befaßte sich mit den Deutschen Hochschulmeisterschaften Karate in Heidelberg im November letzten Jahres: Und da hatte die Uni Heidelberg genau wie letztes Jahr den zweiten Platz der Gesamtwertung belegt - im Artikel war das Gegenteil behauptet worden. War keine Absicht! Was aber die Hochschulmeisterschaften 1998 angeht: Viel Glück dabei - vielleicht klappt's ja diesmal mit dem ersten Platz!


Personals

Ganz ernst gemeint

Red.! Ich steh' halt auf Knöpfe. - Patrick
Bernd! Es ist stärker als ich; ich bin auch nur ein Mann. - Gabriel
Patrick! Ich will! - Christian
Bernd! Die letzte Nacht spielt keine Rolle. - Verena
Bertelsmann! Danke für die schnelle Hauspost. - gan
Domenika! Wir danken Dir innigst für die mutige Aufklärung unserer vielen LeserInnen! - Die Redaktion
papa ! Ich habe viele gute Freunde, da brauche ich keinen Psychologen.- bw
Patrick! Liegt das an Deiner Kindheit - oder hast Du immer schon so gesprochen? - Gundula
Leute! Ich muß mir heute abend noch mit meinem Lötkolben die Maus von der FSK vornehmen. - Harald
Alice! Schau mal auf http://www.bernd.de - Die Lesben
Frosch! Am 14. ist kein Layout. - gan
Schreiberin! Ich wünsche Dir einen Sommer ohne Schweigen. - Stufenläufer
bpe! Früher war's beim Griechen irgenwie besser. - bw, gz
Romano! Non dimenticare "Gianni"! - La Heidelbergese
Jannis! Wir werden Dein Bill-Gates-Mousepad vermissen. - Die Red.
Chaotischer Perfektionist! Du brauchst einen Manager! - Die, die diesen Job nicht macht
Haserl! Ich darf Dich an die Therapiespanne von drei Jahren erinnern! Nicht verzweifeln! - Die Schnitte
Julius! Hat Dein Papa auch die richtigen Aktien? - Die kleine Schwester der großen
Bergsteiger! Bring mir beim nächsten mal ein bißchen Schnee mit. - Die Arbeitende
Bernd! Dein Shirt paßt klasse ins AFLR...ups, UFLR. - Gundula
Kirschblüte! Ich muß Dich bald mal wiedersehen. Nächstes Jahr im April? - Die Melancholische
Papagotchi! Kaffeetrinken! - die Schneckenzentrale
HL-Markt! Deine Doppelkeksfüllung schlägt die des Handelshofes um Längen. - Die Keks-Junkies
Reiche Mädchen mit schlanken Handgelenken und wenig Testosteron! Bitte melden: 0 62 01/72 12 9 -Die, die es nicht mehr mitansehen können


Leserbriefe

Hier habt ihr das Wort

Das ruprecht-Logo: Seit es das Titelblatt des ruprecht ziert, aber allerspätestens seit seiner Verbreitung auf diversen Flugblättern während des Streiks im letzten Jahr, gilt es als Verkörperung der Ruperto Carola überhaupt. Doch einige unserer LeserInnen wissen mehr über den ominösen Herrn, als es deren Schöpfer erwartet hätte:

Als der ruprecht zehn wurde und Heidelbergs Studierende die fünfzigste Ausgabe ihrer Zeitung feiern konnten, erinnerten sich "ruprecht-Altredakteure" zurück an die Anfänge des Blattes. "Spätestens seit der ruprecht nicht mehr SCHLAGLOCH heißt, ist die Versuchung übergroß, sich ihn als lebendiges Wesen vorzustelle", lasen wir da zum Beispiel in Bertram Eisenhauers Beitrag. Wir lernten: ruprecht hatte mal einen anderen Namen, und mit dem neuen verbindet Bertram das Bild etwas Lebendigen. Wir lernten nicht: Daß SCHLAGLOCH umbenannt wurde, als "ruprechts" Konterfei auf der Titelseite erschien - denn wo "ruprecht" drauf ist, muß auch ruprecht drinnen sein - und daß das "lebendige [ ] Wesen", der Körper zu dem Männerkopf, einmal real existiert hat und vermutlich deshalb so leicht vor Bertrams geistigem Auge zu erscheinen vermag. Der ist nämlich auch einer der wenigen, die wissen, wer "ruprecht" im wirklichen Leben war. Eine Spontanumfrage unter Studierenden ergab: Wer sich überhaupt schon einmal Gedanken darüber gemacht hat, wer denn der sei, dessen Profil den ruprecht seit etlichen Jahren schmückt, vermutet in ihm den Gründer der Heidelberger Universität oder zumindest einen der ehemaligen Rektoren.

Alles falsch! Der gute Mann, um den es sich hier handelt, hat nichts, aber auch gar nichts mit Deutschlands romantischer Stadt zu tun. Geschweige denn deren Hochschule. Der 1791 Verstorbene hätte noch nicht einmal das Wort "ruprecht" richtig aussprechen können. Als Engländer wäre er an "r" und "ch" gescheitert, der ominöse John Wesley, Begründer des Methodismus. Was er wohl gesagt hätte, hätte man ihm prophezeit, er werde zweihundert Jahre nach seinem Tod noch einmal zu solch ungewöhnlichen Ehren kommen? Auf zwei Studentenzeitungen abgedruckt zu werden, das will was heißen. - Zwei? Ja, zwei. Sonst hätte das Rätsel von "ruprechts" Herkunft auch nicht gelöst werden können. Es bedurfte eines Atlantikfluges, um dem anderen Wesley-Konterfei zu begegnen.

In Connecticut nämlich, auf einem Hügel nahe dem Städtchen Middletown, liegt die von Methodisten gegründete Wesleyan University. Dort, genau so wie hier auch, berichten studentische Redakteure/innen regelmäßig (zweimal wöchentlich!) über Themen des Studialltags. "Argus" heißt ihr Blatt, und auf der Titelseite prangt: "ruprecht", äh, ich meine Wesley. So ernst dreinblickend, so langhaarig, so alt, mit anderen Worten: Exakt so wie in Heidelberg! Fragt sich, wie dieses Emblem den Weg hierher fand. Bertram wir es uns erzählen können. Immerhin war er einmal als Austauschstudent für ein Jahr an der Wesleyan University.

Domenika Ahlrichs

"Hey Leute, vielleicht könnt Ihr mir ja helfen!
Mein Problem: Ich hab im Skiurlaub jemanden kennengelernt.

Und jetzt ich ihn wahnsinnig gern wiedersehen, das einzige was ich allerdings weiß ist, daß er in Heidelberg studiert, Erich oder Erik heißt, an der Augenbraue gepierct ist und mit einem Freund über Silvester in Königsleiten skifahren war. Ach ja, ich heiße Katja und komme aus Nürnberg.
Ich wäre Euch sehr dankbar, wenn Ihr mir irgendwie helfen könntet!!!!!!! Getroffen habe ich ihn übrigens am 30.12.97 im "Nightshift"!
D A N K E,

Eure Katja!"

Wessen Herz beim Lesen dieser Zeilen ins Stolpern kam, kann unter Chiffre 52/11-3 per Post oder E-mail an die Redaktion schreiben.
Im Erfolgsfall erwarten wir aber wenigstens eine Postkarte mit dem Trauungstermin!