Historie

Der jüdische Friedhof in Heidelberg

Langsam öffnet sich das schmiedeeiserne Tor mit dem goldenen Davidstern und lädt ein, den Weg fortzusetzen. Der Blick wandert über die letzten Ruhestätten. Auf den Grabsteinen zurückgelassene Steine zeugen von Besuchen. Besuche von denjenigen, deren Freunde, Verwandte und Geliebte hier auf dem jüdischen Friedhof in Heidelberg ihre letzte Ruhe gefunden haben.
„Angelegt wurde der Friedhof im Jahre 1876“, erläutert Hans-Martin Mumm, erster Vorsitzender des Heidelberger Geschichtsvereins und Kenner der jüdischen Geschichte Heidelbergs, die Historie des würdevollen Ortes, „der alte Klingenteichfriedhof musste zu dieser Zeit geschlossen werden, da sich Anwohner über die jüdischen Gräber in ihren Nähe beschwerten.“
Auch wenn es heute so erscheine, dass der Friedhof ein Teil des Bergfriedhofs sei, fährt Mumm fort, so sei beim Anlegen der ersten jüdischen Gräber die Außengrenze des christlichen Friedhofs noch weit entfernt gewesen. Erst in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts sei diese an die jüdischen Ruhestätten herangewachsen. „Doch selbst seit dieser Zeit ist der jüdische Friedhof nie ein Teil des Bergfriedhofs gewesen“, versucht Hans-Martin Mumm Mißverständnissen vorzubeugen, „es gab auf Wunsch der jüdischen Gemeinde nur zwei Verbindungswege und die mussten nach Betreten mit einer Kette verschlossen werden.“
Ein Spaziergang über den Friedhof gleicht einer Reise in die jüdische Vergangenheit Heidelbergs. Norbert Giovannini, zweiter Vorsitzender des Geschichtsvereins, erläutert die Quellen des Friedhofs: „Anhand des Beerdigungsbuches und der Einbürgerungsakten der Stadt Heidelberg lassen sich Biographien von sehr vielen, die hier liegen, nachvollziehen. So mancher kann als Beispiel für die Emanzipationsgeschichte der Heidelberger Juden gelten.“
Wie Gustav Weil. Der Orientforscher hatte sich sein Wissen auf langen Reisen durch Nordafrika angeeignet. Da es jedoch in der Mitte des letzten Jahrhunderts für Juden nicht möglich war, einen höheren Posten an einer Hochschule zu bekommen, wurde er zunächst in der Universitätsbibliothek angestellt. Dort hatte er die Zeit, seine Reiseerfahrungen niederzuschreiben. Sie wurden zu einem Standardwerk, und so blieb der Universität im Jahre 1861 nichts übrig, als ihm als erstem Juden an einer deutschsprachigen Hochschule eine Professur zu verleihen.
Der Weg über den Friedhof führt weiter nach oben. Lateinische und hebräische Inschriften illustrieren den Assimilationsprozess in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Doch es finden sich keine Grabeinfassungen, eine durchgehende Rasenfläche bedeckt die Gräber. Dies sei jedoch nicht als eine spezifisch jüdische Tradition zu verstehen, erklärt Hans Martin Mumm: „Im Jahr 1977 hat die Stadt Heidelberg die gesamte Fläche mit zwanzig Zentimeter Humus bedeckt und darauf Rasen gesät.“ Kann man an den frühen Gräbern die Emanzipationsgeschichte der Juden verfolgen, spiegeln sich in den Grabsteinen jüngerer Toter die dunkelsten Kapitel der deutschen Vergangenheit. „Buchenwald“ und „Bergen-Belsen“ als Todesorte bezeugen den millionenfachen Mord des Nationalsozialismus. Nur noch wenige Juden wurden seit dem Ende der dreißiger Jahre hier wirklich bestattet. 1940 zwang Heidelberg die jüdische Gemeinde zum Verkauf, der Großteil der Heidelberger Juden wurde deportiert. Im Herbst 1941 und 1943 kam es zu Plünderungen und Verwüstungen.
1954 wurde der Friedhof wieder der jüdischen Gemeinde übergeben, Grabsteine mit den Daten der letzten Jahrzehnte bezeugen das jüdische Leben auch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Doch auch sie sind schlicht und einfach. Es scheint, als gäbe die Widmung auf dem Grab Eduard Reis‘, Fabrikbesitzer in Bergheim zu Beginn des Jahrhunderts, auch heute noch das mahnende Beispiel: „Was glänzt, ist für den Augenblick geboren / das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.“

(mg)    


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 65