Autonom und heimatlos

Begonnen hat alles 1989 mit der Gründung der „Ini­tiative für ein Autonomes Zentrum“ (AZIni). Das Ziel: Einen „Gegenpol zur Kommerzkultur in der übrigen Stadt“ zu schaffen. Es folgten erste Verhandlungen mit der Oberbürgermeisterin (OB) Beate Weber. Im März 1991 bezog die AZIni die alte Glockengießerei bei der Stadtbibliothek und schloss als Trägerverein „Gegendruck“ mit der Stadt einen Nutzungsvertrag. Von Anfang an stand fest: Wenn die Stadt Investoren für das Gelände findet, muss die Initiative weichen.

Das Autonome Zentrum Heidelberg (AZ) war geboren. Obwohl es hauptsächlich für seine Partys bekannt war, stand die politische Arbeit im Vordergrund: Für jedes Thema gab es unter der Obhut der Autonomen ein Forum. Bei Partys fanden bis zu 1000 Personen auf zwei Stockwerken in dem Gebäude Platz.

Die selbstverwaltete Bewegung schien zu beflügeln. Aus Partygängern wurden politische Aktivisten. Die Besucher aus allen Schichten brachten neue Ideen hervor. So entstanden die Antifa Heidelberg, Lesben- und Schwulentreffs, Männergruppen und vieles mehr. Mit zwanzig Veranstaltungen und Vorträgen im Monat avancierte das AZ zum aktivsten Treffpunkt der Region. Nebenbei konnte man einen Infolanden mit linker Literatur und ein Fotolabor frei nutzen. Die alternative Kultur stand in neuer Blüte, wie seit den späten Sechzigern nicht mehr. Das Angebot hatte eine erstaunliche Vielfalt. Von Punksessions und „Hip-Hop-Battles“ bis hin zu türkischen Hochzeiten. Das Ende kam im Frühling 1996 mit der ersten Kündigung wegen einer Neubebauung des AZ-Areals.

Prompt folgten Demos für den Erhalt des Zentrums. Dennoch wurde das Gebäude am 31. Januar 1999 endgültig geräumt. Siebeneinhalb Jahre AZ gehen zu Ende. Tags darauf: der Abriss.

Ein Jahr später ergab eine Studie der Heidelberger Politologen, dass 56 Prozent der Heidelberger Bürger eine Neuauflage wollen. Unter den 24-35-Jährigen waren es 80 Prozent. Die Suche nach einer neuen Heimat begann. Es wurden Konzepte für eine Renaissance erarbeitet. Das Bahnausbesserungswerk in Wieblingen, Schlierbacher Bahnhof, Hilde‘s Hellebäch‘l, oder sogar die Halle 02? – Mal scheiterte es am Widerstand der Anwohner, mal an Vermietern, dann an den Ansprüchen der AZler.

Da die bürgerliche Gemeinderatsmehrheit kein neues AZ will und die städtische Finanzlage desolat ist, werden die Autonomen weiter auf sich selbst und vor eine ungewisse Zukunft gestellt sein.

(phe, rl)    


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 88