Des Anwalts neue Ehrlichkeit

Michel Friedman über mehr Anarchie und weniger Gel im Haar

Michel Friedman (* 25. Februar 1956 in Paris) ist Rechtsanwalt, Politiker und Fernsehmoderator. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium studierte er Jura. Er war stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland (2000-2003). Im Juni 2003 geriet Friedman im Rahmen eines Strafprozesses, bei dem es um illegalen Menschenhandel im Rotlicht-Milieu ging, in das Visier der Staatsanwaltschaft. Am 8. Juli 2003 akzeptierte Friedman einen Strafbefehl wegen Kokainbesitzes in Höhe von 17000 Euro. Gleichzeitig trat er von allen öffentlichen Ämtern zurück. In den Monaten darauf nahm er einen Posten als Aufsichtsratsmitglied der Firma Wall AG an. Er ist mittlerweile auch Herausgeber für den Programmbereich „Politisches Buch“ beim Aufbau-Verlag.

Sie haben neulich öffentlich mehr Anarchie in den Köpfen der Studenten gefordert, dass wir „zu wenig spinnen“ würden. Können Sie das konkretisieren?

Ich glaube, dass der Fortschritt nur dann erreicht wird, wenn man das Bestehende in Frage stellt. Das heißt nicht, dass man nach dem In-Frage-Stellen, das Bestehende nicht noch einmal bestätigen kann, aber im Bestehenden zu leben bedeutet Stillstand. Es ist die Aufgabe der jungen Generation, jeder jungen Generation, das Bestehende grundsätzlich in Frage zu stellen. Das ist die Voraussetzung, um das Gefängnis des Denkens zu öffnen und ich wünsche mir, dass es in der jungen Generation mehr davon gäbe, als ich es momentan wahrnehme.

Warum haben Sie Ihr Medizinstudium abgebrochen?

Der Wunsch, Medizin zu studieren, stammt von meinem Vater, der mich immer angefeuert hat, Arzt zu werden. Ein Berufstraum, den er selber hatte. Ich habe das zwei Jahre gemacht und gemerkt, sein Traum ist mein Albtraum, weil ich mit Naturwissenschaften auf Kriegsfuß stehe. Ich habe mich dann für meine ureigene Sehnsucht entschieden und bin in die Geisteswissenschaften zu Jura gegangen.

Seit einem halben Jahr sind Sie wieder im Licht der Öffentlichkeit. Bilanz?

Der Mensch macht Fehler, der Mensch muss Konsequenzen aus seinen Fehlern ziehen, er muss lernen und dann muss man weiterleben und wieder aufstehen. Hoffentlich mit dem Erfahrungswert, den man im Guten wie auch im Schlechten macht.

Die Frankfurter Rundschau schreibt, die Äußerungen Michel Friedmans seien für eine Gesellschaft, die nicht in zynische Gedankenlosigkeit verfallen wolle, notwendig. Braucht Deutschland Michel Friedman?

Man soll sich nicht überbewerten, eine pluralistisch-demokratische Gesellschaft braucht jeden einzelnen. In dem Sinne bin ich auch einer von den vielen Einzelnen.

Kann es nicht sein, dass Sie die Öffentlichkeit mehr brauchen als die Öffentlichkeit Sie braucht?

Mit Sicherheit nicht.

Ist deutsche Kritik an der israelischen Regierung unter Premier Ariel Scharon immer noch oder wieder ein Tabu-Thema?

Nie gewesen. Israel und Israels Politik unterschiedlicher Regierungen wurde, seitdem ich in Deutschland politisch denken kann, immer wieder kritisiert. Übrigens, die größte Kritik an der israelischen Regierung stammt aus Israel selbst. Es ist ein demokratisches-pluralistisches Land. Aber, wenn sachliche Kritik in eine Demagogie übergeht, dann geht‘s nicht mehr darum, ob Kritik berechtigt ist. Bemerkungen, die unter der Gürtellinie sind oder Vergleiche, zum Beispiel, dass die Israelis sich wie Nazis benehmen, sind nicht Kritik, sondern unhaltbar.

Laut dem Antisemitismus-Forscher Werner Bergmann verzeichnet die Wissenschaft erstmals seit einem halben Jahrhundert wieder eine signifikante Zunahme antisemitischer Einstellungen in der deutschen Bevölkerung. Einer Umfrage der amerikanischen Bürgerrechtsorganisation „Anti-Defamation League“ (ADL) zufolge denkt heute jeder dritte Deutsche antisemitisch. Was halten Sie von diesen Zahlen?

Alle wissenschaftlichen Untersuchungen aus Deutschland zeigen, dass es ein Potenzial von ungefähr 20 Prozent an Menschen gibt, die mit judenfeindlichen Vorurteilen leben. Das ist jeder Fünfte, das ist eine ungeheuere Zahl und zeigt, wie dringend es dagegen anzugehen gilt. Unsere Gesellschaft hat viel zu viel Angst vor dem Anderen, dem Fremden. Ich habe nicht Angst vor der Vielfalt der Menschen, sondern vor ihrer Einfalt.

Woher stammt denn die Angst der Deutschen, mit einer Israel-Kritik fast automatisch in eine antisemitische Ecke gestellt zu werden?

Sie ist sachlich und objektiv falsch, sie entspringt einem gestörten Verhältnis zu sich selbst.

Der israelische Minister für Jerusalem und die Diaspora, Nathan Sharansky, machte in diesem Zusammenhang einen praktikabel erscheinenden Vorschlag. Zur Unterscheidung zwischen legitimer Israel-Kritik und Antisemitismus schlägt er einen „Drei-D-Test“ vor. Wo Israel dämonisiert, mit doppeltem Maßstab gemessen oder als Staat delegitimiert werde, liege Antisemitismus vor. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Ich kann damit sehr gut umgehen. Ich glaube, dass er damit sehr richtige Kriterien formuliert hat.

In einer „Berliner Erklärung“ verständigten sich die OSZE-Vertreter schließlich auf eine Verurteilung des Antisemitismus „in allen seinen Formen“. Dass der rechtsextremistische Radau-Antisemitismus mit allen Mitteln bekämpft werden muss, und dass Hasstiraden im Internet keine Chance haben dürfen, sind wohlfeile Forderungen. Das klingt alles sehr bekannt, aber auch ein bisschen hilflos, oder? Ist das nicht alles zu wenig?

Man muss auch ein Stück kritisch die OSZE-Konferenz begleiten. Es sah so aus, als ob die Repräsentanten aller 55 Länder die Lösung gegen den Antisemitismus diskutieren. Aber: ein Teil dieser Länder, der Länderregierungen, aber auch der Länder, die repräsentiert wurden, sind auch ein Stück weit die Ursache von Antisemitismus. Jahrelang, jahrzehntelang ist das Thema vernachlässigt und bagatellisiert, teilweise aber auch von offiziellen Regierungen nicht bekämpft worden. Hier gibt es ein großes Nachholbedüfnis. So gesehen kann man nur hoffen, dass den Worten aus der Konferenz endlich auch Taten folgen werden.

Zumal die Kollaborationsgeschichte vieler osteuropäischer Staaten jetzt mit dem EU-Beitritt erst so richtig zur Sprache kommen könnte.

So ist es. Die geschichtliche Aufarbeitung ist die Voraussetzung, um auf einer neuen Plattform miteinander umgehen zu können. Aus Geschichte lernen heißt, die Zukunft besser zu machen.

Wie engagieren Sie sich beim Aufbau-Verlag im Kampf gegen den Antisemitismus?

Der Aufbau-Verlag ist einer der traditionsreichsten und ältesten Verlage im deutschsprachigen Raum. Wir sind ein links-liberaler Verlag, der sich der Aufklärung verpflichtet fühlt und Aufklärung ist eigentlich das grundsätzliche Stichwort, auch was den Antisemitismus angeht. Dort, wo eine Gesellschaft den Abweichenden, den Minderheiten, eine liberale offene gesellschaftspolitische Atmosphäre entgegensetzt, dort blüht eine Gesellschaft. Dort, wo eine Gesellschaft Minderheiten unterdrückt, geht die Gesellschaft insgesamt unter.

Terre des Femmes-Geschäfts-führerin Christa Stolle forderte Sie nach dem Bekanntwerden des Skandals um Kokain und Prostituierte in der Frankfurter Rundschau dazu auf, prominenter Unterstützer der Kampagne „Männer setzen Zeichen“ zu werden, die sich gemeinsam mit anderen Frauenorganisationen und Männergruppen (unter anderem Männer gegen Männer-Gewalt) für ein partnerschaftliches und gleichberechtigtes Geschlechter-verhältnis einsetzt. Haben Sie bei ihr mal angerufen?

Nein, ich habe viele Anfragen auf Engagement und habe mich in diesem Fall entschieden, das nicht zu tun.

Darf ich fragen, warum?

Nö.

Nach Ihrem ersten TV-Auftritt bei Sabine Christiansen war zu lesen: „Er ist menschlicher geworden. Er hat das Manipulieren verlernt. Er kann sich die Reaktionen der Menschen nicht mehr hundertprozentig ausrechnen. Der PR-Stratege in ihm hat versagt. Das ist der neue Friedman.“ Was ist der neue Friedman?

Das sollen die Menschen entscheiden.

Sie benutzen weniger Gel, färben Ihre Haare nicht mehr. Sind das Zeichen einer neuen Ehrlichkeit?

Erstens habe ich meine Haare nie gefärbt und zweitens finde ich das sehr bemerkenswert, wenn das Bemerkenswerte an meiner Person von Ihnen in der Frage meiner Haarkunst diskutiert wird.

Das ist das Ergebnis einer genauen Beobachtung.

Ich finde das eine sehr oberflächliche Beobachtung. Wenn das das Entscheidende für Sie ist, wer ein Mensch ist, dann sollten Sie darüber nachdenken, wie Sie in Zukunft Ihre eigenen Haare tragen.

Haben Sie einen Traum wie dieses Land aussehen müsste?

Multikulturell, bunt, streitfreudig, den Mitmenschen zugewandt. „Den Menschen zugewandt“ bedeutet, das Wunder eines jeden einzelnen Menschen kennenzulernen. Das sind Höhen und Tiefen, das sind Fehler und Rückschläge, aber letztendlich ist der Mensch nach wie vor der Mittelpunkt einer Gesellschaft. Ich würde mir wünschen, dass wir keine Angst vor den Fremden haben, sondern eine tiefe Sehnsucht kennenlernen, warum Menschen anders sind als ich, anders als Sie. Man muss dabei nicht werden wie die anderen, aber man hat eine Chance, seine eigene Beschränktheit ein Stück weit zu öffnen und sich zu entwickeln.

Wir danken für das Gesrpäch.

(olr)    


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 90