Jurist gegen die Justiz

Am 11. April 1968 wurde der Studentenführer Rudi Dutschke bei einem Attentat in Berlin niedergeschossen und schwer verletzt. Dem vorausgegangen war eine durch verkürzte und verzerrte Berichterstattung hervorgerufene Meinungsmache der Springerpresse gegen die 68er Bewegung, bei der besonders Dutschke zum „Staatsfeind Nr. 1“ abgestempelt worden war. In der Folge kam es zu heftigen Krawallen. Von Gründonnerstag bis Ostermontag fanden in 27 Städten ganz Deutschlands Demonstrationen statt, die sich vornehmlich gegen Einrichtungen des Springerverlags richteten. Gegen 827 beteiligte Personen wurden daraufhin polizeiliche Ermittlungsverfahren eingeleitet; unter ihnen war Jürgen Laubscher. Laubscher, Jahrgang 1938, ging in Mannheim zur Schule und begann nach dem Abitur 1958 noch im selben Jahr sein Jurastudium in Heidelberg. Ende 1968 schloß er sein Studium mit dem zweiten Staatsexamen ab und bewarb sich bei der Anwaltskammer um seine Zulassung als Anwalt.
Am 12. April 1968, also einen Tag nach dem Dutschke- Attentat, entschließen sich einige Heidelberger Studenten zu einer Esslinger Druckerei zu fahren und dort die Auslieferung der Bildzeitung zu verhindern. Auf die Frage, ob auch er auch dabei war, schweigt Jürgen Laubscher bis heute. Die Hofausfahrt des Betriebes wird von den Demonstranten blockiert und die Zufahrtsstraßen mit Autos und Telegrafenmasten versperrt. Als die Polizei eingreift, kommt es zu Übergriffen, Prügeleien und Festnahmen. Bildzeitungen werden in den Neckar geworfen.
Einige Zeit später erreicht Laubscher eine gerichtliche Vorladung zu einer Vernehmung in Zusammenhang mit der Auslieferungsblockade in Esslingen. Als einzigen Beweis für seine Teilnahme an der Demonstration präsentiert der zuständige Richter Laubscher ein Foto seines ordnungsgemäß in Esslingen abgestellten Autos.
In der folgenden Vernehmung macht Jürgen Lauscher von seinem Recht als Beschuldigter Gebrauch und verweigert die Aussage - ein normaler und legitimer Vorgang. Daraufhin wird das Gerichtsverfahren gegen ihn von den Behörden aus Mangel an Beweisen eingestellt.
Im Antrag auf Zulassung als Anwalt gibt er das eingestellte Ermittlungsverfahren gegen ihn an und zieht somit das Mißtrauen der konservativen Karlsruher Anwaltskammer auf sich. „Mit nicht zu übertreffender Liberalität“, so deren Präsident Adolf Kulzinger, wurde der Fall geprüft. „Dennoch sei man zu dem Schluß gekommen, dass Jürgen Laubscher unwürdig ist, den Anwaltsberuf auszuüben.“ Gegen dieses Urteil legt Jürgen Laubscher daraufhin Klage beim Oberlandesgericht in Stuttgart ein.
Die Publizierung der Stellungnahme des Karlsruher Richters führt zu einer Welle der Empörung in den liberalen Medien, und auch in der Anwaltschaft schlägt die Stimmung um.
In der Folge wird der Vorstand der Anwaltskammer ausgewechselt und mit liberaleren Juristen besetzt. Erst Ende 1969, und damit eineinhalb Jahre nach der Esslinger Blockadeaktion, wird Laubschers Klage stattgegeben. Er wird als Anwalt zugelassen und engagiert sich unter anderem für die Verbesserung der Haftbedingungen von politische Häftlingen. Heute hat Jürgen Laubscher seine eigene Kanzlei in Heidelberg, wo er auch mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen lebt. Die turbulente Phase Ende der 60er Jahre war in seinem Leben nur ein Zwischenspiel mit beschränkter materieller Bedeutung.
Für einige seiner damaligen Kommilitonen hat das Aufeinandertreffen von konservativer Justiz und jugendlicher Revolte das Ende ihrer Karriere bedeutet.

( wro)    


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 66