Putschversuche am PC

Rollenspiel simuliert Leben in der Bananenrepublik

Eine sonnige Insel in der Karibik, eine gewisse Menge an Bestechungsgeldern um sich dort gut einzurichten – was will man mehr? Bisher lag die Erfüllung dieses geheimen, aber omnipräsenten Wunschs leider oft in unerreichbarer Ferne. Doch jetzt kann der Traum Wirklichkeit werden – zumindest virtuell.

„Tropicali“ heißt der Platz an der Sonne, oder besser gesagt die neue Generation der forumbasierten Online-Rollenspiele, bei der man sich seit nunmehr einem Jahr per Tastendruck so richtig austoben kann. Und die in puncto kubanischem Flair keine Wünsche offen lässt: Denn die tropische Internet-Insel bietet ein reiches Potpourri an autoritären, vielleicht diktatorisch anmutenden Elementen – von korrupten Staatsdienern über die Inhaftierung unliebsamer Oppositioneller bis zur monatlichen Umfrage „Lieben Sie den Präsidenten?“.

„El Presidente“ – das ist er: Dennis Jlussi. Als Domingo Vecino Abdonez steht er der simulierten Bananenrepublik vor. Selbst sei er noch nie auf Kuba gewesen, gibt der Jurastudent aus Hannover zu. Dennoch ist der Vorbildcharakter des karibischen Regimes für Tropicali nicht nur offensichtlich, sondern auch beabsichtigt. „Wie eine Demokratie funktioniert wissen wir alle, da kann man sich leicht reinfinden. Aber herauszufinden wie eine Bananenrepublik funktioniert, ist viel spannender“, umreißt Dennis aka Domingo. Demokratische Mikronationen gebe es schließlich schon genug, das Simulationskonzept von Tropicali sei ein Anderes.

„Tropicali ist die erste Mikronation, die versucht, verschiedene gesellschaftliche Gruppen fest zu etablieren“, erklärt Dennis Jlussi. Und tatsächlich: Von Parteien über Bankenwesen und Justiz bis hin zur Fußball-Liga – alle essentiellen Facetten eines Staates haben hier ihren Platz. So können sich die Mitspieler auch nicht nur eine Hauptidentität in Form eines politischen Amtes zulegen; die tropicalischen Staatsbürger können sich zugleich eine militärische und eine kirchliche Identität sowie anlassbezogene Nebenidentitäten schaffen. Gemessen an der Beitragszahl seien demnach auch die gesellschaftlichen Themen am besten besetzt, meint Dennis: „Small Talk kann man ja auch am besten ausspielen, zum Beispiel wer wo sein Schnitzel isst.“ Im Kern sei Tropicali jedoch eine Politiksimulation.

Dennoch steht kein wissenschaftlicher Anspruch hinter der virtuellen Bananenrepublik, wie der Präsident betont: „Ich finde es einfach hochinteressant die verschiedenen Entwicklungen zu erleben.“ Nicht zuletzt liege der Hauptspaß für ihn darin „zu sehen, wie sich die Leute kreativ in verschiedene Situationen hineindenken“.

Lust bekommen auf einen Hauch karibisch-autokratische Atmosphäre in den eigenen vier Wänden? Dann aber flugs die tropicalische Staatsbürgerschaft beantragt! Und wer weiß, vielleicht ist ja sogar die Machtübernahme nur einen kleinen Putsch entfernt.



Infos: www.tropicali.de

(lgr)    


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 100