Dann gebt eure Handys wieder her!

Henryk M. Broder über Europas Kapitulation

Europas mangelnde Standhaftigkeit quält ihn. Seit langem warnt der in Berlin lebende Publizist Henryk M. Broder vor wachsendem islamischen Einfluss in Europa. In seinem 2006 erschienen Buch „Hurra, wir kapitulieren“ kritisiert er den europäischen Unwillen, die liberalen Werte entschlossen zu verteidigen. Angesichts der Verleugnung der eigenen kulturellen Identität prognostiziert der 1946 geborene Sohn jüdischer Holocaustüberlebender der europäischen Zivilisation eine düstere Zukunft.


ruprecht: Herr Broder, Ihr aktuelles Buch verkauft sich besser als all Ihre bisherigen zusammen. Woher kommt der Erfolg?

Henryk M. Broder: Es ist zum richtigen Zeitpunkt erschienen. Ich habe tatkräftige Unterstützung von Agenten meiner Sache erfahren: zuerst vom Papst, dann von der Intendantin der Deutschen Oper in Berlin. Es gibt Sachen, über die lange nicht, oder nicht genug, gesprochen wurde. Die sind dann so massiv geworden, dass man sich ihnen nicht mehr entziehen konnte.


Sind wir so feige, dass wir die Realität immer verdrängen?

Jede Gesellschaft braucht Zeit, um sich bestimmter Sachen bewusst zu werden. Vieles, was passiert ist, war so schrecklich, dass man sich der Folgen gar nicht bewusst sein wollte.

Nach dem 11. September beschäftigte sich die Diskussion in Deutschland erstens mit der Frage, warum die Amerikaner selbst Schuld daran haben, dass es sie getroffen hat, und zweitens, warum es uns nicht treffen kann. Diese Verleugnung der Wirklichkeit hält nur eine Weile an. Irgendwann muss man sie zur Kenntnis nehmen. Und vermutlich haben tatsächlich die Papstrede in Regensburg, diese Operngeschichte in Berlin und diese zwei gefundenen Kofferbomben im Sommer das Fass zum Überlaufen gebracht.


Was wollten Sie mit Ihrem Buch letztendlich erreichen?

Wenn ich so etwas schreibe, will ich mir etwas klarmachen. Das geht nur im Prozess der Arbeit. Wenn ich mit Ihnen rede oder zu Hause sitze, lese und schreibe, werde ich selber schlauer. Erreichen wollte ich eigentlich nichts.

Wenn andere Leute an meinen Erkenntnissen teilnehmen, finde ich das sehr schön; und wenn sie es nicht wollen, ist es auch in Ordnung.


Sie behaupten, dass Europa zu „Eurabia“ wird und haben im niederländischen Volkskrant jungen Europäern geraten, in andere westliche Länder auszuwandern.

Nein, nicht geraten. Ich habe gesagt, wenn ich heute ein junger Europäer wäre, und nicht ein alter Mann von sechzig Jahren, würde ich auswandern.


Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Was eine Übertreibung ist, weiß man immer erst im Nachhinein. Wenn man 1933 gesagt hätte, mit der Wahl der Nazis fängt eine europäische Katastrophe an, dann wäre das zu dem Zeitpunkt völlig übertrieben gewesen, weil es nach einem normalen europäischen Betriebsunfall aussah. Es gab ja Piłsudski in Polen, es gab andere faschistoide Systeme, das kann ja mal passieren.

Es kann sein, dass ich die Sachen auf den Punkt bringe oder zuspitze, aber ich übertreibe nicht.


Worin bestehen die Gefahren für Europa?

Ich denke nicht, dass die große Gefahr von den Moslems kommt. Ich sehe uns selbst als Gefahr, weil wir nicht wissen, was wir verteidigen wollen. Ist es „Deutschland sucht den Superstar“?

Wenn Frauen Kopftuch tragen, habe ich nichts dagegen. Es spricht für uns, dass so was möglich ist, aber ich schlage grundsätzlich Geschäfte auf Gegenseitigkeit vor. Wenn so was hier möglich ist, dann möchte ich, dass meine Tochter in Riad im Minirock rumlaufen darf.

Dieses Geschäft auf Gegenseitigkeit findet nicht statt. Wir geben im Voraus nach, wir machen Konzessionen, auf die die andere Seite zu reagieren gar nicht verpflichtet ist. Ich befürchte, dass wir uns akkommodieren, dass wir uns mit allem arrangieren und darüber unsere Identität verlieren. Ich fürchte in der Tat Eurabia, weil die Gegenseite nicht nur tüchtiger ist, wenn es darum geht, Kinder in die Welt zu setzen, sondern – und das halte ich für völlig legitim – ihre eigenen Werte durchzusetzen. Ich nehme es aber Europa übel, dass es nachgibt.


Haben Sie Beispiele für dieses Nachgeben?

Wenn sechzig deutsche und europäische Soziologen über eine türkische Sozialwissenschaftlerin [Necla Kelek; Anm. d. Red.] herfallen, nur weil sie die Situation so beschreibt, wie sie ist und die die deutschen Soziologen nicht wahrnehmen wollen, dann nehme ich ihnen das übel. Oder ich nehme es den Berlinern übel, dass sie die türkische Rechtsanwältin Seyran Ateş, [die muslimische Frauen vertritt; Anm. d Red.] die Morddrohungen erhält allein im Regen stehen lassen. Schlimmer als die Leute, die diese Frau bedroht haben, ist die Gesellschaft, die wegschaut.


Zum Minirock in Riad: Dürfen wir unsere Toleranz, die wir uns im Zuge der Aufklärung als Wert angeeignet haben, dort als Maßstab anlegen?

Natürlich müssen wir unsere Werte als Maßstab anlegen. Wenn wir gegen die Todesstrafe sind, gegen Folter, für die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Wir legen schon unsere Werte an, wenn wir unsere Handys in alle Welt exportieren. Wenn diese Artikel weltweit genutzt werden, gibt es eine globale Gesellschaft. Und wenn sie sich der Mittel dieser Gesellschaft bedienen, dann erwarte ich auch, dass sie deren Ethik akzeptieren. Oder sie sollen ihre Handys wieder zurückgeben! Das Handy ist nicht nur ein technisches Produkt, da steckt die Aufklärung drin: Gutenberg, Heine, Spinoza, Kant, Hegel und viele andere. Man kann nicht das Produkt akzeptieren, aber seine Entstehungsgeschichte nicht.

Das ist keine Frage der Toleranz, sondern von gleichen Rechten. Und wenn wir Minderheiten Rechte geben, müssen wir erwarten, dass es in deren Gesellschaften für andere Minderheiten die gleichen Rechte gibt. Es ist unglaublich, dass die Türken den Mord an den Armeniern nach fast hundert Jahren nicht anerkannt haben oder dass wir uns mit den Teheraner Mullahs arrangiert haben, während die Fatwa gegen Salman Rushdie in Kraft war. Das sind alles unsere Versäumnisse.


Aber kann man denn die hier lebenden Muslime dafür verantwortlich machen, was in ihren Heimatländern schief läuft?

Nein, das können wir nicht. Aber es gibt eine moslemische Kultur, die sich als Exportware versteht. Metin Kaplan etwa, der wegen Aufrufs zum Mord in Köln verurteilt wurde, und noch mal vier Jahre hier geduldet wurde, bevor man ihn abgeschoben hat. Metin Kaplan ist nicht der Genüsse der demokratischen Gesellschaft wegen hergekommen, sondern um sein Gesellschaftsmodell hier zu implantieren: das Kalifat. Wir dürfen Leuten nicht erlauben, ihre Ideen bei uns auszubreiten, wenn diese Möglichkeit nicht zur gleichen Zeit unserer Kultur in anderen Ländern gegeben wird. Wir können diese Ungleichgewichte nicht hinnehmen, etwa, dass eine britische Fluggesellschaft den Stewardessen das Tragen des Kopftuches erlaubt, aber das Tragen des Kreuzes verbietet.

Man kann die Moslems, die hierher kommen, nicht dafür verantwortlich machen, was in ihren Heimatländern passiert. Aber wenn Sie davon ausgehen, dass es inzwischen eine globale Gesellschaft gibt, dann kann man das eine nicht dulden und das andere übersehen. Ich nehme nicht die hier lebenden Moslems, sondern deren Regierungen oder Kultur in die Pflicht, anderen Minderheiten das zu ermöglichen, was hier selbstverständlich ist.


Zeigen nicht Fälle wie die Causa Metin Kaplan, dass unser Rechtsstaat hervorragend funktioniert?

Ja und nein. Es zeigt, dass der Rechtsstaat auf solche Fälle nicht vorbereitet ist. Zumal er ständig von kulturellen Bedenken ausgebremst wird: „Kann man das machen? Was provozieren wir damit? Was lösen wir damit aus?“ Die Europäer, die hier leben sind ja permanent von schlechtem Gewissen geplagt; und meistens zu Recht: Nicht nur wegen Auschwitz; auch wegen Algerien, Indochina, wegen dieser ganzen beschissenen europäischen Geschichte. Die Frage ist, wie wir das schlechte Gewissen artikulieren.

Jedenfalls nicht, indem wir hier Leute dulden, die eine despotische, autoritäre Herrschaft in ihren eigenen Gemeinden führen. Berechtigtes schlechtes Gewissen heute vernünftig zu artikulieren, hieße eben, sich für Necla Kelek, Seyran Ateş und, Salman Rushdie einzusetzen.


Wird die Diskussion heute offener geführt? Manche Medienberichte hätten vor zehn Jahren wohl noch als ausländerfeindlich gegolten.

Das hat mit Ausländerfeindlichkeit nichts zu tun. Die Leute wissen, dass es richtig ist, dass Ausländer herkommen, sich hier einrichten, Moscheen bauen und ein ganz normales Leben führen. Aber dass es nicht geht, dass Teile dieser Gesellschaft die Mehrheitsgesellschaft ständig unter Druck setzen und erpressen können. Wir müssen uns die Frage stellen, was wir uns alles von Leuten bieten lassen, denen wir eigentlich nichts schulden.


Was sagen Sie zum Vorwurf Ihrer Gegner, Sie betrieben Hetzerei. Das kommt ja nicht nur von „Idioten“?

Doch! Das sind Idioten. Wenn diese Leute sagen, ich sei ein Hetzer, so ist das die reine Projektion.

Gestern bin ich gefragt worden: „Warum machen die Terroristen das, was sie machen?“ Das ist eine kluge Frage, ein Frage der Aufklärung, aber die Antwort kann vielleicht ganz einfach sein: Weil es ihnen Spaß macht.


Das ist nicht Ihr Ernst.

Natürlich.Es gibt Leute, denen es Spaß macht, böse zu sein. Sie glauben, es müsse ein rationales Motiv geben?


Es wirkt wohl eher ein Faktorenbündel.

Richtig. Aber wenn es ihnen keinen Spaß macht, machen sie es nicht.


Verzweiflung kann doch auch ein Motiv sein.

Warum sind die Armenier dann nicht so verzweifelt? Warum sprengen sich nicht permanent Armenier vor türkischen Botschaften in die Luft? Die hätten Grund dazu. Warum sprengen sich nicht permanent vertriebene Schlesier vor polnischen Vertretungen in die Luft?


Daher der Begriff des „Bündels“ von Faktoren.

Da fehlt dann etwas, genau. In der Statistik würde man sagen: Notwendig, aber nicht hinreichend. Klar, notwendig ist vieles. Dafür, dass es hinreichend wird, muss noch mehr dazukommen. Ich glaube, es ist wirklich so einfach. Ich weiß: Es wäre viel schicker, wenn ich Ihnen jetzt eine komplizierte, intellektuelle Erklärung geben würde, aber die habe ich nicht.

(mbe, sdw, seb)    


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 106