Gebiss mit Geschichte

Der Homo heidelbergensis von Mauer wurde vor 100 Jahren gefunden

Ein uralter Knochen feiert Geburtstag. Es war genau vor 100 Jahren, als der Gräber Daniel Hartmann in der Sandgrube „Grafenrain“ in Mauer bei Heidelberg einen Jahrhundertfund machte. Aus dem Sand buddelte er den fossilen Unterkiefer eines Urmenschen. „Heit hab ich de Adam gefunne“, soll der Kurpfälzer gesagt haben.

Tatsächlich handelte es sich um die Überreste eines Steinzeitmenschen der Gattung Homo, wie die Untersuchungen damals am Geologisch-Päläontologischen Institut der Universität Heidelberg unter Leitung von Professor Otto Schoetensack ergaben. Dieser setzte den zerbrochenen Unterkiefer, der im Gegensatz zum heutigen Menschen kein Kinn besitzt, wieder zusammen und taufte den fossilen Knochen in seiner Veröffentlichung nach seiner Alma Mater auf „Homo heidelbergensis“.

Damals war das menschliche Fossil ein Sensationsfund, da bis dato in Europa nur die Überreste von den evolutionsgeschichtlich jüngeren Neandertalern entdeckt wurden. „Bis heute ist der Homo heidelbergensis der älteste Mitteleuropäer“, erläutert Professor Clemens Eibner vom Heidelberger Institut für Ur-und Frühgeschichte.

Das Alter des Fundstücks lässt sich nur aus dem Alter des Sedimentgesteins und den begleitenden Tierfossilien auf ungefähr 600.000 Jahre datieren. Moderne DNA-Analysen des Knochens wurden bisher nicht durchgeführt, sind wohl aber laut Eibner auch kaum möglich: „Dazu müsste der Kiefer immer kühl gelagert gewesen sein; biogenes Material ist wahrscheinlich komplett abgebaut. Außerdem enthält das Fundstück durch die Bergung Kontaminationen von Knochenleim“.

So lässt sich denn auch schwer die Stellung des Homo heidelbergensis im menschlichen Stammbaum bestimmen. Er war vermutlich der Vorfahre des Neandertalers, der vor etwa 200.000 bis 30.000 Jahren Europa besiedelte, dann aber vom überlegenen Homo sapiens aus Afrika verdrängt wurde.

Außer dem Unterkiefer wurden in der Mauerer Sandgrube keine weiteren Überbleibsel eines Steinzeitmenschen gefunden, trotz eines damals sehr attraktiven Finderlohns von 5000 Reichsmark.

Nur aus Knochenfunden sowie Stein-und Holzgeräten aus anderen Teilen Europas lässt sich das Kulturleben des Ur-Heidelbergers rekonstruieren: der etwa 1,70 Meter große Mann war etwa 20 bis 30 Jahre alt und jagte mit über zwei Meter langen Holzspeeren nach Waldelefanten, Nashörnern und Flusspferden am Urneckar. Eibner schnitzt mit Studenten solche Holzspeere und formt Feuersteingeräte in Seminaren beim Verein „Homo heidelbergensis“ im Fundort Mauer. Dort wird zum hundertjährigen Jubiläum der Entdeckung des berühmten Fossils kräftig gefeiert. Als Höhepunkt wird von Mitte Juni bis Ende November 2007 der Original-Unterkiefer aus den Tresoren des Heidelberger Geologisch-Päläontologischen Instituts geholt und in Mauer in einer Sonderausstellung zu sehen sein.

Im Safe landete der Knochen des Urmenschen nämlich, nachdem er im Zweiten Weltkrieg im Exil unsachgemäß geöffnet wurde: Zwei Backenzähne fielen ab und gingen unwiederbringlich verloren.

Der Mauerer Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, die Bedeutung des Fundes der Öffentlichkeit nahe zu bringen. Im Jubiläumsjahr entsteht sogar eine Fernsehproduktion, die die Fundgeschichte dokumentiert.



Fakten zum Mauerer Homo heidelbergensis

Alter: etwa 600 000 Jahre
Geschlecht: wohl männlich
Aussehen: ca. 170 cm groß, schlanker Körperbau, steile Stirn, Überaugenwülste, kaum ausgeprägtes Kinn, kleinere Zähne
Jagd: Großwild (z.B. Pferde und Nashörner); benutzte Wurfspeere und Steingeräte
Kommunikation: vermutlich Ansätze einer einfachen Sprache
Jetziger Aufenthaltsort: Geologisch-Paläontologisches Institut Heidelberg

(cgr, jfd)    


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 106