Inzest, Machtkampf, Tod!

„Oedipus auf Kolonos“ auf der Städtischen Bühne

Macht, Schuld und Moral stehen im Zentrum von Sophokles‘ Tragödie „Oedipus auf Kolonos“, die auf der Städtischen Bühne in einer Übertragung von Walter Jens gespielt wird: Zehn Jahre sind vergangen, seitdem sich Oedipus selbst blendete, nachdem er erfahren musste, dass er unwissentlich den eigenen Vater ermordet und seine Mutter geehelicht hat. Nun zieht er, von seiner Tochter Antigone geführt, als blinder Bettler ziellos durch die Lande, gebrochen an der Schuld, die er ohne Absicht auf sich gebracht hat.

In Kolonos angekommen, glaubt Oedipus endlich den heiligen Hain gefunden zu haben, an dem er in Frieden und Vergebung vor den Göttern sterben kann, so wie es ihm prophezeit wurde. Doch die Bürger von Kolonos argwöhnen, dass Oedipus‘ Schuld ihrer Stadt Gefahren und Unglück bringt.

Die Angst des Volkes vor dem Fremden, dem Andersartigen wird zum Politikum: Soll man dem Schuldigen Asyl gewähren oder dem misstrauischen Volk nachgeben, das den Verfluchten nicht bei sich haben will? Theseus, der Herrscher von Kolonos, setzt ein Bleiberecht für Oedipus durch.

In die Freude über die neu gewonnene Heimat platzt die Nachricht, dass in Theben zwischen Oedipus‘ Söhnen ein Streit um die Herrschaft über die Stadt entbrannt ist. Schon planen beide kriegerische Auseinandersetzungen. Ein neues Orakel verschärft den Konflikt: Es besagt, dass derjenige, der Oedipus bei sich hat, sei es nun lebendig oder tot, siegreich bleiben wird. Dies ruft Kreon, Oedipus‘ Schwager und neuen Herrscher von Theben, auf den Plan. Er will Oedipus zurück nach Theben holen, wenn nötig auch mit Gewalt...

In Theseus und Kreon grenzen sich zwei Herrschertypen voneinander ab: der eine gütig, vorausschauend und pragmatisch, der andere amoralisch und selbstgerecht. Sophokles‘ Standpunkt ist überdeutlich: Nur der „gute Herrscher“ Theseus kann das misstrauische, anfangs fremdenfeindliche Volk für sich gewinnen.

Zusammen mit den weitaus bekannteren Tragödien „Antigone“ und „König Oedipus“ aus Sophokles‘ Feder bildet „Oedipus auf Kolonos“ eine Trilogie, die sowohl das persönliche Schicksal der Figuren thematisiert als auch politische und gesellschaftliche Fragen aufwirft.

Walter Jens‘ Übertragung in modernes, leicht verständliches Deutsch lässt diese hochaktuell erscheinen. Dabei ist es Jens gelungen, die sprachliche Rhythmik der Originalfassung zu bewahren. Auch die Inszenierung unter Regie von Corinna Bethge spart sich jede Historisierung des Stoffes, so dass sich die in „Oedipus auf Kolonos“ verhandelten moralischen Fragen dem Zuschauer im Licht aktueller gesellschaftlicher Debatten stellen. Das Bühnenbild, von Vinzenz Gertler in moderner Schlichtheit gestaltet, ohne dabei karg zu wirken, umrahmt den politischen Machtkampf auf der Bühne ebenso zeitlos.

Christian Schulz brilliert in der Rolle des Oedipus, doch neben ihm verblasst die übrige Besetzung stellenweise. Auf der Städtischen Bühne wird der gesamte Oedipus-Mythos in der Bearbeitung von Walter Jens und jeweils gleicher Besetzung zu sehen sein: „König Oedipus“, im letzten Jahr stürmisch gefeiert, wird ab März wieder aufgeführt, und im nächsten Jahr wird mit „Antigone“ die Geschichte zuende erzählt.

(hri)    


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 106