Das Deutschland-Puzzle

Einweg-Lektüre für die „Generation Golf“

„Was hält Deutschland zusammen“, ist der vollmundige Leitsatz von 20 ironischen Schlaglichtern, die der Journalist Klaus Werle unter dem Titel „Das Deutschland-Puzzle“ zusammengefasst hat. Dabei wäre gut produzierte Popliteratur der treffendere Begriff, um die 20 Kapitel, die auch als Serie auf Spiegel Online hätten erscheinen können, zu beschreiben.

Allein der Leitsatz ist Ironie pur, denn Werle beschreibt die modernen Deutschen auf 160 Seiten als sonntagabendliche Tatort-Seher, hektische SMS-Schreiber und multikulturelle Latte-Macchiato-Trinker, deren heimliche Monarchen Günther Jauch, Thomas Gottschalk, Harald Schmidt und Franz Beckenbauer sind.

Dieses neunseitige Kapitel ist beispielhaft für das ganze Buch: Auf zwei Seiten soll es um das Monarchie-Phänomen der „Republik“ gehen und beschränkt sich dabei auf die Medienwirkung des Quadrumvirats – die sieben weiteren Seiten sind Zitate unserer Monarchen. Dreistere Papierschinderei kennt man bislang nur von Benjamin von Stuckrad-Barre , der in seinem Buch „Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft“ Kapitel mit Gästebuch-Einträgen und Klosprüchen füllte.

Werles „Deutschland-Puzzle“ ist vor allem ein Abklatsch von Florian Illies‘ „Generation Golf“ oder der „Anleitung zum Unschuldigsein“. Der kleine Unterschied besteht einzig darin, dass Werle sich mehr wie Spiegel Online liest, anstatt popliterarisch zu schwelgen. Werle schreibt wie jemand, vor dem Illies in der Generation Golf noch gewarnt hatte: ironisch und politisch uninteressiert. Hauptsache, es nervt keiner mit Hartz IV-Elend.

Beschrieb Illies am Ende seiner „Generation Golf“ dieses Desinteresse, so schreibt Werle aus Perspektive der Desinteressierten. Dass Hartz IV kein Kapitel gewidmet ist, verwundert, da der einzige „schmutzige“ Kitt der Deutschen die Mülltrennung zu sein scheint.

Werle, der für das Manager-Magazin (Spiegel-Verlag) und Frankfurter Rundschau schreibt, nährt im Deutschland-Puzzle den Verdacht, dass wir uns alle in Wirklichkeit nur noch für Brot und Spiele, Beckenbauer und Bohlen und DSDS und GZSZ interessieren.

(rl)    


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 106