Junge Leute, schlechter Humor

Der Autor Heinz Strunk über Popmusik, das Altern und Image-Fragen

Bestsellerautor Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“) tourt derzeit mit seinem Solo­programm „Mit Hass gekocht“ durch Deutschlands Städte.


ruprecht: Du reist auf Deinen Touren ganz alleine. Willst Du diese Strapazen weiter auf dich nehmen?

Heinz Strunk: Im Moment wird das so bleiben; Frühjahr, Herbst ist Tourneesaison. Die Tour ist ein ganz guter Indikator wie viele Leute zu einem kommen, und dann, was das für Leute sind. Und nach selbstkritischer Betrachtung: Ein besseres Publikum als ich kann man gar nicht haben. Ich, Rocko Schamoni und Studio Braun werden immer älter, aber die „Opinion Leader“ sind immer die jungen Leute. Deswegen finde ich es angenehm, dass es junge hübsche Leute sind, die im Schnitt intelligent zu sein scheinen.


Dem Altern stehst Du eher kritisch gegenüber, oder?

Das Altern ist eine äußerst bedrückende Angelegenheit. Ich habe neulich ein sehr erfrischendes Spiegel-Interview mit Noel Gallagher gelesen. Wie die meisten Superstars bringt er jetzt ein „Best Of“-Album heraus und wurde gefragt, ob es stimmt, dass die alten Songs die besseren seien. Er sagte: „Ja, natürlich.“ Gallagher ist 39 und Popmusik ist eben eine Domäne der jungen Leute.


Also gibt es künstlerische Höhenflüge quasi nur für die Jüngeren?

Nein. Es gibt für bestimmte Kunstgattungen bestimmte Lebensalter, in denen man das gut macht. Bei Popmusik ist das so, denn alle relevanten Popsongs wurden von Leuten zwischen 18 und 24 Jahren geschrieben. In der Komik hingegen gilt das Gegenteil: Junge Leute – schlechter Humor. Generell.


Haben ältere Leute nicht eher einen angestrengten, steifen Humor?

Es geht mir da mehr um das Selbermachen. Da ist eine gewisse Lebenserfahrung von Nöten. Helge Schneider, Gerhard Polt, Loriot – alles Leute, die erst begannen gut zu werden, als sie deutlich über 35 waren.


Du hast ja mit „Fleisch ist mein Gemüse“ eine offenherzige Autobiografie geschrieben. Da können schnell Vorurteile und Gerüchte entstehen. Interessiert Dich das?

Überhaupt nicht. „Image-Fragen“ und „guter Ruf“ ist was für Leute, die sich mit der Bild-Zeitung einlassen. Und die müssen darauf achten: Wenn sie einen Pakt mit dem Teufel eingehen, dann können sie von dem auch vernichtet werden. Wenn bei der Bild-Zeitung irgendwelche Geschichten über einen rauskommen, dann sind die Leute von einem auf den anderen Tag medial tot. Das wird mir nicht passieren, weil sich der Boulevard nicht für mich interessiert und ich mich nicht für den Boulevard interessiere.


Weißt Du schon, was Du in fünf Jahren machen willst?

Es wäre vermessen zu sagen: Ich weiß, was in fünf Jahren ist. Ich bin schon aufgrund der Situation, die ist wie sie ist, Schriftsteller. Und das heißt, der Fokus – sowohl meiner Zeit als auch meiner Beschäftigung – liegt bei dem neuen Buch.


Aber Deine Leidenschaft ist die Musik – konzentrierst Du Dich wegen des Erfolgs Deines ersten Buches auf das Schreiben, obwohl du es als Quälerei betrachtest?

Ja, ich glaube das würde jeder so machen. Ich würde ja nicht das weitermachen, an dem ich schon 15 Jahre zuvor erfolglos rumgefrickelt habe. Mit 44 hat man Lust auf einen gewissen Lebensstandard.


Warum, glaubst Du, war Dein Buch so erfolgreich?

Ich wage zu behaupten, dass es sich stilistisch auf einem sehr hohen Level befindet und ich einen Grenzgang zwischen Humor und Tragik hinbekommen habe. Den habe ich so glaubhaft vermittelt, dass er die Leute berührt hat.

Es gibt einen schönen Satz von dem Literaten Botho Strauß: „Das Tiefste ist seit langem geschrieben, das Unterhaltsamste sicher noch nicht.“ Das kann ich nur unterstreichen. Meiner Meinung nach sollte es möglich sein, ein gehaltvolles Buch zu schreiben, das man mit der gleichen Begeisterung liest, mit der man früher „Fünf Freunde“-Bücher gelesen hat.


In Deinen tragikomischen Kurzhörspielen beschreibst Du Außenseiterfiguren, in denen man sich leicht wiederfinden kann.

Das wird mir immer leicht kritisch unterstellt: Ich würde mich nur mit den Deformationen des menschlichen Lebens befassen. Aber es gibt kaum gesunde Beziehungen und kaum gesunde Menschen.

Das manifestiert sich auch in den Gesichtern. Und dieser Quatsch: „Man soll die Leute nicht nach ihrem Äußeren beurteilen“ – das ist der größte Unfug aller Zeiten. Es kommt aber natürlich auch bei mir vor, dass man den Leuten nicht gerecht wird – aber das passiert sehr, sehr selten.


Gibt es neben der Tragik in Lebensgeschichten überhaupt genügend positive Aspekte?

Es gibt Leute, die tragische Situationen bewältigen und daraus gestärkt hervorgehen, aber auch genug Leute, für die das Leben eine Aneinanderreihung von Scheiße ist. Ich kenne genug Leute, die gesagt haben: ein tristes Leben, da passiert nichts mehr.


Vielen Dank für das Gespräch.

(ola)    


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 106