Die Wüste lebt

Sechs Tage durch das Dünenmeer der Sahara

Von Dorothea Bachert, Tunesien


Der Süden Tunesiens, das Tor zum Orient, bietet das ideale Terrain für eine unvergessliche Wüstentour.

Die Sahara ist die größte Sandwüste der Erde. Nur zweieinhalb Flug- und drei Fahrstunden von Frankfurt entfernt befinden sich die Ausläufer des so genannten Grand Erg Oriental. Dieses Dünenmeer erstreckt sich von Algerien über Tunesien bis hin nach Libyen und bedeckt eine immense Fläche. Bekannt geworden ist die tunesische Sahara unter anderem durch den Film „Der englische Patient“, dessen Wüstenszenen im Grand Erg Oriental gedreht wurden.

Meine zwei Mitreisenden aus der Schweiz und ich treffen hier, im traditionell gebliebenen Süden des Landes, auf eine eigene Welt. Dattelpalmen und unwegsames Gelände prägen die Landschaft, neben klapprigen Autos und knatternden Mofas bestimmen von Eseln gezogene Karren das Straßenbild.

Nachdem wir in der Oase Douz zum vorerst letzten Mal den Luxus einer Dusche genossen haben, brechen wir mit unseren einheimischen Führern, den Beduinenbrüdern Amor und Ahmed, und deren fünf Dromedaren auf und tauchen schon kurz darauf in die unendliche Weite und Stille der Sahara ein. Sechs Tage lang zieht unsere kleine Karawane durch die Wüste und wir folgen dem Jahrhunderte alten Rhythmus der Nomaden.

Die Nächte sind sternenklar, eiskalt und vollkommen still, nur der Wind ist zu hören. Damit die Dromedare sich nachts auf der Suche nach Grünwuchs und Gestrüpp nicht zu weit von unserem Lager entfernen, werden ihnen jeden Abend Fußfesseln angelegt. Ihr gelegentliches Schnauben lässt in der Dunkelheit in etwa erahnen, wo sich die Tiere befinden.

Während wir morgens noch damit beschäftigt sind, uns aus unseren Thermoschlafsäcken zu schälen und uns nach der Kälte der Nacht am Feuer aufzuwärmen, bereiten Amor und Ahmed schon das Frühstück zu. Zur Feigenmarmelade und zum Streichkäse gibt es frisch gebackenes und noch warmes Sandbrot, das mehrmals am Tag aus Mehl, Wasser und Salz frisch zubereitet direkt in der Glut gebacken wird.

Der schäumende, stark gesüßte Grüntee der Nomaden, dessen Zubereitung einer Zeremonie gleicht und strengen Regeln folgt, darf natürlich auch beim Frühstück nicht fehlen und weckt unsere Lebensgeister. Frisch gestärkt machen wir uns auf, das Lager abzubauen und die Dromedare zu bepacken. Dann geht es auch schon weiter in Richtung Unendlichkeit.

Wir folgen auf unsichtbaren Pfaden unseren Führern, die auf geheimnisvolle Art und Weise immer den richtigen Weg finden. Auf den ersten Blick wirkt die Weite der Sahara leer und unbewohnt, doch unterwegs treffen wir auf Spuren, die Wüstenfüchse, Wölfe, Gazellen, Hasen, Vögel und andere Tiere im Sand hinterlassen haben. Immer wieder verändert die Natur in dieser Gegend ihr Aussehen, auf steppenartige Ebenen mit dürren Büschen folgen unendlich scheinende Sanddünen, die uns stets aufs Neue überwältigt innehalten lassen.

Das Tempo der Karawane ist gleichmäßig und wirkt fast gemächlich, die Bewegungen der Dromedare sind gelassen und sicher.

Es fällt leicht, in dieser Umgebung zur Ruhe zu kommen; zugleich haben wir das Gefühl, dass alle unsere Sinne plötzlich geschärft sind. Jeder kann selbst entscheiden, ob er laufen oder lieber auf einem der Dromedare reiten will.

Das heftige Schaukeln auf dem Rücken der Tiere macht verständlich, warum sie auch Wüstenschiffe genannt werden.

Für die Mittagspause suchen wir einen windgeschützten Rastplatz, an dem wir kochen und uns ausruhen können. Der Speiseplan variiert zwischen Suppe, Eintöpfen, Salat oder Couscous; Datteln und Orangen runden das Wüstenmahl ab.

Nachmittags ziehen wir weiter, bis die Schatten im Sand immer länger werden und unsere Karawane anhält, um das Nachtlager aufzuschlagen. Die Schlafstätten liegen entweder direkt neben dem Feuer oder werden in windgeschützten Mulden aufgebaut. Rasch geht die Sonne unter und wir genießen die Wärme des Feuers.

Nach dem Essen sitzen wir noch lange zusammen, lauschen den Geschichten unserer Führer, bestaunen den grandiosen Sternenhimmel oder amüsieren uns mit einfachen Spielchen aus Holzstöckchen und Steinen. Anschließend greifen die Nomaden zur Trommel und singen uralte Lieder über die Liebe, die Sehnsucht und den Zauber der Sahara, die sie alle lieben.

Der Abschied fällt schwer, doch auch ich weiß, dass ich bald wiederkommen werde, inshallah.


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 106