Meine Familie, die Tomate

Italienisches Kleinstadt-Geflüster

Von Nine Luth, Cassino (Italien)


Ein Erasmus-Aufenthalt in Italien nach der WM birgt die Vermutung, dass man häufig augenzwinkernde Scherze über das eigene Abschneiden zu hören bekommt, Stichwort: Nachspielzeit. Ist aber nicht so.

Alles überraschend schnell wieder alter Kaffee geworden. Allerdings sehr guter; Cappuccino für 80 Cent schmeckt auch noch in der kleinsten Bahnhofskneipe im einsamsten Bergdorf. Dabei ist Schnelligkeit sonst sicher keine Stärke dieses Landes: „Morgen“ bedeutet „in einer Woche“, aus fünf Minuten werden immer fünfzehn. Einfache Sachverhalte in zwei Minuten zu vermitteln, ist für einen Italiener schlicht unmöglich, dafür ist die eigene Sprache einfach zu schön. Allerdings sind die Menschen so liebenswert und freundlich, dass man jede Verspätung gerne in Kauf nimmt. Pünktlich irgendwo zu erscheinen, wird sowieso eher ungern gesehen.

Interessant auch das Uni-System. Für eine Vorlesung werden drei Stunden vorgesehen, die der Professor beliebig beginnen und beenden darf. Eine Klausur kann um elf Uhr morgens angesetzt sein und um fünf Uhr nachmittags stattfinden. Bei aller Euphorie für italienisches Dolce Vita wünscht man sich doch das ein oder andere Mal in die geordneten Verhältnisse Heidelbergs zurück. Klingt nach Klischee, es ist aber tatsächlich so.

In der kleinen pittoresken Stadt Cassino (zwischen Rom und Neapel) mit 15.000 Studenten ist man als Gast zwar vergleichsweise gut versorgt, aber außer einer Abtei, die von vielen Reisebussen frequentiert wird, die abends wieder Richtung Großstadt zuckeln, gibt es in Cassino nichts. Andererseits geht man in Rom als einzelner Austauschstudent schnell verloren.

Daher hat ein Erasmus-Jahr in einer eher kleinen Stadt wie Cassino auch Vorteile. Hier sieht man schneller bekannte Gesichter, die einem hilfsbereit zur Seite stehen. Wird in Rom zumeist Englisch gesprochen, kommt das hier nur selten vor. Dann schon eher spanisch, denn Erasmus scheint hier fest in spanischer Hand zu sein. Die Hälfte unserer Gruppe sind Spanier, deren Interesse eher der nächsten Sangria gilt (beliebte Redewendung der spanischen Studenten: „Erasmus-Orgasmus“) als den Feinheiten der italienischen Sprache.

Für das Zusammenwohnen mit zwei spanischen Ragazzi ist das nicht immer förderlich, kann aber auch zu legendären Sätzen wie: „La mia famiglia è un pomodoro!“ führen. Was soviel heißt wie: „Meine Familie ist eine Tomate!“

Solche sprachverwirrten Situationen und der Austausch mit den Studenten aus sechs verschiedenen Ländern entschädigen für manchen Frust und Heimweh, wenn die Wohnung mal wieder ohne Heizung auskommen muss, der Bus nicht fährt und das ewige Weißbrot einem zum Hals raushängt.

Viva l‘Erasmus!


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 106