Heidelberger Profile: Der Doktor und das arme Vieh?

Der neue Direktor des Heidelberger Zoos

Keine leichte Aufgabe erwartet den neuen Direktor des Heidelberger Zoos, Dr. Klaus Wünnemann. Kritiker beanstanden schon seit einiger Zeit, der Tierpark erfülle längst nicht mehr alle Kriterien moderner Tierhaltung. Ein amerikanischer Reiseführer geht gar so weit, ihn als KZ für Tiere zu beschreiben.

Dr. Wünnemanns Büro liegt direkt neben der Nordseevoliere, einem Vorzeigegehege aus der Zeit des alten Zoodirektors Poley, und noch bei geschlossenen Fenstern sind die Rufe der Seevögel zu hören. Kein Grund für den neuen Direktor, sich von der Arbeit abhalten zu lassen, schließlich gab es davon in dem einen Monat, den er jetzt hier ist, wahrlich genug. Da blieb auch noch keine Zeit, das große Büro neu einzurichten, das in all seiner schmucklosen Kargheit an das Primatenhaus des Zoos erinnert, nicht zuletzt durch die Affenköpfe aus Ton auf der Fensterbank, die wie das Antilopenfell auf dem Fußboden wohl ebenfalls noch von Wünnemanns Vorgänger stammen.

1962 in Duisburg geboren und in Mühlheim an der Ruhr aufgewachsen, hatte Wünnemann schon immer großes Interesse an Tieren. So war er überglücklich, als seine Familie aus der kleinen Etagenwohnung in ein Haus zog und er einen Hund geschenkt bekam. Während sich seine Freunde mit Fußball und Bob Marley beschäftigten, las er Lorenz und schaute die Tierfilme von Sielmann. Er träumte von einer Karriere als Verhaltensforscher oder Tierfilmer: "Ich wollte nie Lokomotivführer oder sowas werden." So entschied er sich nach dem Abitur für ein Studium der Tiermedizin, das ihm praxisorientierter schien als etwa das der Biologie. Ersten Kontakt zum Zoo bekam er durch seine Doktorarbeit: Er studierte das Verhalten von Raubtieren wie Malaienbär und Riesenotter ("faszinierende Tiere!") in verschiedenen Zoos und kam so schließlich zum renommierten Tierpark Hagenbeck in Hamburg. Auf persönlichen Wunsch von Dr. Hagenbeck übernahm er dort verschiedene Aufgaben und blieb zwei Jahre. Danach fand er eine Stelle im Magdeburger Zoo, in dem er für fünfeinhalb Jahre die Leitung der Säugetierpflege übernahm.

Seit April herrscht er nun über ein eigenes kleines Reich: den Heidelberger Zoo. Gegründet 1934, beherbergte dieser schon früh die typischen Tierarten, die auf die Masse anziehend wirken. Trotz einiger baulicher Veränderungen hat sich dieses Konzept bis heute nicht grundlegend verändert: Zugunsten der ausgestellten Vielfalt blieb oft eine moderne, der jeweiligen Tierart entgegenkommenden Haltung auf der Strecke. Vielleicht ein Grund für den Rückgang der Besucherzahlen in den letzten Jahren?

Kritikern ist der Zoo seit langem ein Dorn im Auge. Für sie stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit eines eigenen Tierparks in Heidelberg, bedenkt man die Nähe zu Frankfurt oder Stuttgart.

Mit Hoffnung wird deshalb von dem Neuen eine andere und zeitgemäßere Schwerpunktsetzung erwartet; eine große Last, die da auf Wünnemanns Schultern liegt. "Meine Aufgabe ist es, dazu jeweils Konzepte zu entwickeln, die sämtliche tierhalterische Anforderungen erfüllen, und auf der anderen Seite möglichst auch noch attraktiv aussehen, und die drittens nicht zuviel kosten."

Für die Familie, so Wünnemann, sei der Zoo eine wichtige Institution, aber auch Forschung, Bildung und Arterhaltung stellten heute wichtige Aufgabenfelder eines Tierparks dar. "Das Live-Erlebnis Zoo ist besser als Fernsehen."

Doch wie sieht es mit den Bedürfnissen der Tiere aus? "Bei vielen Tieren haben wir Menschen eine bestimmte Vorstellung davon, was für diese Tiere gut ist. Tierhaltung hat auch für die Tiere positive Aspekte. Die unendlichen Weiten braucht eigentlich wirklich kein Tier." (Ob das wirklich richtig ist, seht ihr, wenn das Tier ausbricht...)

Aber auch Dr. Wünnemann räumt ein, daß es durchaus Untergrenzen gibt: In Heidelberg entsprächen die Haltungsbedingungen von Affen und Elefanten nicht länger den Ansprüchen artgerechter Tierhaltung. Hier setzt der neue Direktor seine Schwerpunkte für die nächste Zeit, doch es dürfte noch eine Weile dauern, bis er auf seinem Schreibtisch keine Briefe voller Kritik mehr findet: "Ich möchte durch diesen Zoo gehen können mit dem Gefühl: Okay, so ist es gut. Das werde ich wohl mit Sicherheit erst ganz spät erreichen, weil sowas Zeit braucht. Aber wenn man sieht, daß es Schritt für Schritt vorangeht, dann ist das schon etwas, und ich möchte, daß unsere Besucher das möglichst bald auch sehen."


Dr. Wünnemann plant , eine Gruppe von Studenten zusammenzustellen, denen es Spaß machen würde, ehrenamtlich als "Zoopädagogen" zu arbeiten. Wer Interesse hat, melde sich bitte bei Stefanie Wegener und Esther Schallott, Tel. HD 619981.

(st, stw)    


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