Begründer der Ostasiatischen Kunstgeschichte

Blau muss die Lieblingsfarbe von Dietrich Seckel sein: Vom Anzug bis zu den Vorhängen prägt dieser angenehme, luftige Ton die geräumige Handschuhsheimer Wohnung. An den Wänden stehen gefüllte Bücherregale, aber auch einige asiatische Drucke haben Platz, ihre Ruhe auszustrahlen. 1976 emeritierte der erste Professor für ostasiatische Kunstgeschichte in Heidelberg, aber seine Forschung lässt ihn nicht ruhen. „Das ist ein Full-Time-Job“, sagt der Professor und weist auf Berge von Büchern auf seinem Schreibtisch und drei Ordner mit dem Manuskript für einen Band über Portraitmalerei in Ostasien.

Seckel wurde 1910 in Berlin geboren, studierte dort Germanistik und Kunstgeschichte. Weil in der Wirtschaftskrise letzteres keine Perspektive bot, promovierte er im weniger geliebten Fach. Dies ermöglichte ihm, mit 26 Jahren Berlin und Nazi-Deutschland in Richtung Japan zu verlassen. Durch die Entscheidung blieb dem jungen Deutschen die Kriegsteilnahme erspart. Aber auch sonst war der Aufenthalt im Fernen Osten folgenreich. Zunächst gab Seckel in einer Art College im damals noch unbekannten Hiroshima Deutschkurse, später lehrte er an der kaiserlichen Universität in Tokyo.

Nebenher „ge-wöhnte“ er sich an das Japanische und befasste sich wieder mit seinem Steckenpferd, der Kunstgeschichte. 1945 warfen die Amerikaner die Atombomben auf Hiroshima und Nagsaki, gleichzeitig wurden Nacht für Nacht entlang der Bahnlinie zu Seckels Wohnort bei Tokyo Brandbomben abgeworfen. Japan kapitulierte. „Drei Tage später“, vermutet Seckel, „wäre mein Ort drangekommen.“ Nach dem Krieg wurden alle Deutschen „repatriiert“ – eine fünfwöchige Schiffsreise. „Kostenlos zwar“, lacht Seckel, „aber danach stand ich mit einem Koffer in Stuttgart auf der Straße; das war der Nullpunkt.“ Bald erhielt Seckel dort eine Stelle und fragte in Heidelberg an, ob es möglich wäre, über ostasiatische Kunstgeschichte zu habilitieren. Kaum war die Frage bejaht, öffnete Seckel seinen aus Japan mitgebrachten Koffer und holte seine fertige Habilitationsschrift heraus.

Die Fachwelt war begeistert. Seckel forschte vor allem über Kunst im Buddhismus weiter. Zwei Rufe ermöglichten es ihm, in Heidelberg eine eigene Abteilung innerhalb der Kunstgeschichte und einen Professorenstuhl herauszuhandeln. Guten Studenten habe er immer abgeraten, sich auf dieses Orchideenfach zu konzentrieren, sagt er. „Man muss sehr gut sein, um eine berufliche Chance zu haben.“ Die Studenten fanden ihn streng, erinnern sich aber gerne an ihn. Seine früheren japanischen Schüler konnten die Verleihung eines japanischen Ordens erreichen: „Aber den trage ich nie. Ich will mich ja nicht lächerlich machen.“

(fs)    


Inhaltsverzeichnis Ausgabe 73