Der alte Mann und die Sprache

Er ist einer der letzten Sprecher des Kurischen, einer Sprache, die viele Lexika gar nicht oder allenfalls als ausgestorben kennen.

Sehr lebendig erzählt Richard Pietsch in seiner Wohnung auf dem Heidelberger Emmertsgrund von seinem Leben, den diversen Unfällen, deren Folgen ihn jetzt an den Rollstuhl fesseln, von seinen Träumen, die sich schon oft bewahrheiteten, von seiner Jugend. Und natürlich von seiner Sprache, dem Kurischen, für deren Erhalt er viel getan hat. „Ich bin zwar nicht wirklich der letzte Sprecher“, berichtet er, „aber ich bin der einzige, der kurisch sprechen und schreiben kann.“ Und singen, wie er eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Kurisch ist eine der baltischen Sprachen, von denen heute nur noch das Litauische und das Lettische bekannt sind. Es geht auf lettische Dialekte zurück, hat aber im Laufe der Zeit auch viele Lehnwörter aus dem Litauischen und Deutschen aufgenommen. Bis 1945 gab es noch mindestens 257 Familien, die kurisch sprachen – heute kennt Pietsch noch sieben Sprecher.

Er ist einer von ihnen. Aber Pietsch war der Erste, der einen Schriftstandard für das Kurische festlegte. Davon zeugt unter anderem sein „Deutsch – Kurisches Wörterbuch“, von 1991. Gehen wir nach Hause? – Iesam majas?, steht da etwa. Dazu kommt das zweisprachig veröffentlichte Buch „Fischerleben auf der Kurischen Nehrung“ (1982), das anschaulich vom Alltag eines heute verstreut lebenden Volkes berichtet. Ältere Sprachdenkmäler gibt es kaum. Anerkannt wurde sein ehrenamtliches Engagement dennoch selten. Erst 1993 wurde Pietsch von der Künstlergilde mit dem Georg-Dehio-Preis für Kultur- und Geistesgeschichte ausgezeichnet.

Geboren wurde Pietsch 1915 in Nidden auf der Kurischen Nehrung, einem nur 96 Kilometer langen und bis zu vier Kilometer breiten Landstreifen zwischen Königsberg und Memel, der das Kurische Haff von der Ostsee trennt. Auch wenn die Region damals noch zum wilhelminischen Kaiserreich gehörte – der Deutsche Orden hatte das Gebiet 1267 unterworfen – wurde in Pietschs Familie in erster Linie kurisch gesprochen. Erst in der Schule kam Deutsch hinzu. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs flohen die meisten Kuren vor den anrückenden russischen Truppen oder wurden nach Deutschland umgesiedelt. Pietsch und seine kleine Tochter landeten 1947 in Norddeutschland. Seine Frau war auf der Flucht gestorben.

Schönere Erinnerungen verbindet Pietsch mit seiner Jugend auf der Nehrung. Fischer, wie sein Vater, konnte der junge Richard nicht werden: Nach einem Unfall während des Ersten Weltkriegs blieb sein rechter Arm gelähmt. Also arbeitete er als Postfahrer, Maler und Kunsthandwerker, fertigte die traditionellen „Kurenwimpel“ für Touristen an. Zu diesen zählte auch Thomas Mann, der 1929 in Nidden ein Ferienhaus für sich und seine Familie kaufte. Pietsch erzählt, wie er mit der Familie Mann Kontakt hatte: „Ja, mit den Kindern haben wir gespielt, mit Klaus und Erika.“

Eine seiner Erinnerungen an die Zeit auf der Nehrung könnte vielleicht sogar zur Auffindung des berühmten Bernsteinzimmers führen. Richard Pietsch ließ sich jedenfalls vorsichtshalber einen Finderlohn zusichern. Seit 1984 lebt Pietsch in Heidelberg. Kurisch spricht er nur noch sehr selten – und leider meist nur mit sich selbst.

(tir)    


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