Ein Land im Umbruch

Helmut R. Schulze über Afghanistan

Für das Buch „Zeitreise ZDF“ reiste Helmut R. Schulze zum ersten Mal nach Afghanistan – eine Reise, der bald weitere folgten. Die Eindrücke seiner letzten Reise, die ihn tief ins Landesinnere führte, schilderte der Fotograf vor den Semesterferien in einem Vortrag der Heidelberger Geografischen Gesellschaft.
Helmut R. Schulze gehört zu den namhaften Fotojournalisten in Deutschland. Der ehemalige Offizier und Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse begleitete über viele Jahre Politiker auf ihren Reisen – so den ägyptischen Präsidenten Sadat, die Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Roman Herzog, die Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl, sowie den Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Seine Reportagen haben die Menschen und Länder aller Kontinente zum Thema.

Herr Schulze, als Fotojournalist haben Sie alle Kontinente bereist. Welchen besonderen Reiz hat Afghanistan für Sie?

Zuerst einmal ein alter Jugendtraum. Der eigentliche Grund zu diesem Zeitpunkt nach Afghanistan zu reisen war der Auftrag das Buch „Zeitreise ZDF“ zu erstellen. Drei Jahre habe ich daran gearbeitet. Im Kapitel „Politische Reportagen“ hatte die Berichterstattung über Afghanistan einen großen Stellenwert. So war es mir möglich bei den ersten Reisen das Team zu begleiten. Ein halbes Jahr später entschloss ich mich dann, das Land mit einem kleinen Team bestehend aus Fahrer, Dolmetscher und Assistentin über eine Entfernung von 2500 Kilometer zu bereisen.

Was macht das Land aus fotografischer Sicht interessant?

Fotografie heißt in erster Linie persönliche Eindrücke optisch verständlich umzusetzen, Gesehenes im Kopf zu speichern und möglichst unter optimalen Lichtbedingungen mit der Kamera zu erfassen. Afghanistan ist von seiner geografischen Lage und seiner geologischen Struktur ein ganz besonderes Land. Unzugänglich durch hohe Berge, zwischen denen tiefe Täler liegen, die man nur über 3000 Meter hohe Pässe auf Straßen erreicht, die diesen Namen nicht verdienen. In dieser grandiosen, wilden, ja ungezähmten Natur ist der Mensch nicht ihr Beherrscher. Er versucht mit einfachen Mitteln seit Jahrhunderten vor allem auf dem Lande zu überleben. Für mich war es ein immer wiederkehrendes Thema, die Dimensionen herauszustellen: Der kleine Mensch in einer grandiosen Natur.

Nach 20 Jahren Krieg ist das eine überraschend romantische Beschreibung.

Das finde ich nicht. Es ist nur eine andere Sichtweise. Wenn Sie aus Deutschland kommen, wo alles organisiert und wohl geordnet ist, werden sie mit einer Dimension konfrontiert, die einem die Sprache verschlägt. Sie ist eine Mischung von Chaos und viel Improvisation. Das alles vor dem Hintergrund von Zerstörung, Armut, aber auch dem Willen, das Beste daraus zu machen und vor großartiger Naturkulisse.
Die „romantische Beschreibung“, wenn dieser Begriff angebracht ist, trifft nur auf die Natur und die liebenswürdigen Menschen zu, nicht auf das, was ihnen angetan wurde. Diese europäische Sicht der Faszination kann man aber auch schon in alten Reiseberichten nachlesen.

Welche besonderen Eindrücke nahmen Sie von Ihrem Besuch in Kabul mit?

Natürlich hat mich vieles, was ich dort sah, erschüttert: Die Armut, die tägliche Suche nach einem Job, die Kriegsopfer am Straßenrand, kurz: Die Menschen, die alles verloren haben. Aber es gibt auch das andere Kabul, wo es alles zu kaufen gibt, wo man merkt, dass der Wandel durch Handel zustande kommt, wo die Menschen frei auf einen zugehen, aufgeschlossen das Gespräch suchen und sich bereitwillig mit viel Würde fotografieren lassen. Die Menschen nehmen ihr Schicksal in die eigenen Hände.

Sie meinten in Ihrem Vortrag, im Vergleich zu Afrika sei das Ausmaß des Leidens der Menschen in Afghanistan eine andere Kategorie. Wie hat sich das Ihnen dargestellt?

Natürlich gibt es in Afrika, wenn man an Ruanda, Burundi, den ehemaligen Kongo – heute Zaire – und Mozambique denkt, fürchterliches Leid durch Hunger und Aids. Nur hier in Afghanistan schafft allein das Klima mit extrem kalten Wintern und oft sehr heißen Sommern, verschärft durch wenig Vegetation und Kriegszerstörung, verglichen mit dem südlichen Afrika eine andere Dimension. Den Einzelschicksalen begegnet man in den Krankenhäusern Kabuls und der Provinz. Zu den körperlichen Schäden kommen vor allem bei den Kindern die traumatischen Erlebnisse. Mut macht dagegen der Zusammenhalt der Familien, die oft Tagesreisen auf sich nehmen, um sich am Krankenbett um die Angehörigen zu kümmern, aber auch die vielen Hilfsorganisationen, die segensreiche Arbeit leisten.
Einige, wie das Team der orthopädischen Klinik Heidelberg, opfern Wochen ihres Urlaubs, um dort in Operationen kleine Wunder zu vollbringen und mit anschließenden therapeutischen Behandlungen den Menschen Lebensqualität zurückgeben. Die Geschichten des Leids würden Bände füllen. Vor allem auf dem Land ist das Schicksal der heimgekehrten Flüchtlinge besonders hart. Sie hausen im Winter bei Temperaturen unter 20 Grad in Felsenhöhlen direkt neben den von den Taliban gesprengten Buddhas. Viele Familien haben ihren Ernährer verloren. Das Wasser und das Brennmaterial muss kilometerweit geschleppt werden.

Viele Waren: schön – aber wer kann die dort bezahlen?

Es gibt eine schmale Schicht von reichen Leuten. Viele davon sind nach Pakistan geflüchtet und leben dort auch noch heute. Sie besitzen ganze Dörfer, die ihren Wert behalten, weil die Währung zur damaligen Zeit sehr inflationär war. Trotzdem, die Improvisationsgabe der afghanischen Händler ist sprichwörtlich: Billige Waren aus China und Afghanistan, Lebensmittel aus eigener Produktion. Vieles hat sehr erschwingliche Preise. Sogar die Schmuckgeschäfte, unter den Taliban verboten, sind im Bazar der große Anziehungspunkt für die verschleierten Frauen.

Empfinden die Frauen den Schleier als Instrument der Unterdrückung?

Nein. Die Frauen sind von den neuen Freiheiten sehr angetan. Heute können sie wieder studieren, alleine einkaufen gehen, werden heute auch wieder von männlichen Ärzten behandelt. Sie können Musik hören, Bücher lesen, die sie wollen. Kurzum: Für die Frauen hat sich viel geändert. Um das auch nach außen zu dokumentieren, hat Karzai einige Frauen in die Regierung berufen.

Ist die afghanische Gesellschaft schon in der Moderne angekommen?

Teile der Gesellschaft sind noch der Vergangenheit verhaftet. Andererseits sind die Afghanen von Natur aus sehr anpassungsfähig. Für große Teile der Jugend gibt es diese Probleme nicht. Sie sind für alles Neue offen.

Sind soziale Ungleichheiten nicht eine Quelle für neue Gewalt?

Es kommt sicherlich darauf an, dass das Geld der Geberländer nicht nur richtig verteilt, sondern auch sinnvoll angewendet wird, nämlich nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Die Bauern brauchen anständige Pflüge, nicht solche Holzpflüge, die die Erde nur anritzen. Kleine Wasserpumpen würden die Versorgung vor allem auf dem Lande gewährleisten und das Land sinnvoller bewässern, denn reines Wasser gibt es dort genug. Sozialen Neid, wie er bei uns oft vorhanden ist, habe ich nicht gespürt. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass es in Afghanistan eine hierarchische Gesellschaft gibt. Die Distanz zwischen arm und reich ist materiell vorhanden, nicht aber im Umgang miteinander. Das heißt, dass der Wächter, der das Haus bewacht, mit seiner Stellung zufrieden und loyal zu seinem Herrn ist. Würde und Respekt sind dort Eigenschaften, die einen hohen Stellenwert haben.

Die Macht der Stämme und der Clanchefs ist ungebrochen, Afghanistan ist ein Schmelztiegel der Ethnien: Wie lässt sich ein derart fragmentiertes Land regieren?

Das ist richtig, vielleicht mit dem Zusatz „noch“! Wenn es gelingt, durch Präsenz im Land auch militärisch den Menschen Sicherheit zu geben, ihnen wirtschaftlich zu helfen und ihnen zu vermitteln, wie es der Bundeswehr gelungen ist, dass sie als Helfer auftreten und nicht als Besatzer, dann wird die Macht der korrupten Clanchefs reduziert.
Dies wird aber auch davon abhängen, ob die Infrastruktur so entscheidend verbessert wird, dass die Provinzen schnell erreichbar und nicht für Monate von der Hauptstadt abgeschnitten sind. Die Wahlen werden entscheiden, ob der jetzige Präsident Karzai, der sich im Ausland großen Respekt erworben hat, auch im Inland den Rückhalt hat, und ob sein Einfluss in den Provinzen steigt, in denen derzeitig die Clanchefs herrschen. Bis heute haben die das Geld, die Waffen und die Macht.

Wie kann die Entwicklung in Gang gebracht werden?

In dem man nicht nur in den großen Städten die neuen Investitionen sichtbar werden lässt, sondern vor allem den ländlichen Gebieten dort hilft, wo es am Notwendigsten ist. Die Straßen müssen umfassend verbessert und die Brücken repariert werden. Wichtige Pässe müssen auch im Winter geräumt werden. Die Polizei muss so ausgebildet werden, dass sie ihre Ordnungsaufgaben erfüllen kann, auch in technischer Hinsicht, wie bei der Kommunikation.

Die derzeitige Strategie der Amerikaner ist, eher die Clanchefs und Stammesfürsten zu halten.

Das mag sein. Über die Clanchefs kann man aber natürlich streiten. Die Loyalität der Afghanen gilt solange noch dem, der zahlt, der vor Ort ist und sich ihre Sorgen anhört. Natürlich gibt es auch hier eine Menge Korruption.

Wie ist es mit den Deutschen: Ist die Bundeswehr in Afghanistan willkommen?

Ja, sehr und uneingeschränkt, weil sie als Helfer und nicht als Besatzer auftreten. Die Bundeswehr sorgt nicht nur für Sicherheit in gemischten Streifenfahrten bei Tag und Nacht, sondern beteiligt sich auch aktiv beim Aufbau von Schulen, Kindergärten und Häusern. Dazu kommt, dass die Beliebtheit in einer langen traditionellen freundschaftlichen Beziehung zwischen Deutschland und Afghanistan liegt. So gibt es bereits seit Anfang des letzten Jahrhunderts eine deutsche Schule, die gerade wieder eröffnet wurde. Es bestehen seit dieser Zeit lange kulturelle und wissenschaftliche, sogar freundschaftliche Beziehungen.

Welches Bild von Afghanistan hat sich bei Ihnen besonders festgesetzt?

Da gibt es mehrere Aspekte. Im Landesinneren und im Norden, vor allem auf dem Lande, findet man Strukturen, die man durchaus als mittelalterlich bezeichnen kann. In den schwierig zu erreichenden Wüsten sind es die Nomaden, die, je nach Jahreszeit, den Weiden folgen. Nirgendwo auf der Welt habe ich so große Zeltwinterquartiere von ganzen Stämmen gesehen, wie zwischen Mazar-e-Sharif und Herat. Nicht nur hier, sondern in allen schwer erreichbaren Regionen des Landes sind der Esel und das Kamel die Haupttransportmittel, um die Menschen auch in den abgelegensten Regionen zu versorgen.
Beeindruckt hat mich auch die Einfachheit der Menschen, die mit wenig auskommen müssen. Oft gibt es keine Elektrizität und das Wasser muss kilometerweit geschleppt werden. Trotzdem sind Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft eine Selbstverständlichkeit. Beispielsweise wären wir ohne die Hilfe von einigen Einwohnern mit unserem Fahrzeug bei einer Flussdurchfahrt langsam abgesoffen.
Dennoch gibt es eine eiserne Regel, die da heißt, dass man vor der einbrechenden Nacht eine Bleibe finden muss – sonst könnten sie eine Kalaschnikow im Rücken spüren.
Es gibt Orte in diesem Land, die so unberührt sind wie am ersten Schöpfungstage, wo nur die Gesetze der Natur gelten und Menschen dies akzeptieren.

Herr Schulze, wir danken Ihnen für das Gespräch.

(gan, wro)    


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