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 Feuilleton
28.01.2010

Keine Gnade in dieser Welt

Der Mensch ist des Menschen Wolf ‚Äď auch wenn man sich kennt

In "Der Mann der die Welt ass" leuchtet Nis-Momme Stockmann den Hohlraum aus, den der Kapitalismus zwischen den Menschen √ľbrig l√§sst. Das Siegerst√ľck des letztj√§hrigen Heidelberger St√ľckemarkts ist jetzt im Zwinger1 zu sehen.

In "Der Mann der die Welt ass" leuchtet Nis-Momme Stockmann den Hohlraum aus, den der Kapitalismus zwischen den Menschen √ľbrig l√§sst. Das Siegerst√ľck des letztj√§hrigen Heidelberger St√ľckemarkts ist jetzt im Zwinger1 zu sehen.

Die B√ľhne ist karg und mit grellem, glei√üenden Licht geflutet. Auf dem gro√üen Podest in der Mitte steht er, alleine, unter seiner Glatze und in modischer Kleidung. Er keucht und schwitzt, er schreit und schl√§gt, seine irren Augen rasen umher. Er tr√§gt keinen Namen, er ist Sohn, Bruder, (Ex-)Freund, Vater, Kumpel und gefeuert zugleich, aber keine der vielen Rollen ist er zu f√ľllen imstande.

Die Rede ist von dem namenlosen Protagonisten in Nis-Momme Stockmanns "Der Mann der die Welt ass". Es zeigt einen Mann, jung, erfolgreich und beliebt, dem seine Welt schrittweise unter den F√ľ√üen wegbr√∂ckelt. Frau und Kinder hat er verlassen, seinen Hochleistungsjob verloren. Von dieser Ausgangssituation treibt sein Egozentrismus ihn immer weiter in die Enge. Keinen Millimeter kann er von seinem makellosen Selbstbild abweichen. Dabei kommt er mit seinem Leben immer weniger zurecht. Sein dementer Vater erfordert seine Aufmerksamkeit und sein bester Freund r√ľckt von ihm ab, unwillig sich den Zw√§ngen seines Freundes zu beugen. Sein verkiffter Bruder ist v√∂llig unbrauchbar und seine Ex-Frau will ihn in die v√§terliche Verantwortung nehmen.

Zwischen den Figuren ergibt sich daraus eine Konstellation, die sich auch in der B√ľhnenanordnung widerspiegelt. In der Mitte steht hoch auf dem Podest der Protagonist, um ihn herum kreisen die Menschen, die ihm eigentlich die N√§chsten sein sollten. Die ihn lieben, sich um ihn sorgen und m√ľhen. Doch sie zerren an ihm von allen Seiten, schreien ihn an und wollen ihn aus seinem manischen Taumel aufwecken.

In ihren vergeblichen Versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen, zeigt sich nicht nur ihre eigene Verzweiflung, sonder gleichsam ihr Unverm√∂gen, ihrem Freund Liebe entgegenzubringen und ihm einen Raum zu bieten, in dem er sich ohne Angst vor Dem√ľtigung von seinen Zw√§ngen befreien kann.

So werden sie alle zu seinen Feinden, die gemeinsam unter einer Decke stecken und Angriffe gegen seine Freiheit und Unabhängigkeit fahren. Der Mann steht buchstäblich in der Mitte seiner "Widersacher" und wehrt hektisch ihre Attacken ab. Auf dem Gipfel seiner Hysterie schreit er den dementen, nackt im Wohnzimmer stehenden Vater an, schlägt ihn und zwingt ihn, sich zu entschuldigen, ein schlechter Vater gewesen zu sein.

Der Mann hat sich v√∂llig in seine Welt des Materialismus, des besser Seins und des Erfolgs verstiegen. Das Leistungsprinzip ist in alle Bereiche seiner Existenz vorgedrungen. Die Welt, die er bis eben noch gierig verschlungen hat, kotzt er jetzt wieder aus. In seinem Wahn verliert er die F√§higkeit, mit seinen Mitmenschen zu leben, zu f√ľhlen und zu kommunizieren.

Was bedeutet es, sich mit seinen Schw√§chen in einem Kontext zu entbl√∂√üen, in dem sich Anerkennung nach der Leistungsf√§higkeit richtet? Wer dies tut, lautet die Antwort des Autors Stockmann, begeht Verrat an sich selbst, an der Figur, die er ins Rennen des kapitalistischen Spiels geschickt hat. Der Ausstieg, den der Mann sich so sehr herbeisehnt, bleibt unm√∂glich. Als das Licht aus geht, schwebt das offene Ende drohend √ľber den Zuschauern.

W√§hrend Monika Widemer und Benjamin Hille als Ex-Frau und bester Freund bisweilen daran scheitern, ihren Konflikt zwischen Liebe und Emp√∂rung authentisch auf die B√ľhne zu bringen, versinkt Daniel Stock als Mann der die Welt ass, vollkommen in seiner Rolle. Keine Gnade in dieser Welt. Nis-Momme Stockmann leuchtet den Hohlraum aus, den der Kapitalismus zwischen den Menschen √ľbrig l√§sst.

Das Siegerst√ľck des letztj√§hrigen Heidelberger St√ľckemarkts ist jetzt im Zwinger1 zu sehen. Zitternd, rasend, wimmernd f√ľllt er den Raum mit seiner Angst und bringt zugleich zum Ausdruck, dass sich hinter seinen Angriffen auf seine Umwelt in Wahrheit lediglich ein panischer Ruf nach Hilfe verbirgt.

Unbeschadet des eindrucksvollen Spiels von Daniel Stock und auch Ronald Funkes in der Rolle des debilen Vaters bleibt die Inszenierung letztlich leider ein St√ľck weit hinter dem Gehalt der Vorlage zur√ľck. Das √§ndert aber nichts daran, dass "Der Mann der die Welt ass" (beinahe un-)bedingt sehenswert ist.



Die n√§chsten Auff√ľhrungen sind am 19. und am 27. Februar. Das St√ľck l√§uft noch bis Mai 2010.

 

von Max Mayer
   

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