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 Feuilleton
09.06.2010

Wahrheitssuche

Nikol Ljubic schreibt über Schuld und Identität

Robert, Doktorand mit kroatischer Abstammung, hat sich in die serbische Germanistik-Studentin Ana verliebt. Die beiden schwelgen in ihrem Glück, sind kaum zu trennen. Bald erfährt Robert aber von einem Geheimnis, das Ana über Monate vor ihm verborgen hat: ihr Vater, Anglistik-Professor und anerkannter Shakespeare-Experte, muss sich vor dem Jugoslawien-Tribunal in Den Haag als Kriegsverbrecher verantworten.

Die Geschichte ihres Vaters breitet sich unüberwindlich zwischen den beiden aus und legt sich lähmend über ihre bis dahin rauschartige Zweisamkeit. „Ich liebe meinen Vater“, sagt Ana mit einem Hauch von Unverständnis. Sie verdrängt die Tat, sie will sich mit ihr nicht auseinandersetzen, viel weniger noch will sie Robert daran teilhaben lassen. Vor seinen Augen existieren zwei Bilder dieses Mannes. Das des geächteten Kriegsverbrechers und das des hochgebildeten, liebevollen Vaters.

In der Hoffnung, sich von Anas Vater ein Bild machen zu können und dadurch Zugang zu ihrem Konflikt zu gewinnen, fährt Robert nach Den Haag und besucht den Prozess.

Dessen Erlebnisse dort hat Nicol Ljubi? mit Rückblenden in Roberts Zeit mit Ana und mit Abstechern in dessen Gedankenwelt verwoben. Nach und nach sieht er sich mit immer neuen Sichtweisen auf den Balkan-Konflikt konfrontiert, die seine Suche nach Wahrheit zunehmend boykottieren. Lässt sich über die Ereignisse in Višegrad überhaupt so etwas wie eine objektive Wahrheit ermitteln? Wie soll sich die Schuld dieses Menschen bemessen lassen, der dort seinen Richtern gegenübersitzt? Welche Bedeutung hat das für die Schuld der Serben, welche für die Identität von Ana?

Schritt für Schritt zerlegt Nicol Ljubi? den vielschichtigen Komplex der Schuld vor Roberts Augen in seine unzähligen Ebenen. Robert sieht sich, und mit ihm der Leser, mehr und mehr aus seinen tradierten Sichtweisen heraus gedrängt und steht am Ende kleinlaut vor der Komplexität einer Geschichte, die längst nicht mehr nur sein Verhältnis zu Ana betrifft, und die sich den Kategorien von Gut und Böse entzieht.

Ljubi? überträgt das mächtige Thema der kollektiven, der individuellen und der vererbten Schuld auf einen persönlichen und emotionalen Konflikt und bringt ihn dadurch umso näher an den Leser heran. Meeresstille regt zum Nachdenken an und ist trotz einiger stilistischer Holprigkeiten unbedingt lesenswert.



Nicol Ljubic: „Meeresstille“, Hoffmann und Campe, 2010, 17 Euro

von Max Mayer
   

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