ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 Heidelberg
13.12.2011

FrĂŒhstĂŒcken wie ein Kaiser

Heidelberg ist eine reiche Stadt – und reich an Obdachlosen. Ein Besuch.

Obdachlosenschlafplatz im Marstallhof / Foto: Hannes Munzinger

Meteorologen prognostizieren, uns stehe ein sehr kalter Winter bevor. FĂŒr Obdachlose ist jeder Winter kalt und eine existenzielle Bedrohung. In Heidelberg bieten deshalb Stadt, Vereine und viele Kirchengemeinden Hilfe an. Ein Beispiel ist die Aktion „FrĂŒhstĂŒck im Winter“.

 

Es ist acht Uhr morgens, die Augen der Wartenden an der Bahnhaltestelle sind klein, die Nasen rot, Atem kondensiert zu dichten Wölkchen. Ich bin auf dem Weg in das Gemeindehaus Sankt Vitus in Handschuhsheim, wo es in dieser Woche kostenloses FrĂŒhstĂŒck fĂŒr Wohnungslose und andere BedĂŒrftige gibt. Von November bis Ende MĂ€rz, wenn die Temperaturen selbst in Heidelberg nachts unter dem Gefrierpunkt liegen, bieten 20 Kirchengemeinden seit 1983 im wöchentlichen Wechsel Wohnungslosen „Starthilfe“ in den Tag.

Ich treffe Gudrun Schwöbel, deren Name in Verbindung mit der Aktion stets fĂ€llt. Auf die Frage, warum gerade ein krĂ€ftiges FrĂŒhstĂŒck so wichtig sei, zitiert sie das alte Sprichwort: „Morgens sollst du essen wie ein Kaiser, mittags wie ein König und abends wie ein Bettelmann.“ Als wir den FrĂŒhstĂŒcksraum betreten, wird ein weiterer Grund spĂŒrbar: Es ist wohlig warm hier. Wer im Freien ĂŒbernachten musste, im Wald oder an mehr oder weniger windgeschĂŒtzten PlĂ€tzen, wie dem Eingang des Marstallhofes, muss sich dringend aufwĂ€rmen. Doch unter den Anwesenden sind nicht nur Wohnungslose. Die Armut hat viele Gesichter und trifft offensichtlich zunehmend auch Hartz-IV-EmpfĂ€nger. So sitzen wir zwischen Menschen, deren Leid auch Ă€ußerlich sichtbar ist und anderen, deren gepflegte Erscheinung ĂŒber ihre Lebenssituation hinwegtĂ€uscht.

11.300 Menschen sind in Heidelberg armutsgefĂ€hrdet, vorwiegend im SĂŒden der Stadt. Den Ärmsten der Armen steht jedoch ein sicherlich ĂŒberdurchschnittlich dichtes Betreuungsnetz zur VerfĂŒgung. Der Verein „Obdach“ mietet beispielsweise 37 Wohnungen im gesamten Stadtgebiet an und bietet rund 100 Betroffenen ein umfassendes Konzept fĂŒr Betreuung und BeschĂ€ftigung. Das Wichernheim der Evangelischen Stadtmission in der Plöck hat eine KapazitĂ€t von 70 ÜbernachtungsplĂ€tzen und betreibt Wiedereingliederungshilfe. Der katholische Verein fĂŒr soziale Dienste betreut das stĂ€dtische Notquartier mit 20 SchlafplĂ€tzen. Zudem gibt es ambulantes Wohnen speziell fĂŒr Frauen. Zudem gibt es eine Fachstelle im Sozialamt der Stadtverwaltung und einen Streetworker. 

Je kĂ€lter es wird, desto mehr FrĂŒhstĂŒcksgĂ€ste kommen. Nach EinschĂ€tzung der Helferinnen und Helfer werden es auch generell mehr. Das durchschnittliche Alter ist 55 Jahre und aufwĂ€rts, aber auch vor jĂŒngeren mache die Entwicklung zunehmend keinen Halt mehr. Inzwischen hat der warme Kaffee Körper und Geist aufgetaut, die GesprĂ€che unter den vielleicht 25 Anwesenden werden lebhafter. Es sind fast alle EinzelgĂ€nger sagt Bernhard, den Gudrun Schwöbel seit Jahren kennt, der als Einziger bereit ist, mit mir ĂŒber seine Situation zu sprechen.

Man kenne sich nur mit Vornamen und wisse wenig ĂŒber die Schicksale der Leidensgenossen. Er ist 54, hat elf Jahre auf der Straße gelebt und nun seit einem Jahr eine Wohnung. Private und berufliche GrĂŒnde haben ihn auf die Straße gebracht, er redet nicht gern darĂŒber. WĂ€hrend er auf der Straße lebte, arbeitete er als Tagelöhner saisonweise als Gartenhilfe. Er verdiente bis zu 100 D-Mark – heute etwa 51 Euro – am Tag, aber wie das Geld reinkam floss es wieder hinaus. Nur fĂŒr den Winter wurde ein wenig angespart.

Was man in einer Wohnung als SelbstverstĂ€ndlichkeit besitzt, mĂŒssen sich Wohnungslose ĂŒber den Tag hinweg organisieren. Wo kann man ohne Geld WĂ€sche waschen? Wo gibt es die Möglichkeit zur Körperpflege? Mangelnde Hygiene ist eine Gefahr fĂŒr Leib und Leben, wenn man keine Krankenversicherung besitzt. Und auch jede Mahlzeit will organisiert und finanziert sein. FĂŒr das FrĂŒhstĂŒck laufen viele sogar bis nach Ziegelhausen, erzĂ€hlt Bernhard. Busse sind zu teuer, wirft Gudrun Schwöbel ein und beklagt einen fehlenden Sozialtarif im öffentlichen Nahverkehrsnetz. Über seinen Alltag sagt er: „Zeit ist da, leider." Man mache eben Sachen, die wenig kosten. Die UniversitĂ€tsbibliothek dĂŒrfe man nutzen, um zu lesen, aber wirklich willkommen sei man nicht. Manchmal könne man morgens um sechs Uhr bei der Schnellvermittlung der Arbeitsagentur spontane Jobs fĂŒr den Tag kriegen, Krankheitsvertretungen auf dem Bau zum Beispiel. Oft bestĂŒnde der Tag aber auch nur aus RumhĂ€ngen. Er wehrt sich gegen das Penner-Image der Obdachlosen, es gĂ€be Obdachlose, die man als solche nicht erkenne.

Das FrĂŒhstĂŒck ist so wichtig, weil es nicht nur Kraft und WĂ€rme spendet, sondern auch verlĂ€sslichen sozialen Kontakt ermöglicht. Wohnungslose können es sich nicht leisten sich zum mittĂ€glichen Kaffeetrinken zu verabreden. Das FrĂŒhstĂŒck ist ein zeitlicher Anker im Alltag, das erwĂ€hnt Bernhard mehrfach.

Alle Hilfsformen, die in Heidelberg zur VerfĂŒgung stehen, haben eines gemeinsam: Ehrenamtliche Mitarbeiter tragen oder stĂŒtzen die Projekte mindestens. Ich spreche mit einer Helferin, die seit 18 Jahren beim FrĂŒhstĂŒck hilft. Sie erzĂ€hlt von „FrĂŒhstĂŒckstouristen“, sogar aus Ludwigshafen kĂ€men Leute deshalb. Als Organisatoren fragen sie nicht, wer wirklich bedĂŒrftig ist und wer nicht. Es sei auch schon vorgekommen, dass ein Einzelner das Angebot lautstark kritisiert und statt Wurst gekochten Schinken verlangt habe. Letztendlich habe man ihn rausschmeißen mĂŒssen, inzwischen aber gebĂ€ndigt wieder aufgenommen.

Schmunzelnd berichtet Schwöbel sogar eine „gesunde Konkurrenz“ zwischen den ausrichtenden Gemeinden: „Jede will diesem Personenkreis das Beste bieten.“ Finanziert wird das FrĂŒhstĂŒck aus Gemeindegeldern, Kollekten und natĂŒrlich Spenden. SelbstverstĂ€ndlich kann sich auch jeder selbst engagieren, obwohl es offensichtlich an Freiwilligen nicht fehlt. Vor allem geht es den Helfern darum, ein Bewusstsein fĂŒr die Probleme der Wohnungslosen zu schaffen und zu ermutigen, sie in WĂŒrde und respektvoll als Teil der Gesellschaft zu verstehen.

Anerkennung und Respekt sind fĂŒr Wohnungslose Voraussetzungen fĂŒr den Erfolg im tĂ€glichen Kampf ums Überleben. Es geht nicht nur um Nahrungsaufnahme, erklĂ€rt mir Bernhard und hĂ€lt sich scherzhaft seinen wohlgerundeten Bauch. Das FrĂŒhstĂŒck gibt ganz offensichtlich auch Nahrung fĂŒr die Seele: „Man weiß, man ist willkommen“. 

 

von Hannes Munzinger
   

Archiv Heidelberg 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004