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 Feuilleton
19.12.2011

Zettel-Kunst und "Zeitwille"

Von einsamen BĂ€umen und verschenktem GlĂŒck

Unpathetische GroßzĂŒgigkeit: „Papierfetzen! Nimm so viel du willst“ / Foto: Zeitwille

Seit Kurzem manifestiert sich der Zeitwille in Heidelberg auf Abreißzetteln. Diese hĂ€ngen an BaumstĂ€mmen und wenden sich an Passanten mit der Aufforderung: „Umarme mich“. Oder man findet sie an WĂ€nden nĂ€chtlich frequentierter LokalitĂ€ten.

Seit Kurzem manifestiert sich der Zeitwille in Heidelberg auf Abreißzetteln. Diese hĂ€ngen an BaumstĂ€mmen und wenden sich an Passanten mit der Aufforderung: „Umarme mich“. Dazu findet man sie an WĂ€nden nĂ€chtlich frequentierter LokalitĂ€ten. „Tanzen ist die senkrechte AusfĂŒhrung eines waagrechten Verlangens“, „Ich hab Lust, hast du Laune?“ oder „Sinn, Liebe & GlĂŒck - kostenlos zum Mitnehmen“ heißt dann die Botschaft. Manchmal ist es auch ein schlichtes Blatt Papier an einer ĂŒberladenen Plakatwand, welches als einziges keinen Werbeauftrag erfĂŒllen möchte, sondern glanzlos realistisch bemerkt: „Papierfetzen! Nimm so viel du willst.“

Können BĂ€ume einsam sein? Kann man Sinn, Liebe und GlĂŒck einfach so verschenken? Ganz ohne unterschwellige Verkaufsabsichten? Anscheinend schon. Warum nicht einmal spontan einem wildfremden Fetzen Papier einen symbolischen Wert beimessen und sich ĂŒber das geschenkte GlĂŒck freuen? Und sei es nur, weil man soeben in einem Zufallsmoment auf die charmanten Gedanken aufmerksam geworden ist.

Absender dieser eigenwillig direkten Botschaften ist das KĂŒnstlerkollektiv „Zeitwille“. Die stilvoll grobkörnigen und kontrastreichen Fotos der Aktionen werden im Internet ĂŒber ihren Blog und auf Facebook verbreitet. Dabei sehen sich die Handelnden lediglich als Medium, durch das der Zeitwille zu seinem Ausdruck findet. „Wir verwirklichen DenkanstĂ¶ĂŸe, die fĂŒr den Menschen existenziell sind“, sagt ein Aktionist. „Wir sprechen GrundbedĂŒrfnisse an. Es stellt sich die philosophische Frage nach dem Sinn des Seins. Im Grunde mĂŒsste jeder selbst darauf kommen. Da sich das derzeitige kollektive Bewusstsein aber in Richtung einer unbewussten Wahrnehmung entwickelt, war es Zeit fĂŒr unsere Aktion.“

Die Zettelaktionisten erhalten ihre Ideen durch alles, was sie tagtĂ€glich und nachtnĂ€chtlich umgibt. Spontane Gedanken oder flĂŒchtige GesprĂ€chsfragmente werden aufgeschnappt und in einen neuen Ă€sthetischen und appellativen Zusammenhang gestellt.

Über das Ergebnis ist man geteilter Meinung. Einerseits kursiert die Vermutung, hinter „Zeitwille“ stehe eine Gruppe Jugendlicher mit sehr viel Freizeit. Dazu trage diese „wilde Plakatiererei“ nicht unbedingt zu einem „gepflegten Stadtbild“ bei. Ein Passant fragt, ob das nicht sogar verboten sei. Nach Artikel 5 des Grundgesetzes trifft dies jedoch nicht zu, da jeder das Recht hat, „seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu Ă€ußern und zu verbreiten“. Dazu entsteht nach Paragraf 303 des Strafgesetzbuches durch das Anbringen der Zettel keine SachbeschĂ€digung, solange das Erscheinungsbild der jeweiligen Wand, des Laternenpfahls oder des Baumes nur „unerheblich“ und „vorĂŒbergehend“ verĂ€ndert wird.

 Es wĂ€re allerdings weniger vorteilhaft, sich beim Anbringen der Zettel von Behördenmitgliedern erwischen zu lassen, da das Plakatieren im öffentlichen Raum nach der Straßen- und Anlagenpolizeiverordnung des Ortsrechts der Stadt Heidelberg der Einwilligung des VerfĂŒgungsberechtigten bedarf. Wer beim wilden Plakatieren ertappt wird, mĂŒsste wohl die Kosten fĂŒr die Beseitigung der Zettel zu ĂŒbernehmen oder sie selbst entfernen.

 Anderseits sind viele von der Zettelaktion begeistert. Wir haben uns bei Passanten umgehört: Es sei mal „was anderes“, was zum Nachdenken anrege, eine „sympathische Abwechslung zu den ĂŒblichen Annoncen und Reklameplakaten“. Der rege Anklang der Aktionen, macht sich an den vielen abgerissenen Mitnehm-Zettelchen bemerkbar. Einige meinen zudem, dass die Aktionen gewagter sein könnten. „Man merkt, dass es sich hier um eine Heidelberger Kunstaktion handelt“, erklĂ€rt eine Touristin, „das dezente Vorgehen der Akteure passt zur Traditionsverbundenheit der Stadt.“ Um ihrem Motto einer „unkontrollierten medienunterstĂŒtzten GruppenkohĂ€sion mit nachhaltiger Wirkung“ gerecht zu werden, seinen etwas offensivere Aktionen sicher nicht fehl am Platz.

 Zeitwille lassen sich von dem modernen Architekten Ludwig Mies van der Rohe inspirieren. In Anlehnung an ihn, glauben sie, dass die Zeit reif fĂŒr einen neuen Realismus sei: „KĂŒnstlerisches Wirken ist immer raumgefasster Zeitwille. Ehe diese einfache Wahrheit nicht klar erkannt wird, kann der Kampf um die Grundlage eines neuen Realismus in der Kunst nicht zielsicher und mit wirksamer Stoßkraft gefĂŒhrt werden; bis dahin muss es ein Chaos durcheinander wirkender KrĂ€fte bleiben.“ NĂŒchtern stellen sie fest: „Wir schĂ€tzen nicht den großen Schwung, sondern die Vernunft und das Reale.“

 Das klingt existenzialistisch. Und tatsĂ€chlich findet man auf den Abreißzetteln auch ein Zitat von Jean-Paul Sartre: „Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere.“

 

Das folgende Interview fĂŒhrte Anne-Kathrin Glaser per E-Mail.

ruprecht: Wie viele seid ihr?

Zeitwille: Wir sind eine Gruppe, die Anzahl variiert.

Wissen eure Freunde oder andere, die nicht am Projekt beteiligt sind, wer die Zettel aufhÀngt?

Nein.

Woher bekommt ihr euer Feedback? Ist euch das wichtig?

Da wir die Aktionen möglichst anonym halten, kommt es nur sehr selten zu einer Situation, bei der wir Feedback bekommen. FĂŒr uns ist es wichtig, dass die Abschnitte abgetrennt werden Das reicht uns als Feedback.

Auf euren Fotos sieht man, dass eure bevorzugten Platzierungsorte Parkanlagen, Seitengassen und PartyrÀume sind. Warum gerade an diesen Orten?

Bei der Wahl der Platzierungsorte haben wir kein bevorzugtes Muster. Meist sind die Aktionen spontaner Natur.

Kam die Idee von euch?

Die Idee manifestiert sich allein durch die Aktion und die Aktion ist von uns.


 oder habt ihr Zetteldichtung schon in anderen StÀdten erlebt und wolltet das in Heidelberg ausprobieren?

Wie in jeder Stadt hĂ€ngen auch in Heidelberg an vielen Orten Abreißzettel aus. Von dieser simplen Form der Kommunikation profitieren wir und wĂ€hlten deshalb gezielt dieses Medium.

HÀngt ihr die Zettel auch in anderen StÀdten aus?

Ja, auch in anderen LĂ€ndern, teils in der Landessprache, teils auf Englisch.

Habt ihr vorher bereits an anderen Kunstprojekten gearbeitet?

Manche unserer Mitglieder sind erfahrene und erfolgreiche KĂŒnstler, manche sind in andern Branchen tĂ€tig, andere wiederum hatten vor Zeitwille nichts aktiv mit Kunst zu tun.

Lasst ihr euch von lokalen oder internationalen StraßenkĂŒnstlern inspirieren?

SelbstverstĂ€ndlich, Inspiration ist ĂŒberall und jederzeit zu finden. Bilder der Aktionen gibt's im Zeitwille-Blog.

von Anne-Kathrin Glaser
   

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