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 Feuilleton
23.12.2011

Gegensätzliche Genialität

Auf dem Musikfestival „Enjoy Jazz“ wird nicht nur Jazz gespielt

Steve Coleman ist längst auf dem Jazz-Olymp angekommen. / Foto: Tracy Collins

Es ist mehr als nur irgendein Jazz-Festival. Zum dreizehnten Mal kommen zu „Enjoy Jazz“ Künstler aus aller Welt zusammen, die vor allem eines verbindet: die Freude an musikalischen Experimenten. Ein Erlebnis für Freunde anspruchsvoller, vielseitiger Musik.

Einmal im Jahr, zwischen Oktober und November, wird die Metropolregion Rhein-Neckar zu einem Bollwerk für gute Musik. Das Festival „Enjoy Jazz“ fand in diesem Jahr zum dreizehnten Mal statt. Doch es stand nicht nur klassischer Jazz auf dem Programm. Es wurden Brücken geschlagen zu allen anderen Musikgenres, ganz gleich, ob Rock, Folk oder Hip-Hop. Internationale Größen und neu entdeckte Talente gaben sich Instrument und Mikrofon in die Hand und sorgten für ein vielseitiges Festivalprogramm.

Es fällt schwer, einzelne Künstler aus dem spannenden Line-Up herauszustellen. Da ist zum Beispiel Bill Callahan, der Songwriter, der früher unter dem Pseudonym „Smog“ von sich reden machte und seine neusten Platten unter Realnamen veröffentlicht.

Er tritt im Karlstorbahnhof in Heidelberg auf die BĂĽhne und mit dem ersten Akkord, dem ersten Wort sind die Zuschauer in der Musik versunken. Zwar steht Bill Callahan fĂĽr ruhigen Lo-Fi, doch der wird nie langweilig, weil die Musik trotzdem unglaublich dicht wirkt. Das liegt natĂĽrlich an der tragenden Baritonstimme Callahans, die man dem schmächtigen Mann gar nicht zutrauen mag. Das liegt an den lyrischen Texten, die viel intelligenter sind als vor Gemeinplätzen triefendes Pop-Einerlei. Das liegt an seiner Rhythmusgitarre, die oft Strukturen jenseits des typischen Folk-Geschrammels schafft. 

Nicht zuletzt liegt es aber auch an seinen hervorragenden Mitmusikern. Matt Kinsey spielt eine bluesige E-Gitarre, die nach WĂĽste klingt, nach weitem Land, Sehnsucht und Rastlosigkeit. Neal Morgan bedient sein Schlagzeug mit viel Understatement. Ist selten im Vordergrund, doch stets hochkonzentriert.

Die beiden bekommen auch Gelegenheit ihr Können zu zeigen. Denn Callahans Songs lösen sich häufig von der klassischen Liedstruktur, sie fransen aus, verlieren sich in Improvisationen. Die E-Gitarre heult auf, wird stellenweise psychedelisch. Neal Morgan bricht aus wie ein Vulkan. Punktgenau findet das Trio jedoch stets wieder zu Strophe und Refrain zurĂĽck. Kein Zweifel, hier sind Meister am Werk. 

Ein anderer Höhepunkt des Festivals ist sicherlich das Konzert von Steve Coleman and Reflex. Längst hat sich Steve Coleman am Saxophon seinen Platz im Jazz-Olymp erspielt. Doch auch hier ist die Band des Stars mehr als nur Begleitung. Marcus Gilmore am Schlagzeug scheint über mehr als zwei Arme und das Taktgefühl eines Schweizer Uhrwerks zu verfügen. Er sorgt für den interessanten, häufig gebrochenen Rhythmus, der für Colemans Bands typisch ist. Er hält, wie man so schön sagt, alles zusammen. Jede Synkope, jede Triole kommt genau.

 Besser kann ein Schlagzeuger nicht sein. David Virelles legt am Piano das harmonische Fundament des Trios. Durch ein Keyboard ist der ihm zu VerfĂĽgung stehende Tonumfang erweitert. Häufig ĂĽbernimmt er so zusätzlich den Part eines Bassisten, weshalb man sich keinen Augenblick lang einen vierten Musiker auf die BĂĽhne wĂĽnscht.

 DarĂĽber spielt Steve Coleman und zeigt all sein Können und all seine Vielseitigkeit an diesem Abend. Mal legt sich das Saxophon sanft auf den Rhythmus der Begleitband, mal schraubt es sich daraus auf. Sanfte Balladen wechseln sich ab mit Funk und exotischen Harmonien, die unmerklich – wenn man es bemerkt, ist es schon passiert – ineinander ĂĽberflieĂźen. Coleman verweigert gleichsam dem Zuhörer die Tonika, den beruhigenden Grundton. 

Kein Stück endet an diesem Abend, stets entwickelt sich aus dem alten ein neues, so als gäbe es kein Anfang und kein Ende, als sei alles beliebig fortsetzbar und nur ein Ausschnitt eines größeren Ganzen. Selbstverständlich ist das keine Musik, die nur so nebenbei laufen kann. Der Zuhörer muss sich auf das ganze Konzert, das immerhin seine zweieinhalb Stunden dauert, voll konzentrieren. Doch wer sich auf Coleman und seine Band einlässt, der bekommt ein musikalisches Erlebnis geboten, das in der Erinnerung noch lang nachklingt.

Eines verbindet Steve Coleman und Bill Callahan trotz ihres unterschiedlichen Stils: Ein Denken und experimentieren über gängige Genre-Grenzen hinweg. Coleman bezeichnet seine Musik selbst nicht einmal als „Jazz“. Er sieht sie als Bestandteil eines größeren Ganzen.

Derselbe Habitus ist es auch, der das Festival sehens- und hörenswert macht. Es herrscht gegensätzliche Genialität. Und das ist gut so.

von Lukas Spranger
   

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