ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 Feuilleton
11.07.2011

Jeder Tag ein Abschied

‚ÄěAu√üer dem Leben k√∂nnen sie Dir ja nichts nehmen‚Äú

Briefmarke Helmuth James von Moltke

Briefmarke von 1964

Jeden Tag wartet der Widerstandsk√§mpfer Helmuth James von Moltke in seinem Gef√§ngnis in Tegel auf seine Hinrichtung ‚Äď vier Monate lang. Jeden Tag wartet er auch auf Briefe von seiner Frau Freya. In dieser Zeit entstehen hunderte solcher Briefe.

Jeden Tag wartet der Widerstandsk√§mpfer Helmuth James von Moltke in seinem Gef√§ngnis in Tegel auf seine Hinrichtung ‚Äď vier Monate lang. Jeden Tag wartet er auch auf Briefe von seiner Frau Freya. In dieser Zeit entstehen hunderte solcher Briefe, die vom Gef√§ngnispfarrer Poelchau in das Gef√§ngnis hinein und hinaus geschmuggelt werden. Ein Jahr nach dem Tod Freya von Moltkes wurden diese Briefe nun unter dem Titel ‚ÄěAbschiedsbriefe Gef√§ngnis Tegel. September 1944 ‚Äď Januar 1945‚Äú im Beck-Verlag ver√∂ffentlicht.

Es ist nicht nur bemerkenswert, dass dieser mehr als 500 Seiten umfassende Briefwechsel fast vollst√§ndig erhalten geblieben ist. Es verwundert auch, dass die geheime Korrespondenz trotz der widrigen Haftumst√§nde Helmuth von Moltkes √ľberhaupt in einem solchen Ma√üe zustande kommen konnte. Das ist auch W√§rtern zu verdanken, die dem Widerstandsk√§mpfer heimlich die Fesseln l√∂sten, damit dieser schreiben konnte.

Die ungebrochene √úberzeugung der beiden Regimegegner zwingt zum Weiterlesen. Die starke Verbundenheit des Paares fesselt den Leser. Dabei sind es keine typischen Liebesbriefe, in denen das Wort Liebe inflation√§r gebraucht wird. Vielmehr schreibt Helmuth einmal an Freya: ‚ÄěIch sage gar nicht, dass ich Dich liebe. Du bist vielmehr jener Teil von mir, der mir alleine eben fehlen w√ľrde‚Äú, und kurz darauf: ‚ÄěNur wir zusammen sind ein Mensch.‚Äú Diese starke Einheit zwischen dem Ehepaar wird auch deutlich, wenn sich die Beiden √ľber Helmuths anstehenden Prozess austauschen. Moltke hatte sich im Kreisauer-Kreis ‚Äď der Widerstandsgruppe die auf dem Anwesen Molktes gegr√ľndet wurde ‚Äď mit Pl√§nen f√ľr eine Ordnung des deutschen Staates nach der NS-Diktatur befasst.

Neben alltäglichen Dingen wie Wäsche- und Essenslieferungen bespricht das Paar auch wie Freya nach Helmuths Tod die Familie versorgen und das Gut in Kreisau verwalten soll. Dabei nehmen Freya und Helmuth von Moltke seinen herannahenden Tod als Schicksal an, geben aber die Hoffnung auf eine Rettung in letzter Minute nie auf. Getragen werden die beiden Protestanten dabei von einem sicheren Gottesglaube, der selbst den ungläubigsten Leser beeindrucken muss. Der Glaube daran, ein Teil des Planes Gottes zu sein, erleichtert gerade Helmuth zum Ende hin den Schritt vor den Henker. Die klare Orientierung am Leidensweg Jesu bleibt dem Leser dabei nicht verschlossen.

Der ungetr√ľbte Lebenswillen und Moltkes Opferbereitschaft widersprechen sich nur scheinbar: ‚ÄěDas √§ndert nichts daran, dass ich gerne noch etwas leben m√∂chte. Aber dann bed√ľrfte es eines neuen Auftrages Gottes.‚Äú Noch mehr aber beeindruckt den Leser Freyas Opfer, die wei√ü, dass sie alleine zur√ľckbleiben wird. Sie ist die wahre Heldin dieser Abschiedsbriefe, die ihr das erste Mal eine eigene Stimme geben.

Denn bisher galten Freyas Briefe als verschollen. Sie gibt zu: ‚ÄěEs ist entsetzlich schwer.‚Äú Wirkliche Zweifel l√§sst jedoch auch Freya nicht zu, sie glaubt an Liebe √ľber den Tod hinaus und schreibt mutig aber simpel: ‚ÄěAu√üer dem Leben k√∂nnen sie dir ja nichts nehmen.‚Äú Und so sind diese Briefe Abschiedsbriefe ohne ein richtiges Lebewohl. Vielmehr sagt Helmuth am Tag seiner Urteilsverk√ľndung: ‚ÄěIch sollte wohl von Dir Abschied nehmen ‚Äď ich vermag‚Äės nicht. Es ist nicht ein Mal so, dass mir verhei√üen w√§re, ich w√ľrde Dich nicht verlieren; nein: ich wei√ü es.‚Äú

Die Abschiedsbriefe von Tegel schaffen es, Freyas Einfluss auf ihren Mann deutlich zu machen. Neben dem Wert als historische Quelle ist der Briefwechsel auch ein religiöses Bekenntnis. Es ist ein beeindruckendes, wahrscheinlich einmaliges Zeugnis von Glaube, Liebe, Hoffnung. Enstanden ist dieses Zeugnis in einer Zeit, in der viele andere all das verloren hatten. Selbst Atheisten können sich einer solchen Willensstärke beim Lesen wohl nur schlecht entziehen.


Helmuth James und Freya von Moltke: ‚ÄěAbschiedsbriefe Gef√§ngnis Tegel‚Äú, Verlag C. H. Beck, 608 Seiten, 29,95 Euro

von Julia Held
   

Archiv Movies 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004