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 Feuilleton
28.06.2011

Intrigen an der Ruperto Carola

Marcus Imbsweilers vierter Band der Heidelberger Krimiserie fĂŒhrt an die Uni

Cover "Butenschön"

Dickköpfig ist er, ja geradezu aufmĂŒpfig. Max Koller braucht wirklich keinen, der ihm das Leben schwer macht. Das kann er selbst am besten. Ein Charakter, an dem man sich als Leser reiben kann, so viel steht fest.

Auch sein Schöpfer, Marcus Imbsweiler, hat eine ironische Distanz zur Figur, wie er selbst sagt. Das jedenfalls ist es, was die Geschichten um den Heidelberger Privatermittler und LebenskĂŒnstler Max Koller so spannend machen - ein komplexer Charakter, mit dem sich der durchschnittliche Leser kaum identifizieren wird. Und der ermittelt ausgerechnet in Milieus, in denen er sich so gar nicht wohl fĂŒhlt: in der Welt der Reichen und Schönen, der Heidelberger Oberschicht, der Theaterszene oder, wie im vierten Fall der Krimiserie, der UniversitĂ€t.

Hier gerĂ€t Max Koller, seines Zeichens Studienabbrecher mit ausgeprĂ€gtem Hang zur Arbeitsverweigerung, in einen Strudel aus Macht, Intrigen und Manipulationen. Der Fall beginnt mit einem Brandanschlag auf das BĂŒro einer Doktorandin, die mit ihrer Dissertation an einem heiklen Thema arbeitet. Es geht um Professor Butenschön, einen hochdotierten Chemiker und NobelpreistrĂ€ger - ein AushĂ€ngeschild der Ruperto Carola - der nun im Rahmen einer bedeutenden akademischen Feier seinen einhundertsten Geburtstag feiert und dessen Lebenswerk Regal­meter fĂŒllen - bis auf jenen halben Meter Akten, von dem man glaubt, er sei im Laufe der Jahrzehnte verlorengegangen.

Doch ist es wirklich Zufall, dass die verschollenen Dokumente gerade aus dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte stammen? Aus jener Zeit, in der das Experiment an Menschen in großem Stil durchgefĂŒhrt wurde? Einer Zeit, in der unzĂ€hlige Opfer die grausamen Humanexperimente mit ihrem Leben bezahlen mussten, die unter der Diktatur der Nationalsozialisten hinter verschlossenen TĂŒren durchgefĂŒhrt wurden? Was wusste Butenschön?

Vorbild fĂŒr den Charakter ist die reale Person Adolf Butenandt, einer der wichtigsten deutschen Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts, NobelpreistrĂ€ger und ehemaliger PrĂ€sident der Max-Planck-Gesellschaft. Ein Mann mit ungeklĂ€rter NS-Vergangenheit. Man warf ihm Verstrickungen in nationalsozialistische Machenschaften vor, nahm die Untersuchung des Falls auf und kam zu dem Ergebnis, dass der in der Zwischenzeit verstorbene Angeklagte unschuldig sei. Allerdings mit EinschrĂ€nkung: es fehlten Akten.

Imbsweiler verÀndert die Geschichte. Er lÀsst den Charakter weiterleben um ihm jene Fragen zu stellen, die man Butenandt nicht mehr stellen konnte. Das ist es, was den Autor am Schreiben besonders reizt: Hier ist es möglich einen Blick auf die Gesellschaft zu werfen, der im realen Leben nie möglich wÀre.

Viel beachtet ist die Krimiserie des Musikwissenschaftlers, der als Student nach Heidelberg kam, wie er selbst sagt begeisterter ruprecht-Leser war, und seiner Wahlheimat seither treu blieb. Den Charakter seiner Hauptfigur Max Koller konzipierte der Autor von Anfang an als Serienheld. Beachtlich, wenn man bedenkt, dass sein Erstlingswerk, das 2007 erschien, Jahre bis zur Druckreife brauchte.

Imbsweiler selbst sieht sich nicht nur als Krimiautor, das ist dem Feuilletonschreiber und Verfasser von genialen Kurzgeschichten, einer zweiteiligen, fast 1000-Seiten starken Politsatire und einem Historienroman zu wenig.
Auch in seiner Krimireihe ĂŒberrascht er den Leser mit wunderbar gesellschaftskritischen Passagen, tiefgrĂŒndigen Dialogen und einer gehörigen Portion Witz. Dabei trifft er gekonnt die Balance zwischen Spannung und einer Leichtigkeit der ErzĂ€hlung, die man im Krimi selten findet. Da kann man Imbsweiler sogar verzeihen, dass Max Koller in seinem neuen Fall ohne Leiche auskommen muss.


Marcus Imbsweiler: „Butenschön“,Gmeiner Verlag, 321 Seiten, 11,90 Euro

von Christine Buch
   

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