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 Heidelberg
21.07.2012

Ein Stadtfürst hält Ordnung

Wie man unter OberbĂĽrgermeister Zundel mit Obdachlosen verfuhr

Nicht nur Oberbürgermeister Zundel ein Dorn im Auge: „Penner“, „Ausgeflippte“, „Freaks“ / Foto: Patrick Wienrich (www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc))

In den 70er Jahren entfernte die Heidelberger Polizei Obdachlose aus der Stadt: Sie packte Wohnungslose in Streifenwagen und setzte sie auĂźerhalb des Stadtgebiets aus. Eine fast vergessene Geschichte ĂĽber mittelalterliche Ordnungsvorstellungen in einer vermeintlich offenen Stadtgesellschaft.

Es handelt sich um eine Affäre, die Jahrzehnte zurück und tief im kollektiven Gedächtnis dieser Stadt vergraben liegt. Die Recherchen sind mühsam; Stück für Stück lassen sich dünne Fakten zusammentragen, die sich allmählich zu einem Gesamtbild fügen und den Schluss zulassen: Es hat in Heidelberg eine Zeit gegeben, in der man Obdachlose und Nonkonformisten mit rechtlich fragwürdigen Mitteln aus dem Stadtbild zu vertreiben suchte.

Anfangs schnappen wir ein Gerücht auf, die beiläufige Bemerkung eines Streetworkers über lange zurückliegende Vorfälle. Wir horchen auf, versuchen Zeugen, Betroffene zu finden, irgendjemanden, der sich erinnert. Die jüngeren Zeitgenossen wissen nichts. Das Büro eines zuständigen Bundestagsabgeordneten findet, das klinge ja nach chinesischen Verhältnissen. Die Beseitigung von Menschen aus dem Stadtbild des romantischen Heidelberg – ein Gerücht?

„Das ist kein Gerücht, das sind Tatsachen“, erklärt uns ein ehemaliger Stadtrat, und schließlich gelingt es uns, einen Betroffenen zu finden. Der Mann, der noch heute ohne Obdach im Wald nahe der Stadt lebt, erinnert den Vorgang, den er mehrmals auch am eigenen Leib erlebt hat. Polizeibeamte seien zu ihm und einem Freund gekommen und hätten sie aufgefordert, in den Streifenwagen zu steigen. Dann habe man sie aus der Stadt gebracht, Richtung Wilhelmsfeld, und am Waldrand ausgesetzt. An verschiedenen Orten naturgemäß, damit sich der Rückweg nicht zu leicht gestalte.

Der Zeuge erscheint uns glaubwürdig, aber viel mehr wissen wir noch immer nicht – vor allem was die Datierung der Vorfälle angeht. Wer ein bürgerliches Leben führt, denkt in Halb- und Viertelstunden, in Tagen, Monaten und Jahren. Auf der Straße spielen diese Größen keine Rolle: Die bestimmenden Dimensionen heißen hier Tag oder Nacht, warm oder kalt, hungrig oder satt. Und so kann unser obdachloser Zeuge nicht annähernd sagen, wann ihn die Polizeibeamten in den Wald geführt haben sollen.

„Es muss vor 1981 gewesen sein“, erklärt Harald Kurzer, Pressesprecher der Heidelberger Polizei, die eine fragwürdige Rolle in diesem Stück spielt. In diesem Jahr sei er selbst zur Polizei gekommen, und aus eigener Erfahrung kenne er diese Praxis nicht. Wohl aber habe er von Kollegen Entsprechendes bestätigt gefunden: Diese berichteten von einem „Agreement“ zwischen Oberbürgermeister Reinhold Zundel und Polizeichef Werner Kohler, nachdem „das Lagern von Obdachlosen im Stadtbild überhand genommen hatte“.

Reinhold Zundel, der von 1966 bis 1990 die Stadt regierte, ist seit vier Jahren tot. Bis heute gehört er zu den umstrittensten Persönlichkeiten der jüngeren Stadtgeschichte, eine Bewertung seiner Amtszeit erforderte Bände. Zundel galt als Pragmatiker und Machtpolitiker, einer, der Probleme „anpackte“ und dabei mit Kritikern oft wenig zimperlich umging. Eine Interview-reihe, die eine Journalistin 1979 mit ihm führte, zeichnet das Bild eines Mannes der Intimfeinde und Kleinkriege, eines selbstgefälligen Stadtfürsten mit ausgeprägtem Freund-Feind-Denken.

Einen nicht geringen Teil seiner Amtszeit verbrachte er damit, „Penner“, „Irre“ und „Asoziale“ zu bekämpfen. Für die Untere Straße empfahl er sein „wirksamstes Vertreibungsmittel gegen Penner“: Diese und „Ausgeflippte und Freaks mögen eins im Tod net leiden: das ist Qualität und Hygiene. Wir bringen in die Untere Straße einfach wieder Qualität rein und dann löst sich das Problem.“ Und weiter: „Wir machen bekanntlich die Stadt hygienisch sauber. Das ist der kleinbürgerliche, spießige Ordnungsfimmel, den ich hab.“

Das ist der Ton eines großen Saubermachers, der das Stadtbild nach seinen Vorstellungen zu formen suchte und dabei Störfaktoren beiseite fegen wollte. Zundel bewegte sich damit nicht nur an den Grenzen der Moral, sondern auch des geltenden Rechts. Polizeisprecher Kurzer gibt zu, dass die Rechtsgrundlage, auf die man sich damals berief, sehr dünn ist – vermutlich sind deshalb auch keine schriftlichen Berichte darüber zu finden. Begründet habe man die Maßnahme mit dem Hinweis auf die Ordnungswidrigkeit des „Lagerns“, selbst ein interpretationsbedürftiger und deshalb sehr dehnbarer Begriff. Kurzer: „Es handelt sich um ein Konstrukt, das einer rechtlichen Prüfung nur schwer standhalten würde.“

Letztendlich handelt es sich um einen Akt der Willkür: „Rausgefahren“ worden seien, so unser Zeuge, nicht nur Obdachlose, sondern auch Zugehörige der lokalen links-alternativen Szene und solche, die sich über diese Praxis empört haben. Wer dabei wem welche Anordnung gab, wo die Konturen des Gehorchens und Vorauseilens liegen, ist heute nicht mehr zu klären.

Polizeisprecher Kurzer ist ein verständiger Mann. Er will die Vorgänge von damals „erklären, nicht verteidigen“. Rechtlich lägen die Dinge so: Das „Lagern“ von Obdachlosen sei in der Stadtverordnung nicht vorgesehen und daher eine Ordnungswidrigkeit, die es zu ahnden galt. In der Regel würden dazu Platzverweise ausgesprochen, den nächsten Schritt bildeten freiheitsentziehende Maßnahmen – der Gewahrsam. Mit dem „Rausfahren“ von Obdachlosen sei man einen anderen Weg gegangen. Auch über die Häufigkeit diese Vorfälle lässt sich heute nur spekulieren: vielleicht zwanzig Mal im Jahr, vermutet Kurzer.

Beendet hat man diese Praxis erst, als sich unter den aus dem Stadtbild Entfernten eine Minderjährige befand. Die Grenze des Tragbaren schien nun auch den Mächtigen überschritten.

Heute sind diese Vorgänge unvorstellbar. Doch spätestens nach dem Gespräch mit Kurzer wird uns klar: Das „Agreement“ über den Umgang mit Obdachlosen und anderen Nonkonformisten war keines nur zwischen Oberbürgermeister und Polizei, sondern auch eines zwischen beiden Instanzen und der Bevölkerung. Die Vorgänge waren ein offenes Geheimnis; hätte das Gros der Bevölkerung derlei nicht gebilligt, wären sie vermutlich nicht möglich gewesen.

Es ist also nicht zuletzt eine völlig andere gesellschaftliche Welt, in die wir hier eingetaucht sind. Eine Welt der Kleinbürgerlichkeit, des Spießertums und befremdlicher Ordnungsvorstellungen. Wo Obdachlose, „Penner“ und „Freaks“ das Stadtbild stören und deshalb „entfernt“ werden, wie es sich für einen Rechtsstaat nicht ziemt.

Keine Dokumente, knappe Aussagen, kaum Zeugen. Alles, worauf wir uns bei unseren Recherchen verlassen mĂĽssen, sind mĂĽndliche Ăśberlieferungen und graue Erinnerungen. Am Ende steht weniger die Aufarbeitung eines vergessenen Skandals als der Bericht ĂĽber einen Blick in die Vergangenheit dieser Stadt.

von Hannes Munzinger und Kai Gräf
   

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