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 Feuilleton
11.06.2012

Marriage-Plot light

Jeffrey Eugenides’ neuer Roman „Die Liebeshandlung“

Eugenides begleitet seine Charaktere auf ihrer Sinnsuche nach dem Collegeabschluss Anfang der 1980er Jahre. Das neueste Werk des griechischstÀmmigen US-Schriftstellers ist keine Glanzleistung, allerdings trotzdem durchaus empfehlenswert.

Man soll sich ja nicht schon vom Titel eines Buches abschrecken lassen, doch bei Jeffrey Eugenides‘ neuem Roman mit dem blumig-sperrigen Namen „Die Liebeshandlung“ fĂ€llt das zumindest mit der deutschen Übersetzung schwer. Wird hier aus Liebe gehandelt – oder gar mit Liebe? Beim Blick auf den Originaltitel wird deutlicher, was sich der Autor dabei gedacht haben mag: Als „Marriage Plot“ bezeichnet man ein Handlungsmuster, bei dem eine junge Frau nach Überwindung diverser Hindernisse schließlich doch noch den Bund der Ehe mit ihrem AuserwĂ€hlten schließen kann – was natĂŒrlich nicht ohne rĂŒhrselige Introspektion geht. Dieses Schema bildet auch das GrundgerĂŒst fĂŒr Eugenides‘ Roman, der zu Beginn der 1980er Jahre spielt und sich um drei Absolventen eines kleinen College in Neuengland dreht.

Die literaturbegeisterte und wohlbehĂŒtete Madeleine hat gleich zwei Verehrer: den gutaussehenden, aber sozial inkompatiblen, manisch-depressiven Biologiestudenten Leonard und Mitchell, Schwiegermutterliebling mit Hang zum Mystizismus. Der Roman setzt am Tag der Abschlussfeier ein, gibt diverse RĂŒckblenden auf das Collegeleben und begleitet die drei Protagonisten durch das Jahr nach dem Abschluss. Madeleine und Leonard kommen sich nĂ€her, ziehen nach dem Studium zusammen und heiraten. Mitchell ist davon so traumatisiert, dass er eine Pilgerreise nach Europa und Indien unternimmt, um Madeleine zu vergessen und sein Seelenheil zu suchen. 

Doch hier ist der Roman noch nicht vorbei, denn Madeleine kommt immer weniger mit Leonards psychischen Problemen klar. Auch Mitchell merkt schnell, dass sein religiöser Eifer an seine Grenzen stĂ¶ĂŸt. Am Ende trennt sich Leonard (altruistisch motiviert) von Madeleine und Mitchell entsagt (kathartisch und unplausibel) seiner Liebe zur Heldin, die heiratstechnisch mit leeren HĂ€nden dasteht – dafĂŒr aber mit dem Vorsatz, feministische Literaturwissenschaftlerin zu werden. Das alles kommt daher in einer bunten Mischung aus Rosamunde Pilcher, Reisetagebuch und psychologischer Studie.

In der „Liebeshandlung“ geht es aber nicht nur um Liebe, sondern auch um Literatur und den akademischen Literaturbetrieb. So wird Madeleine zum Beispiel durch zwei Dinge charakterisiert: die BĂŒcher, die sie liest (der Roman beginnt mit einer Bestandsaufnahme ihres BĂŒcherregals), und die Abschlussarbeit, die sie schreibt (natĂŒrlich ĂŒber den „Marriage Plot“). Beides lĂ€sst Eugenides augenzwinkernd und manchmal recht plakativ mit dem akademischen Klima der 1980er Jahre kollidieren, wo die Götter nicht mehr Jane Austen oder George Eliot heißen, sondern Jacques Derrida und Roland Barthes.

Eugenides kokettiert in der „Liebeshandlung“ bewusst mit Charakterkonstellationen und ErzĂ€hlton des viktorianischen „Marriage Plot“-Romans. Allerdings hinterfragt er diesen nicht ernsthaft, sondern bietet lediglich eine Light-Version, die auf die Darstellung existentieller Konflikte und Hindernisse verzichtet – also auf alles, was das Genre spannend macht. Dass Madeleine beispielsweise am Ende des Romans ohne Ehemann dasteht, wĂ€re bei Jane Austen noch ein handfestes Problem gewesen – in der „Liebeshandlung“ bleibt es hingegen ohne gesellschaftliche, finanzielle oder sonstige Konsequenzen. Das kann man als gewagte Modernisierung des „Marriage Plot“ lesen – aber auch einfach als IntensitĂ€tsverlust.

Mit der episodisch vor sich hin wabernden Handlung kommt man als Leser nur dann zurecht, wenn man sich ganz auf Eugenides‘ subtile Charakterisierungskunst konzentriert. Hier liegt seine eigentliche StĂ€rke. Plastisch schildert er die inneren Konflikte der Hauptfiguren, zeigt, wie sie sich aus dem sicheren Kokon des Lebens am College in ihr eigenes Leben vorwagen. Leonards Kampf mit der Depression, Mitchells religiöse Sinnsuche und Madeleines Wunsch, sich selbst zu verwirklichen – das alles findet sich in den die Blickwinkel wechselnden Kapiteln des Romans authentisch dargestellt.

Der große amerikanische Roman ist Eugenides wohl nicht gelungen – als einfĂŒhlsam geschriebenes PortrĂ€t dreier sinnsuchender junger Menschen ist der Roman jedoch durchaus empfehlenswert.  


Jeffrey Eugenides: „Die Liebeshandlung“, Rowohlt Verlag, 624 Seiten, 24,95 Euro

 

von Tim Sommer
   

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