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 Feuilleton
16.05.2012

„Theater spielt gar keine Rolle!“

Die ägyptische Künstlerin und Aktivistin Laila Soliman im Interview

Leila Soliman erhielt 2011 den internationalen Willy-Brandt-Preis fĂĽr politischen Mut. / Foto: privat

Die Autorin, Regisseurin und politische Aktivistin präsentierte beim Heidelberger StĂĽckemarkt ihre Performance „No time for art“. Isabella Freilinger sprach mit ihr ĂĽber die Wirkkraft des Theaters, Politik und die Zukunft des post-revolutionären Ă„gyptens.

ruprecht: Laila, du hast während den Tagen der Revolution auf dem Tahrir-Platz demonstriert. Jetzt schreibst und inszenierst du politische Theaterstücke. Was für eine Rolle spielt das Theater im heutigen Ägypten?

Laila Soliman: Gar keine. In einem Land mit einer Analphabetisierungsrate von 40 Prozent, in einem Land mit 60 Prozent an Menschen, die nicht gut schreiben und lesen können, erreicht das Theater kaum jemanden. In den Staatstheatern ist das Programm außerdem zensiert, eine unabhängige Szene ist erst im Entstehen. Es sind sehr wenige Leute, die es sich leisten können ins Theater zu gehen beziehungsweise die überhaupt den intellektuellen Zugang dazu haben.

Kann Theater dann ĂĽberhaupt etwas bewirken?

Ich glaube fĂĽr die, die es sehen, schon. Ja, ich glaube an die direkte Wirkkraft des Theaters.

Hast du dich deshalb fĂĽr diesen Beruf entschieden?

Wahrscheinlich habe ich mich hauptsächlich deshalb dafür entschieden, weil ich nichts anderes kann. Wenn ich Menschen vor meinen Augen sterben sehe, wäre ich manchmal lieber Ärztin, wenn ich all die Ungerechtigkeit sehe, Rechtsanwältin. Aber ich glaube, jeder sollte versuchen mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen, etwas zu bewirken.

Du sprichst oft von alternativer Geschichtsschreibung durch das Theater. Was genau meinst du damit?

Die Geschichtsschreibung ist sehr selektiv. Einerseits geht es darum ,neben dem Offiziellen, Politischen, auch individuelle Geschichten zu erzählen. Wir befinden uns zudem in einer speziellen Situation: Die Revolution hat das System nicht verändert. Nun wird versucht, die Geschichtsschreibung so zu beeinflussen, dass es weiterhin bestehen kann – es ist eine Schlacht mit den offiziellen Medien. Militärs beispielsweise, die sich aufgelehnt haben und zum Volk standen wurden eingesperrt und erschossen. Davon berichtet niemand. Es gibt hunderte von Menschen, die nach der Revolution ermordet wurden, 2000, die von Militärgerichten verurteilt wurden. Das muss thematisiert werden! Es geht darum: Wer kann am detailliertesten berichten.

In „No time for art“ berichtest du sehr detailliert über diese Ungerechtigkeiten. Du glaubst damit eine Gegenposition zu den offiziellen Medien beziehen zu können?

Natürlich ist Youtube stärker. Ohne Digital- und Handykameras wären wir nie wo wir heute sind. Aber wir müssen alle Mittel nutzen. Wir wollen mehr hinausgehen in öffentliche Räume und thematisieren in unseren Aufführungen Gewaltverbrechen und Ungerechtigkeiten, die in den offiziellen Medien nicht thematisiert werden, weil das Militär es verbietet. Die Meinung im Volk über das Militär ist geteilt – die Menschen wissen nicht, wem sie glauben sollen. Einer unserer Schauspieler hat die Folterung, die er selbst erlebte, nachgespielt – Teile des Publikums glaubten ihm nicht. Wie reagierst du, wenn du gefoltert wurdest und dann beschimpft man dich als Lügner? Wie reagierst du, wenn man dir sagt, dein Sohn, deine Tochter, wurden verurteilt, sind gestorben, weil sie Kriminelle waren, auch wenn du weißt, dass es nicht der Wahrheit entspricht?

Du sprichst von Militärzensur, von Militärgerichten. FĂĽhlst du dich dennoch frei in deinem Leben, deinem kĂĽnstlerischen Schaffen? 

Freiheit ist relativ. Ich bin mir nicht sicher, ob sich alle Leute in Deutschland frei fühlen. Ich fühle mich in dem Sinne frei, dass ich mache was ich will – ob es Konsequenzen hat, ist eine andere Frage.

FĂĽhlst du dich als Frau auf irgendeine Art benachteiligt?

Mein Leben ist nicht leicht, aber ich glaube Frauen überall auf der Welt könnten sich benachteiligt fühlen, natürlich in unterschiedlichem Ausmaß.

Wie siehst du den Präsidentschaftswahlen im Mai entgegen?

Sie sind mir egal. Aus persönlichen GrĂĽnden möchte ich lieber keinen islamischen Präsidenten. Wenn die Wahlen aber unter dem Militärrat stattfinden, sind sie sowieso nicht wirklich demokratisch. Wer ĂĽberhaupt kandidieren darf, bestimmt der Militärrat. 

von Isabella Freilinger
   

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