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 Feuilleton
27.05.2012

Am Rand der Gesellschaft

„Furcht und Hoffnung in Deutschland“ im Theater

Nach dem Selbstmord: Ein altes Ehepaar auf dem Weg ins Jenseits. / Foto: Stadttheater Heidelberg

Arbeitslosigkeit, Armut, Angst vor gesellschaftlicher Isolation – das sind die Themen des StĂĽcks von Franz Xaver Kroetz, dass in den 80er Jahren entstand. 30 Jahre später kommt die Neuauflage verwirrend, explosiv und so aktuell wie eh und je daher.

1934 begann Berthold Brecht mit den Arbeiten an „Furcht und Elend des Dritten Reiches“, einer Komposition von unzusammenhängenden Einzelszenen, die den von Gewalt, Angst und Misstrauen beherrschten Alltag im nationalsozialistischen Deutschland dokumentieren.

Ein halbes Jahrhundert später nahm der Schriftsteller Franz Xaver Kroetz den Titel zum Vorbild für „Furcht und Hoffnung in der BRD“, das nicht mehr den Alltag in einer Diktatur beschrieb, sondern die gesellschaftlichen Probleme und Missstände in der damaligen Bundesrepublik. Das ist nun auch schon wieder fast drei Jahrzehnte her. Inzwischen ist die Mauer gefallen, Deutschland geeint, und das Stück trägt nun den Titel „Furcht und Hoffnung in Deutschland“.

Auch sonst hat sich seit den 80er Jahren viel verändert. Was sich nicht geändert hat ist die Verbindung von Arbeit und Ansehen, von Beruf und Status. Nach wie vor gibt es eine deutlich messbare Arbeitslosigkeit, nach wie vor bedeutet sie für die Betroffenen nicht nur finanziellen Mangel, sondern vor allem gesellschaftliche Isolation. Kroetz greift dieses Thema auf, sozialkritisch wie Brecht, allerdings in einem ganz anderen Stil, nicht nüchtern, sondern emotional bis zum Exzess.

Und so ist sein TheaterstĂĽck ein Kaleidoskop an Szenen, die völlig unterschiedlich sind, mal nachdenklich, mal lustig und manchmal ziemlich gaga. Sie alle beginnen im Alltag, und fast alle driften ab ins Surreale, zumindest aber ins Seltsame. Ein Mann, der entlassen wurde, nachdem er ein Leben lang im Betrieb gearbeitet hat, ĂĽbergieĂźt seine Frau und sich unterm Weihnachtsbaum mit Benzin und zĂĽndet sich an. Eine Frau, die nach dem Verlust ihrer Arbeit an den Herd zurĂĽck muss, stĂĽrzt sich aus dem Fenster. Ein junger Mann flĂĽchtet sich in nationalsozialistische Ideen, was zu einer Eskalation der Gewalt  fĂĽhrt. Ein Modellbauer träumt davon, ganz Heidelberg in die Luft zu jagen (und sprengt schlieĂźlich zumindest sich selbst). Und fast alle Personen des StĂĽcks haben Probleme mit der Kommunikation – vom Mann, der mit einer Puppe zusammenlebt, bis zur Frau, die mit ihrem tĂĽrkischen Freund pausenlos auf Deutsch redet, obwohl er kein Wort versteht, sprechen die Figuren auffallend oft in Monologen.

Die Stärke des Stücks ist die Collage von Einzelszenen. Sie ermöglichen es, einen Gesamteindruck zu vermittelt, der gleichsam über allen Szenen und Figuren schwebt. Damit gelingt es ihm, ein nach wie vor aktuelles und wichtiges Problem in den Blickpunkt zu rücken, und eine Atmosphäre zu schaffen von Ausgrenzung in der Arbeitslosigkeit und Angst um den Arbeitsplatz bei denen, die noch einen haben.

Der Aufbau und manche Szenen machen das Stück interessant, aber einige verwirren den Zuschauer auch. Denn die Aufführung setzt – wie das moderne Theater überhaupt – auch auf die Wirkungskraft der Irritation. Allerdings tauchen auch „normale“ Personen mit vernünftigen Ideen auf: Ein altes Ehepaar zieht jede Nacht durch die Straßen und schüttet braune Farbe in die Auslegekästen der Bild-Zeitung.

von Michael Abschlag
   

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