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 Interview
04.07.2013

"Was die Nordkoreaner wirklich glauben, ist ein Geheimnis"

Adam Johnson ├╝ber Propaganda und Nordkorea in seinem Roman

Adam Johnson mit seinem Roman "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do". / Foto: Thomas Leurs.

Nachdem der Pulitzerpreis in der Sparte Roman im Jahr 2012 ├╝berraschenderweise nicht vergeben wurde, ging die begehrte Auszeichnung dieses Jahr an den amerikanischen Schriftsteller Adam Johnson. Wir sprachen mit ihm ├╝ber Nordkorea, Orwells "1984" und "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do".

Mit seinem Roman "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" erz├Ąhlt er die Geschichte eines Waisen, der in Nordkorea gro├č wird, sich anfangs dem System beugen muss, doch sp├Ąter in eine Position ger├Ąt, die es ihm erm├Âglicht seine ganze eigene, nicht vom Regime vorgeschriebene, Geschichte zu schreiben. Die Pulitzerjury meint: "Ein au├čerordentlich geschriebener Roman, der den Leser auf eine abenteuerliche Reise in die Tiefen des totalit├Ąren Nordkorea tr├Ągt und in die intimsten Sph├Ąren des menschlichen Herzens."



ruprecht: Die Geschichte des Jun Do spielt in Nordkorea, sie selbst kommen aus Kalifornien. Wie kam es, dass sie einen Roman ├╝ber ein Land geschrieben haben, das sie selbst nur einmal besucht haben?

Adam Johnson: Nun, ich denke, dass ein Schriftsteller ├╝ber Geheimnisse schreibt. Nordkorea ist der geheimnisvollste Ort der Welt. Deshalb macht es nur Sinn, dass man ├╝ber Nordkorea schreiben m├Âchte. Ich bin ├╝berrascht, dass es andere nicht machen. Ich denke, das ist der Ort, wo die Vorstellung des Schreibens ├╝ber Science Fiction herkommt. Es kann sehr n├╝tzlich sein und dabei helfen, die Menschen menschlicher zu machen, mit denen wir normalerweise nicht reden.

ruprecht: Denken Sie, dass Ihr Roman eher Fiktion oder Realit├Ąt ist?

Johnson: Der Ort oder das Buch?

ruprecht: Der Ort ist real, die Geschichte ist auch real, aber...

Johnson: Wollen Sie wissen, ob mein Roman eher fiktional oder eher real ist? Denn der ganze Roman ist Fiktion.

ruprecht: Es gibt n├Ąmlich eine Person in diesem Roman, Kim Jong-Il, die wirklich existiert.

Johnson: Ja, aber das ist nicht der echte Kim Jong-Il. Es ist eine Version von ihm, eine fiktionale Version. Nun, das hei├čt: Es kann nicht der Echte sein. Er kann in meinem Buch nicht eingefangen werden. Die Fakten ├╝ber Nordkorea kommen durch meine Recherche ├╝ber Nordkorea. Diese sind real. Sie erschaffen eine psychologische Wahrheit, eine k├╝nstlerische Wahrheit. Sie wissen, das ist das, was einen Schriftsteller ausmacht.

ruprecht: Das Buch gibt uns einen Einblick in eine Welt, die wir an sich nicht kennen. Glauben Sie, dass sich mit dem Buch etwas ├Ąndern wird?

Johnson: Ich hoffe, dass das Buch etwas ver├Ąndert. Ich w├╝rde sagen, es ist der einzige Job jedes Kunstwerks, die Wahrheit ├╝ber die Menschen zu vermitteln und Erfahrung zu geben; ein gutes Gem├Ąlde sollte auf seine eigene Weise wundersch├Ân sein und ein Roman sollte bewegend und einnehmend f├╝r den Leser sein. Deshalb hoffe ich f├╝r das Buch, dass es psychologisch gesehen in gewisser Weise wahr ist und dass es ein guter Roman ist. Andererseits hoffe ich, dass es Nordkorea mehr Aufmerksamkeit bringt. Dass die Leser Nordkorea nicht als b├Âse oder verr├╝ckt ansehen, sondern dass es dort normale Menschen gibt, die in sehr schwierigen schmerzhaften Situationen gefangen sind. Aber sie sind genauso real, wie wir es sind. Und genauso normal.

ruprecht: Ihre Hauptfigur ist ein Waise. Warum ein Waise?

Johnson: Wissen Sie, ich wurde von jemandem inspiriert, der aus Nordkorea kommt, der durch den Krieg zum Waisen wurde und diese Geschichte war eine der ersten Geschichten, die ich h├Ârte. Das war eine Entscheidung, die ich gleich zu Beginn gef├Ąllt habe. Ich war davon von Anfang an inspiriert worden.

ruprecht: Sie waren einmal selbst in Nordkorea. Gab es dort etwas, was Sie ├╝berrascht hat? Was Sie aus ihren Recherchen noch nicht wussten?

Johnson: Ja, zahllose Dinge. (├╝berlegt lange) Das ist eine sehr gro├če Frage. Das k├Ânnte eine eigene Geschichte sein.

ruprecht: Auf den ersten Seiten des Romans kommen gleich Durchsagen eines Lautsprechers. Es war so seltsam und verr├╝ckt. Glauben die Menschen, die dort leben, das tats├Ąchlich?

Johnson: Ja, es gibt Lautsprecher bei den Menschen zu Hause und in den Fabriken. Die Lautsprecher wurden in den fr├╝hen 70ern installiert. Wahrscheinlich hat jeder Haushalt in Nordkorea einen Lautsprecher. Wir k├Ânnen es nicht wissen, aber die ├ťberl├Ąufer reden davon. Wir haben nur ein oder zwei Fotos von ihnen, deshalb ist es schwer festzustellen, ob es wirklich so ist.

Es ist wahrscheinlich war, dass es jetzt weniger Lautsprecher als fr├╝her gibt. Ein Mann, mit dem ich in Pj├Ângjang war, sagte, dass in Nordkorea Lautsprecher auf ├Âffentlichen Pl├Ątzen und in den U-Bahnen waren, aber die gibt es jetzt nicht mehr. Wir wissen nicht, wie viele Lautsprecher es jetzt gibt und wie oft sie Nachrichten ├╝bermitteln. Viele Details drehen sich um Propaganda. Ich ├╝bernahm Nachrichten ├╝ber Nordkorea, ├╝ber Tauben, die ├╝ber Kim Jong-Il fliegen, um ihm Schatten zu spenden oder dass es Zeit ist f├╝r die Kornernte. Ich nahm das direkt aus der nordkoreanischen Propaganda in mein Buch auf. Ich kann nicht die Lautsprecher in den H├Ąusern aufnehmen, weil es mir nicht gestattet ist, die H├Ąuser in Nordkorea zu betreten. Aber ich habe Propaganda genommen, die h├Ąufig auch gedruckt wurde und machte daraus Nachrichten aus dem Lautsprecher.

Was die Nordkoreaner wirklich glauben ist auch ein Geheimnis. Glauben sie an die Propaganda in Nordkorea? In Pj├Ângjang glauben sie es wahrscheinlich nicht, weil sie dort Telefonzellen und Handys haben. An den Randgebieten glauben sie es vielleicht. Wir wissen es nicht, weil wir nicht mit ihnen reden d├╝rfen.

ruprecht: Jun Do war auch einmal in Texas. Dort wird er zweimal gefragt: "Du wei├čt schon, dass der S├╝den gewonnen hat?" Aber er glaubt nicht daran, sondern denkt, der Norden habe gewonnen.

Johnson: Die Menschen, die im koreanischen Krieg gek├Ąmpft haben, sind jetzt sehr alt. Deshalb k├Ânnen sie tats├Ąchlich sagen, wir machten einen ├ťberraschungsangriff auf den S├╝den. Es ist schon so lange her, dass sie sich nicht mehr daran erinnern k├Ânnen, wie der Krieg begann. Deshalb ist es leicht f├╝r die Propaganda, ihre eigene Version zu kreieren. Und zu sagen, dass die Amerikaner und S├╝dkoreaner sie angegriffen haben und sie sich verteidigt haben. Und wieder: Es ist schwer zu erfahren, was Nordkorea wei├č. Aber die Propagandaversion ist in den Filmen, der Oper, den Lautsprechern, in allem. Ja, der S├╝den begann den Krieg und die Nordkoreaner gewannen ihn und es war eine Pattsituation.

ruprecht: Das Buch erinnert ein wenig an George Orwells dystopischen Roman "1984". W├╝rden Sie sagen, dass es in Nordkorea wie in Orwells England ist?

Johnson: Nun, ich w├╝rde sagen, dass "1984" wie Nordkorea ist, weil Nordkorea der wirkliche Ort ist und "1984" ein erfundener. Es sind beides Romane, es sind beides erdachte Orte, aber ich w├╝rde sagen, dass "1984" wie Nordkorea ist. Macht das Sinn?

ruprecht: Wollen Sie nach diesem noch einen weiteren Roman ├╝ber Nordkorea schreiben?

Johnson: Nein, nein, nein. Ich schreibe immer noch Artikel ├╝ber Nordkorea. Aber die sind nicht fiktiv. Mein Roman ist ein fiktionales Portr├Ąt. Es ist die literarische Wahrheit.

von Thomas Leurs
   

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