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 Heidelberg
22.07.2013

Der Baumstamm schweigt

Der Smartmob zum Gedenken an die B├╝cherverbrenunng traf gr├Â├čtenteils auf Ignoranz

Am 17. Juli kamen 200 Menschen zusammen, um der B├╝cherverbrennung zu gedenken. / Fotos: Stadtarchiv Heidelberg, Jakub Szypulka; Montage: Jakub Szypulka.

Am 17. Mai und 17. Juli 1933 wurden auf dem Heidelberger Universit├Ątsplatz B├╝cher verbrannt. Genau 80 Jahre sp├Ąter fand am vergangen Mittwoch auf demselben Platz ein Smartmob statt, um daran zu erinnern. 200 Menschen kamen aus allen Altersgruppen zusammen ÔÇô Organisator Dietrich Harth von der B├╝rgerstiftung ist dennoch nicht zufrieden.

W├Ąhrend viele Gedenkveranstaltungen so ablaufen, dass sich die Besucher sehr lange berieseln lassen, ist ein Smartmob grundlegend anders: Die Teilnehmer sind hier nicht zum blo├čen Zuh├Âren aufgerufen, sondern sie gestalten die Veranstaltung mit. Wie viele Menschen teilnehmen ist im Vorfeld nie abzusehen. Damit ist ein Smartmob vielleicht das beste Format f├╝r diesen Anlass, denn schlie├člich gedenkt man der Opfer am besten, wenn sich die B├╝rger unserer Gesellschaft aktiv daf├╝r einsetzen, dass sich so etwas nicht mehr wiederholt. In Zeiten, in denen sich hierzulande eine zunehmende, entpolitisierte und karrieristische Konsumgesellschaft bildet, die trotz politischer Krisen innerhalb Deutschlands wie den NSU-Morden oder dem Sp├Ąhprogramm Prism erschreckend ruhig bleibt, umso wichtiger.

Vor dem 17. Juli sollten sich daher alle, die kommen wollten, von Autoren Texte heraussuchen, die am 17. Mai und 17. Juli 1933 verbrannt wurden, um sie selber vorzulesen. Dazu sollten sie ein Schild anfertigen oder ein Plakat, auf dem zu lesen ist, welchen Autoren sie zitieren. Gerade vergessene Autoren kam man dadurch wieder ins Ged├Ąchtnis rufen.

Brecht machte den Anfang:

Und ihr Anstreicher strich die Spr├╝nge im Haus mit brauner T├╝nche zu

Und sie schalteten alles gleich.
Und wenn es nach ihnen ginge, dann w├Ąren wir auf du und du:
Sie dachten, da springen wir gleich!
Wir m├╝ssen es nur toll treiben, sagten sie
Dann k├Ânnen wir wundervoll bleiben, sagten sie
Und uns bauen ein drittes Reich.

Gut, das sagen die Äste
Aber der Baumstamm schweigt.
Mehr her, sagen die G├Ąste
Bis der Wirt die Rechnung zeigt.

 

(Aus: Die Ballade vom Baum und den Ästen, Bertolt Brecht)

 

Trotz 200 Teilnehmern ist Dietrich Harth unzufrieden

 

Die Veranstaltung begann um 17 Uhr auf dem Universit├Ątsplatz. Laut Dietrich Harth fanden sich circa 200 Menschen aus allen Altersgruppen auf dem Universit├Ątsplatz ein. Zu Beginn wurde Brechts Ballade vom Baum und den ├ästen vorgetragen. In diesem Text stellen die ├äste die Nationalsozialisten dar, die sich nur aufgrund der Passivit├Ąt des Baumstamms, also der kollaborierenden Gesellschaft durchsetzen konnten und damit zugleich auch ein Problem der heutigen Gesellschaft benennt: Eine Demokratie mit ihren Grundrechten droht in dem Moment einzugehen, wenn sich keiner mehr f├╝r sie interessiert.

Anschlie├čend wurde Brechts Gedicht "An die Nachgeborenen" verlesen, bevor im anschlie├čenden Hauptteil alle ihre Texte zeitgleich vorgetragen haben. Dazwischen lasen immer mal wieder Sch├╝ler einzelne Gedichte vor. Insgesamt dauerte die Veranstaltung 45 Minuten. Es waren einige Heidelberger Schulen beteiligt, wie zum Beispiel das H├Âlderlin-Gymnasium, von dem einige Sch├╝ler ein Video ├╝ber die B├╝cherverbrennung gedreht haben.

Neben der B├╝rgerstiftung waren unter anderem auch die Heidelberger Fachschaftskonferenz und "Rotaract", die Jugendorganisation der Rotary Clubs, beteiligt. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Lothar Binding war auch anwesend und sehr erfreut dar├╝ber, dass circa 40 Prozent der Teilnehmer Studenten und Sch├╝ler waren. Dietrich Harth war jedoch mit der Teilnehmerzahl von 200 Personen in Heidelberg und insbesondere dem studentischen Zulauf nicht zufrieden.

"Vorbereitet wurde der Smartmob durch zeitaufw├Ąndige Besuche in vielen Heidelberger Schulen, mit Verteilung von Hunderten von Handzetteln in den Mensen und ausgedehnten Gespr├Ąchen mit den Studierenden, mit einem Aufruf in der Rhein-Neckar-Zeitung und so weiter. Gemessen am Aufwand war die Beteiligung bescheiden. Man kann vergleichen: In vielen anderen St├Ądten wurden insbesondere dem Gedenken an die B├╝cherverbrennungen riesige Veranstaltungsprogramme gewidmet. In Heidelberg wird die braune Vergangenheit gerne verdr├Ąngt."

Viele Studenten gehen einfach vorbei

Wenn man sich das Video der Website stattfernsehenhd.de anschaut, wird klar was Dietrich Harth meint: Der Universit├Ątsplatz war recht leer. Obwohl der Smartmob an einem geschichtstr├Ąchtigen Ort wie Heidelberg stattgefunden hat, wo Joseph G├Âbbels promoviert hat, obwohl sich die B├╝cherverbrennung zum 80. Mal j├Ąhrte, gehen insbesondere sehr viele Studenten auf dem Weg in die Neue Universit├Ąt einfach daran vorbei. Dabei war doch 1933 die Nationalsozialistische Studentenschaft ma├čgeblich an den Verbrennungen beteiligt. Insofern sollte es gerade das Ziel heutiger Studenten sein, zu zeigen, dass man dies entschieden verurteilt. Die Studenten bleiben nicht stehen.

Der Grund zeigt sich schnell, wenn wir als studentische Nachwuchsjournalisten vor der eigenen T├╝r kehren: Urspr├╝nglich wollten wir zu zweit vor Ort sein. Da sich bei einem von uns ein Gesch├Ąftstermin verschoben hat, blieb er jedoch fern. Wir k├Ânnen uns dieses Verhalten nochmal uns selbst gegen├╝ber sch├Ân reden, wir m├╝ssen arbeiten, studieren, Geld verdienen. Aber genau darin liegt das Problem: Als einer von uns vor die Wahl gestellt wurde, sich politisch und gesellschaftlich zu engagieren und an diesem wichtigen Smartmob mitzuwirken oder ein paar Euro zu verdienen, fiel die Entscheidung schnell zugunsten des Geldes. Smartmobs haben die sch├Âne Eigenschaft, sich nicht einfach in die Tagesordnung zu f├╝gen. Sie durchbrechen sie f├╝r ein politisches Signal, doch sind die Ignoranz und Entpolitisierung so gro├č, dass einer von uns bei sich selbst damit noch auf Granit bei├čt, weil er letztlich doch andere Priorit├Ąten hatte. Aber: Darf man in so einem Fall andere Priorit├Ąten haben? Eine solch geringe Resonanz zeigt jedenfalls, wie wichtig solche Veranstaltungen sind. N├Ąchstes Jahr soll es wieder einen Smartmob geben. Dann wird jeder wieder selbst entscheiden m├╝ssen, ob ihm das wichtig ist oder nicht.

Doch nicht nur die Studenten gl├Ąnzten durch Abwesenheit: Dietrich Harth lud auch die Dozenten des Germanistischen Seminars ein, an dem er als Professor fr├╝her selber lehrte. Auch sie fehlten laut Harth komplett. Angesichts dessen, dass besonders literarische Werke wie die von Brecht zu den verbrannten geh├Ârten, ist das doch sehr ├╝berraschend.

Der Zulauf war also von vielen Seiten zu gering. Umso besser ist es jedoch, dass sich trotz einer zu gro├čen Ignoranz 200 Menschen hierf├╝r zusammengefunden haben und sich nicht beirren lie├čen. Zudem wurden auch 300 Euro Spenden f├╝r die Initiative "Writers in Prison" des PEN-Zentrums gesammelt, die aktuell verfolgte Schriftsteller unterst├╝tzt.

von Ziad-Emanuel Farag und Jakub Szypulka
   

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