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17.06.2013

Achtung, Fertig, Predigt!

Amerikaner lieben große Autos, Häuser und Hamburger. Mittlerweile finden sich vielerorts in den USA Kirchen, die diesen Trend fortzusetzen scheinen: sogenannte Megachurches

Der Countdown f√ľr die Predigt. / Foto: Jasmin Miah.

Auf der B√ľhne befindet sich eine Leinwand, auf der ein Countdown die letzten Sekunden runterz√§hlt. Die Band, der Chor und die S√§nger sind bereit. Dann geht es los. Schlagzeug und E-Gitarre setzen ein und das Publikum wird aufgefordert: "Put your hands together!"

Einer wirklichen Aufforderung bedarf es eigentlich nicht, denn √ľberall in der Halle sieht man sich zur Musik bewegende Menschen mit in die Luft gestreckten H√§nden. Alle singen begeistert die Lieder mit, deren Texte ebenfalls an die Leinw√§nde projiziert werden. Es ist die Stimmung eines Rockkonzerts, dabei befinde ich mich bei einem Sonntagsgottesdienst in den USA.

Die Biltmore Baptist Church in Arden, im US-Bundesstaat North Carolina ist eine Megachurch, eine Kirche, die weitaus mehr bietet, als nur die M√∂glichkeit zum Beten. Hier gibt es neben Coffee Shop und Buchladen auch ein Kinderkino. Das Worship Center, der Ort, wo der Gottesdienst stattfindet, bietet Platz f√ľr √ľber 2000 Menschen. An einem Wochenende wird die Kirche von bis zu 6000 Kirchg√§ngern besucht und die Zahl steigt stetig, denn Megachurches erfreuen sich in den USA immer gr√∂√üerer Beliebtheit.
Eine Kirche wird dann als Megachurch bezeichnet, wenn w√∂chentlich mindestens 2000 Menschen die Gottesdienste besuchen. In den USA soll es derer inzwischen √ľber 1600 geben. Vor allem in den S√ľdstaaten und Kalifornien ist dieses Ph√§nomen weit verbreitet.

Eine riesige Lagerhalle ohne jeglichen √§sthetischen Reiz

An dem Wochenende, an dem ich die Biltmore Baptist Church besuche, regnet es in Str√∂men. Meine Sorge, ob das die Menschen wohl vom Besuch der Kirche abh√§lt, wird schon auf dem Parkplatz vernichtet. Begr√ľ√üt werden wir, wie bei einer Massenveranstaltung, von mehreren freiwilligen Helfern, die uns den Weg zu unserem Parkplatz weisen. Dort angekommen habe ich einen guten Blick auf das Geb√§ude, das mit einer europ√§ischen Kirche gar nichts mehr gemein hat. Was ich sehe, wirkt wie eine riesige Lagerhalle ohne jeglichen √§sthetischen Anreiz. Im Inneren erinnert auch nichts an das typische Bild einer Kirche, daf√ľr aber an ein Einkaufszentrum. Gleich am Eingang befindet sich der Coffee Counter und bei einem Rundgang durch das Geb√§ude f√§llt vor allem eines auf: es ist extrem gro√ü. So bin ich auch nicht mehr wirklich √ľberrascht, als ich das Worship Center betrete und vor mir tausende Sitzpl√§tze und eine dementsprechend ausfallende B√ľhne betrachte.

Der Gottesdienst selbst ist sehr modern gestaltet und die Menschen sind leger gekleidet. Am Anfang singt die Gemeinde drei Lieder. Ein Mix aus Rock- und Countrymusik l√§dt zum mitsingen ein und die S√§nger beeindrucken mit teils ausgezeichneten Stimmen. Einem kurzen Gebet folgt ein weiteres Lied und daraufhin die rund 40-min√ľtige Predigt von Pastor Bruce Frank. Die Predigt ist teils sehr traditionell und nicht anders als in Deutschland, wird aber auch durch Medien unterst√ľtzt. So soll ein Video, das aus mehreren Filmclips zusammen geschnitten ist, die Gemeinde in Stimmung bringen. Gut f√ľnf Minuten lang sehen wir Szenen aus "Coach Carter", "The Blind Side", "Gegen jede Regel" und so ziemlich jedem anderen emotionalen Sportfilm, den die USA zu bieten hat. Sehr sentimental, sehr mitrei√üend, sehr amerikanisch eben. √úberraschend ist f√ľr mich, dass keine Bibeln f√ľr die Predigt zur Verf√ľgung stehen, die wichtigen Bibelverse k√∂nnen wir jedoch an den Leinw√§nden mitlesen.

Die Stimmung eines Rockkonzerts beim Sonntagsgottesdienst

Pastor Bruce Frank erkl√§rt mir in einem freundlichen Gespr√§ch, dass er gerne hier arbeite. Seit f√ľnf Jahren sei er nun in Arden und f√§nde diese Art von Kirchen nicht schlechter als kleinere Gemeinden. "Nat√ľrlich ist es gut, wenn sich alle untereinander kennen, doch auch in einer kleinen Gemeinde ist das kaum m√∂glich. Schon bei mehr als 100 Mitgliedern kann man nicht alle pers√∂nlich kennen" und deshalb gebe es in der Biltmore Baptist Church sogenannte Connect Groups, erz√§hlt Frank. Die Connect Groups sind klein und in bestimmte Altersgruppen oder nach Familienstand eingeteilt. Die Leiter der Gruppen sind diejenigen, die im st√§ndigen Kontakt mit den Gruppenmitgliedern und dem Pastor stehen und somit als Bindeglied fungieren. Das wichtigste sei, dass sich die Menschen untereinander kennen, nicht dass der Pastor jeden kennt, glaubt Frank.

Diese Ansicht teilen auch viele der Mitglieder. Vor allem die Jugendlichen, mit denen ich gesprochen habe, kommen wegen des Gemeinschaftsgef√ľhls und der vielen Angebote f√ľr sie in die Kirche. Die 15-j√§hrige Meagan Ledvert sagt, dass alle ihre Freundinnen auch in diese Kirche gingen und sie hier au√üerdem viele neue Freunde gefunden h√§tte: "Gerade weil die Kirche so gro√ü ist, kann man hier viele nette Menschen kennenlernen. Genau das gef√§llt mir hier." Anna Combs, 16, die seit mehreren Jahren auch als Freiwillige in der Kirche arbeitet, f√ľgt hinzu, dass "die Atmosph√§re in so einer gro√üen Kirche einfach besser" sei. Der Gottesdienst sei viel energetischer und emotionaler als in anderen Kirchen, so Combs. Viele der Jugendlichen sch√§tzen die Bibelgruppen, die Connect Groups und die Missionsarbeit. Diese Woche gibt es auch eine Beach Week, in der die Jungendgruppen nach Myrtle Beach in South Carolina fahren werden.

"A little too much"

Das gro√üe, vielseitige Angebot wird von den Mitgliedern der Gemeinde sehr gesch√§tzt und die Kritik an Megachurches k√∂nnen sie nicht nachvollziehen. Tanja Sch√§r, eine Austauschstudentin aus der Schweiz, kann den Megachurches jedoch nicht viel Positives abgewinnen. "Teilweise hatte ich das Gef√ľhl, dass die einzige √úbereinstimmung mit unseren Gottesdiensten und Kirchen der Glaube an Gott und das Lesen aus der Bibel war." Sch√§r kritisiert vor allem den Marketingaspekt der Kirche und dass einfach alles "a little too much" sei. Claire Drummond, eine Studentin aus der Gegend, findet die Kommerzialisierung ebenfalls problematisch. Sie meint, dass das den Eindruck erwecke, die Kirche wolle einem Gott aufzwingen. "Vor allem das Video mit den Filmausschnitten zeigt doch, dass sie es einfach √ľbertreiben und alles tun, um einen von Jesus zu begeistern. Mit dem Glauben direkt hatten die Clips ja nichts zu tun."

Diese Kritik ist berechtigt, aber man kann nicht bestreiten, dass das große Angebot der Megachurches sie attraktiver macht. Obwohl die Kirchen auch in den USA mit abnehmenden Mitgliederzahlen zu kämpfen haben, genießen Megachurches steigenden Zulauf. Und eines muss man zweifelsfrei anerkennen: der Gottesdienst war definitiv unterhaltsamer als in Deutschland.

von Jasmin Miah
   

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