ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 Hochschule
25.06.2013

Der ├ťberlehrer

Die gr├╝n-rote Regierung plant eine Reform des Lehramtsstudiums, die viel fordert und dabei den Beruf mit Erwartungen ├╝berfrachtet

Um dem Beruf gerecht zu werden, muss ein Lehrer Superkr├Ąfte entwickeln. / Grafik: Michael Abschlag.

Zumindest kann man der gr├╝n-roten Landesregierung keinen mangelnden Ehrgeiz vorwerfen. "Wir werden die Qualit├Ąt im Bildungswesen sp├╝rbar verbessern", lautete das Versprechen im Koalitionsvertrag, und wenigstens angesto├čen wurde eine Menge: Die verbindliche Grundschulempfehlung ist abgeschafft, das Ganztagsschulwesen ausgebaut, 42 Gemeinschaftsschulen an den Start gebracht.

Das umstrittene G8 wird entsch├Ąrft, ein Modellversuch erm├Âglicht das "entschleunigte" Abitur in neun Jahren. Mehr soziale Gerechtigkeit, st├Ąrkere individuelle F├Ârderung und die Inklusion behinderter Kinder ins Regelschulwesen stehen als gro├če Aufgaben noch aus.

Auf der anderen Seite dr├╝ckt der Schuldenberg, und entgegen der Wahlversprechen musste man 11.600 Lehrerstellen streichen. Damit es also nicht beim redlichen Bem├╝hen bleibt, muss in Baden-W├╝rttemberg noch einiges geschehen. 

Der gro├če Wurf k├Ânnte die Reform der Lehrerausbildung werden ÔÇô aber auch der gro├če Fehlschlag. In welche Richtung die Entwicklung tendiert, l├Ąsst sich vielleicht schon bald sagen. Die Reform wird derzeit intensiv diskutiert, seit im M├Ąrz die Expertenkommission zur Lehrerbildung ihren Ergebnisbericht vorgelegt hat. Dass darin weitl├Ąufig aus dem Bericht einer Berliner Expertenkommission zum selben Thema zitiert wird, gen├╝gt schon, um konservative Beobachter misstrauisch zu machen. So oder so: Werden die Empfehlungen der Kommission umgesetzt, bedeutet das eine tiefgreifende Umgestaltung der Lehrerausbildung in Baden-W├╝rttemberg.

Bachelor und Master l├Âsen das Staatsexamen ab

Zusammengefasst geht es um vier wesentliche Punkte. Erstens: Das alte Staatsexamen soll dem Bachelor/Master-System weichen. Das soll nicht zuletzt der sogenannten Polyvalenz dienen, also der Anschlussf├Ąhigkeit eines Bachelorstudiums auf verschiedenen Berufswegen. Zweitens: Im Zuge dessen sollen Universit├Ąten und P├Ądagogische Hochschulen kooperieren und zum Beispiel die Masterphase gemeinsam ausgestalten. Drittens: In allen Lehramtsstudieng├Ąngen soll dabei eine sonderp├Ądagogische Grundbildung verankert werden, um das Ziel der Inklusion verwirklichen zu k├Ânnen. Viertens: Die Lehrerausbildung soll in Zukunft nicht mehr wie bisher schulartenspezifisch, sondern nach zu unterrichtender Altersgruppe erfolgen. Es wird also k├╝nftig keinen Gymnasial-, Real- oder Hauptschullehrer mehr geben, sondern Lehrer f├╝r die Sekundarstufe I (bis zur zehnten Klasse) und Lehrer f├╝r die Sekundarstufe II (Oberstufe).

Genau dieser Punkt macht die Reform sehr teuer und damit unwahrscheinlich: Er bedeutet die Ausdehnung der Ausbildungsdauer f├╝r alle Lehr├Ąmter auf f├╝nf Jahre. Damit aber muss auch die Besoldung angeglichen, sprich: die Besoldung der bislang geringer bezahlten Grund-, Haupt- und Realschullehrer angehoben werden. Das aber kostet Geld, vermutlich einige hundert Millionen. Geld, das im Landeshaushalt, in dem der Kultusetat mit mehr als neun Milliarden Euro etwa ein Viertel der Ausgaben einnimmt, derzeit fehlt.

Die Ausgestaltung der Reform ist ebenfalls noch nicht zu Ende gedacht. Fraglich ist, inwiefern die Bachelor-/Masterumstellung "echte Polyvalenz" bringt. In den Geisteswissenschaften liegt mit dem Staatsexamen ein angesehener Abschluss vor. Im Staatsexamen haben sie zudem nach der Zwischenpr├╝fung das Recht auf einen Abschluss, der dem Master gleichwertig ist. Sie ist zwar kein Abschluss, daf├╝r muss man aber nach dem Bestehen kein weiteres Zulassungsverfahren wie nach dem Bachelor durchlaufen.

"Polyvalenz ist nicht mehr als ein Schlagwort"

"Im naturwissenschaftlichen Bereich ist der 50/50-Bachelor f├╝r das Lehramt ein offenes Problem", gesteht Friederike N├╝ssel, Prorektorin f├╝r Lehre an der Universit├Ąt Heidelberg, ein. Einen 50-prozentigen Chemie-Bachelor zum Beispiel gibt es nicht. Aus gutem Grund ÔÇô auf dem Arbeitsmarkt werden nur Chemiker gesucht, die eine Promotion abgeschlossen haben. Ein Lehramtsbachelor w├╝rde also f├╝r den Arbeitsmarkt hier erst recht keine Perspektiven er├Âffnen. Der Master Chemie baut zudem auf einen 100-Prozent-Bachelor auf. Neue M├Âglichkeiten bietet die Bachelor-Master-Umstellung in keinem Fall. Dennoch steigt f├╝r die Studenten dadurch der Aufwand: Sie m├╝ssen eine zus├Ątzliche Abschlusspr├╝fung absolvieren. Der Arbeitskreis Lehramt urteilt daher: "Polyvalenz ist nicht mehr als ein Schlagwort. Der Zeitverlust durch sinnlose Bachelor-Pr├╝fungen vor dem Examen ist ein Problem."

Eberhard Keil, der Vorsitzende des Philologenverbandes, bef├╝rchtet angesichts der Anpassung der Lehramtsstudieng├Ąnge an die Bologna-Reform einen erheblichen Qualit├Ątsverlust. "Der Bachelorstudiengang ist in seiner Substanz verfehlt, da er keinen arbeitsmarkttauglichen Abschluss enth├Ąlt. Statt Qualit├Ąt generiert er breites Unbestimmtes: Dilettantismus", kritisiert Keil. Die Umstellung bedeute daher auch f├╝r Lehramtstudenten eine Verschlechterung der Ausbildungsqualit├Ąt.

Von der Gemeinschaftsschule bis zur Inklusion: Lehrer sollen alles k├Ânnen

Nicht einfacher ist die Verwirklichung der Inklusion. Sie soll allen Eltern die Wahl er├Âffnen, ob sie ihr behindertes Kind auf eine Regelschule oder eine Sonderschule schicken. Nicht nur in der Ausstattung der Schulen, auch in der Ausbildung k├╝nftiger Lehrkr├Ąfte m├╝sste sich dann einiges ├Ąndern. Die Inklusion spielt bei der Lehrausbildung au├čerhalb des sonderp├Ądagogischen Bereichs aktuell keine Rolle. Auch deshalb sollen Universit├Ąten und P├Ądagogische Hochschulen k├╝nftig kooperieren. Daher sollen sie auch gemeinsam ein Konzept entwickeln, wie man die verschiedenen fachlichen und (sonder-)p├Ądagogischen Inhalte gut miteinander verbinden kann. An der Universit├Ąt Heidelberg gibt es jedoch daf├╝r "bisher keine Planungen. Das ist vornehmlich ein Thema f├╝r die PH", erkl├Ąrt Friederike N├╝ssel.

Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Baden-W├╝rttemberg, Doro Moritz, sieht ein generelles Problem: In ihren Augen sind "f├╝r die Umsetzung der Inklusion keine Ressourcen vorhanden.

Eberhard Keil wiederum h├Ąlt eine Inklusion nur in Einzelf├Ąllen f├╝r sinnvoll und realisierbar. Aufgaben, die bislang von ausgebildeten Sonderp├Ądagogen ├╝bernommen wurden, zus├Ątzlich jedem Lehrer aufzulasten, f├╝hrt f├╝r ihn in "verantwortungslosen Dilettantismus". Glaubt man Keil, dann zeichnet sich an dieser Stelle auch ein Konflikt innerhalb der Regierungskoalition ab: Die SPD r├╝cke vom Inklusionsziel ab, w├Ąhrend die Gr├╝nen daran im Kern festhielten.

Baustelle Lehrerbildung

Generell l├Ąuft die Zusammenarbeit zwischen der PH und der Universit├Ąt Heidelberg jedoch gut. Nach der Anh├Ârung aller lehrerbildenden Institutionen im Land zeigt sich Gerhard H├Ąrle, Prorektor f├╝r Studium und Lehre an der P├Ądagogischen Hochschule Heidelberg, "positiv ├╝berrascht ├╝ber die Einigkeit und die konstruktive Stimmung". ├ťbereinstimmend herrsche gro├če Entschlossenheit, man m├╝sse es jetzt "anpacken". In Heidelberg wolle man eine verbindliche Kooperation baldm├Âglichst institutionalisieren. Seit zwei Jahren besteht ein Roundtable, der die Inhalte der Zusammenarbeit konzipiert. Mehrere m├Âgliche Modelle der Kooperation w├╝rden derzeit juristisch gepr├╝ft. Grunds├Ątzlich soll die Eigenst├Ąndigkeit der P├Ądagogischen Hochschulen im Land gewahrt bleiben.

Beim Reformprojekt Lehrerbildung bestehen derzeit also noch eine F├╝lle offener Baustellen. In den Ministerien gibt man sich wortkarg, was den Zeitrahmen der Umsetzung angeht. Das gr├╝ne Wissenschaftsministerium erkl├Ąrt, derzeit k├Ânnten noch keine Fragen zur Reform beantwortet werden. Das rote Kultusministerium gibt sich noch intransparenter. Ob angesichts der vielen neuen Anspr├╝che eine ├ťberfrachtung des Lehrerberufs drohe und sich die P├Ądagogen mit den ihnen aufgelasteten Aufgaben ├╝berfordert f├╝hlen k├Ânnten? Keine Stellungnahme. Gibt es bereits Ideen f├╝r die Finanzierung der Reform? Keine Antwort. Dies passt zu Keils Einsch├Ątzung, dass man sich in der Regierungskoalition nicht einig sei.

"Dass an der Uni Heidelberg ├╝ber das Lehramtsstudium gesprochen wird, dass ernsthaft erwogen wird, sogar Gremien daf├╝r einzurichten, ist bereits eine Neuerung, von der man in den letzten zehn Jahren nicht einmal tr├Ąumen konnte", freut man sich indes beim Arbeitskreis Lehramt der FSK.

Die Umgestaltung der Lehrerausbildung bleibt das gro├če Projekt der gr├╝n-roten Bildungspolitik. Der Ausgang ist v├Âllig offen: Wenn es nicht gelingt, ein Eckpunktepapier noch vor der Sommerpause vom Kabinett zu verabschieden, ist es fraglich, ob in dieser Legislaturperiode ├╝berhaupt noch damit zu rechnen ist.

von Ziad-Emanuel Farag, Kai Gr├Ąf
   

Archiv Hochschule 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004