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 Wissenschaft
13.05.2013

Alles fĂŒr die Wissenschaft?

Medizinische Forschung am Menschen ist wichtig und riskant. Ein persönlicher Einblick in die HintergrĂŒnde klinischer Studien

So sieht das Gehirn unseres Redakteurs also von innen aus. / Bild: privat

Seit Jahrhunderten strebt die Medizin danach, ihr VerstĂ€ndnis des menschlichen Körpers zu erweitern und effektivere Heilmethoden zu entwickeln. HĂ€ufig war ihre Vorgehensweise dabei Ă€ußerst umstritten. So waren die ersten Anatomen der frĂŒhen Renaissance noch darauf angewiesen, Leichen auf dem Friedhof auszugraben, um an ihnen heimlich die menschliche Physiologie zu studieren.

Zwar hat sich die Wissenschaft seither enorm weiterentwickelt, an einem prinzipiellen Dilemma jedoch hat sich auch bis heute wenig geÀndert: Irgendwann muss sich medizinische Forschung auf den Menschen beziehen.

Insbesondere an UniversitĂ€tskliniken, zu deren Kernbereichen Forschung zĂ€hlt, mĂŒssen frĂŒher oder spĂ€ter Menschen als Testobjekte herhalten. Doch was, wenn Forschung, die potentiell Leben retten könnte, ein Risiko fĂŒr ihre Testobjekte darstellt? Darf man einige Menschen gefĂ€hrden, um anderen zu helfen? Und wĂŒrde dies nicht den Hippokratischen Eid verletzen, den Schwur des Arztes, seinen Patienten nie zu schaden?

Die Medizinische FakultĂ€t Heidelberg arbeitet seit ihrer GrĂŒndung im Jahre 1386 an der Entwicklung und Verbesserung von Therapien. Zu ihren Schwerpunkten zĂ€hlt dabei neben den Neurowissenschaften vor allem die Onkologie, die Krebsforschung. Mittlerweile zĂ€hlt die FakultĂ€t in Deutschland zu den angesehensten Forschungseinrichtungen. Und auch hier werden zahlreiche Studien mit menschlichen Testsubjekten durchgefĂŒhrt. Mit FIM (first-in-man) Heidelberg existiert sogar ein eigens gegrĂŒndetes Netzwerk, das sich auf die DurchfĂŒhrung und Begleitung von Studien insbesondere zur Erstanwendung neuer Medikamente spezialisiert hat.

Doch wie funktionieren Studien mit menschlichen Probanden? Und wie fĂŒhlt man sich als Versuchskaninchen? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, habe ich mich als Proband fĂŒr eine klinische Studie zur Erforschung der Ursachen der Höhenkrankheit angemeldet.

Die Reaktionen auf mein Vorhaben erstreckten sich von Fragen wie: „Aber verkaufst du damit nicht deinen Körper?“ bis zu einem erschrockenen „Nein! Du schluckst keine Pillen!“

Ein Medikamententest war im Rahmen der Studie tatsĂ€chlich nicht vorgesehen. Der ersten Frage jedoch hatte ich wenig entgegenzusetzen. Die Entlohnung fĂŒr die Studie betrug 100 Euro, fĂŒr ein knappes Studentenbudget nicht wenig. Und das nur dafĂŒr, dass ich eine Nacht in einer sogenannten Hypoxiekammer verbringen sollte.

Dort wĂŒrde ich Luft atmen, die statt der gewohnten 21 nur zwölf Prozent Sauerstoff enthĂ€lt. Dies entspricht in etwa den VerhĂ€ltnissen in einer Höhe von 4000 Metern ĂŒber dem Meeresspiegel. Durch den einhergehenden Sauerstoffmangel, so die Forschungshypothese, wĂŒrden die WĂ€nde der BlutgefĂ€ĂŸe des Gehirns undicht und daher Blut und Hirnwasser vermischt. Um dies zu prĂŒfen, wĂŒrden vorher und nachher MRT-Aufnahmen meines Kopfes gemacht.  Bei etwa der HĂ€lfte der Probanden sei außerdem mit Symptomen der akuten Höhenkrankheit zu rechnen.

Dennoch, versicherte man mir wĂ€hrend der umfassenden Vorbesprechung, gĂ€be es neben akutem Unwohlsein wĂ€hrend der sogenannten Hypoxie absolut kein Risiko langfristiger GesundheitsschĂ€den. Außerdem sei rund um die Uhr medizinisches Personal in der NĂ€he. Kein Grund zur Sorge also. Die Tatsache, dass ich mit meiner Unterschrift unter den Probandenvertrag die UniversitĂ€t Heidelberg fĂŒr den Fall meines Todes wĂ€hrend der Studie von jeglicher Verantwortung lossprach, trug dennoch wenig zu meiner Beruhigung bei.

 

Darf Forschung einigen schaden, um anderen zu nutzen?

Die ethischen Probleme, die die klinische Forschung aufwirft, sind nicht neu. Bereits 1975 fanden sie Ausdruck und Anerkennung in der Deklaration von Helsinki. Diese umfassende ErklĂ€rung des WeltĂ€rztebundes, die seither mehrfach revidiert und zuletzt 2008 aktualisiert wurde, gilt als grundlegende ethische Richtlinie fĂŒr die medizinische Forschung am Menschen. FĂŒr die anfangs aufgeworfenen Fragen findet sich hier eine gleichermaßen salomonische und unbefriedigende Antwort: Die Forschung sei nur dann zu rechtfertigen, wenn ihr potentieller Nutzen die inhĂ€renten Risiken ĂŒberwiege. Das Wohlergehen des individuellen Testobjekts jedoch wiege stets schwerer als alle anderen mit der Forschung verbundenen Interessen.

Trotz eines leicht mulmigen GefĂŒhls begebe ich mich also in die Sportmedizinische Ambulanz der Krehl-Klinik, es ist Samstagnachmittag. WĂ€hrend andere Studenten sich fĂŒr das abendliche Ausgehen wappnen, lasse ich die ersten Voruntersuchungen ĂŒber mich ergehen. Kurz darauf liege ich bereits zum ersten Mal in einem Tomographen. Dessen Röhre ist noch enger als ich vermutet hatte. Und laut wird es in ihr auch: Ein MRT (Magnetresonanztomograph) arbeitet mit starken Magnetfeldern. Die dafĂŒr benötigten StromstĂ€rken produzieren einiges GerĂ€usch. Nach einer Weile fĂŒhle ich mich, als lĂ€ge ich auf einem U-Bahn-Schacht.

Nach einiger Zeit, es muss wohl eine halbe Stunde gewesen sein, stoppt das Klopfen des Tomographen. Ich werde aus der Röhre gefahren. Nun soll die Hypoxie beginnen und ich beziehe mein Nachtquartier in einem scheinbar normalen Zweibettzimmer. Ich erhalte letzte Instruktionen, wĂ€hrend die Klimaanlage bereits gnadenlos den Sauerstoff aus dem Raum saugt. Bereits wenig spĂ€ter melden sich erste Symptome. Mein Puls rast, ich fĂŒhle mich beschwipst und meine Augenlieder fĂŒhlen sich seltsam schwer an. Ich versuche zu lesen, aber stĂ€ndig schweifen meine Gedanken ab. Nach einer Weile stĂ¶ĂŸt mein Probandengeselle dazu. Er ist, wie offenbar viele Probanden, Medizinstudent und nimmt ebenfalls zum ersten Mal an einer Studie teil. Auch ihn lockt vor allem die Neugier, klinische Studien einmal aus einer anderen Perspektive zu erleben. Kurz darauf unterbricht Studienleiter Phillip, selbst noch Student, unser Dösen.

 

Grundlagenforschung ist abstrakt. Aber nicht ĂŒberflĂŒssig.

WĂ€hrend ihres regulĂ€ren Studiums absolvieren Heidelberger Medizinstudenten ein kursfreies Semester, das meist der Forschung im Rahmen ihrer Promotion gewidmet wird. Die zu erforschende Thematik sowie die Vorgehensweise dabei obliegen ihrer eigenen Entscheidung. Phillip hatte sich vor allem aufgrund seines Interesses fĂŒr Kletterei fĂŒr diese Studie der Abteilung Höhenmedizin entschieden. So hatte es ihn bereits frĂŒh in die Forschung am Menschen verschlagen.

Es ist Zeit fĂŒr eine erste Zwischenuntersuchung. Langsam erhebe ich mich von meinem Bett und muss feststellen, dass Sauerstoffmangel auch leichte TĂ€tigkeiten wie Stehen nicht unbedingt einfacher macht. Benommen wanke ich durch den Raum, um mir Blut aus dem OhrlĂ€ppchen entnehmen zu lassen. Das anschließende Abendessen mĂŒmmele ich mit MĂŒhe. Mittlerweile habe ich Kopfschmerzen und auch mein Bettnachbar wirkt etwas blass. Unser anschließender Versuch, einen Film zu schauen, scheitert an unserer Mattigkeit. Gegen zehn Uhr abends bekomme ich Ibuprophen gegen die Kopfschmerzen und wenig spĂ€ter befinde ich mich in einem tranceĂ€hnlichen Zustand. Dennoch kann ich mich ĂŒber meine Lage kaum beklagen. WĂ€hrend ich sogar immer wieder fĂŒr einige Minuten schlafen kann, ergeht es meinem Mitprobanden trotz der rĂŒhrenden Pflege durch Phillip wesentlich dreckiger. Immer wieder dringen unglimpfliche KotzgerĂ€usche vom Nachbarbett zu mir herĂŒber.

Am nĂ€chsten Morgen sehne ich die abschließende MRT-Aufnahme förmlich herbei. Mittlerweile ist mir vollauf bewusst, wofĂŒr man das scheinbar leicht verdiente Probandenentgelt erhĂ€lt. Nicht dass ich meine Teilnahme an der Studie bereuen wĂŒrde, aber erneut teilnehmen werde ich wohl nicht. Kurz darauf werde ich in einem Rollstuhl Richtung MRT geschoben, neben mir ein riesiger Blasebalg. Durch diesen werde ich auch weiterhin mit sauerstoffarmer Luft beatmet. In den GĂ€ngen der Klinik werde ich misstrauisch beĂ€ugt; ich muss ziemlich miserabel aussehen. Eine halbe Stunde spĂ€ter jedoch ist alles ĂŒberstanden. Zum ersten Mal seit zwölf Stunden kann ich wahrhaft durchatmen. Ein wunderschönes GefĂŒhl.

Nach diesem Erlebnis beschleicht mich jedoch erneut die Frage: Wozu das Ganze? WofĂŒr, außer als neues Facebook-Profilbild, taugen 2000 Fotos meines Gehirns? Kurz: Hat sich der Aufwand gelohnt?

Dem Probanden entsteht kein unmittelbarer persönlicher Nutzen aus der Studie. So steht es in dem Vertrag, den ich vor meiner Teilnahme unterschrieb. Doch möglicherweise gelingt es Phillip, aus meinen Daten neue Erkenntnisse ĂŒber die Höhenkrankheit zu gewinnen. Zu verstehen, welche Prozesse bei ihrer Entstehung eine Rolle spielen und wie sie sich auf den Körper auswirkt. Und möglicherweise helfen diese Erkenntnisse irgendwann dabei, eine Therapie zu entwickeln.

Ein fundamentales Problem der Grundlagenforschung besteht darin, dass ihr Zweck oft wenig greifbar erscheint, ihre Ziele in der Zukunft liegen. Und was die Medizin betrifft, wird sich auf ihr grundlegendes moralisches Dilemma wohl auch in Zukunft keine bessere Antwort finden lassen. Doch eines dĂŒrften fĂŒnf Jahrhunderte, die der Mensch und sein Körper bereits als medizinisches Versuchsobjekt dienten, deutlich gezeigt haben: ÜberflĂŒssig ist diese Forschung keinesfalls.

von Paul Eckartz
   

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