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 Feuilleton
14.11.2006

Falsche Zeit, falscher Ort?

„Der Kick“: Gewalt kennt keine einfachen ErklĂ€rungen

Die Tat reißt das brandenburgische Potzlow aus seiner scheinbaren Idylle. Ein paar Kumpels, die im Suff vor sich hinstieren. Dann wird aus QuĂ€lerei Mord. Verantwortung will keiner ĂŒbernehmen. Die Eltern haben keine Handhabe gegen ihre halbstarken Söhne. Der BĂŒrgermeister bangt, dass die Touristen wegbleiben könnten. So nennt man das PhĂ€nomen „EinzeltĂ€ter“.

Die Problematik, die das StĂŒck „Der Kick“ unter der Regie von Sebastian Schug aufwirft, ist brandaktuell. War das Opfer nur zur falschen Zeit am falschen Ort, wie es heißt? Oder handelt es sich um das Problem einer Gesellschaft, die lieber wegschaut, anstatt einzugreifen?

Ein Tritt war der grausame Höhepunkt in dem Film „American History X“, gedacht als Beispiel abschreckender KaltblĂŒtigkeit. Das Ziel wurde verfehlt, denn es kam zu Nachahmungen. „Der Kick“ verzichtet auf die Darstellung von Gewalt. Die vier Schauspieler spielen nicht, sie arbeiten die GesprĂ€chsprotokolle ab. Dabei sitzen sie zwischen den Zuschauern auf Bierkisten und PlastikstĂŒhlen. Auf einmal ist man Teil des Geschehens, ist betroffen, mitverantwortlich.

Die Autoren Andreas Veiel und Gesine Schmidt haben mit akribischer Genauigkeit ein Geflecht aus Aussagen zusammengebastelt, in dem die TĂ€ter, die Angehörigen der Opfer und die vermeintlich Außenstehenden zu Wort kommen.

Über Außensieben Monate waren die beiden in Potzlow und haben nach ErklĂ€rungen gesucht. ErklĂ€rungen fĂŒr eine Tat, die nicht ins Bild passen will. Denn Marinus, den die BrĂŒder Marcel und Marco Schönfeld „totgemacht“ haben, war kein Fremder, er war ihr Freund. Sie brauchten nur jemanden, an dem sie ihre Wut ausleben konnten.

Die Inszenierung zeichnet ein StĂŒck deutsche RealitĂ€t, Alltag, wie er in öden Landstrichen zu finden ist, wo nicht mehr die Arbeit den Tag strukturiert, sondern der Alkohol. Wo Frustration und Perspektivlosigkeit zu einer schleichenden Verwahrlosung gefĂŒhrt haben. Wo GesprĂ€che verstummt, GefĂŒhle erloschen sind. In einem Dorf, das einst blĂŒhte, aber nun nicht mehr ist als eine Ruine. Wo nach der Wende von 700 LPG-Jobs zwei ĂŒbrig blieben.

Wo die Kinder ihren Eltern entgleiten, weil die selbst krank sind. Wo sie abrutschen ins rechte Millieu, auf der Suche nach SĂŒndenböcken, die noch weiter unten stehen als sie selbst. Die Ursachen fĂŒr die Tat sind vielschichtig. Nur auf die rechtsradikale Gesinnung zu verweisen, wĂ€re zu einfach.

Und dennoch: Am Anfang steht die Hymne. Einigkeit. Recht. Freiheit. Nach all der schwarz-rotgoldenen Fußbal leuphorie kehrt ins Bewusstsein zurĂŒck, dass Deutschland mehr ist, als ein Land freudetrunkener Patrioten. Die Lage hat sich nicht verbessert.

Im Gegenteil: Die Zahl rechtsradikaler Gewalttaten steigt drastisch an, rechtsextreme Parteien erobern die Parlamente, ihr Gedankengut dringt in die Mitte der Gesellschaft vor. Wie die letzte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, geschieht dies im Westen sogar stĂ€rker als im Osten, wo man doch so gerne mit dem Finger hinzeigt. Es ist ebenso wie das StĂŒck, das ĂŒberall spielen könnte – beklemmend.

von Sebastian BĂŒhner
   

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