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 Heidelberg
07.08.2007

Des Knaben Wunderhorn 2.0

Im "Neuen Wunderhorn“ stellen Heidelberger Bürger ihre eigenen Geschichten auf der Bühne dar

Das Heidelberger Stadttheater übertrug die berühmte Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ in die heutige Zeit. Heidelberger stellten dazu Geschichten von Bürgern der Stadt auf der Bühne dar. Der Regisseur Jan Linders machte daraus kein Volkstheater, sondern eine avantgardistische Performance.

Das Heidelberger Stadttheater ĂĽbertrug die berĂĽhmte Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ in die heutige Zeit. Heidelberger stellten dazu Geschichten von BĂĽrgern der Stadt auf der BĂĽhne dar. Der Regisseur Jan Linders machte daraus kein Volkstheater, sondern eine avantgardistische Performance. 

Mit dem “Neuen Wunderhorn” ĂĽberschritt das Heidelberger Stadttheater die Grenze zwischen Theatersaal und Stadt. Nichts ahnenden Flaneuren quoll es am Tag der Premiere förmlich entgegen. Auf dem Theatervorplatz drängten sich Laienmusiker, die wie hunderte anderer BĂĽrger bei dem auĂźergewöhnlichen Projekt mitmachten.

Die Initiatoren wollten so etwas wie ein Update des Weltliteratur-Klassikers “Des Knaben Wunderhorn” schaffen, der erst kürzlich zweihundertjähriges Jubiläum feierte. Clemens Brentano und Achim von Arnim trugen darin Liedtexte aus Heidelberg und Umgebung zusammen.

Ebenso sammelte das Stadttheater seit letztem Herbst Geschichten von Heidelbergern. Theateramateure aus der Stadt spielten dann auch die Hauptrollen in der daraus entstehenden Vorstellung. Die Idee zum Projekt stammt von Jan Linders, der auch die kĂĽnstlerische Leitung ĂĽbernahm. Er ist freier Regisseur und Dramaturg, der unter anderem schon ein Musical fĂĽr Giora Feidman entwickelt hat.

Hasengeschichten als Punkrocksongs

Das “Wunderhorn 2007” füllte sich so prall, dass die Kunsthistorikerin Beata Anna Schmutz zusätzlich einige der Geschichten in den Nebenräumen des Theaters darstellte. So genannte “Wunderhornscouts” führten die Zuschauer bei den Vorstellungen am vorletzten Juliwochenende in kleinen Gruppen durch diese “Inszenierten Räume”. Damit begann nicht einfach das Vorprogramm des “Neuen Wunderhorn”, sondern der erste Teil der Aufführung. Dass diese Positionierung konsequent war, zeigte sich an der Unmittelbarkeit, mit der die Zuschauer die Geschichten dort erfahren konnten.

Ein Beispiel sind die Kindheits- und Jugenderinnerungen eines Heidelberger Altstädters, die das LebensgefĂĽhl aber auch die Tabus der Wirtschaftswundergesellschaft der 50er Jahre deutlich machten. Ein Kostprobe der besonderen Ă„sthetik dieser Räume: zwei SchĂĽler verrockten die Hasengeschichten einer älteren Frau zu Punksongs. FĂĽr gewöhnlich verarbeitet die Autorin mit diesen Erzählungen ihre Erlebnisse.

Hip Hop mit philharmonischem Orchester

Erwartungsgemäß konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf die AuffĂĽhrung des Tanztheaters. Die Choreographen und Komponisten gossen die Alltagswelten der Heidelberger dafĂĽr in sehr moderne Formen. Diese boten Heidelberger BĂĽrger – also Theaterlaien –­ in ĂĽberzeugenden Choreographien und Gesängen dar, was eine nicht zu unterschätzende Leistung bedeutet. Das Projekt brachte auĂźerdem den mitwirkenden Kindern und Jugendlichen progressive ästhetische Formen nahe, die sonst nur einen kleinen Rezipientenkreis erfreuen. Damit erfĂĽllte es einen wichtigen Bildungsauftrag.

Dennoch musste sich der aufmerksame Zuschauer am Ende fragen, was er aus der Vorstellung, auĂźer einer durchaus ansprechenden musikalischen und choreographischen Darbietung, mitnehmen sollte. Vielleicht wollte das EingangsstĂĽck – ein synchroner Vortrag unterschiedlicher Lebensgeschichten zu disharmonischer musikalischer Begleitung – die erschreckende Anonymität moderner Massengesellschaften verdeutlichen.  

Zweifelsohne effektvoll war die Vorführung einer Gruppe von Breakdancern, die einmal nicht zu Hip Hop, sondern zu den sphärischen Klängen neuer Orchestermusik ihre eleganten Vorwärts- und Rückwärtssalti vorführten. Ebenso die “jam” mit Rap-Combo und Orchester, für die es viel spontanen Applaus gab. Die Frage bleibt jedoch: was sagt dies, außer vielleicht, dass Hip-Hop bei Heidelberger Jugendlichen sehr beliebt ist?

Alltag und Avantgarde

Dass trotz einer Vielzahl von gesammelten Geschichten am Ende nicht viel Inhalt übrig blieb, liegt wohl auch an der gewählten Darstellungsform. Moderne Tanztheater geben Inhalte eben nur sehr verschwommen wieder. Wenn die Projektinitiatoren wirklich zeigen wollten, was Heidelberg bewegt, hätten sie auf der großen Bühne mehr Raum für die Geschichten der Heidelberger lassen müssen.

Bei diesem Grenzgang zwischen Kunst und Alltagswelt entsteht freilich ein Dilemma. Einerseits waren Geschichten von normalen BĂĽrgern die Grundlage der Vorstellung. Andererseits bestand auch ein kĂĽnstlerischer Anspruch. Den Versuch, beidem gerecht zu werden, unternahm der Regisseur jedoch nicht. Die professionellen Dramaturgen, Choreographen und Komponisten filterten den gesammelten Stoff und fĂĽllten ihn mit einer kĂĽnstlerischen Eleganz, die die gesammelten Geschichten ĂĽberblendete.

In den “Inszenierten Räumen” war das anders. Hier drangen die Zuschauer tiefer zum Inhalt des „Wunderhorns“ vor. Deshalb war dieser Teil des Projekts mehr als nur eine sinnvolle Ergänzung zum Tanztheater.

von Christoph Stawenow
   

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