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 Feuilleton
11.05.2007

Der Weg zu sich selbst f├╝hrt durch die Dunkelheit

St├╝ckemarkt 2007: Das Gastspiel "Nachtblind" des Thalia-Theaters unter der Regie von Jette Steckel

Zu Hause findet Leyla keinen Halt mehr. Vom j├╝ngeren Bruder gepiesackt, von der Mutter nicht verstanden; der Vater? ÔÇô hat sich rar gemacht, sein Platz bleibt leer. So muss Leyla ihren eigenen Weg gehen.

Zu Hause findet Leyla keinen Halt mehr. Vom j├╝ngeren Bruder gepiesackt, von der Mutter nicht verstanden; der Vater? ÔÇô hat sich rar gemacht, sein Platz bleibt leer. So muss Leyla ihren eigenen Weg gehen. Emotionale Unterst├╝tzung bekommt sie vom etwas weltfremden, aber ambitionierten Moe. Aber da ist auch noch ÔÇ×der Gro├čeÔÇť, von dem sie nicht loskommt, dem sie sich nicht entziehen kann, der sie beherrscht.
 

Der gro├če Unbekannte bleibt dem Zuschauer jedoch verborgen. Nur in den Monologen Leylas wird er reflektiert. Spricht sie ├╝ber ihn, ist die B├╝hne dunkel. Jette Steckel, die soeben an der Theaterakademie Hamburg ihr Diplom absolviert hat und die Regie f├╝hrt, veranschaulicht so den schwarzen Fleck in Leylas Leben. Die Dunkelphasen symbolisieren aber auch das Allein-Sein des M├Ądchens, ihre Hilflosigkeit, die Unt├Ątigkeit ihrer Umwelt. Gemeinsam mit Moe, den sie in der Disko kennen gelernt hat und der so anders ist als die M├Ąnner seines Alters, ergr├╝ndet sie peu ├á peu ihr Innenleben

 

Das St├╝ck ÔÇ×NachtblindÔÇť, beim Heidelberger St├╝ckemarkt 2005 mit dem ersten Preis ausgezeichnet, thematisiert die Macht der Beziehungen. F├╝r die heranwachsende Leyla, deren jugendlich-w├╝tende Wildheit und gleichzeitige Schutzbed├╝rftigkeit Lisa Hagedorn anschaulich verk├Ârpert, stellt der Abnabelungsprozess von den Eltern respektive der Mutter eine Zerrei├čprobe dar: die sturen Routineabl├Ąufe des Familienlebens wie das gemeinsame Essen, f├╝hren dabei fast zwangsl├Ąufig zur Eskalation.

 

Denn nicht nur die st├Ąndigen Provokationen des aufm├╝pfigen Bruders Rico (Patrick G├╝ldenburg), der ÔÇô obwohl bereits selbst als gewaltt├Ątig bekanntÔÇô noch immer Mamas Liebling ist, f├╝hren dazu, dass sich Leyla unverstanden f├╝hlt. Auch die konkreten Vorstellungen der Mutter, einer Journalistin, vom Verh├Ąltnis zur Tochter engen Leyla ein und pressen sie in ein Rollenmodell, dem sie nicht entsprechen will. Leyla erkennt, dass sie sich selbst retten muss. Sie will ihren eigenen Kopf durchsetzen, Fehler selbst machen, gegen W├Ąnde anrennen, in der Hoffnung sie einrei├čen zu k├Ânnen.

 

Die Inszenierung Jette Steckels kommt mit einem schlichten, daf├╝r umso wirkungsvolleren und vielseitigem B├╝hnenbild aus. Mit gro├čen braunen Matratzen und Sofateilen bauen die Schauspieler stets auf neue die passende Kulisse ÔÇô die ist mal Bar, mal Mittagstisch, dann wieder Duellstrecke oder Luftschloss. Dieser gro├čartige Einfall erzeugt mit der treffenden Sinnbildlichkeit ebenso wie die raffinierte Auswahl der musikalischen Ummantelung, ob es sich um Hip Hop, Elektrobeats oder Rock handelt, ein Gef├╝hl f├╝r die Widrigkeiten, Bed├╝rfnisse und Gef├╝hle einer Generation, die das Erwachsenwerden so weit wie m├Âglich herauszuz├Âgern versucht.

 

Das St├╝ck der 1983 geborenen Autorin Darja Stocker trifft den Puls der Zeit, bringt die Widerspr├╝che und Konflikte des Erwachsenwerdens auf den Punkt. Die Inszenierung spielt mit den Rollen, verkehrt sie in ihr Gegenteil, macht sie unwirksam. Die bewusst im b├╝rgerlichen Milieu angesiedelte Familie ist nur noch ein Fragment, eine Fassade, die lediglich die Mutter aufrechtzuerhalten versucht. Ihr kommt der tragische Part zu, besa├č sie doch einen so konkreten Lebensentwurf und Tr├Ąume, die wie eine Seifenblase zerplatzen. Leyla hingegen findet ein Mittel, sich in der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt zu behaupten.

 

Verschiedene stilistische Kunstgriffe, angefangen beim improvisierten Eingangsdialog ├╝ber K├Ąsef├╝├če bis hin zur ringf├Ârmigen Handlung mit abweichendem Schluss sorgen f├╝r ein durchweg kurzweiliges St├╝ck mit Witz, das den Zuschauer durch die Tempovariationen immer aufs Neue bannt.

von Sebastian B├╝hner
   

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