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 Interview
13.11.2007

Dieser gläubige Bimbam!

Comicbuchautor Ralf König im Gespräch mit dem ruprecht

Ralf König gilt heute als der weltweit populärste Zeichner schwuler Comics. Mit witzig intelligenten Geschichten („Der bewegte Mann“) begeistert er seit 25 Jahren seine Fangemeinde. Kürzlich erschien sein neuestes Buch „Hempels Sofa“.

Eine provokante Einstiegsfrage: Gibt es keine schwulen Themen mehr?

Doch, daran herrscht kein Mangel und auch kein Grund, sich auf das Erreichte zurückzulehnen. Aber die Themen können nun vielleicht Jüngere übernehmen. Ich hab das, was ich dazu zu sagen hatte, in 25 Jahren Comicszeichnen weitgehend gesagt. Was nicht heißt, dass ich nun „unschwul“ werde. Nur als ausschließlichen Inhalt ist mir das zu mager geworden. Schon Rosa von Praunheim hat gesagt, dass Schwulsein nicht abendfüllend ist.

Bei „Dschinn Dschinn“ hat sich eine Hinwendung zu Hetero-Themen ja schon abgezeichnet, bei „Hempels Sofa“ stehen sie ganz im Vordergrund. Woher kommt der Wandel?

Stimmt, meine schwulen Leser werden womöglich irritiert sein, eine Mösenleckszene in meinen Büchern zu sehen, aber das Risiko gehe ich ein. Ich war auch nie einer von den Schwulen, die behaupten, Ausschlag zu kriegen, wenn sie eine nackte Frau sehen.

Warum der Wandel?

Ich habe eine große Hetero-Lesergemeinde und die habe ich eine Weile wohl vernachlässigt, indem ich sehr schwul erzählt habe. Ich dachte, das funktioniert inzwischen, weil ich ja auch ins Kino gehe und Robert de Niro und Meryl Streep knutschen sehe, ohne dass ich denke, ich sehe ausnahmsweise bei etwas Exotischem zu. Aber für Heteros ist „schwul“ nur ein Thema, für mich ist es ein bedeutender Teil meines Lebens. Also 2 Gründe: Ich fing an, mich über allzu Schwules zu langweilen und ich wollte die Heteros wieder mehr erreichen.

Wie waren bisher die Reaktionen deiner Hetero-Leser auf "Hempels Sofa"?

Das Buch ist noch zu frisch in den Läden, ich habe erst vorgestern meine Belegexemplare bekommen, also bisher kaum Reaktionen; nur von schwulen Freunden, die es vorab lesen konnten. Während der Frankfurter Buchmesse hatte ich aber einige Interviews mit Journalistinnen, die es wohl Klasse fanden und mich fragten, ob ich ein "Frauenversteher" sei.

Was hast du ihnen geantwortet?

Dass ich mich eher mühsam durch die Frauenversteher-Ratgeber lesen musste. Der schwule Mann und die heterosexuelle Frau haben nur bedingt etwas gemeinsam, wenn es um den Kerl geht und wie man ihn auf die Matratze kriegt. Wenn Mann auf Mann trifft, läuft einiges unkomplizierter, weil der uralte Geschlechterkampf keine Rolle spielt. Keiner muss geil und emanzipiert gleichzeitig sein - geil reicht da. Ich habe den Eindruck, dass Frauen durchaus auch so frei an die ganze Sache rangehen möchten, aber müssen da einige innere Hürden zu überwinden. Genau damit kämpft ja meine Psychologin Hempel in dem Comic: mit ihrem Selbstverständnis als Frau und geile Schlampe.
Ich finde allerdings im Gegenzug, dass beim Heterosex oft auch eine Spannung abgeht, die Schwule so nicht haben oder sich erst künstlich konstruieren müssen, durch Rollenspiele, S/M Spielchen etc. Ich finde schwule Pornos aus dem Grund meist langweilig oder sogar lächerlich, aber das geht den meisten Schwulen wohl nicht so. Da saß ich immer etwas zwischen den Stühlen, mit einem Schielauge zum Hetero. Genau darum kann ich aber vielleicht überhaupt so einen Comic zeichnen wie 'Hempels Sofa'.

Bei „Dschinn Dschinn“ hast Du Dich mit Katholizismus und Islam auseinandergesetzt, bei deiner FAZ-Serie „Prototyp“ mit der Schöpfungsgeschichte – ist Religion für Dich ein neues Thema?


Ja, genau. Da machen sich für mich gerade die Himmelstore auf, sozusagen. Wenn man sich ansieht, was gerade abgeht: Auf den Stress mit dem Islam reagiert der angeblich säkulare Westen nicht mit Aufklärung, sondern mit Gegenreligion – überall dieser gläubige Bimbam! Nur die, die damit nichts am Hut haben, äußern sich nicht und überlassen den Religiösen das Feld, das ist fatal. Die Atheisten und Agnostiker müssen sich auch lautstark zu Wort melden und die Alternativen aufzeigen, nämlich Philosophie und Wissenschaft statt Mythen und Aberglaube.

Woher kommt deine Abneigung gegenĂĽber der Religion und ihren Dogmen?

Ich war schon als Kind irritiert darüber, wenn in meinem kleinen westfälischen Dorf die Leute auf den Knien zur Madonnenstatue robbten. Ich konnte das mit der Religion also nie für voll nehmen, und Päpste und Kardinäle sind mir widerlich. Diese meist vollkommen lustfeindlichen, verklemmten, selbstgerechten Gestalten beanspruchen für sich einen direkten Draht zu einem Gott, von dem sie meinen, dass er so drauf sei wie sie! Und gerade die wollen den Menschen etwas von Moral und Liebe diktieren!

Hat die FAZ eigentlich viel Post zum „Prototyp“ bekommen?


Oh ja, ich hab die Redaktion auch darum gebeten, mir alle Reaktionen zukommen zu lassen. Das war ja das Aufregende: Ein ganz anderes Lesepublikum, Leute, die sonst nie meine Comics lesen würden! Da war also viel Unverständnis bis hin zur Feindseligkeit, aber genauso viel Begeisterung. Dass man mir bei dem religiösen Thema Blasphemie vorwerfen wird, damit hatte die FAZ gerechnet; auch mit Abo-Kündigungen, die tatsächlich vereinzelt vorkamen! Eine gute Christin schrieb fast bittend, dass ich das doch nicht ernst meinen könnte – was auch immer sie meinte, andere fanden schon süffisant, dass ein schwuler Zeichner diesen Platz bekommt. Ich war überrascht; ich dachte über die „Adam im Paradies“-Geschichte sei Satire noch erlaubt.

Bei „Hempels Sofa“ ist der Religions-Aspekt wieder mehr in den Hintergrund gerückt. Wie würdest du dein neues Buch einordnen?

Als Verschnaufpause vom „Dschinn“. Das waren ja am Ende über 300 Seiten und ich hatte mit der Story jede Menge Probleme; und als das endlich vom Tisch war, dachte ich, ich mach jetzt was Schnelles, ohne allzu großen Anspruch. Leider war es dann wieder mühsam. Bis ich die Heteros mal im Bett hatte, war ich auf Seite 90! Lauter Beziehungsklärungsdialoge, das bin ich von schwulen Geschichten so nicht gewohnt. Und ich musste recherchieren und Frauenbücher lesen, bzw. Ratgeber für Männer von Frauen, wie sie sich zu verhalten haben. Im Vergleich zu schwulem Miteinander ist das schon alles sehr kompliziert.

In „Hempels Sofa“ gibt es eine Szene, in der Silke Hempel Ihrem Berthold den Marsch bläst:
„Weißt du, was mich bei euch Schwulen echt anschnarcht? Ihr Heteros seit die größten Versager, was Sex angeht, und Frauen haben es sowieso nicht drauf! Ihr bildet euch ein, ihr habt das Patent auf den guten, unkomplizierten Fick zwischendurch, aber was ihr treibt, treiben wir schon lange!“ Gab es diese Unterhaltung in der Realität?

Nein. Ich weigere mich aber, zu glauben, dass Heterosex so kompliziert ist, wie in besagten Ratgebern behauptet. Keine Frau, die ich kenne, kann mit diesen Büchern etwas anfangen. Im Gegenteil, die ärgern sich, dass sich eine Autorin hinsetzt und sich anmaßt, Tipps und Benimmregeln im Namen der allgemeinen Weiblichkeit zu erteilen. Bezeichnend ist aber, dass die Dialoge von "Sex and the City" von schwulen Drehbuchautoren geschrieben wurden - und dass Frauen die Serie oft klasse fanden.

Zu guter Letzt: Gibt es schon Pläne für dein nächstes Buch?


Ich werd wohl aus 'Prototyp' ein ganzes Buch machen. Die Idee gibt viel so viel her, um sie nach zehn FAZ-Folgen jetzt zu beenden. Und das Thema "Aufklärung" gegen "religöse Verblendung" steht generell für die nächste Zeit auf meiner Agenda.

Vielen Dank für das Gespräch!

von Lisa GrĂĽterich
   

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