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 Wissenschaft
16.07.2013

"Geschichte, die noch qualmt"

Von 1998 bis 2005 hie├č es "Rot-Gr├╝n an der Macht". Der Historiker Edgar Wolfrum untersucht diese ├ära in seinem neuen Buch

Der Zeithistoriker Edgar Wolfrum nimmt sich schon jetzt der Ära Rot-Grün an. / Foto: privat.

Die Zeit der rot-grünen Koalition ist den meisten als eine Zeit der Umbrüche in Erinnerung geblieben: das Ende der "Ära Kohl", der Umzug des Parlaments von Bonn nach Berlin, im Kosovo der erste Krieg mit deutscher Beteiligung seit 1945.

Sp├Ąter die Terroranschl├Ąge des 11. September, deutsche Soldaten in Afghanistan und die Weigerung gegen den Einmarsch in den Irak, dazu im Inland Hartz IV und die verheerende Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen, die zu Neuwahlen im Bund und schlie├člich zum Ende der Regierung f├╝hrte.

Der Professor f├╝r Zeitgeschichte Edgar Wolfrum hat sich in "Rot- Gr├╝n an der Macht. Deutschland 1998 ÔÇô 2005" dieser ├ära gewidmet und bereits acht Jahre nach dem Ende des Duos Schr├Âder/Fischer ein 848 Seiten umfassendes Werk vorgelegt, das die Epoche unter die Lupe nimmt. Viele der wichtigsten Akteure der Koalition standen dabei f├╝r ├╝ber 30 Interviews bereit oder stellten private Dokumente zur Verf├╝gung.

Vom damaligen Regierungssprecher Steg bis zum heutigen Kanzlerkandidaten Steinbr├╝ck gaben die Protagonisten der Koalition ausf├╝hrlich Auskunft; selbst Altkanzler Gerhard Schr├Âder gab bei mehreren Anl├Ąssen Einblick in seine Beweggr├╝nde bei Entscheidungen ├╝ber Krieg und Frieden oder die Zukunft des Sozialstaats: "Schr├Âder wies sich gleich beim ersten Treffen als Pragmatiker aus und ├╝berraschte mit der Frage, wozu er Geschichte brauche", erinnert sich Wolfrum an die schwierige Begegnung. Nach mehreren Anl├Ąufen und einer schriftlichen Ermunterung vonseiten des Historikers ÔÇô Schr├Âder wolle doch nicht als erster "geschichtsvergessener" Kanzler der Bundesrepublik gelten ÔÇô lie├č sich schlie├člich auch der Altkanzler auf das Projekt ein.

Doch ist die Frage berechtigt, warum sich die Historiker bereits acht Jahre nach ihrem Ende mit der Epoche besch├Ąftigen sollten. Wolfrum selbst wiegelt ab: "Die Motivation lag vor allem darin, von der weiterhin vorherrschenden Lagerromantik auf der einen und der Totschl├Ągerei des Projektes auf der anderen Seite wegzukommen." Durch die Interviews mit den Beteiligten k├Ânne auf eine F├╝lle von Wissen zur├╝ckgegriffen werden, das bereits jetzt und ÔÇ×nicht erst nach der ├ľffnung irgendwelcher Archive in 30 Jahren" zur Verf├╝gung stehe. "Das bedeutet, Geschichte niederzuschreiben, solange sie noch qualmt, also eng am gesellschaftlichen Prozess", f├╝hrt der Historiker aus. Er wolle zeigen, was die gegenwartsnahe Zeitgeschichte leisten kann, die im Vergleich zu Gro├čbritannien und den USA hierzulande z├Âgerlich agiere.

├ťberraschende Befunde

Die ersten Reaktionen innerhalb der Forschung fallen durchweg positiv aus; die wichtigsten deutschsprachigen Historiker Heinrich August Winkler und Hans-Ulrich Wehler zeigten sich ├╝berzeugt. "Aber alleine h├Ątte ich es nie geschafft", stellt Wolfrum klar und erinnert daran, dass insgesamt acht studentische Hilfskr├Ąfte und vier Doktoranden Interviews vorbereiteten und in einem B├╝ro, "vollgestopft bis unter die Decke" Quellen gesichtet und geordnet haben.

Ein Blick ins Buch zeigt dabei die F├╝lle an Material, die in drei gr├Â├čere Abschnitte eingearbeitet wurde: "Aufbruch ins 21. Jahrhundert" beleuchtet die Umbr├╝che bis zu den Terroranschl├Ągen im Jahr 2001 und zeichnet die von Rot-Gr├╝n angestrebte Erneuerung der Gesellschaft nach. Ein zweiter Teil untersucht die Auswirkungen von 9/11 auf die Innen- und Au├čenpolitik und fragt nach Deutschlands Rolle in Europa und der Welt, bevor die Koalition in "Agieren aus der Defensive" bis zu ihrem Ende begleitet wird.

Die relativ kurz gehaltenen Unterkapitel erinnern an zeitgeschichtliche Werke wie "Das Zeitalter der Extreme" des britischen Historikers Eric Hobsbawm; immer wieder flie├čen zudem Themengebiete wie ├ľkologie, Sicherheitspolitik und Atomausstieg ein, deren wichtigste Weichenstellung in der Zeit von 1998 bis 2005 vorgenommen wurde. Kapitel um Kapitel wird dabei deutlicher, dass eine "Sch├Ânwetterregierung" von Beginn an ausgeschlossen war und die Weltpolitik immer wieder die Innenpolitik beeinflusste.

Auch einige ├╝berraschende Befunde h├Ąlt das Buch bereit: So wird in der Aufarbeitung der Atomausstiegs-Debatte deutlich, dass der damalige Umweltminister J├╝rgen Trittin beinahe an seiner eigenen Partei gescheitert w├Ąre und die Koalition in diesem Kontext mehrfach vor dem Auseinanderbrechen stand. Auch wird detailreich herausgearbeitet, welch immensem Druck die Koalition seitens der USA ausgesetzt war, als sie zusammen mit Frankreich und Russland eine "Koalition der Unwilligen" bildete und den Krieg gegen den Irak verurteilte und wie sich in der Diskussion um die Agenda 2010 die Gr├╝nen als die eigentlich treibende Kraft erwiesen.

Das Projekt Rot-Gr├╝n hilft, die Gegenwart besser zu verstehen

Wenn man schlie├člich mit Blick auf die Bundestagswahl in zwei Monaten nach der Zukunft des rot-gr├╝nen Projektes fragt, sieht Wolfrum zun├Ąchst wenig, was f├╝r eine Neuauflage spricht: "Die immense Aufbruchsstimmung, die 1998 vorherrschte, l├Ąsst sich nicht wiederholen", wagt er eine Prognose und f├╝gt hinzu: "Das aus den rot-gr├╝nen Jahren stammende permanente schlechte Gewissen schw├Ącht die SPD zudem weiter". Als die eigentlichen Profiteure der Konstellation sieht er vielmehr die Gr├╝nen, deren Ideen zu dieser Zeit salonf├Ąhig wurden.

Fernab von Prognosen ├╝berzeugt das Werk durch seine Detailf├╝lle und eine leserfreundliche Schreibweise und zeichnet so ein umfassendes Bild der Epoche. Dem Leser erm├Âglicht es ein besseres Verst├Ąndnis des "Projekts Rot-Gr├╝n" und tr├Ągt so kurz vor der Bundestagswahl dazu bei, mit den Erkenntnissen der Zeitgeschichte auch die Gegenwart besser verstehen zu k├Ânnen.

von Peter Hachemer
   

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