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 Heidelberg
17.07.2013

Die längste Einöde Europas

Hässlichste Orte Heidelbergs, Teil 8: Die Hauptstraße

Antlitz einer beliebigen deutschen Innenstadt. Hier: Heidelberg. / Foto: Michael Graupner.

Das Gl√ľck, im Weltkrieg nicht zerst√∂rt worden zu sein, ist Heidelberg als einer der wenigen deutschen St√§dte zuteilgeworden. Umso √§rgerlicher, dass sie nun trotzdem aussieht wie jede andere Mittel- oder Gro√üstadt im Land.

Die ber√ľhmte Heidelberger Hauptstra√üe ist unter Gesichtspunkten der Stadtentwicklung eine Katastrophe: Die mit ununterbrochenen 1,6 Kilometern "l√§ngste Fu√üg√§ngerzone Europas" ist in Wahrheit die l√§ngste zusammenh√§ngende Ein√∂de des Kontinents - eine absto√üende Mischung aus Vulg√§rromantik und Kettenkonsums.

Nun saniert die Stadt das Stra√üenpflaster, damit das Heidelberger Antlitz wieder h√ľbsch gl√§nzt. So will es der Eintagstourist: Studentenk√ľsse als "Memories of Heidelberg", sauren Wein im "Perkeo" und ein Klischeefoto von der Schlossruine. Er merkt dabei nicht, dass er in ein Bilderbuch getappt ist, das sein eigentliches Ruinendasein zu verschleiern sucht.

Nur ein paar wenige authentische Flecken haben sich in der Fußgängerzone erhalten. Der große Rest ist der kapitalistischen Gleichschaltung zum Opfer gefallen. Wer vom Markt- zum Bismarckplatz spaziert, blickt in ein hässlich gleichförmiges Stadtgesicht: Zweimal H&M, zweimal Galeria, dreimal Kamps. Dazu Starbucks und die Back-Factory. Es könnte auch Kassel oder Wuppertal sein.

Inmitten dieser kommerziellen Eindimensionalit√§t Schilder aufzuh√§ngen, die einer fernen Vergangenheit gedenken, ist pervers. Hier h√§ngen Gedenktafeln an Schumann √ľber einer Jokers-Filiale, die Klassiksampler verschleudert. Des Knaben Wunderhorn  zwischen brutalen Konsumtempeln. Goethe wohnte √ľberm Franchise-B√§cker. 

Worauf man stolz zu sein vorgibt ‚Äď die erhaltene Altbaumasse, die Tradition eines lebendigen Geistes ‚Äď wird durch diese Entwicklung v√∂llig banalisiert. L√§ngst ist die Vielfalt einer grauenvollen Uniformit√§t, der Pluralismus einer g√§hnenden Langeweile gewichen.

Dabei leiden die Bewohner unter dieser konsumideologischen Verformung, leiden unter Deichmann-Schuhen und McPaper-Kulis, unter der Charakterlosigkeit von Nanu-Nana-Spielzeug und der absurden Frechheit eines Build-A-Bear-Workshops. Die wenigen Kulturpfl√§nzchen trocknen aus: Die traditionsreiche Rhein-Neckar-Zeitung ist l√§ngst aus der Hauptstra√üe gefl√ľchtet. In den ehemaligen Redaktionsr√§umen werden jetzt billige Klamotten verscherbelt. Mit dem Harmonie-Lux-Kino im Wormser Hof stellt das letzte gro√üe Lichtspielhaus der Stadt Ende 2013 den Betrieb ein. F√ľr die Weiternutzung des Geb√§udes wurde zwar ein Literaturhaus vorgeschlagen, doch stattdessen wird hier wohl ein Modehaus einziehen. Das bringt Geld ‚Äď und passt ja auch inzwischen besser ins Stadtbild.

In der Heidelberger Hauptstraße stehen wunderbare Gebäude. Die kapitalistischen Hausbesetzer haben sie ununterscheidbar gemacht. Der lebendige Geist liegt in den Ketten des Kommerz. Da hilft es auch nicht, das Pflaster zu polieren.

von Kai Gräf
   

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