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 Wissenschaft
06.07.2010

Alles ist bunt, laut und blinkt

Synästhetiker können Worte schmecken und Musik sehen

Synästhesie ist ein seltenes neurologisches Phänomen. Es handelt sich um eine Kopplung verschiedener Sinnesbereiche. Julia Held – selbst Synästhetikerin – beschreibt das Phänomen anhand ihrer eigener Eindrücke.

Wer beschreiben soll, wie er denkt, der hat von Anfang an das Problem, dass er keine Vergleiche zu anderen Denkstrukturen ziehen kann, denn er kennt eben nur die eine, seine eigene. So geht es uns untereinander grundsätzlich. Trotzdem gibt es Formen der Wahrnehmung, die sich stärker von der „normalen“ Denkweise absetzen.

Ein solches neurologisches Phänomen ist die Synästhesie. Synästhesie ist eine seltene erweiterte Wahrnehmungsform und bezeichnet die Fähigkeit, einen Sinneseindruck mit einer weiteren sinnlichen Empfindung, zum Beispiel eine auditive mit einer visuellen, zu koppeln.

Bei einem Nicht-Synästhetiker steht jeder sinnliche Eindruck für sich. Er hört ein Geräusch oder nimmt einen Geruch wahr. Bei Menschen mit Synästhesie löst ein Sinnesreiz einen weiteren Sinneseindruck aus. Synästhetiker können beispielsweise Musik in Farben und Formen sehen, Schmerzen schmecken oder Gerüche hören.

Besonders häufig nehmen Synästhetiker Buchstaben und Zahlen farblich wahr. Das „A“ ist in ihrer Wahrnehmung also zum Beispiel rot, die „3“ grün. Jede Synästhesie ist verschieden. Die meisten Synästhetiker haben mehrere verschiedene Formen der Synästhesie. Sie ordnen also nicht nur Farben bestimmten Abstrakta zu, sondern können zum Beispiel auch Schmerzen farblich wahrnehmen und Farben riechen.

 Viele Betroffene wissen nicht, dass sie Synästhetiker sind. Das liegt daran, dass sie, seit sie sich erinnern können, Dinge auf die gleiche Weise wahrnehmen. Insgesamt geht man davon aus, dass einer von 500 bis 2?000 Menschen Synästhetiker ist, auch wenn die weniger ausgeprägten Formen der Synästhesie recht häufig vorkommen und mit einer hohen Dunkelziffer gerechnet werden muss.

Es gibt mehr Frauen mit Synästhesie als Männer. In Synästhetiker-Familien tritt das Phänomen öfter auf, so dass von einer Vererbung ausgegangen werden kann. Bei Menschen mit Synästhesie konnten vermehrt Hochbegabung, Geräuschsensibiltät, Aufmerksamkeitsprobleme und gesteigerte Kreativität festgestellt werden. So waren zum Beispiel Wassily Kandinsky, Jimi Hendrix und Franz Liszt Synästhetiker.

Synästhesie galt noch vor hundert Jahren als Nervenkrankheit. Die neurologische Forschung hat das Thema erst in den letzten Jahren wieder aufgegriffen. Ăśber Ursachen der Synästhesie wird immer noch spekuliert. Inzwischen geht man davon aus, dass jeder Mensch bis zum dritten Lebensmonat Synästhetiker ist. FĂĽr die Synästhesie verantwortlich  könnten Synapsen sein, die die verschiedenen Sinnesbereiche im Gehirn miteinander verknĂĽpfen. Diese Synapsen lösen sich bei den meisten Menschen nach drei bis vier Monaten, während sie bei Synästhetikern die Säuglingszeit ĂĽberdauern und fĂĽr ihre lebenslange erweiterte Wahrnehmung verantwortlich sind.

Seit ich denken kann funktioniert meine Synästhesie auf die gleiche Art und Weise. Ich sehe diese Eindrücke vor meinem inneren Auge so, wie man Erinnerungen sieht. Bei mir ist vor allem die Wahrnehmung der Abstrakta sehr ausgeprägt. Neben Farben habe ich für Buchstaben und Zahlen auch jeweils ein Geschlecht, beispielsweise ist die „6“ weiblich, die „7“ aber männlich.

Auch Wörter haben Farben, diese bilden sich meistens aus den dominanten Buchstaben des Wortes. Der Buchstabe „U“ ist zum Beispiel sehr dominant, die meisten Wörter mit „U“ nehmen darum seine Farbe – orange – an. Ob sich die Dominanz aus der Farbe oder aus dem Abstraktum selbst ergibt, kann ich allerdings nicht sagen.

Es gibt auch Ausnahmen, Wörter mit „U“ die keinen Orange-Ton haben. Insgesamt vermischen sich Farben in Wörtern oft, so dass ein Farbverlauf entsteht. Der Synästhesie liegt allerdings keine Logik zu Grunde. Es gibt keine Regel, wann welche Farbe auftaucht. Zusätzlich zu den Farben haben bei mir das Alphabet und die Zahlen eine räumliche, dreidimensionale Anordnung.

Wenn ich also an eine Zahl denke oder sie irgendwo lese, sehe ich sie bildlich in ihrer Farbe vor mir, räumlich angeordnet auf einem Zahlenstrahl, der Biegungen und Knicke macht. Der Vorteil einer solchen räumlichen Anordnung ist, dass ich schon im Mathematik-Unterricht vieles ohne aufzuschreiben rechnen konnte, weil ich anhand des Zahlenstrahls in meinem Kopf alles vor Augen hatte.

Eine solche Anordnung haben bei mir auch zeitliche Einheiten wie Tage, Wochen und Jahre (Grafik oben). Dadurch kann ich mir Zahlen, Termine oder wichtige Ereignisse sehr leicht merken, da die Uhrzeiten beziehungsweise Daten nicht nur eine Farbe, sondern auch einen Ort in meinem Zeitsystem haben, an dem sie sitzen. Diese Anordnung kann man sich wie einen Rundweg vorstellen, den man abschreiten kann.

Auch historische Zahlen stelle ich mir räumlich zusammenhängend vor (Grafik rechts). Wenn ich über ein geschichtliches Ereignis etwas lese und es mich interessiert, ordnet sich das Ereignis quasi automatisch auf meinen historischen Zeitstrahl ein.

Durch den farblichen Verlauf, der sich an den Jahreszahlen orientiert (die 1830er sind grĂĽn) kann man sich noch besser merken, wann ein Ereignis stattgefunden hat. Jedesmal, wenn ich die Jahreszahl des Ereignisses also abrufen will, sehe ich den Zeitstrahl vor mir, in den ich einfach hineinzoomen und den ich wie eine Landkarte abschreiten kann.

AuĂźerdem ordne ich jedem Menschen, den ich kenne, eine Farbe zu. Wenn ich dann an ihn denke, sehe ich seine Farbe vor meinem inneren Auge. Auch Schmerzen, GefĂĽhle und Musik haben bei mir Farben. Diese intensivieren meine Wahrnehmung auf einer anderen Ebene.

Bis vor wenigen Jahren wusste ich nicht, dass meine Art der Vorstellung sich so sehr von der anderer Menschen unterscheidet. Wenn ich versuche zu denken, ohne meine Synästhesie zu gebrauchen, funktioniert es nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Nicht-Synästhetiker rechnen, sich Dinge merken oder Gefühle wahrnehmen.

von Julia Held
   

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