Wie die Kelten zu Beltane um die Feuer tanzten
Erster Teil der Thingstätten-Historie
Kaum einer weiß genau, wann die ersten Maifeiern auf der Thingstätte stattfanden. Linus Leiner kann sich als einer der wenigen an die ersten Walpurgisnächte auf dem Heiligenberg Anfang der 90er Jahre erinnern. Überschaubare Feiern waren das gewesen, bei denen sich höchstens 200 Menschen im Schein mehrerer Lagerfeuer versammelten, um das Frühjahr zu begrüßen.
Erstmals erschienen am 13. Mai 2003, in der ruprecht Ausgabe 83

Fotos: Wikicommons, Kadellar (CC BY-SA 3.0)
Erst in den letzten Jahren wurde aus dieser spontanen und nicht organisierten Veranstaltung ein Massenereignis, zu dem sich mittlerweile bis zu 15000 friedliche Feiernde in dem Rund einfinden. Dabei steht für viele die besondere Atmosphäre dieses Ortes und dieser Nacht im Vordergrund, den meisten geht es aber wohl nur um die Party.
Eine bunte Mischung sei das gewesen, erzählt Zeitzeuge Linus. Linke, Autonome und vor allem Anhänger keltischer Bräuche. Letztere feiern in der Nacht zum 1. Mai Beltane, im keltischen Jahreskreis einer der höchsten Feiertage. Der Name stammt aus dem gälisch-keltischen Sprachraum und setzt sich aus den Silben „bel“ (glänzend, hell) und „tine“ (Feuer) zusammen. Er markierte den Beginn des Sommerhalbjahres und war das Fest der Fruchtbarkeit und Erneuerung. Der 1. Mai war in der keltischen Kultur daher traditionell ein sehr beliebter Tag zum Heiraten.
Etwa 500 Jahre vor Christus entstand auf dem Heiligenberg ein Zentrum keltischer Macht im Rhein-Neckar-Raum. Der Gipfel, zuvor meist nur sporadisch besiedelt, wurde mit zwei Ringmauern befestigt: Über fünf Meter hoch, zusammen mehr als fünf Kilometer lang, aus Felsbrocken und Holzpfählen – eine technische Glanzleistung. Die innere Mauer ist noch heute vereinzelt als Stufe im Waldboden rund um die zwei Klosterruinen zu erkennen. Der äußere Wall, rund 200 Meter bergab gelegen, ist verschwunden.
Innerhalb dieses Bollwerks entstand eine wohlhabende Siedlung. Bis zu 400 Wohnstätten wurden bislang entdeckt. Hier standen Hütten aus lehmverputztem Geflecht, aber auch massive Blockhäuser. Ihre Bewohner lebten als Handwerker und Händler: Aus dem Odenwälder Sandstein gewannen sie Eisenerz und schmiedeten daraus Werkzeuge und Waffen. Sie waren reicher und mächtiger als die Bauern im Tal.
Zur Wasserversorgung schlossen die Höhenbewohner eigens den heutigen Bittersbrunnen in den äußeren Wall mit ein. Allein: Selbst ein feuchteres Klima als heute vorausgesetzt, dürfte diese Quelle für bis zu 3000 Keltenkehlen nicht ausgereicht haben. War also das sagenumwobene Heidenloch ein Brunnen? 56 Meter ist es senkrecht in den Fels hineingetrieben. Grundwasser findet sich erst weitere 200 Meter tiefer. Also eine Regenzisterne? Denkbar sind auch andere Zwecke, etwa ein Schauplatz ritueller Opferungen oder ein Observatorium. Saß etwa in vorchristlicher Zeit ein keltischer Astronom auf dem Grund des Schachtes und beobachtete die Sterne?
Allein der Blick in den sternenklaren Himmel ist den anstrengenden Aufstieg immer wieder wert. So finden heute noch in jeder Walpurgisnacht Massen von Menschen den Weg nach oben.
Walpurgisnacht-Feier auf der Thingstätte 2007