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 Wissenschaft
20.07.2012

Im Schlaf hellwach sein

Selbst fĂŒr Wissenschaftler sind KlartrĂ€ume ein exotisches PhĂ€nomen

Beim Einschlafen beginnt das Abenteuer erst. / Foto: Xiaolei Mu

Es gibt TrĂ€ume, in denen der Schlafende sich bewusst ist, dass er trĂ€umt. Mit diesem Wissen ausgerĂŒstet kann die eigene Traumwelt verĂ€ndert und manipuliert werden. Damit eröffnen diese sogenannten KlartrĂ€ume die Möglichkeit, sich im Schlaf seine eigene kleine Welt zu basteln. 

TrĂ€ume sind bis heute ein fĂŒr die Forschung ungelöstes RĂ€tsel. Ob Psychologie, Neurobiologie oder die Disziplinen, die sich im Querfeld beider gebildet haben; eine ĂŒberzeugende ErklĂ€rung fĂŒr Sinn und Zweck des TrĂ€umens konnte keine dieser Forschungsrichtungen bisher liefern. Dieser Ratlosigkeit ist es wahrscheinlich zu verdanken, dass der Traumforschung bis heute ein esoterisches Stigma anhaftet.

Das PhĂ€nomen des Klartraums gilt sogar unter Traumforschern als exotisches Thema. Beschreibungen finden sich schon bei Aristoteles und die FĂ€higkeit zum KlartrĂ€umen ist Bestandteil religiöser Praktiken in bestimmten Zweigen des Buddhismus. Doch viele Wissenschaftler lehnten dieses PhĂ€nomen bis in die 1980er Jahre ab, zum Teil wegen Mangel an empirischen Befunden und zum Teil weil manche Forscher das Konzept des Klartraums fĂŒr ein Paradoxon hielten.

Tadas Stumbrys, Doktorand am Institut fĂŒr Sportwissenschaften in Heidelberg, muss sich in seiner Promotionsarbeit nicht mehr den Kopf darĂŒber zerbrechen, die Existenz von KlartrĂ€umen zu beweisen. Der amerikanische Schlafforscher Stephen LaBerge war es, der 1980 den ersten experimentellen Nachweis eines Klartraums erbrachte. Bei dem Versuch benutzte er ein EOG, (Elektrookulogramm) das die AktivitĂ€t der Augenmukulatur aufzeichnet. In der Traumforschung sind diese GerĂ€te besonders bei der Untersuchung der REM-Schlafphase (Rapid eye movement) essentiell, weil wĂ€hrend dieser Phase alle willkĂŒrlichen Muskeln des Körpers mit Ausnahme der Augenmuskulatur ausgeschaltet sind. 

LaBerge vermutete, dass KlartrĂ€ume wĂ€hrend der REM-Phase passierten und vollfĂŒhrte jedes Mal, wenn er im REM-Schlaf luzide wurde, eine spezifische mit einem anderen Versuchsteilnehmer abgesprochene Links-Rechts-Augenbewegung. Das dazu korrespondierende elektrische Signal, das seine Augenmuskeln aussandten, hob sich im EOG von den ungerichteten Augenbewegungen ab und ermöglichten durch die vorherige Absprache eine begrenzte Form der willentlichen Kommunikation zwischen TrĂ€umenden und außenstehenden Beobachtern. Ein Vorgang, der in der Traumforschung bis dato als unmöglich galt. 

FĂŒr Tadas Stumbrys und Klartraumforscher weltweit ist LaBerges Versuch mittlerweile Standard, um von ihren Probanden die BestĂ€tigung zu erhalten, dass sie einen Klartraum beginnen. Stumbrys Experimente, die er im Schlaflabor des ZI-Mannheim (Zentralinstitut fĂŒr seelische Gesundheit) durchfĂŒhrt, konzentrieren sich bisher auf zwei Aspekte: In seiner ersten Versuchsreihe vergleicht er die Leistungen zweier Probandengruppen bei  einer motorischen Aufgabe. FĂŒr seinen Versuch mĂŒssen die Probanden MĂŒnzen aus einer festgelegten Entfernung in einen Korb werfen. Beide Gruppen ĂŒben fĂŒr die Aufgabe, doch wĂ€hrend die einen in der RealitĂ€t trainieren, ĂŒbt die andere Gruppe ausschließlich im Klartraum.

Die Auswertung ergibt bisher, dass das Training im Klartraum dem Training im Wachzustand unterlegen ist. Beim Vergleich mit Probanden, die ĂŒberhaupt nicht geĂŒbt haben, erwiesen sich die KlartrĂ€umer jedoch als zielsicherer. 

Im zweiten Aspekt seiner Versuche möchte Stumbrys den Klartraum kĂŒnstlich im Kopf seiner Probanden erzeugen. Dazu sendet er elektrische Stimuli ĂŒber die Kopfhaut zum PrĂ€frontalcortex. Dieser ist bei regulĂ€ren TrĂ€umen kaum aktiv, arbeitet jedoch nachweislich, wenn die Versuchsperson einen Klartraum erlebt. Auf die Frage hin, wie die Erfolgsquote bei dieser Methodik aussieht, erwidert Stumbrys lediglich, dass er bei dieser Versuchsreihe „noch ganz am Anfang steht.“ 

Allerdings betont er den potentiellen Nutzen eines solchen Versuchs. „Das grĂ¶ĂŸte Hindernis fĂŒr mich ist es, ausreichend Probanden zu finden, die in der Lage sind, wöchentlich KlartrĂ€ume zu erleben.“ Laut einer Statistik von Daniel Erlacher, Stumbrys VorgĂ€nger in der Sportwissenschaft, haben etwa 80 Prozent der befragten Personen in ihrem Leben schon mal einen Klartraum erlebt, aber bei gerade mal zwei Prozent geschehen diese mehrmals in der Woche.

Der Pionier der Klartraumforschung LaBerge könnte Stumbrys bei seinem Vorhaben jedoch schon zuvorgekommen sein. Das von ihm gegrĂŒndete Lucidity Institute bietet neben kommerziellen Selbsterfahrungskursen auch ein GerĂ€t (Nova­dreamer) an, das angeblich KlartrĂ€ume hervorruft. Wer jetzt jedoch ohne Maschine in die Welt der KlartrĂ€ume hineinschnuppern möchte, fĂŒr den gibt es im Buchhandel eine FĂŒlle an Ratgebern zum Thema.

von Xiaolei Mu
   

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