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 StudiLeben
16.03.2012

Nie wieder gruscheln

Ein RĂĽckblick auf das StudiVZ

Vor sieben Jahren eroberte das "Studentenverzeichnis" das Unileben. Allein durch Mundpropaganda wurde die dreiste Facebook-Kopie zur meistbesuchten deutschen Internetseite. Doch heute gruschelt kaum ein Studi mehr. Reinhard Lask ĂĽberlegt, was da schief gegangen ist.

Als ich letztens nachschauen wollte, wie das StudiVZ heute aussieht, stand ich vor einem ernsten Problem: Wie lautete bloĂź mein Passwort? Das fĂĽr Facebook kann ich im Schlaf aufsagen. Beim VZ war das auch mal so. Doch in den vergangenen zwei Jahren habe ich mich exakt zwei Mal dort eingeloggt. Beide Male hatten mir Spammailer dubiose Jobangebote gemacht.

Gibt es ĂĽberhaupt noch Leute, die ernsthaft im StudiVZ unterwegs sind? Die Klickstatistiken sagen ja, aber ich kenne niemanden mehr. Vor wenigen Jahren war das soziale Netzwerk die meistgenutzte deutsche Internetseite, heute ist sie so gut wie tot. Die linear abstĂĽrzende Klickzahlen-Kurve der vergangenen Monate prognostiziert, dass sie diesen Monat die Nulllinie durchbrechen mĂĽsste.

Doch nach wie vor empfängt einen der Startbildschirm mit dem heute seltsam anmutenden „Bist Du schon drin?“. Der Satz verrät das Hauptproblem: Die gleiche Frage stellte das VZ seinen Besuchern bereits 2005, als MitgrĂĽnder Ehssan Dariani den Facebook-Klon nach einem USA-Aufenthalt in Deutschland etablierte. 

Sympathischer Dilletantismus

Damals brach StudiVZ innerhalb weniger Monate alle Klickrekorde und war nicht zuletzt wegen Dahrianis kontroversem Humor in aller Munde. Seine Geburtstagseinladung war im Layout der NSDAP-Zeitung „Völkischer Beobachter“ gehalten – mit StudiVZ-Logo anstatt des Hakenkreuzes – oder er präsentierte im VZ-Blog selbstgedrehte Filmchen, in denen er Mädels in der S-Bahn interviewte (je nach Standpunkt auch: belästigte) und auf einer Berliner In-Party eine blonde Unbekannte vor dem Klo in sinnlose Gespräche verwickelte.

Was die Seite selbst angeht: Jedem war seinerzeit die Frage „Käffchen?“ leidlich bekannt, die stets dann erschien, wenn in der Berliner Zentrale mal wieder die Server unter dem Besucheransturm zusammenbrachen oder an der Seite gebastelt wurde.

Das Erfolgsgeheimnis: einfach da sein

Dennoch hatte das StudiVZ 2005 gegenüber Facebook zwei entscheidende Vorteile. Erstens: Man sprach deutsch. Zweitens: Es war da. So einfach erklärte sich sein Erfolg. Eigenwerbung brauchte es nicht. In Studentenkreisen verbreitete das VZ allein durch Mundpropaganda wie ein Lauffeuer.

Als ich mich im Juni 2006 „immatrikulierte“, war dem netzaffinen Menschen Facebook nur dunkel bekannt. Zum Vergleich hatte ich mir daher auch ein Facebook-Profil zugelegt. Dort sah alles genauso aus wie im VZ, nur war es blau statt rot und man fand keine Bekannten – es sei denn, man hatte ein Auslandssemester in den USA verbracht. 

Selbst beim Herumsurfen auf den fremden Profilen gab es wenig zu entdecken. Die meisten Informationen waren fĂĽr Nicht-Freunde unsichtbar. Gerade hier bot das VZ viel mehr, da die Deutschen sich noch nicht um ihre Privatsphäre kĂĽmmerten, geschweige denn anfangs wussten, wo die entsprechenden Einstellungen zu finden waren. Es waren traumhafte Zeiten fĂĽr Stalker oder Personalchefs, die auf diese Weise beinahe jeden Studi schnell mal durchleuchten konnten. 

Nicht lustig war das mitunter fĂĽr Frauen. Als ich 2007 mal ein weibliches Profil einrichtete, hagelte es Anfragen baggernder Männer. Allein in der ersten Stunde bekam meine „Janine“ 20 Nachrichten. Mehr als die Hälfte waren nicht jugendfrei - der Rest war auch nicht sonderlich niveauvoller.

Neben Fotos schauen, gruscheln und flirten gab es noch eine beliebte Sache: lustigen Gruppen beitreten. Lange Zeit war die mitgliederstärkste Gruppe „Ich glĂĽhe härter vor, als Du Party machst“. Alternativ war man schon längst der Gegengruppe „Ich mache härter Party, als Du vorglĂĽhst“ oder „Ich glĂĽhe frĂĽher, als die Harten Party vormachen“ beigetreten. Man ĂĽberlegte vielleicht noch, ob es witzig wäre, sich mit „Ich bin gruppensĂĽchtig“ zu schmĂĽcken oder die Protestler von „Es ist Faschismus, dass man nur 300 Gruppen beitreten darf“ zu unterstĂĽtzen. Vielmehr kam nicht. 

Mit Ehssan Dariani ging die Spontaneität 

Die Attraktivität des VZ hatte eine kurze Halbwertszeit, wenn die meisten Freunde gefunden waren (oder man von jenen gefunden wurde, zu denen man den Kontakt mit Absicht längst abgebrochen hatte) und die Gruppenliste mehrere Bildschirmseiten füllte.

Einzig Ehssan Darianis Eskapaden boten Neues. Selbst die unberechenbare „Käffchen“-Pause machte das VZ heimelig. Wer, wenn nicht Studenten, hatte Verständnis dafür, dass etwas gerade nicht ging und man währenddessen einfach Käffchen trinken gehen musste. Vom Netzwerk ausgeschlossen zu sein machte einen zwar nicht glücklich, aber man verpasste ja auch nichts, weil die anderen ebenfalls Käffchen tranken.

Mit dem „StudiVZ Liedermacher Wettbewerb“ Ende 2006 und einer Miss-/Misterwahl Anfang 2007 gab es Versuche, aus der VZ eine Art Community zu machen. Doch genau hier setzte der Abschwung ein. Die Gründer, die gerade durch einen Megadeal mit dem Medienkonzern Holzbrinck reich geworden waren, hatten sich zerstritten.

Der neue Besitzer setzte als erstes den in ihren Augen unberechenbaren Ehssan Dariani vor die TĂĽr. Die Seite sollte möglichst schnell profitabel werden und vor allem: seriös. In den Medien häuften sich Skandalberichte. Zum einen gab es Hacker, die mit einfachen Mitteln die Daten sämtlicher Nutzer heruntergeladen hatten. Die Reaktion waren wirklich viele „Käffchen“. Hinzu kamen Meldungen ĂĽber Belästigungen und Cybermobbing, die besonders dem Ableger SchĂĽlerVZ massiv schlechte Presse einbrachten. 

Sicherheit statt Spielerei

Mit dem Versuch alles seriöser und sicherer zu machen stagnierte die Entwicklung des deutschen Netzwerks. Zugleich schlug die Stunde von Facebook. Während das „Studentenverzeichnis“ 2008 immer noch so aussah wie eine Facebook-Seite vier Jahre zuvor, stockte das US-Original seine Funktionspalette massiv auf. 

Der letztendliche Todesstoß für das junge VZ waren die Facebook-Spiele. Mit „Farmville“ und Konsorten verknüpfte Mark Zuckerberg Kommunikation und Zeitvertreib. Man blieb auf Facebook, um zu mailen, zu chatten, zu stalken und zu daddeln. In Deutschland heimste das VZ ein Zertifikat nach dem anderen für seine Datensicherheit ein, während Facebook immer mehr Funktionen hinzugewann und dabei nach Herzenslust die Daten seiner Nutzer einsammelte.

Am 12. Januar 2012 kündigte das StudiVZ eine neue Funktion an, die es ermöglichte, per ICQ „mit Freunden zu kommunizieren“. Bei Facebook war das schon seit fast zwei Jahren möglich.

In der Grabrede des VZs – falls es denn tatsächlich bald zu Ende geht – sollte erwähnt sein, wer die einst meistbesuchte Seite auf dem Gewissen hat: phantasie- und humorlose BWLer.

von Reinhard Lask
   

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