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29.01.2013

"Ein befreites Lachen auslösen"

Deutschlands Chefsatiriker im Gespräch

Martin Sonneborn, seit 1995 Satiriker. / Foto: T. Rethmann

Martin Sonneborn ist studierter Publizist, Ex-Chefredakteur der ‚ÄěTitanic‚Äú, Au√üenreporter der heute-Show und Bundesvorsitzender der Partei "Die PARTEI". Wir sprachen wir mit ihm √ľber die M√∂glichkeiten von Satire, das Studium und den Weg der PARTEI an die Macht.

Das Gespr√§ch f√ľhrten Thomas Leurs und Michael Abschlag

Herr Sonneborn, Sie sagten vorhin, Studenten sollten Sie mit "Herr Magister" ansprechen, damit sich ihre Promotion gelohnt hat. Sollen wir als Studenten auch Herr Magister sagen?

Nein, ihr d√ľrft gerne hinter der B√ľhne das Magister weg... ach Quatsch, sagt es einfach, ich h√∂r‚Äôs gern.

Gut. Herr Magister, was ist f√ľr Sie Satire und welche Bedeutung hat sie ihrer Meinung nach f√ľr die Gesellschaft?

Also, Satire zu charakterisieren ist relativ schwierig. Ich w√ľrde einfach den Ausweg nehmen und sagen, Satire ist, was in der Titanic stattfindet. Und ich glaube das Satire wichtig ist f√ľr die Gesellschaft und noch viel wichtiger f√ľr die Menschen, die sie machen - das ist eine Standardfloskel. Auf diesen zunehmend immer irrer werdenden Kapitalismus, diese Gesellschaft in der wir leben, kann man mit verschiedenen Methoden reagieren. Man kann Alkoholiker werden, man kann in den bewaffneten Widerstand gehen, man kann Politik machen oder man kann Satire machen. Die Widerspr√ľche, die nun mal existieren, kann man in einem Witz aufl√∂sen. Man kann heute zwar, glaube ich, nicht sehr viel √§ndern mit Satire, aber man kann zumindest ein befreiendes Lachen ausl√∂sen.

Ist das manchmal auch frustrierend, wenn man sich satirisch an der Politik abarbeitet, vielleicht auch was verändern will, sich dann aber tatsächlich in der Politik doch relativ wenig ändert?

Nein, wir haben seit vielen Jahren nicht mehr den Anspruch, in dieser Gesellschaft etwas √§ndern zu k√∂nnen. Fr√ľher konnte Satire zumindest noch auf Missst√§nde aufmerksam machen, aber in der diversifizierten Medienlandschaft, in der wir leben, und bei den geringen Haltbarkeiten von Wahrheiten und von Fakten, glaube ich nicht, dass man etwas √§ndern kann. Satire hat f√ľr mich nur noch den Zweck, in diesem irren Umfeld besser und mit etwas mehr Spa√ü leben zu k√∂nnen. Ich habe keinen Anspruch etwas zu verbessern, daran glaube ich nicht mehr.

Das heißt, Satire macht die Politik und das Dasein in der Gesellschaft angenehmer?

Ich glaube schon. F√ľr die Redakteure, die bei der Titanic arbeiten, schon. Das sind Leute, die sich entschlossen haben, mit Satire auf dieses System zu reagieren. Und auch bei vielen Leuten, die in kleinen bayrischen D√∂rfern sitzen und feststellen, dass es noch andere Leute gibt, die wie sie gegen alles sind, anders gepolt eben.

Wie ist das eigentlich? Satire soll ja immer provokant sein, muss sie auch immer aggressiv sein?

Also provokant muss Satire nicht sein. Es gibt ja auch Spielarten wie den Nonsens zum Beispiel, den ich sehr schätze. Es kann auch einfach nur lustig sein. Aber eins der drei Wesensmerkmale von Satire ist eben ein aggressiver Impetus, und das hebt sich nun mal sehr ab von Humor und Quatsch und Klamauk und Fernseh-Comedy und irgendwelchen neuen, Pardon, Wiederbelebungen.

Sie greift schon an?

Auf jeden Fall! Satire ist aggressiv. Es hat auch seinen Grund, dass die Titanic-Inhalte nur in Titanic stattfinden und nicht im √∂ffentlich-rechtlichen Fernsehen, von ganz geringen Ausnahmen abgesehen, und nicht in anderen Zeitschriften mit mehr Verbreitung. Aggressivit√§t ist immer etwas, was ein bisschen den Konsens aufk√ľndigt, und da gibt es schnell Grenzen.

Apropos Grenzen: Gibt es bestimmte rote Linien, die man nicht √ľberschreiten sollte?

Ja, die gibt es bestimmt. Aber die muss man von Mal zu Mal austesten.

Also ist das immer eine Gradwanderung?

Also in der Titanic nat√ľrlich nicht. Im √∂ffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt es schon einige Dinge, die man nicht tun sollte oder nicht tun darf und das wird √ľberall so sein.

Sie hatten davon gesprochen, dass Sie den Glauben verloren haben, noch etwas √§ndern zu k√∂nnen. Aber bei manchen Aktionen haben Sie schon eine gewisse Resonanz erzielt. Bei der Frankfurter Buchmesse zum Beispiel, als sie Vertreter des Gastlandes China auf Menschenrechtsverletzungen ansprachen, und es daraufhin zu diplomatischen Verstimmungen kam. Oder als Sie einem Pharmalobbyisten die Ausssage entlockten, dass es viele Medikamente mit vergleichbarer Qualit√§t auch g√ľnstiger im Internet gibt. Planen Sie so etwas ein, oder ist das eher ein Nebeneffekt?

Nein, es ist nat√ľrlich sch√∂n, wenn man Wirkung erzielt. Ich habe in meiner Magisterarbeit nachgewiesen, dass man jetzt mit Satire in der Titanic praktisch keine Wirkung mehr erzielen kann, und habe mich dann aus Versehen selbst korrigiert. Wir stehen ja im Ruf, die Fu√üballweltmeisterschaft ins Land geholt zu haben oder zumindest da ein bisschen mitgespielt zu haben. Es sind schon FDP-Kreisvorsitzende zur√ľckgetreten nach irgendwelchen Aktionen, es haben DVU-Kandidaten ihr Landtagsmandat zur√ľckgegeben nach Titanic-Telefonaktionen. Wenn deutlich wird, dass es zwischen Journalisten und Pharmalobbyisten eine sehr ungesunde Kugelei gibt, wenn man so was in Interviews zeigen kann, dann ist das schon sehr befriedigend und zufriedenstellend, aber ich glaube nicht, dass es das ganze √§ndert.

Allerdings ist es schon ziemlich traurig zu sehen, dass erst die Satire so etwas aufdecken muss. Die Londoner Times hat zum Beispiel angek√ľndigt, Interviews nicht mehr autorisieren zu lassen. Wird durch das Gegenlesen der Politiker nicht auch immer st√§rker Einfluss auf den Journalismus genommen?

Also ich habe in der Titanic fr√ľher das unredigierte Interview eingef√ľhrt und mich mit zwei Leuten, die ein Spezialgebiet hatten, und einem Nerd mit sehr vielen verschiedenen Interessen, immer zusammengesetzt, und wir haben dann √ľber ein Thema gesprochen. Ich habe den Klamauk gemacht und es kamen so ein paar andere komische Sachen dazu, und wir haben dieses Interview immer nur gek√ľrzt, aber nicht redigiert. Und das war so lustig. Das war auch eine Protestform nat√ľrlich dagegen, dass Politiker ihre Interviews hinterher entsch√§rfen und redigieren und das Gegenteil von dem behaupten, was sie da im Eifer des Gefechts gesagt haben. Aber ich glaube schon, dass die Abh√§ngigkeit bei den Printmedien oder bei den Medien allgemein gro√ü ist. Dinge wie die Einflussnahme √ľber den Fernsehrat im Fernsehen, √ľber Anzeigenkunden bei Zeitungen verhindern doch eigentlich eine wirklich freie Presse. Insofern glaube ich, dass die nur in Nischen stattfindet.

Also eher ein Randphänomen?

Glaube ich schon. Konkret: Titanic, Studentenzeitschriften, alles, wo kein gro√ües Geld dahinter steckt, alles, wo keine Anzeigenkunden auf Inhalte Einfluss nehmen. 

Da wir gerade √ľber die Zeitungslandschaft reden: Es ist ja in der Presse jetzt herumgegangen, dass mehrere Zeitungen vor dem Aus stehen. Die Frankfurter Rundschau ist Insolvent, das Handelsblatt ebenfalls, die Financial Times Deutschland entl√§sst ihre Mitarbeiter. Wie sieht es bei der Titanic aus? Sp√ľrt man das dort auch?

Nein, Titanic ist ein Ph√§nomen. Erstens sind schlechte Zeiten gute Zeiten f√ľr Krisengewinnler, und das sind Waffenproduzenten, Porno und Satire. Das geht eigentlich immer, das geht antizyklisch. Und da wir in der Titanic keine bezahlten Anzeigen haben, oder zumindest keine nennenswerten Einnahmen √ľber bezahlte Anzeigen, schockiert uns auch ein Anzeigenr√ľckgang nicht. Das Heft ist  von einem brillanten Verlagsleiter so konzipiert, dass es sich mit 20.000 Abonnenten tr√§gt. Also wir verkaufen etwas weniger am Kiosk als fr√ľher, aber wir haben 20.000 Abonnenten und das ist ein Stamm, auf den man bauen kann. Wir haben keine allzu gro√üen Kosten, die Redaktionsstellen sind mittlerweile sehr gut bezahlt. Mit, glaube ich, 3300 Euro . Es war zu unserer Zeit noch schlechter. Also dem Heft geht es eigentlich gut. Und ich glaube auch, dass Titanic eins der letzten √ľberlebenden Printexemplare bleiben wird. 

Sie meinen, dass jetzt, da einige Zeitungen eingestellt wurden, sich einige auch halten k√∂nnen?

Das liegt an euch. Eure Jahrg√§nge oder die n√§chsten. Ich meine, das kommt darauf an. Wenn sich junge Leute √ľbers Internet informieren, dann werden eben die Anzeigen komplett abwandern, dann wird es wahrscheinlich auch nur noch zwei oder drei Tageszeitungen geben, keine Ahnung wie viele. Aber der Printbereich wird sich sicher zunehmend wandeln. Und ich lese gerne im Caf√©-Haus meine Zeitung morgens beim Kaffee, aber wenn man damit nicht mehr aufw√§chst, dann wird sich das schon radikal √§ndern. 

In einer Ihrer Aktionen haben Sie sich als Photografen von "Google Home-View" ausgegeben und Menschen gefragt, ob sie ihre H√§user von Innen fotografieren d√ľrfen. Sie sagten eben in Ihrem Vortrag, dass der Film sehr schnell zustande kam, da die Leute offenbar sehr leichtgl√§ubig waren. Ist es nicht auch schockierend, wenn man das so sieht?

Ich habe mal eine Erfahrung gemacht, als ich, ich glaube 2006, im Sommer um Berlin herumgewandert bin, vier Wochen mit unserem Kamera-Team. Es ist ein Film herausgekommen, ‚ÄěHeimatkunde" hei√üt er, und der zeigt Gespr√§che mit bizarren Existenzen am Stadtrand von Berlin. Am Stadtrand tummeln sich immer bizarrere Existenzen, aber das ist in anderen St√§dten auch so. Ich habe damals res√ľmiert, dass es in diesen Zeiten von Privatfernsehen und Privatfernsehquatsch als normal gesehen wird, dass, wenn sich zwei Leute unterhalten, ein dritter mit einer Kamera dabei steht. Der Eindruck hat sich durch die Dreharbeiten verfestigt.

Das heißt, diese ständige Präsenz von Medien wird als vollkommen selbstverständlich wahrgenommen?

Ja, die Leute nehmen auch als normal war, dass intimste und privateste Dinge mittlerweile in den Medien ausgebreitet werden. Fr√ľher h√§tte man doch jedem einen Vogel gezeigt, der sagt: "Hey, Sie! Ich muss jetzt mal reinkommen und alles fotografieren."

Das ist wahrscheinlich auch durchs Internet beschleunigt?

Das wei√ü ich nicht. Also ich sehe es mehr als einen Verdienst des verkommenen Privatfernsehens. Und dieser ganzen Ausbreitung des Privaten. Ich w√ľrde niemals etwas Privates in die √Ėffentlichkeit bringen. Ich finde es unverst√§ndlich, dass Leute das machen.

Durch das G8-Schulsystem ist es ja mittlerweile möglich, schon mit 17 sein Studium zu beginnen. Wie stehen Sie dazu, dass man in schon so jungen Jahren sein Studium beginnt?

Ich nehme mal an, dass es √∂konomische Interessen sind, die dahinter stehen. Insofern bin ich da skeptisch, weil ich keine Vorteile zu erkennen vermag. Ich glaube, dass es gut ist, seine solide Schulbildung zu erwerben. Gerne auch in 13 Jahren traditionell. Man kann auch gerne f√ľr √úberflieger Schulen mit 12 Jahren einrichten, aber ich glaube, dass auch das Studium nicht so verschult angegangen werden sollte, zumal in den geisteswissenschaftlichen F√§chern. Ich sage das bei Parteiveranstaltungen immer: Ich habe 15 Semester studiert und ich bekam Baf√∂g, ich habe das ausgereizt mit Auslandsjahr und noch einem Semester, das angeh√§ngt wurde, weil ich da meine Magisterarbeit schrieb. Ich finde es gut, wenn man 14, 15 Semester lang sich mit einer Sache vertraut machen kann, sich √ľberlegen kann, was man machen will, was man nicht machen will, wo die St√§rken liegen. Auch herumjuxen kann man in dieser Zeit. Weil danach eine Zeit des Arbeitens und der Familie kommt. Insofern verspreche ich auch immer, dass, sobald wir an der Macht sind, es Studenten erm√∂glicht wird, mit 1000 Euro im Monat zu leben. 15 Semester lang werden sie gef√∂rdert. In dieser Zeit bildet sich Charakter, Geist und K√∂nnen. Danach stecken wir Sie in die Produktion. 

Da Sie gerade von Ihrer Partei reden: Wie sehen Sie Ihre Chancen auf die Bundestagswahl im n√§chsten Jahr? Machen Sie schon Koalitions√ľberlegungen?

Nun, die Chance zugelassen zu werden ist relativ hoch, da wir die Karriere des Bundeswahlleiters, der uns nicht zugelassen hat, nachhaltig besch√§digen konnten. Das hat uns auch Spa√ü gemacht. Wir sind ja h√§misch und nachtragend. Und das wird seinem Dienstherren, dem Innenminister, nicht gefallen haben, was wir da veranstaltet haben. Das war ja auch weitgehend hirnfrei, die Wahlgesetze sind ja jetzt auch ge√§ndert worden. Es gibt jetzt, zum Beispiel, juristische Beisitzer. Wir sind ja damals in einer Veranstaltung aus Wahl genommen worden, in der ein paar Bundestagsabgeordnete und ein √ľberforderter Bundeswahlleiter ohne juristischen Background sa√üen. Jetzt ist alles ge√§ndert worden nach diesem Debakel, und es sitzen jetzt Juristen darin. Also ich gehe davon aus, dass wir zur Wahl zugelassen werden, dass wir in f√ľnf oder sechs L√§ndern antreten, und zur Frage nach dem Erfolg: Vor vier Jahren h√§tte ich gesagt, alles unter 50 Prozent w√§re eine Schande f√ľr unser Land. Heute, in Anbetracht der √úberhangmandate und dieses Wahlrechts, dass immer noch nicht so ver√§ndert worden ist, wie es das Bundesverfassungsgericht gerne h√§tte, w√ľrde ich sagen, alles unter 100 Prozent plus x w√§re eine Schande f√ľr unser Land.

Wie stark sch√§tzen Sie ihre Konkurrenten ein? Also vor allem Angela Merkel und Peer Steinbr√ľck? Sehen Sie die als Gefahr?

Ich wei√ü nicht, ob man einen Wahlkampf noch d√ľmmer als Steinbr√ľck f√ľhren kann. Ich habe ihm bis jetzt zu Gute gehalten, dass das eine Verkettung von ungl√ľcklichen Umst√§nden ist. Ich meine, am Tag vor der Nominierung noch einen Vortrag in einer Schweizer Bank halten zu wollen, egal seit wann der festgelegt ist, dass ist einfach sozialdemokratische Dummheit. Die SPD ist leider komplett abgeschrieben. Und mein Gott, die CDU, eine der unangenehmeren politischen Alternativen, ist da praktisch nicht aus der Regierung zu bringen. Die FDP erledigt sich selbst, die Piraten auch. Die Linkspartei auch. 

Was ist mit den Gr√ľnen?

Die FDP des kleinen dummen Mannes -  das sind die Gr√ľnen. Wir werden sehen. Aber allzu euphorisch w√ľrde ich das auch nicht sehen, was die da veranstalten. 

Das heißt, Sie haben gute Chancen?

Ich glaube auch, es l√§uft alles auf die PARTEI zu. 

Sie haben ja auch an der Aktion ‚ÄěHallo, Verfassungsschutz. √úberwacht uns auch!‚Äú teilgenommen. Weil Sie ja, anders als die Linkspartei, noch nicht √ľberwacht werden. F√ľhlen Sie sich da vom Verfassungsschutz benachteiligt?

Ja, wir machen das ja schon wesentlich l√§nger als die, die taz hat das ja aufgegriffen. Die machen schon das seit Jahren. Wir haben extra eine verfassungsfeindlichen Plattform in der Partei gegr√ľndet und haben dem Verfassungsschutz das auch √ľber unseren Juristen angezeigt. Und haben extra in unserem Wahlprogramm die Forderung aufgenommen, den Artikel 1 des Grundgesetzes zu √§ndern. Das ist ein Artikel mit Ewigkeitsgarantie, der darf nicht ge√§ndert werden. Und wer ihn √§ndert ist sofort die jure ein Verfassungsfeind muss beobachtet werden. Den Artikel kennen alle Studenten, der h√§ngt zu Hause √ľber dem Bett: Die W√ľrde des Menschen ist unantastbar. Und wir wollen ihn dahingehend √§ndern, dass es hei√üt: Die W√ľrde des Menschen ist unantastbar, ausgenommen die der Intendanten von ARD und ZDF und der Gesch√§ftsf√ľhrer der gro√üen Privatsender. Das haben wir dem Verfassungsschutz angezeigt und danach h√§tten wir beobachtet werden m√ľssen, f√ľhlen uns aber weiter unbeobachtet. Man wei√ü ja mittlerweile, womit die ihre Zeit verbringen.  

Wie reagieren eigentlich die Politiker selbst auf Satire? Nehmen sie das wirklich so locker hin, wie es immer den Anschein hat?

Wir waren die ersten, die in der Heute-Show Politiker in die Filme einbezogen haben. Mittlerweile ist das Gang und Gebe und Politiker haben von ihren Fachleuten gesagt bekommen, wie man darauf reagiert. Am Anfang waren sie noch sehr unbeholfen und es kam zu lustigen Situationen, jetzt sieht man, wie Steinmeier ganz anders mit so einer Situation umgeht. Wir haben ja gesehen, dass er am Anfang immer gleich das Gespr√§ch scheute. Jetzt kommt ein hoffentlich lustiger Satz und ein sympathisches L√§cheln, und weg ist man. Nein, die sind da mittlerweile ganz gut geschult. 

Ist es nicht eigentlich schade?

Ja, klar. Aber schwer r√ľckg√§ngig zu machen. In den Vereinigten Staaten habe ich mal Oliver Welke gefragt, weil er da die Vorbilder der Heute-Show gut kennt. Er hat gesagt, es geht ein bisschen davon weg, Spitzenpolitiker anzusprechen, weil die eben damit umzugehen wissen. Es funktioniert nur noch bei Leuten aus der zweiten Reihe. Oder man muss mit Leuten sprechen, die da trotzdem reindr√§ngen. 

Bei einigen Videos hat man ja gesehen, dass man Sie ja mittlerweile schon kennt. Kommt es h√§ufig vor, dass man sie bei Stra√üenaktionen erkennt? Zum Beispiel, als sie sich als FDP-Mann ausgegeben haben. Haben die Leute tats√§chlich geglaubt, Sie w√§ren von der FDP?

Es gibt immer noch Leute, die das ernst nehmen. Es gibt das nat√ľrlich leider mittlerweile auch, das man uns erkennt. Wir haben jetzt in Bayern zum Tag der deutschen Einheit gedreht. Da hat uns jeder Zweite zugewunken. Das ist dann ein bisschen st√∂rend, aber naja, es geht. Ich bin auch zwei mal mit Per√ľcke ausger√ľckt und habe einmal davon bei Norbert Gei√ü auf dem Sofa gesessen. Obwohl ich mit dem schon in den 90er Jahren lustige Filme gemacht habe. Wir haben ihn mal besucht und es sind sehr witzige Filme daraus geworden, die auf der Spam-Seite von Spiegel-Online nachzuschauen sind. Da hatte er sich noch furchtbar beschwert beim Chefredakteur, dass so etwas da gezeigt w√ľrde. Und der hat mich nicht erkannt, als ich eine Brille und eine Per√ľcke anhatte. Insofern gibt es noch M√∂glichkeiten, glaube ich.

Norbert Geiß, der CSU-Abgeordnete?

CSU Aschaffenburg, genau. Rechtsausleger der CDU. Wollte Madonna-Konzerte verbieten und Kindern bis 16 abends ein Ausgehverbot aufdrängen, all solche Sachen. Guter Mann.

F√ľr Satire wie geschaffen.

Das stimmt. Das sind einige Bundestagsabgeordnete. Es gibt bei Spam eine Serie, die hei√üt "Hinterb√§nkler heute". Da haben wir Hinterb√§nkler rausgesucht, einfach nur nach ihrem Bild im Bundestagshandbuch. Wir haben die besucht und haben die mal ihren Tagesablauf schildern lassen. Und immer gesagt: "Das ist zu lang, das muss du noch ein bisschen k√ľrzen." Und immer so weiter. "So, jetzt 'ne Anekdote erz√§hlen." Da sind extrem lustige Sachen bei herausgekommen. Ich dachte immer, dass Bundestagsabgeordnete immer auch einen gewissen Intelligenzgrad haben m√ľssten. Da hat mein Bild sich auch ziemlich gewandelt. 

Herr Sonneborn, vielen Dank f√ľr dieses Interview.

   

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