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 Heidelberg
24.05.2011

Mehr Freiraum fĂŒr KreativitĂ€t

NÀhen, schreiben, arbeiten: Im "Action House" ist alles möglich.

Ist Heidelberg ein Ort, in dem man sich kreativ austoben kann? Auf der Suche nach Heidelbergs KreativwerkstĂ€tten schaut der ruprecht im "Action House" vorbei. Hier gibt es fĂŒr jeden die Möglichkeit, sich kreativ zu betĂ€tigen.

Ist Heidelberg ein Ort, in dem man sich kreativ austoben kann? Auf der Suche nach Heidelbergs KreativwerkstĂ€tten schaut der ruprecht beim "Action House" vorbei. Hier gibt es fĂŒr jeden die Möglichkeit, sich in irgendeiner Weise kreativ zu betĂ€tigen.

Es ist Freitagnachmittag, als ich zum ersten Mal das Action House aufsuche. „FĂŒr Jelly bitte bei Action House klingeln“, steht auf einem grĂŒn-weißen Plakat, dass jemand provisorisch mit Tesa an die TĂŒr der Bergheimer Straße 131 geklebt hat. Die HaustĂŒr steht offen, sicherheitshalber klingle ich trotzdem. Am Ende des Hausflurs betritt man die Kreativwerkstatt durch eine SchiebetĂŒr. Etwas ĂŒberrascht schaut ein junger Mann heraus. „Im Moment bin nur ich da, die anderen sind eben gegangen.“ Er stellt sich vor als Markus und bietet mir eine Tour durch das Haus an.

Im ersten Raum, den man betritt, herrscht leichtes, aber sympathisches Chaos – mehrere NĂ€hmaschinen stehen auf den Tischen, Stoffreste liegen auf dem Boden. An der Wand stehen VerstĂ€rker, Gitarren. „Eben waren noch ein paar MĂ€dels da, die genĂ€ht haben, wie man sieht“, sagt Markus.

Es folgt eine Lounge, in der eine beige Riesencouch zum gemĂŒtlichen Sitzen und Quatschen einlĂ€dt. An einer kleinen Bar stehen Kaffeemaschine und Tassen fĂŒr die fleißigen Coworker bereit. Über eine Wendeltreppe gelangt man zu dem  HerzstĂŒck des Action House: „Jelly“, auch Coworking-Space genannt. Auf den ersten Blick erscheint es recht unspektakulĂ€r. Es ist ein BĂŒroraum mit mehreren ArbeitsplĂ€tzen. Computer stehen auf dem Tisch, am anderen Ende des Raumes gibt es einen Gruppenarbeitsplatz, an dem man GeschĂ€ftsideen oder Projekte besprechen kann.

Was genau das Jelly ist, kann ich an diesem Freitag noch nicht erkennen. Markus versucht, mir das Konzept nĂ€her zu bringen. Die Idee dahinter entstand vor etwa fĂŒnf Jahren in New York. Kreative Köpfe suchten einen Raum, in dem sie gleichzeitig arbeiten und sich austauschen konnten. Einen Ort, in dem man sich wohlfĂŒhlt und gut schaffen kann. Eine Art Wohngemeinschaft, in der nicht nur Kaffee getrunken, sondern auch produktiv gearbeitet wird. In Deutschland gibt es momentan drei Jellys: Eines hier in Heidelberg, die anderen beiden in Leipzig und Hamburg.

Produktiver arbeiten als in der WG-KĂŒche

Da ich das Jelly gerne etwas lebendiger erleben möchte, beschließe ich, eine Woche spĂ€ter erneut vorbeizuschauen. Dieses Mal herrscht reges Treiben. Miriam zum Beispiel ist gekommen, um ein paar organisatorische Dinge zu erledigen. Sie war erst ein paar Mal hier, aber das Konzept gefĂ€llt ihr. Die AtmosphĂ€re ist schön, und Arbeit, bei der ein Ideenaustausch hilfreich sein kann, macht sie hier gerne. 

Chad Sentman, einer der GrĂŒnder des Action House, hat in Amerika Film studiert. Er arbeitet an einem Filmkurs, den er bald hier anbieten möchte. Ob der Kurs eher theoretisch wird oder auch Filme gedreht werden, hĂ€ngt ganz von den Teilnehmern ab.

Cosima Stawenow, eines der aktiven Action House-Mitglieder, kam bei der Einweihungsfeier der neuen RÀume zum ersten Mal in Kontakt mit dem Action House. Die Idee gefiel ihr gut. Sie arbeitet selbststÀndig als Texterin und hat Erfahrungen im Journalismus gesammelt. Nun bietet sie in ihrer Freizeit Kurse im Kreativen Schreiben und Layoutworkshops an.

Sie schĂ€tzt die gewöhnliche Besucherzahl auf zwei bis sechs Leute, die freitags zum gemeinsamen Arbeiten vorbeischauen. Dieses Mal sind es sogar neun. FĂŒr viel mehr wĂ€re allerdings kaum Platz, wenn man bequem arbeiten möchte.

Das Action House gibt es nun schon seit 2008, als die GrĂŒnder Chad und Julia Sentman anfingen in ihrem eigenen Wohnzimmer NĂ€h- und Englischkurse zu geben – in erster Linie fĂŒr Freunde. Das Konzept ging auf. Mit dem Umzug in grĂ¶ĂŸere RĂ€umlichkeiten konnte das Angebot entsprechend mitwachsen. Jeder, der etwas erlernt hat, das er gerne weitergeben möchte, kann die RĂ€ume dazu nutzen. Inzwischen gibt es ein weitgefĂ€chertes Angebot an Kursen, die zum Teil regelmĂ€ĂŸig, aber meistens je nach Nachfrage angeboten werden.

Die RĂ€ume des Action House lassen sich sogar mieten. „Hier hat auch mal ein Gospelchor geprobt,“ erzĂ€hlt Cosima. Miete im klassischen Sinne muss man dafĂŒr nicht zahlen. Stattdessen zahlt man eine angemessene Spende.

Das Action House-Team besteht aus sieben jungen Menschen, die sich vielfĂ€ltig kreativ betĂ€tigen und eine Plattform bieten wollen fĂŒr einen kulturellen und kreativen Austausch. Prinzipiell ist das Action House ein Ort, an dem man sich kĂŒnstlerisch austoben kann. Selbst der Englischkurs hat eine kreative Seite und lĂ€dt ein zum gemeinsamem Filmschauen und -analysieren.

GrĂŒnderin Julia legt viel Wert auf die handwerkliche Seite des Action House. „Wir haben hier auch eine T-Shirt-Druckmaschine,“ sagt sie stolz und deutet zum Werkraum. Sie selbst arbeitet als Lehrerin einer Gesamtschule. Wie alle anderen Action House Mitglieder engagiert sie sich hier in ihrer Freizeit.

Neben dem NĂ€hkurs organisiert sie auch die Action House Partys, bei denen es nicht nur einem Blick in die RĂ€umlichkeiten sondern auch eine kleine Modenschau gibt. Oft werden hier ihre eigenen EntwĂŒrfe vorgestellt.

Die Mitglieder des Action House haben sich zum Ziel gesetzt, die Heidelberger anzutreiben kreativer zu werden. In Cosimas Augen gibt es in Heidelberg erstaunlich wenig Kreatives und Innovatives fĂŒr eine Studentenstadt. „Wir wollen einen kleinen Teil dazu beitragen, dass sich das Ă€ndert“, sagt sie.

Die Stadt sorgt fĂŒr mehr Freiraum

Doch ist Heidelberg tatsĂ€chlich so unkreativ? Knapp zwei Kilometer vom Action House entfernt in der Hebelstraße 18 plant die Stadt Heidelberg das "Colabor 01". Auf einem ehemaligen FabrikgelĂ€nde soll Freiraum entstehen fĂŒr KĂŒnstler jeglicher Art, egal ob Musiker, freischaffende KĂŒnstler oder Designer. Pascal BaumgĂ€rtner und  Patrick Forgacs vom „Subkulturellen Fortschritt“, die zuletzt das „Atelier Volksstudio“ in der Römerstraße betrieben, gewannen die Ausschreibung des Colabors.

An einem sonnigen Vormittag treffe ich Pascal BaumgĂ€rtner auf dem Marktplatz. Er ist selbst noch Student und engagiert sich viel in der kreativen Szene Heidelbergs. Ähnlich wie bereits beim Atelier Volksstudio, welches sich bis vor kurzem in der Römerstraße befand, versuchen er und Patrick Forgacs, FreirĂ€ume zu finden und „Kunst reinzustecken“, erklĂ€rt er. Neben ihm sitzt Frank Zumbruch, Beauftragter der Stadt fĂŒr Kultur- und Kreativwirtschaft, der zufĂ€llig vorbeigekommen ist. Er nickt zustimmend. Im Colabor sollen diverse Studios entstehen. Auch ein Ausstellungsraum ist in Planung.

Ich frage, ob es Ähnlichkeiten mit dem Action House, insbesondere dem Coworking-Space Jelly, geben wird. Pascal fĂ€hrt sich durch die Haare und blickt zu Zumbruch hinĂŒber. „Weißt du, was die da genau machen?“, fragt er.
Prinzipiell ginge es im Action House darum, „andere kreative Köpfe zu treffen“ und miteinander zu arbeiten. Das Colabor sei aber anders. Es soll zwar auch ein Coworking-Space werden, allerdings mit einer gewissen Wirtschaftlichkeit.

In zwei Monaten soll das Colabor eröffnet werden. Momentan befinden sich die Betreiber noch in der Planungsphase. Pascal stellt sich das ganze als eine Art „Kooperation von verschiedenen Leuten, die hier kulturell so unterwegs sind“ vor.

Wohin es danach gehen soll, steht noch nicht fest. Sicher ist jedoch, dass zum Ende 2012 das Stadttheater aus der Alten Feuerwache auszieht. Anstatt diese abzureißen, könne man eine langfristige kreativwirtschaftliche Nutzung realisieren. „Die Lage wĂ€re natĂŒrlich perfekt,“ sagt er mit einem hoffnungsvollen LĂ€cheln. 

Alle sind sich einig: in Heidelberg könnte es mehr solcher FreirĂ€ume geben. Dann wĂŒrden sich bestimmt mehr Leute kreativ austoben. FĂŒr den Anfang wĂ€re es aber auch schon genug, wenn Markus nicht alleine beim Coworking sitzen muss.

von Anna WĂŒst
   

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