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 Interview
08.11.2011

„Zukunft ohne Herkunft“

Manfred Osten ĂŒber digitale Demenz und deutschen IdentitĂ€tsverlust

Manfred Osten, Jahrgang 1938, fordert die RĂŒckkehr zu mehr Memorialkultur. Foto: JĂŒrgen Bauer

Der Kulturhistoriker publizierte 2004 den Essay „Das geraubte GedĂ€chtnis “, der sich kritisch mit der „digitalen Revolution“ auseinandersetzt. Wir trafen ihn bei seinem Vortrag im Heidelberger, bei dem es um IdentitĂ€tsverlust und das Verlernen des Lernens ging.

Das GesprĂ€ch fĂŒhrten Margarete Over und Alexandra Jurecko

ruprecht: Herr Osten, Sie haben den Begriff der „digitalen Demenz“ geprĂ€gt. Sie sprechen von einem kollektiven Vergessen ungeahnten Ausmaßes. Was genau meinen Sie mit „digitaler Demenz“ und wie ist es wirklich um unsere Gesellschaft bestellt?

Manfred Osten: Ich habe mich damals, als ich das Buch „Das geraubte GedĂ€chtnis: Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur“ schrieb, ein wenig umgeschaut, was Bildung frĂŒher gewesen ist. Dabei bin ich auf die interessante Entdeckung gestoßen, dass Bildung, sagen wir mal bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, als gedĂ€chtnisgestĂŒtzte Urteilskraft verstanden wurde. Das heißt, das GedĂ€chtnis hatte noch eine ziemliche Bedeutung damals, wenn man bedenkt, dass ein Mann wie Kierkegaard gesagt hat, dass das Leben zwar nach vorwĂ€rts gelebt, aber nur nach rĂŒckwĂ€rts verstanden wird. Und das Verstehen nach rĂŒckwĂ€rts verlangt natĂŒrlich eine gewisse Form von GedĂ€chtnis. Es ist nicht ausreichend, nur Zukunft zu haben, ohne Herkunft.

Welche Auswirkungen hat das Vergessen der Herkunft auf die IdentitÀt des Menschen?

Die Frage der IdentitÀt des Menschen hÀngt fundamental von der Frage seines GedÀchtnisses ab. Wo das GedÀchtnis schwindet, schwindet auch die IdentitÀt.

Wie konnte es dazu kommen?

Im 19. Jahrhundert hat sich zunehmend die Notwendigkeit ergeben, durch die Fortschritts- und Wachstumskultur, die wir durch die industrielle Revolution erreicht haben, die Halbwertszeit des Wissens im Auge zu behalten. Das Mitschleppen von GedĂ€chtnis wurde zunehmend als Ballast empfunden. Das fĂŒhrt schließlich zu dem Problem, das wir heute haben: einer Trennung der Wissenskulturen zwischen Naturwissenschaften und der Technik auf der einen, und der Geisteswissenschaften auf der anderen Seite.

Die Geisteswissenschaften sind eigentlich, wenn man es genau betrachtet, alle durch die Bank ReprÀsentanten des kulturellen GedÀchtnisses. Und diese beiden Kulturen unterscheiden sich eben dadurch, dass die naturwissenschaftliche Kultur fast alle GedÀchtniskulturen ad acta gelegt hat. Sie ist eigentlich die Zukunftswissenschaft, sie ist also zukunftsorientiert.

Welchen zusĂ€tzlichen Herausforderungen stehen wir heute gegenĂŒber?

Nun haben wir nicht nur die industrielle sondern auch noch eine zweite, die digitale Revolution. Hinzu tritt die Lichtgeschwindigkeit. Wir sind mit riesigen Wellen von immer neuen Informationen ĂŒberschwemmt. Offenbar ist das Gehirn aber gar nicht dazu in der Lage, diese ganzen Dinge zu speichern und daraufhin haben wir digitale Speicher erfunden. Das Problem hat schon Enzensberger aufgegriffen, was wir heute durch die Neurowissenschaften bestĂ€tigt wissen: „gespeichert heißt vergessen“.

Wir sind nĂ€mlich die Summe dessen, was wir ĂŒben. Die Natur ist leider nicht auf die Idee gekommen uns die Dinge, die wir nicht ĂŒben, zu erhalten. Heute verstehen wir Bildung als Bologna-Prozess; als beschleunigten Erwerb von Zukunftskompetenzen ohne Herkunftskenntnisse. Dann können wir regiert werden nach dem Prinzip „es gilt das gebrochene Wort“, weil sich sowieso keiner mehr erinnern kann, was gesagt worden ist. Wir haben auch unsere kulturelle IdentitĂ€t aufgegeben. Wir sind das, was Nietzsche gesagt hat, „gedĂ€chtnislose LegionĂ€re des Augenblicks“.

Demenz ist ja ein fortschreitender Prozess, eine Einbahnstraße. Es kann nur schlimmer werden. Gibt es denn auch im Fall der „digitalen Demenz“ keinen Ausweg?

Im Grunde haben wir die Memorialkultur aufgegeben. Wir lernen jetzt nicht mehr auswendig. Wir befassen uns höchstens noch mit der BILD-Zeitung oder ganz aktuellen Dingen. Aber ein gewisses Minimum an Memorialkultur gehört dazu, zum Humanum. Goethe hat gesagt, die Tiere werden durch ihre Organe belehrt, der Mensch muss seine Organe erst belehren. Wir sind also den Tieren weit unterlegen.

Das eigentliche Geheimnis eines LangzeitgedĂ€chtnisses ist das Geheimnis, dass das GedĂ€chtnis immer dort ist, wo Interesse ist. Alles, was nicht von Interesse begleitet wird, wird sofort abgelehnt. Unser ganzes Schulsystem basiert leider auf der Vermittlung von abstrakten, akademischen Wissensinhalten. Die Frage nach dem Interesse wird ĂŒberhaupt nicht gestellt. Wir mĂŒssen eigentlich unser ganzes Schulsystem vom Kopf auf die FĂŒĂŸe stellen und mit dem Interesse beginnen. Leider sind diese Dinge in den Kultusministerkonferenzen noch nicht angekommen.

Aber durch Auswendiglernen gewinnt man doch nicht das Interesse eines SchĂŒlers. Wie sollen Lehrer ihre SchĂŒler dazu bringen, etwas auswendig zu lernen?

Durch Themen, fĂŒr die sich die SchĂŒler interessieren.

Aber zum Beispiel ein Gedicht interessiert erfahrungsgemĂ€ĂŸ nicht.

Das Problem besteht ja beim Auswendiglernen auch darin, dass wir eigentlich nur durch Dinge lernen, die wir noch nicht verstehen. Lernen ist eigentlich ein Prozess, der wenn er sinnvoll vor sich geht, immer ein bisschen vorenthĂ€lt. Sodass man aus dem lernt, was man noch nicht versteht, sodass Interesse geweckt wird. So fĂ€ngt man vielleicht an, auch ĂŒber ein Gedicht nachzudenken. Ich denke, dass es wichtig wĂ€re, dass man von vornherein die Dinge als Memorialstoff aufgibt, bei denen man mit ziemlicher Sicherheit weiß, dass sie interessieren.

Wie geht man vor, wenn jemand etwas ĂŒberhaupt nicht lernen möchte, obwohl es nötig ist? Wenn einfach kein Interesse vorliegt? Ist es auch Aufgabe der Lehrer und Eltern, Interesse aufzubauen und zu wecken?

Ja, genau das meine ich. Es gibt zwei Dinge, bei denen ein Mensch im Grunde zum SelbstlĂ€ufer wird: Wenn es gelingt, Neugierde und SelbstwertgefĂŒhl zu wecken.

Sie haben das Buch „Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit“ geschrieben. Sehen Sie auch in diesem Problem den SchlĂŒssel bei Goethe?

Dadurch bin ich ĂŒberhaupt erst darauf gekommen! Dieses Problem der Beschleunigung, das hat Goethe bereits vor 200 Jahren erkannt und zwar durch die genaue Studie der Probleme der industriellen Revolution. Und bis heute hat sich das ja noch ins Ultra, ins Ungeheure beschleunigt. Wir haben alle nur eine mittlere psychische Reisegeschwindigkeit der Seele, der Rest ist Burn-out und Stress.

Diese Anforderungen, die heute durch die „digitale Revolution“ auf uns zukommen, versuchen wir sogar durch Multitasking zu erledigen. Wir haben absolute Grenzen. Wir kommen in Beschleunigungsturbulenzen, bei denen wir vor allem die kollateralen SchĂ€den nicht mehr ĂŒberblicken, das fĂŒhrt zu Stress. Heute gibt es 14 Millionen Menschen, die Burn-out gefĂ€hrdet sind. Das hat Goethe sehr frĂŒh mit dem Begriff „veloziferisch“ erfasst. Velocitas, die Geschwindigkeit und Lucifer, der Teufel.

Sie sind in Ihrem Leben als Botschafter viel herumgekommen. Haben Sie auf Ihren Reisen eine Kultur kennen gelernt, die es besser macht als wir?

Ja, ich bin ja fast sieben Jahre in Japan gewesen und habe jetzt auch vor kurzem ein Essay ĂŒber die Renaissance des Konfuzianismus veröffentlicht. Konfuzius ist vor 2500 Jahren auf den Gedanken gekommen, dass das einzige, was wir im Chaos retten können, unser GedĂ€chtnis ist und genau das habe ich dort beobachtet. Wenn also in einer Kultur das Lernen das höchste Gut ist, ist die höchste soziale Position die des Lehrers.

Es fĂ€ngt alles bei den Eltern an, die die höchste Pflicht haben, ihrem Kind so viel wie möglich beizubringen, damit sie in einem guten Kindergarten die AufnahmeprĂŒfung besteht. Die Kinder haben dort auch den Vorteil, dass sie in dieser frĂŒhen Phase so viele Ideogramme lernen mĂŒssen. Das frĂŒhe Üben ist enorm hilfreich. Die haben dort auch doppelt so viele Schulstunden wie wir.

Die Eltern haben allein in China letztes Jahr 110 Milliarden Dollar fĂŒr die Bildung ihrer Kinder ausgegeben.

Inzwischen haben dort 14 Prozent der Bevölkerung tertiĂ€re AbschlĂŒsse. Raten Sie mal wie viele wir hier haben? – Vier Prozent.

Ist denn das Interesse der SchĂŒler dort auch grĂ¶ĂŸer?

Die wollen alle nach oben, das ist ein Streben nach oben, weil sie dadurch natĂŒrlich höhere Positionen bekommen, mehr Geld. Das sind alles ganz pragmatische GrĂŒnde.

Was wĂŒrden Sie Heidelberger Studenten raten, die vielleicht jetzt merken: Ich bin auf dem Weg in die „digitale Demenz“?

Den Heidelberger Studenten wĂŒrde ich raten: Versuche, zurĂŒckzukehren zu dem, was dich interessiert. Denke mal darĂŒber nach, wo schalte ich plötzlich auf grĂŒnes Licht, wo wird es bei mir hell? Und gehe der Sache nach.

   

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