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 Feuilleton
15.11.2011

Don‘t believe the hype!

Symptome einer vermeintlichen Kultur-Wegwerfgesellschaft

Wir jubeln, erinnern wir uns noch warum? Foto: Moses, WikiCommons Media

Das Theater und Orchester Heidelberg sagte dem Hype in seiner Eröffnungswoche den Kampf an und protestierte gegen die Schnelllebigkeit in der Kulturszene. Handelt es sich hier bereits um einen Hype des Hypes oder existiert dieser tatsĂ€chlich in dem beklagten Ausmaß?

Was ist der Hype? Ein anglofones Wort, das gerade selbst einen Hype erlebt? Ein kurzes Auflodern und Erlöschen allgemeiner Aufmerksamkeit? Ein nationaler oder globaler Applaus, ein kollektives „GefĂ€llt-Mir“-DrĂŒcken auf Facebook?

Man denkt vielleicht an Sieger und vermeintliche Talente aus „Deutschland sucht den Superstar“ oder peinliche Youtube-Videos von tanzenden, hĂŒpfenden oder stĂŒrzenden Menschen und Tieren, die eine Million Mal angeklickt wurden, und an die sich jetzt niemand mehr erinnert. Auch wenn diese Beispiele aufgrund ihrer SkurrilitĂ€t (ein guter Grund gehypt zu werden) als offensichtlich erscheinen, so existiert der Hype in allen Schichten und Arten der Kulturlandschaft und es stellt sich die Frage, ob sich Andy Warhols Voraussage „In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes“ bereits bewahrheitet hat.

Unter dem Motto „Don‘t believe the hype“ versuchte das Theater und Orchester Heidelberg den Hype, diesen diffusen und scheinbar allmĂ€chtigen Gegner, mit seinen eigenen Waffen zu schlagen und machte ihn zum Thema und Opfer seiner selbst. Es wurde gegen die Kurzlebigkeit in der Theaterszene rebelliert und bereits uraufgefĂŒhrte StĂŒcke wurden neu inszeniert. In den Schaufenstern der Altstadt bekamen hypelose Produkte wie der Gugelhupf ihre WerbeflĂ€che und im „Autorenburnout 2011“, einer der vielen Performances, tippten Schriftsteller eifrig auf Schreibmaschinen, um die Texte danach sofort zu verbrennen.

Der Eindruck, dass wir in einer Kultur-Wegwerfgesellschaft leben, lĂ€sst sich nicht bestreiten und doch darf nicht vergessen werden, dass vor allem das Theater schon immer auf den Moment und nicht auf den Erhalt des Gespielten ausgerichtet war. Weder im antiken Griechenland noch zu Shakespeares Zeiten wurden zeitgenössische StĂŒcke ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum aufgefĂŒhrt.

Neu in unserer globalisierten Informationsgesellschaft sind die Unmengen an TheaterstĂŒcken und BĂŒchern, die den Markt ĂŒberfluten, die Medien, mit denen sie verbreitet und beworben werden, und die FĂŒlle des kulturellen Angebots. FĂŒr Autoren ist es heute leichter StĂŒcke auf die BĂŒhne zu bringen oder BĂŒcher zu veröffentlichen, aber zugleich schwerer, sich in der Kulturszene zu etablieren. Mit Facebook, Twitter und Youtube lassen sich Inhalte sekundenschnell einer breiten Öffentlichkeit prĂ€sentieren.

Gleichzeitig ist die Halbwertszeit dieser meist deutlich geringer als frĂŒher. Durch die Masse inhaltsloser emotionsgeladener Hypes entsteht leicht der Verdacht, diese wĂŒrden zur allgemeinen Verdummung beitragen oder wĂ€ren ein Produkt dieser. Dabei wird vergessen, dass sie heute lediglich die Möglichkeit großer MedienprĂ€senz besitzen. Goethe verließ das Weimarer Theater angeblich, weil ein dressierter Hund auf der BĂŒhne seine Tricks vorfĂŒhren durfte. Heute hĂ€tte das Youtube-Video dieses Hundes vielleicht eine Million Zuschauer. An Goethe erinnert man sich, der Hund wurde vergessen. Es wĂ€re heute vermutlich das Gleiche.

Unglaubliche Mengen neuer inhaltsloser Hypes mögen den Kulturmarkt ĂŒberschwemmen und in diversen Medien erscheinen und doch ist es QualitĂ€t, die ĂŒber lĂ€ngere Zeit Bestand hat. Die meistgespielte zeitgenössische Dramatikerin, die Französin Yasmina Reza, veröffentlicht nur alle zwei Jahre ein neues TheaterstĂŒck, das dann jahrelang auf der ganzen Welt gespielt wird. QualitĂ€t ist selbstverstĂ€ndlich kein Garant fĂŒr lĂ€ngerfristigen Erfolg, aber neben dem GlĂŒck immer noch das wichtigste Kriterium.

Die Breite des heutigen Kulturangebotes eröffnet dem Zuschauer eine Vielzahl an Möglichkeiten, was den Wunsch erzeugen kann, möglichst schnell, möglichst viel davon zu konsumieren. Gleichzeitig setzt dies die KĂŒnstler unter den Druck, immer schneller, immer Aufregenderes zu produzieren, um so ein bereits mit Reizen ĂŒbersĂ€ttigtes Publikum zu bedienen. Wenn wir Kultur als Lebensmittel bezeichnen, so essen wir heute vielleicht mit Vorliebe besonders schnell, besonders fettig und salzig und vor allem oft ohne uns bewusst zu sein, was wir ĂŒberhaupt konsumieren. Man kann und soll ĂŒber den Kulturkonsum keine Anweisungen erlassen. Die Frage allerdings stellt sich, ob wir die Aufregung und Spannung, die wir im Hype suchen, vielleicht gerade dann finden könnten, wenn wir den Blick von ihm wenden und die Vielfalt sehen wĂŒrden, die neben ihm existiert.

von Isabella Freilinger
   

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