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 StudiLeben
15.12.2012

Deutsche Burschenschaft noch radikaler

Gemäßigte Burschen gehen auf Distanz, übrig bleibt der harte Kern

Burschenschaftliche Herbst-Winter-Kollektion in dezentem Graumeliert. / Foto: Jasper Ovy

Nicht nur Verstrickungen mit Rechtsradikalen erhitzen die Gemüter, auch die Definition der deutschen Volksgemeinschaft sorgt für Fehde unter den Burschen. Gemäßigt konservative Bünde schlagen nun einen Kompromiss vor und hoffen, den Austritt finanzstarker Bünde aus dem Dachverband abzuwenden.

Die Sängerhalle ist weiträumig abgesperrt. Zwei Hundertschaften der Polizei stehen knapp 200 Demonstrierenden gegenüber. Beritten, behelmt und den Schlagstock griffbereit, sollen die Polizisten die etwa 500 Burschenschaftler schützen, die in Stuttgart außerordentlich tagen, nachdem der Burschentag in Eisenach im Juni in einem Eklat endete.

Anwälte, Hochschuldozenten, Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft sind angereist, um den Streit zu schlichten, an dem der Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) zu zerbrechen droht. Doch die Wogen zwischen den beiden Lagern, den nationalistisch-liberalen Bünden der Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ) und den völkisch-radikalen der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) lassen sich nicht mehr glätten.

 

Erfolgreich setzte sich die BG für den Verbleib dreier Burschenschaften in der DB ein. Deren Ausschluss hatten drei IBZ-Bünde beantragt, weil ihre zu offensichtlichen Verstrickungen mit der rechtsradikalen Szene dem Ruf der DB schaden. Darüber hinaus gingen die zwei wichtigsten Ämter an Bünde der BG: Den Vorsitz übernimmt die Wiener Burschenschaft Teutonia und Michael Paulwitz von der Normannia Heidelberg wurde neuer Chefredakteur der Verbandszeitschrift. Sein Vorgänger, Norbert Weidner von den Raczeks zu Bonn, wurde abgewählt. Das ehemaliges FDP-Mitglied hatte im August vom Amtsgericht Bonn einen „Strafbefehl wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“ erhalten, weil er die Hinrichtung des NS-Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer als gerechtfertigt bezeichnet hatte. Paulwitz schreibt für die Junge Freiheit, einer Zeitschrift, die Volker Weiß in seinem Buch „Deutschlands Neue Rechte“ als einschlägig rechtes Organ benennt.

 

In Artikeln wie „Was sich ändern muß“ (JF, 13.10.2012) postuliert Paulwitz, dass der Sozialstaat nur in Bezug auf die Nation als Solidargemeinschaft denkbar sei und wirbt für eine selbstbewusste Einstellung zu dieser: „Die deutsche Geschichte ist kein Verbrecheralbum“, schreibt er. Wer sich für den Fortbestand dieser Gemeinschaft nicht nach traditioneller Manier einsetzt, solle Paulwitz zufolge auch nicht unterstützt werden: „Vorrangige Aufgabe des Staates ist weder die Begünstigung von Abtreibung und die Privilegierung von Randgruppen-Lebensstilen zu Lasten der Familien noch die Entmündigung von Eltern durch Krippenprogramme.“ In seinem Buch Deutsche Opfer, fremde Täter fordert der REP-Anhänger Paulwitz zudem mehr „Assimilationsdruck auf Einwanderer“.

 

Angeln mit Sarrazin

 

Der Begriff „Assimilation“ ist Teil eines zentralen Streits und steht auch beim Burschentag auf der Tagesordnung: Die Deutsche Burschenschaft kann sich einfach nicht entscheiden, ob das deutsche Volk eine Abstammungs- oder eine Bekenntnisgemeinschaft ist. Nachdem es 2011 wegen des „Arierparagraphen“ Pressewirbel gab, schlagen gemäßigt konservative Bünde jetzt einen Kompromiss vor. Davon erhoffen sie sich, finanzstarke Bünde in der DB zu behalten. So argumentieren die Burschen heute nicht mehr mit Begriffen wie „europäische Körpermorphologie“. Stattdessen bedienen sie sich einer salonfähigeren Rhetorik und fordern eine „vollendete Assimilation an das deutsche Volk“. Ein Bewerber „nichtdeutscher Abstammung“ darf „hinsichtlich Sprache und Kultur nicht von einem Bewerber deutscher Abstammung unterscheidbar“ sein. Bewerber aus dem „abendländisch-europäischen Kulturkreis“ haben bessere Chancen als Bewerber, deren Herkunft jenseits dieses „Kulturkreises“ liegt.

 

Klaus von Beyme, Professor für Politikwissenschaft, hält diese Klassifikation für faschistoid. Alexander Salomon, baden-württembergischer Landtagsabgeordneter der Grünen, erinnert diese Wortwahl an Thilo Sarrazin. Ein in der DB-Verbandszeitschrift Burschenschaftliche Blätter bestätigt diese Annahme. In „Weg in die Freiheit: Deutschlands Aufbruch 2012“ bezieht sich der Bursche und ehemalige Journalistikdozent der Universität Leipzig Michael Friedrich Vogt mehrmals auf die Sarrazin'sche „Selbstabschaffung“ Deutschlands. Schuld an dieser seien „Migrationsindustrie“ und „Gutmenschrassisten“, bemerkt der Autor. „Die Burschenschaften heute stehen im Vormärz“, meint Vogt, „im Widerstand gegen das System“ und die „zunehmend totalitären Strukturen“ einer „Parteien- und EU-Finanzdiktatur“. Vogt fordert eine „revolutionäre Neuordnung“, ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle „autochthonen Deutschen“ etwa oder Steuerfreistellung für Mütter ab dem 4. Kind.

 

„Das wird oft nur im Verborgenen besprochen“

 

Mit derlei radikalem Gedankengut wollen die gemäßigt reaktionären Bünde der Initiative Burschenschaftliche Zukunft nicht in Verbindung gebracht werden, weshalb einige bereits aus der DB ausgetreten sind. Dabei geht es ihnen viel mehr um die Wahrung ihres Rufs als um eine glaubwürdige Distanzierung zum Rechtsextremismus.

 

So gibt sich die Freiburger Burschenschaft Teutonia beispielsweise damit zufrieden, dass ihr Mitglied, der Anwalt Klaus Harsch, seiner Kanzleiangestellten Nicole Schneiders im Dezember 2011 „aufgrund des enormen öffentlichen Druckes“ gekündigt hat. Unter anderem hatte sein CDU-Kreisverband im Januar 2012 ein Parteiaussschlussverfahren gegen ihn eingeleitet. Die Anwältin Schneiders hatte als ehemalige NPD-Funktionärin den mutmaßlichen NSU-Mittäter Ralf Wohlleben verteidigt. „In den konkreten Details war das unserem Mitglied Herrn Anwalt Harsch nicht bekannt. Er hat es im Nachhinein bedauert, dass er sich vorher nicht gründlicher um Recherchen bemüht hatte“, erklärt Rolf Piechowicz von der Teutonia.

 

Christian Becker von der Initiative „Burschenschafter gegen Neonazis“ meint dazu: „Viele Burschenschafter gehen mit dem Thema akademischer Rechtsradikalismus nicht offen um. Das wird oft nur im Verborgenen besprochen.“ Becker wurde im Sommer aus seiner Burschenschaft den Raczeks zu Bonn ausgeschlossen, da er seinen Bundsbruder Norbert Weidner als einen Kopf einer rechtsextremen Bewegung aus Burschenschaften, NPD und Kameradschaften bezeichnet hatte. Michael Schmidt, der Sprecher der IBZ, findet die Initiative, die Becker mit einigen anderen exkommunizierten Burschenschaftlern ins Leben gerufen hat „reißerisch“. Die Folge der Tabuisierung des Rechtsradikalismus sei laut Becker, dass die Burschen zu lange weggesehen hätten. „Wir müssen uns mit dem Thema intensiver beschäftigen, um die Gefahr einschätzen zu können, denn manche Burschenschaften bieten Rechtsextremen Schutzräume“, sagt Becker.

 

Der baden-württembergische Landesverfassungsschutz beobachtete deswegen die Burschenschaft Arminia Zürich zu Heidelberg, bis diese 2008 ihre Aktivitäten einstellte. Bei der Arminia hätte es sich allerdings nicht um eine „Burschenschaft im klassischen Sinn“ gehandelt, meint das Landesinnenministerium, das Anfang Dezember die Regierungsanfrage Salomons zu „Schnittpunkten von Burschenschaften in Baden-Württemberg mit dem Rechtsextremismus“ beantwortete. Aus dem Schreiben des Ministeriums geht hervor, dass Rechtsextremisten Anfang 2012 die Arminia unter dem Namen „Burschenschaft Arminia Zürich zu Karlsruhe“ erneut gegründet haben. Auch diese Vereinigung sei eine Kleinstgruppierung, die burschenschaftliches Brauchtum nachahme und daher Beobachtungsobjekt des Landesverfassungsschutzes, heißt es im Antwortschreiben. „Man merkt, dass die NPD probiert, sich über Burschenschaften reinzuwaschen und immer mehr am rechten Rand der Mitte fischt“, so Salomon.

 

Um einen kritischen Blick auf das Thema Rechtsradikalismus bei Burschenschaften zu bekommen, dienen Antifa-Seiten oftmals als wichtige Informationsquelle. „Da die offiziellen Stellen versagt haben, haben sich diese Gruppen herausgefordert gefühlt etwas zu tun und das ist verdienstvoll“, so von Beyme.

 

 


von Jasper Ovy
   

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