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16.12.2012

Knappe Mehrheit fĂŒr Abspaltung

Viele Katalanen sehnen sich nach der UnabhÀngigkeit

Seit dem Nationalfeiertag wurden die Flaggen nicht heruntergenommen. / Foto: Claudia Pollok

Katalonien ist im Aufbruch. Die Region im Nordosten Spaniens kĂ€mpft um ihre UnabhĂ€ngigkeit. Um festzustellen, ob ein solches Projekt die UnterstĂŒtzung des Volkes hĂ€tte, wurde am 25. November gewĂ€hlt. Warum wollen die Katalanen unabhĂ€ngig werden und wie ist die Stimmung vor Ort? 

Der 11. September ist katalanischer Nationalfeiertag. Es wird derer gedacht, die 1714 im Spanischen Erbfolgekrieg bei der Schlacht um Barcelona ums Leben kamen. Gleichzeitig ist es eine Feier des Katalanismus. Normalerweise verlĂ€uft der Tag ruhig. Man genießt den freien Tag. In diesem Jahr allerdings kamen Menschen aus ganz Katalonien nach Barcelona. Reisebusse brachten Gruppen aus Tarragona, Lleida und Girona. Insgesamt gingen etwa 1,5 Millionen Menschen auf die Straße, um fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit der Region im Nordosten Spaniens zu demonstrieren.

Dass dieser Wunsch gerade jetzt so stark ist, liegt auch an der wirtschaftlichen Situation. Spanien ist eines der Sorgenkinder der EU, doch Katalonien ist eine ökonomisch starke Region. Viele der großen Firmen haben sich um Barcelona herum angesiedelt. In der Hauptstadt der Region haben Unternehmen wie SEAT, Repsol oder Gallina Blanca ihren Zentrale.

Wegen seiner Wirtschaftskraft zahlt Katalonien jĂ€hrlich Abgaben von bis zu 16 Milliarden Euro an den spanischen Staat, der jedoch investiert kaum in die florierende Region. Dies sehen viele Einwohner als Grund der hohen Verschuldung Kataloniens an und fordern daher wirtschaftliche UnabhĂ€ngigkeit von Spanien. Ein katalanischer Polizist sagt: „Wir sind eindeutig die wirtschaftlich stĂ€rkste Region. Wir zahlen an Spanien, aber bekommen nichts dabei heraus.“

Am Folgetag der Demonstra­­tionen hielt der PrĂ€sident der Region, Artur Mas, eine folgenschwere Rede. Er sagte, er sei stolz, PrĂ€sident eines so starken und engagierten Volkes zu sein und kĂŒndigte Neuwahlen im November an. Die UnabhĂ€ngigkeit zu erreichen war nicht Teil des Programms der regierenden Partei CiU (ConvergĂšncia i UniĂł, zentral), sodass ihre aktuelle Mehrheit im Parlament nicht aussagekrĂ€ftig genug sei. Mit den Neuwahlen sollte festgestellt werden, ob die Mehrheit der katalanischen WĂ€hler tatsĂ€chlich die UnabhĂ€ngigkeit anstrebe und ob es genĂŒgend UnterstĂŒtzung fĂŒr entsprechende Maßnahmen geben wĂŒrde.

Skepsis bei Aussenstehenden

Vor dem Wahltag, dem 25. November, gab es heftige Diskussionen. WĂ€hrend die Katalanen sich absolut sicher sind, dass die UnabhĂ€ngigkeit das einzig Richtige fĂŒr die Zukunft der Region ist, sehen das Außenstehende ganz anders. „Ich wĂŒnsche denen, dass sie ihre UnabhĂ€ngigkeit bekommen. Dann werden sie ja sehen, was sie davon haben“, sagt eine deutsche Studentin sarkastisch. Sie ist ĂŒberzeugt davon, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der Abspaltung, sowohl Katalonien als auch Spanien und die EU betreffend, nicht absehbar sind. „Und ob fĂŒr auslĂ€ndische Touristen ein Urlaub in Katalonien genauso verlockend klingt wie ein Urlaub in Spanien, ist fraglich.“

Jedes Jahr wird die Region von Touristen ĂŒberflutet, denn hier liegt nicht nur die Metropole Barcelona, sondern auch die Costa Daurada und die Costa Brava, die besonders von deutschen und englischen Abiturienten gerne besucht werden.

Doch nur wenige beschĂ€ftigen sich mit der Kultur und Sprache der Region: „Wir sind in manchen Bereichen das kulturelle Gegenteil der Spanier. Der SĂŒden Spaniens ist bekannt fĂŒr Siesta und Party. Hier kennt man uns fĂŒr Zielstrebigkeit und Unternehmergeist. Außerdem haben wir eine eigene Sprache, fĂŒr deren Erhalt wir bis vor Kurzem kĂ€mpfen mussten.“

An Schulen und UniversitĂ€ten ist, mit wenigen Ausnahmen, Katalanisch die Unterrichtssprache. Austauschstudenten sind davon immer wieder ĂŒberrascht und verĂ€rgert. Oft kamen sie her, um spanisch zu lernen, nicht diese scheinbar nutzlose Sprache. Doch gerade diese ist den Katalanen wichtig. Unter General Franco war es verboten, auf den Straßen oder in öffentlichen Einrichtungen Katalan zu sprechen, Kinder mussten spanische Namen tragen. Heute merkt man, dass man sich natĂŒrlich mit jedem auf Spanisch unterhalten kann, es einem allerdings gedankt wird, wenn man wenigstens ein paar Fetzen Katalanisch nutzt. „Wir sind die Dummen. Die ganze Zeit ĂŒbersetzen wir ins Spanische. Kein Wunder, dass viele Leute, die hierher ziehen, gar kein Katalanisch lernen wollen. Sie brauchen es ja nicht“, sagt eine Krankenschwester aus der Kleinstadt Reus.

Es werden sogar kostenlose Sprachkurse angeboten, doch die Nachfrage ist gering, denn viele halten diesen Teil des katalanischen Stolzes fĂŒr „Nationalismus“, „Engstirnigkeit“ oder „völlig ĂŒbertrieben“. Doch eine Sprache hat immer auch eine verbindende Funktion. Sie ist es zu einem großen Teil, die Katalanen zu Katalanen macht.

Nur eine knappe Mehrheit

Dem Wahltag wurde mit Spannung entgegengefiebert. Einige Familien versammelten sich vor dem Fernseher, um diesen möglicherweise historischen Tag gemeinsam zu erleben. Erster Aspekt der Wahl war die Bestimmung einer neuen Regierung oder die BestĂ€tigung der Aktuellen. Die Regierungspartei CiU bĂŒĂŸte zwar einen Teil ihrer WĂ€hlerstimmen ein, doch ist sie immer noch Mehrheitspartei.

Noch ist kein Koalitionspartner gefunden, die GesprĂ€che laufen. Wahrscheinlichster Partner ist die ERC (Esquerra Republicana de Catalunya, links), doch gibt es Diskussionsbedarf in der sozialpolitischen Ausrichtung der neuen Regierung. Der zweite, vielleicht wichtigere, Aspekt der Wahl war jedoch das VerhĂ€ltnis derjenigen Parteien, die fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit stehen, und derer, die ihr entgegen stehen. Mit knapper Mehrheit sprach sich das Volk fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit aus. CUP (links), ERC, CiU und ICV-EUiA (Iniciativa per Catalunya Verds – Esquerra Unida i Alternativa, grĂŒn) erhielten 87 von 135 Sitzen.

Dieses Ergebnis ist nicht so eindeutig, wie sich PrĂ€sident Artur Mas das gewĂŒnscht hatte. Doch es zeigt die Richtung fĂŒr die nĂ€chsten Schritte an: Sobald die Koalitionsverhandlungen abgeschlossen sind, werden weitere Maßnahmen ergriffen. Normalerweise wird eine Entscheidung wie die fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit vom katalanischen Volk durch ein Referendum getroffen. Doch dies muss durch die spanische Regierung genehmigt werden. Mas kĂŒndigte an, ein Referendum auch ohne diese Genehmigung durchzufĂŒhren und als gĂŒltig anzusehen.

Der Prozess wird sicher noch lange andauern, und es wird spannend werden, zu sehen, wie sich die Katalanen entscheiden, aber auch, was dies fĂŒr die EU (und somit indirekt fĂŒr Deutschland) bedeutet. Als wirtschaftlich starkes Land wĂ€re Katalonien ein interessantes Mitglied fĂŒr die EU, doch wurde bereits verkĂŒndet, dass ein Land, das sich von einem EU-Staat abspaltet, nicht automatisch Mitglied der Union werde, sondern die offiziellen Prozesse durchlaufen mĂŒsse. Die Frage der UnabhĂ€ngigkeit bleibt also weiterhin ungeklĂ€rt.

Die Meinungen darĂŒber, ob sie eine gute Idee ist, gehen weit auseinander. Ein niederlĂ€ndischer Übersetzer, der seit mehreren Jahren in Barcelona lebt, fasst seine Meinung zusammen: „Wenn die unabhĂ€ngig werden, bin ich hier weg.“

von Claudia Pollok aus Barcelona (Spanien)
   

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