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 Interview
19.06.2012

„Heidelberg ist ein Paradies“

Wunderhorn-Verleger Manfred Metzner ĂŒber die Heidelberger Literatur

Manfred Metzner leitet seit 34 Jahren den Heidelberger Wunderhorn-Verlag. / Foto: Ingo Wilhelm

Manfred Metzner fĂŒhrt seit 34 Jahren den Heidelberger Wunderhorn-Verlag, der auf der diesjĂ€hrigen Leipziger Buchmesse mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet wurde. Hannes Munzinger und Kai GrĂ€f sprachen mit ihm ĂŒber die Heidelberger Literaturszene.

ruprecht: Manfred, Du siehst die 1970er Jahre als die Hochzeit des kreativen Treibens in Heidelberg. FĂŒr uns sieht die Stadt anders aus. Wo ist die KreativitĂ€t heute hin?

 Manfred: Die KreativitĂ€t ist immer noch da. Es gibt ja wahnsinnig viele AktivitĂ€ten, Festivals und Veranstaltungen – alles Dinge, die an AktivitĂ€ten anknĂŒpfen, die in den 70er Jahren begonnen haben. Das Kulturzentrum Karlstorbahnhof etwa wĂ€re ohne die Siebziger nicht zu verstehen. Was hier entstanden ist an Kinoszene, Kunst-, Theater-, oder Literaturprojekten, ist letztlich meist aus der Studentenbewegung erwachsen. Deshalb sage ich: Das waren die kreativsten, wildesten Jahre fĂŒr Heidelberg, geprĂ€gt von Leuten, die hier studiert haben und dann geblieben sind. Auch die GrĂŒndung des Wunderhorn-Verlags gehört dazu. FĂŒr mich war das Motto immer: Ich bleibe so lange in der Stadt, bis man es ihr anmerkt. Und ich denke, inzwischen merkt man es ihr schon ein bisschen an.

Der Wunderhorn-Verlag verfolgt die Idee: Die Poesie liegt auf der Straße. Wo liegt sie in Heidelberg auf der Straße?

Die Poesie liegt noch immer auf der Straße. Heidelberg hat eine lange Tradition als Stadt der Literatur. Und erfindet sich immer wieder neu, wenn ich hier an die Entstehung des Hip-Hops um 1980 herum denke oder aktuell an den seit Jahren anhaltenden Erfolg der Poetry Slams. Insofern kann man durchaus sagen, dass die Poesie nach wie vor auf der Straße liegt, aber in neuen Formen.

Kann man das wirklich als Fortsetzung dessen sehen, womit Ihr in den 70ern begonnen habt?

Der Hintergrund ist: Die 68er konnten mit Literatur nicht viel anfangen. Enzensberger hat damals den „Tod der Literatur“ verkĂŒndet. Heidelberg war gespalten in der Auseinandersetzung zwischen dogmatischen Studentengruppen und uns Spontis. Um 1973 ist diese Sponti-Bewegung in Heidelberg entstanden, die von Anfang an auf KreativitĂ€t, SpontanitĂ€t, Emanzipation, Sinnlichkeit und kulturelle Projekte gesetzt hat. Wichtig ist in diesem Zusammengang darauf hinzuweisen, daß damals gerade hier um JĂŒrgen Theobaldy herum die „Alltags-Lyrik“, Lyrik der „neuen SubjektivitĂ€t“, entstanden ist. Slam Poetry sehe ich durchaus als Fortsetzung in neuem Gewand.

Nun sind die Slam-Poeten im Gegensatz zu Euch wenig politisch. Ist da etwas verloren gegangen oder braucht die Poesie diesen politischen Gehalt gar nicht?

Wenn man an Herrn Grass denkt, sieht man ja, was dabei herauskommt, wenn jemand als Schriftsteller Politiker sein will. Das hat ja mit Poesie nichts mehr zu tun. Bei den Slam- Poeten sehe ich einen Reflex auf die traditionelle Darbietungsform von Poesie und Literatur. Die hat es gelangweilt, dass da einer vorne sitzt und liest. AuffĂ€llig ist, dass die performative Art, Texte vorzutragen und sich ulkige Geschichten auszudenken, der Spaßfaktor also, sehr im Vordergrund steht – was vielleicht im Ergebnis manchmal nicht so toll ist, denn es muss immer alles super-originell sein. Man darf nicht vergessen, dass alle miteinander im Wettbewerb stehen und direkt konkurrieren, angeblich demokratisiert dadurch, dass das Publikum ĂŒber sie entscheidet. Trotzdem finde ich die Slam-Poetry-Idee toll, weil sie die ganze Literaturszene mit einem Schlag sehr verjĂŒngt hat, weil der Zugang der JĂŒngeren zur Literatur ein ganz anderer ist und weil sich aus dieser Szene heraus hochinteressante Talente entwickeln.

Wir wollen ein wenig ĂŒber den Wunderhorn-Verlag sprechen. Wie passt die GrĂŒndung 1978 zu dem von Enzensberger verkĂŒndeten „Tod der Literatur“?

Das spielte fĂŒr uns Spontis keine Rolle, weil wir sowieso anders getickt haben, gerade was Poesie und Literatur anging. Wir hatten die Zeitschrift „Carlo Sponti“ herausgegeben, Kinoarbeit und Theater gemacht und sehr viele Veranstaltungen an der Uni organisiert. Wir haben die Demonstrationen bunt gemacht, indem wir mit den ersten Musikgruppen dort aufgetaucht sind und Demos zu Festen gemacht haben. Man hat sich anders gekleidet. All das war nicht nur ein Reflex gegen die bĂŒrgerliche Gesellschaft, sondern auch gegen den Dogmatismus, den Machtanspruch und die strenge Hierarchie der dogmatischen linken Gruppen. Wir wollten der KreativitĂ€t und den subkulturellen Momenten zu ihrem Recht verhelfen. Und so war es im Endeffekt nur konsequent, 1978 einen Verlag zu grĂŒnden. Wir waren eigentlich der erste Verlag, der sich als NeugrĂŒndung aus der Szene heraus explizit auf Literatur und Poesie berufen hat. Daher auch das Motto: Die Poesie liegt auf der Straße und: Die Erneuerung der Literatur kommt nicht aus den Metropolen, sondern aus den Peripherien.

Wie lange wird dieses Peripherie-Konzept im Kontext einer Oligopolisierung des Verlagswesens noch funktionieren?

Das Prinzip der Peripherie funktioniert nach wie vor gut. In den letzten Jahren hat sich das Verlagswesen in Berlin konzentriert, gerade auch was kleinere Verlage angeht. Jeder denkt, er mĂŒsse nach Berlin gehen. Das ist eine Entwicklung, die ich fĂŒr fatal halte. Diese VerrĂŒcktheit zu glauben, in Berlin wĂŒrde der BĂ€r abgehen und man wĂŒrde als Verleger dort noch kreativer oder toller sein, ist ein Trugschluss. In dieser Metropole konkurriert man mit zig anderen und befindet sich in diesem wahnsinnig hektischen Kreislauf, in dem man eigentlich nichts zu Ende denken kann, weil schon die nĂ€chste VerrĂŒcktheit um die Ecke lugt. Man muss die Peripherie verteidigen, weil sie ganz bestimmte QualitĂ€ten in sich birgt. Mehr Ruhe zum Beispiel und viel Wald. Heidelberg ist ja eigentlich ein schönes Paradies: nur 140.000 Einwohner, alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar. Das ist ein Privileg. In Berlin verbringst du die HĂ€lfte deiner Lebenszeit damit, unterwegs zu sein, in der S-Bahn oder sonst irgendwie, weil die Entfernungen so groß sind.

Aber Ihr könnt Euch doch auch hier den ökonomischen ZwÀngen und dem Konkurrenzdruck nicht entziehen.

Nein, natĂŒrlich nicht. Was ich meine, ist, dass wir in einer weniger großen Hektik produzieren und arbeiten können. Und das ist fĂŒr mich eine ganz wichtige Voraussetzung, um gute Arbeit zu machen. Man muss langfristig denken und planen, nicht auf kurzfristigen Erfolg setzen. Außerdem denken wir ja die Peripherie programmatisch, was sich durch Autoren wie Glissant oder Meddeb niederschlĂ€gt. Das soll keine Lobeshymne auf die Peripherie sein, aber fĂŒr mich beinhaltet der Standort Heidelberg nach wie vor sehr viel Positives. Wer kann denn in drei Stunden mit der Bahn in Paris sein? In sieben Stunden in Marseille? Das ist doch großartig. Oder 45 Minuten bis Frankfurt. Wo bist du da in Berlin? Immer noch in Berlin.

Wo wir gerade schon das kurzfristige Denken gestreift haben: Lass uns ĂŒber den Buchhandel sprechen. Seit einiger Zeit ist die Thalia-Filiale in der Hauptstraße geschlossen, weil es dort gebrannt hat. Kommt da bei Dir Ă€hnliche Schadenfreude auf wie bei uns?
 

Nein, das ist eine andere Geschichte.

Das haben wir uns gedacht.

Die Sache ist, dass das GroßflĂ€chenkonzept mit diesen BuchkaufhĂ€usern von Thalia oder auch von Hugendubel, die strenge Rendite- Vorgaben haben und es dabei gar nicht um Buch-QualitĂ€t geht, gescheitert ist. Diese Konzepte haben sie vor 20, 30 Jahren entwickelt und sind erst in StĂ€dte mit ĂŒber eine Million Einwohner gegangen, dann haben sie das runtergebrochen auf StĂ€dte mit 500.000 Einwohnern, dann auf die mit 100.000. Mit ihren GroßflĂ€chen haben sie die unabhĂ€ngigen örtlichen Buchhandlungen kaputt gemacht. Die Folgen kann ja jeder in diesen StĂ€dten sehen. Heidelberg ist trotz Thalia relativ glimpflich davon gekommen, das darf man nicht vergessen.

Trotzdem: Der sich verÀndernde Buchhandel, etwa durch Amazon, betrifft auch Euch. Wie verlegt man im Jahr 2012 Lyrik unbekannter Autoren und toten Surrealisten?

Indem das nur ein Teil des Programms ist. Wir haben ja ein weit gefĂ€chertes Programm mit jetzt ĂŒber 400 lieferbaren Titeln. Die Reihe Afrika Wunderhorn ist ein wichtiges Beispiel fĂŒr Programmerweiterung oder ProgrammergĂ€nzung. Es geht auch darum, einen Autor wie Michael Buselmeier ĂŒber dreißig Jahre zu verlegen, also einen langen Atem zu haben und es dann doch noch zu schaffen, dass sein Roman „Wunsiedel“ auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011 kommt. Wir erlauben uns diese Autorenpflege nach wie vor. Wir veröffentlichen in unserer Reihe „P“ die wichtigen internationalen poetischen Stimmen in deutscher Übersetzung – da wissen wir nalen deutnatĂŒrlich vorher schon, dass sich das kommerziell ĂŒberhaupt nicht rechnet. Aber es ist eben der inhaltliche Anspruch, den wir haben, um diese Stimmen zu Gehör zu bringen. Deshalb sind wir genauso wie jeder andere kleine Verlag darauf angewiesen, unser Programm durch eine Mischkalkulation zu finanzieren: Titel, die sich besser verkaufen, mĂŒssen die anderen mitfinanzieren.

Besteht darin das „schöne Geheimnis“, von dem Ulrich Greiner in der Laudatio zum Kurt-Wolff-Preis sprach: Wie der Verlag es schaffe, gute BĂŒcher zu machen und dennoch nicht unterzugehen?

Das ist ja eigentlich gar kein Geheimnis. Es ist das Geheimnis der Mischkalkulation und der Tatsache, dass wir alle in diesem Independent- Verlagsbereich ĂŒber keine allzu großen Apparate verfĂŒgen. Und es hĂ€ngt damit zusammen, welche AnsprĂŒche man persönlich an das Leben stellt, ob man den unschĂ€tzbaren immateriellen Wert von Kultur, Poesie, KreativitĂ€t, Freundschaft, Empathie in sein Leben integrieren will und damit glĂŒcklich wird, oder ob man mit Aktien spekulieren muss. Wenn man daher nicht darauf angewiesen ist zu zeigen, dass man’s zu einer Rolex gebracht hat oder zu einem dicken Benz oder in Sechs-Sterne-Hotels ĂŒbernachten muss, dann kann man sein Leben sehr lustvoll auch anders gestalten. Dann hat man eben zwei FahrrĂ€der. Ich erlaube mir, zwei FahrrĂ€der zu haben.

Manfred, vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch.

   

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